20. Februar 2016

Lebenswege

Manchmal geschieht es, dass ich Rückschau halte auf mein Leben. Klingt das überheblich, oder abgedreht, wie ein Kind des 21.Jahrhunderts neulich in einer Diskussion meinte?
Ich denke: »Nein«. Menschen in der letzten Altersstufe haben das Recht zu einer Nabelschau!
Da sind beispielsweise die Geburtstage. Sind solche Tage es wert, hier erwähnt zu werden? Wen geht dieser Tag denn an, im Grunde nur mich selbst. Ich feiere schon seit vielen Jahren diesen Tag nicht mehr. Wozu? Um mich selbst zu feiern? Das liegt mir überhaupt nicht. Soll aber jeder halten, wie er es möchte.
Vielleicht sind es aber auch Tage, um Rückschau zu halten. Oder Ausblick auf das Kommende.
Rückschau oder Ausblick? Der Beginn eines neuen Zeitabschnitts, gibt mir diese Möglichkeit. Zurückschauen? Auf das letzte Jahr? Nein. Ich ergreife die Gelegenheit um zurückzublicken auf fast acht Jahrzehnte.
Zurückblicken, ändert das etwas an den Geschehnissen? Natürlich nicht. Was war, ist vorbei, ein unumkehrbares Kontinuum!
Und trotzdem schaue ich gern zurück, um ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Ist vielleicht das Vorrecht der alten Generation, zu der ich gehöre.
Ich schaue also zurück auf meinen Lebensweg. Ein langer Weg, ein unterschiedlich beschaffener Weg. Mal war er hügelig, mal bergig, mal eben und leicht zu bewältigen.
Mal steinige Strecken, enge Pfade und holperige Gassen, dann wieder breite und komfortable Straßen mit exklusivem Pflaster.
Ich wanderte durch wunderschöne Landschaften, durch karge Wüsten; trockene staubige und dürre Einöden wechselten ab mit grünen Wiesen, blumenreichen Gärten und wasserreichen Flüssen. 

In den letzten Jahren wurde der Weg immer schwieriger. Die Wege wurden steiniger, sandiger. Im letzten Sommer konnte ich die Wege nicht mehr so einfach entlanggehen.

Ich habe gemerkt, dass der Körper manchmal mehr Ruhe braucht, damit die Seele aufatmen kann, sie braucht immer wieder Zeit zur Regeneration.
Ich bleibe stehen an einem Geburtstag. Schaue zurück auf das, was war, auf die Strecke meines bisherigen Lebens. Ich erinnere mich, wer diese Wege mit mir gemeinsam ging, oder wer mich auch nur eine kurze Zeit begleitete.

Ich erinnere mich an die Weggefährten, die mit mir wanderten. Durch felsiges, hügeliges Land, wer mich dort an die Hand nahm, wenn ich zu fallen drohte. Wer mich begleitete durch schöne Landschaften, durch grüne Wiesen, durch schattige Wälder, durch steinige Wüsten, auf grundlos tiefen Meeren. 

Nachdenkend sehe ich alle vor mir, die mit mir lachten, die mit mir fröhlich waren, die mir viel bedeuteten und mit denen ich unendlich schöne Stunden meines Lebens verbringen durfte. Die Menschen, die mir ihre Liebe schenkten, mich so annahmen, wie ich war und nicht danach fragten, was es ihnen einbrachte. Ihnen allen sei besonders gedankt, auch wenn sie dies nicht lesen können!

Ich erinnere mich aber auch an all die Menschen, die mir nicht so gut gesonnen waren, die mir viel Leid zufügten, die mich immer wieder nach unten drückten, sodass das Aufstehen immer schwerer wurde. Ihnen sei alles verziehen, was mir angetan wurde, denn auch ich war an vielem schuldig oder zumindest beteiligt!
Ich sehe alle Menschen vor meinem inneren Auge, die meine künftigen Wege nicht mehr mit mir gehen werden. Ich denke an alle, deren Lebensweg noch vor meinem eigenen endete. Ich denke auch an die Mitmenschen, die an einer Abzweigung unseres Weges ihre Richtung geändert haben und einen anderen Weg gehen wollten. Ich wünsche ihnen, dass sie ebenso glücklich werden, wie ich es oft war und dass sie alle Mühen meines Lebens nicht erfahren müssen!

Gewiss, manches Mal sehne ich mich danach, einige Strecken meines eigenen Lebensweges noch einmal gehen zu dürfen, intensiver begreifen zu können und in manchen Momenten zu erfahren, was Weggefährten für mich bedeutet haben und vor allem noch haben.
Ich würde mir erhoffen, dass sich manche Wege wieder mit meinen kreuzen, und die Menschen, die mir etwas bedeuten, mich auch wieder ein Stück bis zum Ende meines eigenen Weges begleiten würden …

An Geburtstagen richte ich aber trotzdem auch meinen Blick nach vorn. Vergangenes werde ich hinter mir lassen, vor mir liegt noch ein Stück Weges, wie lang dieser ist, kann ich nicht ermessen. Er liegt noch unbetreten vor mir und wartet auf mich. 


Ich weiß nur zu gut, dass diese meine letzte Wegstrecke auch steinig und mühsam werden wird!
Aber ich denke an die schönen Ausblicke entlang meines Weges, ich vertraue auf meine eigene Kraft, meinen eigenen Willen und vor allem: 
»Ich vertraue auf meinen Gott, der all meine Lebensjahre an meiner Seite war und es auch weiter sein wird!« 

©by Wildgooseman
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Kommentare:

  1. welch ein wunderschöner so intensiver Text des Rückschauens...
    besser kann, konnte man ein Leben voller steiniger Hürden, voller geliebter unbekannter Wegbegleiter in 100 Facetten nicht beschreiben als du es in diesen gedanken geschafft hast mich unglaublich damit zu fesseln und festzuhalten...
    vertraue dir und es wird gelingen was du dir wünscht, weiterhin
    egal wie kurz oder lang dein Lebensweg noch sein wird....
    ich liebe dich für diese gedanken und Zeilen,
    denn Du sprichst und fühlst mit der Seele...
    ....*** meine Augen tränen so ergriffen sind sie in deinen Worten gefangen hängen geblieben...
    angel...

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  2. Ich freue mich über deine Worte. Zeigen sie mir doch, dass man nicht nur für das Altpapier schreibt, sondern auch
    gelesen wird. Und warum soll man nicht auch mal Rückschau halten? Deswegen bin ich ja noch nicht am "Ende" angelangt!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Rest-Feiertag,
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]