21. Februar 2016

Von Berg und Tal



Der Berg
Sakrosankt und in allen roten Farbtönen schwelgend schwebte die Sonne ihrem Tagesziel entgegen. Sie verzauberte mit ihrem karminroten Glühen die schroffen Gipfel der Berge und ließ sie in ganzer Pracht erstrahlen. Die der Sonne abgewandte Nordwand des Berges lag nun im Halbdunkel, zauberte mit den sich immer wieder wandelnden figürlichen Darstellungen die Vorstellung eines gewaltigen Schattentheaters.
Heute früh war der Mann aufgebrochen, um sein großes Wunschziel zu erreichen. Bei der Bergstation in fast zweitausend Meter Höhe ließ er die Gondel der Seilbahn hinter sich, wagte sich dann, den sich an die Westwand des Berges schmiegenden schmalen Saumpfad vorsichtig zu betreten. Nun ja, einige leise auftretende Furchtgefühle machten sich schon breit. Doch genau deswegen hatte er diese Wanderung schließlich unternommen. Es musste möglich sein, die Erlebnisse der letzten Zeit verarbeiten zu können, ohne gleich in irgendeine Neurose zu verfallen.
Der schmale Weg bereitete ihm im Grunde keine Schwierigkeiten, rechter Hand die tausend Meter aufragende Wand, links ging es dann ebenso steil tief hinab ins Tal. Er vermied es, seine Blicke dort hinab zu richten. Ein leichtes Schwindelgefühl versuchte bei ihm die Oberhand zu gewinnen, schaffte es aber letztlich nicht, in seinem Kopf die Oberhand zu behalten.


Völlig allein hatte er diese für ihn strapaziöse Wanderung begonnen, völlig allein wollte er sie auch zu Ende bringen. Es war sicherlich keine große Bergtour, die er sich da vorgenommen hatte. Jeder Bergsteiger hätte ihn wohl ausgelacht. Für ihn jedoch war sie ein Akt der Selbstüberwindung, eine Art von interner Krisenbewältigung.
Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, diesen Höhenweg allein zu bewältigen, obwohl man ihn gewarnt hatte. Eindringlich gewarnt, denn für einen »Flachlandtiroler«, wie man ihn scherzhaft genannt hatte, würde es gefährlich sein, weil das Wetter sich innerhalb Minuten verändern könne.
»Du schaffst das nicht!«
Diese zweifelnden Worte machten ihn immer stärker.
»Du schaffst das nie!« wie oft war ihm das schon eingetrichtert worden.
»Abitur? Lächerlich, du bist ein Narr!«
»Du doch nicht!«
»Du träumst von einem Studium?« Man hatte ihn höhnisch ausgelacht.
Folglich hatte er es auch nicht geschafft - natürlich nicht.
Der Besuch des Gymnasiums blieb ihm schon von vornherein verwehrt. Wie hätte es auch sein können, dass ein Junge, der in hohem Grade sprachgestört war, sich anmaßte, die Welt des Wissens zu erforschen.
»Die Heringsfangflotte sucht noch junge Leute«, hatte man gesagt, »das ist doch was für dich. Du suchst doch immer Abenteuer. Da oben vor Island werden dir die Flausen schon vergehen.«
Er hatte dann einen Beruf ergriffen, der für ihn »geeignet« war. Diesen Beruf füllte er voll aus, ging aber Tag für Tag nur mit Widerwillen in die Firma.
Nun endlich hatte er sich aufgerafft, wollte ihnen allen zeigen, dass er mehr konnte, als nur seine Stunden zwischen Computer und Kantine zuzubringen.
Gut, es waren zwar schon gefühlte Äonen von Jahren her, dass er diese Worte gehört hatte, dennoch hörte und spürte er diese abwertenden Aussprüche fast ständig in seinem Inneren.

