1. Oktober 2011

Eigene Grenzen erfahren.

Jeder Mensch sollte so ab und zu an seine eigenen Grenzen stoßen. So in unregelmäßigen Abständen raffe ich mich auf, um zu erfahren, wie weit ich gehen kann und wie viel ich noch schaffe.

So auch an einem der wenigen Sommertage. Eine Tagestour mit dem Fahrrad hatte ich mir vorgenommen. Vom Elbestrand durch die Lüneburger Heide und zurück, etwa 15 Stunden waren eingeplant, die Entfernung sollte sich von selbst ergeben!
Wenig, aber unbedingt nötiges Gepäck (Erfahrungsgemäß braucht man unterwegs immer das. was man nicht dabei hat!), etwas Marschverpflegung und viele mineralhaltige Getränke in den Packtaschen. Leichte Bekleidung war angesagt, es sollte laut Vorhersage ein warmer sonniger Tag werden.
Frühstück dann um 5:00 Uhr, währenddessen auf meiner Radwanderkarte ganz grob die Streckenführung angeschaut und schon bald darauf saß ich bereits auf meinem Eselchen und wir radelten über die Elbbrücke in Richtung Süden!

Welch ein wundervolles Gefühl, in der frischen Morgenluft mit zügigen Tempo durch die Morgenstunde zu radeln, das Herz jubelte mit den Lerchen und Amseln vereint in den jungen Tag hinein. Selten bin ich so mit der Natur vereint wie in solchen Stunden, die für mich immer etwas Bewundenswertes darstellen.

Gegen 9:00 Uhr, nach etwa 60 Kilometern, sah die Sache dann schon ein wenig anders aus. Die höhergestiegene Sonne schickte mir Freude- und Wärmestrahlend ihre Grüße entgegen. Im relativ kühlen Schatten einer mächtigen Buche an einem Feldrain ließ ich mir eine erste Mahlzeit schmecken. Lang vermisst, solch ein Frühstück in der freien Natur. Was kümmerte mich da die Ansammlung von Ameisen? Sie waren ja schließlich vor mir da und hatten dort anscheinend Hausrecht! Jedenfalls benahmen sie sich so und zwangen mich auf diese subtile Art, meinen Sitzplatz zu verlegen. Schließlich einigten wir uns dann zwangsweise, wobei ich ihnen einen Krümelrest zukommen ließ.

Es ist schon schwer, aus einem schattigen Bereich in das grelle Sonnenlicht hinüberzuwechseln, mir fiel es besonders schwer, da ich ja schon einige Kilometer hinter mir hatte. Also: Zähne zusammengebissen und weiter.
Im nächsten Ort verpasste ich natürlich trotz Radkarte den richtigen Weg den ich mir ausgesucht hatte. Ein Blick: OK, dort hinten links führt auch ein Weg zu meinem nächsten Ziel. Warum also zurückfahren? Also folgte ich dem alternativen Pfad. Das hätte ich besser nicht tun sollen! Zunächst eine gut ausgebaute schmale Straße, etwas später aber ein sandiger Waldweg, der von Kilometer zu Kilometer immer tiefgründiger wurde.

Irgendwann wurde dann das Radeln nicht mehr möglich. Und so schob ich dann meinen Esel durch den Sand, einem imaginären Ziel entgegen, das laut Karte bald auftauchen sollte.
Was dann zunächst auftauchte, waren zwei entzückende Reiterinnen auf ihren stolz dahintrabenden Rössern. Auf meine bescheidene Frage, ob wir nicht tauschen sollten, wehrten sie dann aber doch mit Vehemenz ab! Wenigstens aber trösteten sie mich damit, dass dieser Weg doch bald wieder einer befestigten Straße weichen würde. Und endlich, nach etwa einer Stunde, traf ich dann wieder auf eine Landstraße, die mich von diesem dünenartigen Sand erlöste. Leider aber erwartete mich hier die Sonnenglut der Landstraße, die schattenspendenden Straßenbäume natürlich auf der anderen Straßenseite. Also noch mal kurz Rast gehalten, erneut Sonnencreme aufgetragen und weiter gefahren, Steigung und Abfahrt, Abfahrt und Steigung. Dazu etwas über 45º C, wenn mich mein Thermometer am Radcomputer nicht täuschte. Die ersten Anzeichen von Schmerz machten sich dann ab km 120 bemerkbar. Ein leichtes Ziehen, Zwicken in einer Kniekehle, anscheinend warnte mich da ein Innenband; es ist doch schön, wenn die einzelnen Körpersegmente sich melden, nicht wahr? Und der linke Oberschenkel sagte mir, dass er überlastet sei und ich ihn wohl erst ein wenig massieren sollte. Gesagt, getan. Neue Pause, leichte Massage der Beine, eine Magnesium-Kapsel geschluckt.
Etwas später dann eine Zwischenmahlzeit aus leichten Nahrungsmitteln, Bananen, Milchreis, dazu viiiel trinken. Gegen 14:00 ging es weiter. Die Beine hatten sich erholt, meine Sitzfläche dagegen machte sich bemerkbar! Trotz Radlerhose und ausreichendem Fettauftrag waren Beschwerden doch schon spürbar, während des Fahrens weniger, dafür jedoch nach jeder Pause!

Aber das war nun gleichgültig, ich hatte ja erst den halben Weg hinter mir. Sozusagen auf dem Zenit schlug ich nun den Rückweg ein, natürlich auf einer anderen Route. Die heißen unklimatisierten Außenräume machten sich nun doch deutlich bemerkbar. Und dann der Wind; auf unerklärlicher Weise hatte er sich gegen mich verschworen und wehte ständig von vorn. Die Beine schmerzten, die Sonne brannte auch um 16:00 noch unbarmherzig und jede Steigung, die in der Ferne sichtbar war, wurde von mir mit einem Aufstöhnen begrüßt. Diese selbstgewählte Tortur ging zunächst etwa 90 Minuten weiter, dann die nächste Ortschaft.
Mein suchender Blick fand genau das, was ich seit längerer Zeit ersehnte: Eine Eisdiele. Kaum vorstellbar, wie man sich so auf etwas freuen kann, das nur in der Einbildung existiert und dann plötzlich auftaucht.
Also Halt. Das Absteigen fiel schon schwer, mit müden Beinen auf die Terrasse gewankt und ein schattiges Tischchen gesucht. Und schließlich in Eis geschwelgt- selten habe ich mich so über ein Eis gefreut wie hier zu diesem Zeitpunkt! Am liebsten hätte ich mich hineingelegt.
Den Genuss lange hinausgezögert, ich wusste ja, wie es weiter ging, gehen musste, schließlich lagen noch ca.80 km vor mir. Ein Handy-Anruf zu Hause. » Ja, alles in Ordnung, keine Probleme, mach dir keine Sorgen, alles im grünen Bereich!«
Oh großer Manitou, ich brauchte ungeheuer viel Überwindung, damit ich mich wieder mit Elan auf den Sattel schwingen konnte. Das heißt, mit dem »Schwingen« war es nicht so toll. Unter schmunzelnden Blicken der anderen Eiscafé-Gäste schaffte ich es dennoch, Sattel und Sitzfleisch in eine geeignete Position zu bringen, die es dann zuließ, den Weg fortzusetzen.
Immer noch die strahlendschöne Sonne, diesmal jedoch von der anderen Seite. Der Bräunungsprozess musste ja schließlich wie auf dem Hähnchengrill von allen Seiten geschehen. Und wie solch ein Brathähnchen kam ich mir letztlich auch vor; nur haben die es besser, sie brauchen keine Wegsteigungen mehr bewältigen!

Nach weiteren zwei Stunden wieder eine Pause eingelegt, mein Wasservorrat ging zur Neige. Ein Supermarkt auf der grünen Wiese lud mich äußerst werbefreundlich ein, ihn zu besuchen. Gesagt, getan! Die junge Dame an der Kasse schaute mich mitleidig an, allzu oft wird ihr sicher nicht solch ein Trottel begegnen, der bei 35° in der Sonne auf dem Rad seine Kreise zieht! Nichtsdestoweniger stärkte ich mich draußen irgendwo im Schatten ausgiebig, zwei Bananen, eine Schale Erdbeeren und ein Müsliriegel, dazu ein Liter pipiwarmes Wasser! Kühle Getränke waren leider nicht mehr im Laden vorhanden.

Dann erneut das vermaledeite Aufsitzen. Dazu der linke Oberschenkel, der wieder einmal seine Warnsignale aussendete. Ich beruhigte ihn mit zärtlichem Streicheln, anschreien konnte ich ihn ja nicht, er hätte das missverstanden und eine Revolution gestartet.
Die letzten 30 Kilometer bewältigte ich dann glücklicherweise ohne Steigungen, die Sonne hatte ihren Streit mit mir aufgegeben und zog sich langsam in ihre Kemenate zurück.
So war es dann doch noch ein ziemlich angenehmes Reiseende; als ich gegen 20:00 Uhr auf der Elbbrücke war, die ich am Morgen entgegengesetzt überquert hatte, kamen mir die gefahrenen 230  km gar nicht mehr so lang vor. Und dann lockte ja auch die kalte Dusche, die ich ausgiebig genießen wollte...

Warum ich mir das nun angetan habe? Tja, im Grunde genommen weiß ich es selber nicht. Oder doch, siehe oben: Die eigenen Grenzen erfahren.
Und dann: Es war ja nicht das erste Mal! Unzählige Male bin ich mit dem Rad schon durch Europa geradelt, Tausende von Kilometern habe ich hinter mich gebracht.
Aber damals war ich auch noch keine 81 Jahre alt...

Kommentare:

  1. Na alle Achtung was du da geschafft hast. Glückwunsch,Aber ehrlich da könnt ich nicht mitmachen. Freu mich aber für dich. liebe Grüße und schönes Wochenende wünscht dir Ilse.

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  2. Ach Susibella- so schlimm ist es gar nicht. Leider gibt es einige Zeitgenossen, die im Wagen sitzen und mir dann den Vogel zeigen.
    Ob die vielleicht sich selber meinen?
    Danke Dir für Deinen Komment, liebe Grüße aus dem Norden Deutschlands von
    Horst~

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]