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Der Pfad
Die Sonne hatte sich so langsam hinter der Westflanke des Bergrückens versteckt. Ein tiefroter Schein tauchte die umliegenden Gipfel in ein Gewirr von kaleidoskopartigen Farbklecksen. Schattenspiele auf höchster Ebene der Natur tauchten den gewundenen Pfad nach und nach in ein blaugraues Etwas.
Eine sternlose Nacht kehrte ein auf diesem einsamen Bergpfad. Tief unten im Tal hatte die Dunkelheit schon den kleinen Ort erreicht. Wie eine leuchtende Perlenkette zog sich eine lange Linie von Lichtpunkten um den Fuß des Berges herum, an dessen steiler Flanke der Mann staunend diesen wundervollen Anblick genoss.
Urplötzlich und fast ohne Übergang brach dann die Dunkelheit mit einem Male über die Bergwand herein. Fast ohne weitere Dämmerung lag der Berg nun in voller Dunkelheit. Lediglich die vielen Lichter im Tal zeigten dem einsamen Wanderer, dass die Bergeinsamkeit hier nur partiell wirksam war. Die Stille, die jetzt vollkommen und ohne den geringsten Laut die hereingebrochene Nacht beherrschte, hüllte ihn in ihr naturhaftes Wesen ein.
Nach Atem ringend lehnte der Mann sich mit dem Rücken an die Felswand, fasste die dort angebrachte Sicherheitskette mit beiden Händen und stieß dann einen Schrei aus, der wahrscheinlich weit ins Tal hinunterschallte.
Dann atmete er mehrmals tief ein und aus, machte sich sodann auf, um den Pfad zum Abstieg weiter zu fortzusetzen.
Gewiss, es war schon ein waghalsiges Unternehmen, auf das er sich da einließ. Aber es ging nicht anders, auf diesem nur drei Fuß breiten Saumpfad so einfach zu übernachten war ein viel größeres Risiko. So tastete er sich Meter für Meter den Pfad entlang, behutsam mit jedem Fuß vorfühlend und diesen dann schließlich auch schrittweise zu gehen.
Die Lichter tief unten im Tal waren nun merklich weniger geworden, es waren sicher nur noch einige Straßenlaternen, die wie Leuchtkäfer versuchten, der Dunkelheit eine Winzigkeit von Licht zu vermitteln. Hier oben am Berg jedoch war es in dieser mondlosen Nacht stockfinster und - trotz der Spätsommernacht - auch bitterkalt.
Nachdem der Wanderer über drei Stunden lang immer der Felswand folgend, den Weg durch die Nacht unterwegs war, erreichte er endlich einen sanften Abhang, der an der linken Seite des Weges mehrere hundert Meter hinabreichte. Das niedere Buschwerk, vor allem aus Krüppelkiefern bestehend, gaben den Blick ins Tal noch nicht frei.
Er schaute auf seine Armbanduhr, schüttelte ungläubig den Kopf. Vier Uhr zwanzig! Drüben am östlichen Berghang des Tales zeigten sich die ersten Konturen der Berge des Col du Luc mit magentafarbenem Saum.
Der Mann betrachtete eine ganze Weile die aufgehende Sonne, wie sie langsam hinter den Bergen auftauchte und zaghaft die Gegend diesseits und jenseits des Tales durch grauweiße Nebelschwaden hindurch in einem diffusen Licht erstrahlen ließ.
Eine halbe Stunde später setzte er seinen Abstieg aus der Bergwelt hinunter ins Tal fort, nachdem er sich noch an einer kleinen Wegzehrung gütlich getan hatte, die in seinem kleinen Rucksack verstaut war.

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 Das Tal
Der Abstieg war nicht unbedingt leichter als seine Wanderung vorher. Mannshohe Felsbrocken verhinderten immer wieder den geraden Weg, zudem war der Geröllpfad durch den Morgennebel sehr rutschig und glatt.
Der Mann spürte, dass ihm das Unwahrscheinliche gelungen war, an das er nie geglaubt hatte: Er hatte sich selbst und seine Furcht besiegt!
Und er fühlte sich gut dabei, so gut wie schon lange vorher nicht mehr.
»Ja«, schrie er in den nebligen Morgen hinaus. »Ich kann es. Ich kann es wirklich, ihr wolltet es mir alle nicht glauben!«
Er lachte lauthals, sprang enthusiastisch in die Luft, glitt aus, verlor den Boden unter den Füßen; ruderte dabei, das Gleichgewicht verlierend, mit den Armen und stürzte über einen Felsen den Abhang hinunter.
Ein großer Brocken des Dolomitgesteins hielt seinen Sturz auf. Der stoppte zwar seinen Absturz ins tiefe Tal, beendete aber auch den weiteren Lauf eines Lebens.
Der letzte Blick des Sterbenden galt der wunderschönen Aussicht auf das Morgenrot des beginnenden Tages. Dieses Tages, der genau so herrlich werden würde, wie der Letzte, an dem er aufgebrochen war, um sich selbst zu besiegen.


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©by Wildgooseman


Kommentare:

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    1. Gracias por sus palabras,
      muchos saludos,
      Horst

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  2. Dieses Glück,die Freude über das was er erreicht ,hat er mitgenommen in den Tod.
    Schöner konnte es doch nicht sein,wenn auch traurig.Er hat an sich selber geglaubt, kein anderer.
    Danke für die schöne Geschichte,sie sagt sehr viel aus.
    Lieben Gruß, Klärchen

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    1. Liebes Klärchen, wo fängt unsere Selbstfindung an, wo hört sie auf? Ist es das Ziel oder der Start, was es auch ist, keiner von uns fällt ins Unermessliche, jeder wird irgendwo aufgefangen. Spätestens bei Gott. Um das zu erfahren, brauchte ich acht Jahrzehnte Lehrzeit. Vielleicht wird man dann erst weise, wer weiss es so genau.
      Danke für die teilnehmenden Worte und liebe Grüße,
      Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]