5. Juni 2016

Wo ist Heimat?


Neunundvierzig Jahre war es jetzt her. Eine unendlich lange Zeit. Die Soldaten in den erdbraunen Uniformen hatten die Jungen geholt. Mitten aus der Schule. Ein halbes Jahr nach Kriegsende gab es das noch immer. Menschen verschwanden, waren plötzlich nicht mehr da! Einfach weg, ohne eine Spur zu hinterlassen. So wie von Jan auch keine Spur zu finden war. Die Kommandantur hüllte sich in Schweigen.
»Ich nix wissen, du raus, dawai.«
Alles wartete auf seine Rückkehr. Vergeblich alle Nachforschungen. Keinerlei Ergebnisse über viele Wochen hinweg.Misstrauen machte sich breit in der Nachbarschaft. Es blieben offene Fragen in der Familie, die nie geklärt werden konnten.

Mutter war die Letzte, die immer noch hoffte. Nächtelanges Warten, Grübeln. Wo ist Jan? Es gab keinen Anhaltspunkt, an dem man sich festbeissen konnte, kein Ziel, das anzustreben war.
Die anderen beiden Kinder, die Schwestern des Jungen, waren noch zu klein, um dieses Ereignis wirklich richtig einordnen zu können.
Neunundvierzig Jahre vergebliches Hoffen, wie hält man das durch? Wie übersteht man diese qualvolle Erkenntnis, dass der Sohn fort ist, ohne dass man weiss, wo er letztlich geblieben ist? Wie überlebt man die Gewissheit, dass dieses Kind vielleicht nie mehr in die Arme der Mutter zurückkommt?
Neunundvierzig Jahre. Die Mutter ist längst verstorben, sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihren Jan noch einmal sehen zu dürfen. Es war vergeblich. Die beiden Schwestern haben ihn längst vergessen, erinnern sich nur noch dunkel an den großen Bruder. Die Zeit ist über die Familie hinweggegangen.
***
Iwan Melnikow steht vor der Tür des Rathauses. Seinen deutschen Personalausweis hält er in den Händen, versucht die Worte zu entziffern, die ihm eine Heimat in einem Land versprechen, das er seit seiner Kindheit niemals mehr gesehen hat.
Die wenigen Deutschkenntnisse reichen beileibe nicht aus, alles zu entziffern. Er spricht zwar gebrochen Deutsch, mit stark russischem Akzent, aber zum Lesen bedarf es noch gewaltiger Anstrengung.
Eine fremde Heimat, seine Heimat. Als er seinen Ausreiseantrag in Kasachstan stellte, hatte er noch Träume. Träume von seiner alten Familie, von der er getrennt wurde, seinen Schwestern, seiner Mutter. Träume von einem Land, das er einst seine Heimat nannte, wunderschöne Landschaften, die in seiner Seele verankert waren. Diese Bilder hat er sich in den Jahren immer wieder vor Augen geführt und seine Sehnsucht hatte ihn dann dazu gebracht, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Nun hält er den Personalausweis in der Hand. 
Jan Müller heisst er nun ! So hieß er ja auch, als er im Alter von dreizehn Jahren nach Kasachstan kam. Dann wurde aus ihm der Melnikow und aus Jan wurde Iwan. Deutschland hat ihn nun wieder. Ist er nun glücklich?

Oftmals hat er darüber nachgedacht. Was ist schon Glück?
Seine Frau, eine liebenswerte Kasachin, starb vor drei Jahren an einem Schlaganfall, erst danach hat er die Ausreise beantragt. Glücklich hier in Deutschland? Wenn er lang genug darüber sinniert, kann er eigentlich nichts dazu sagen. Deutschland ist ein kaltes Land, es hat keine Seele mehr, meint er. Die Menschen hier sehen hauptsächlich nur sich selbst, das Geld und den Luxus, den jeder glaubt, beanspruchen zu müssen.
Die Menschlichkeit ist oftmals auf der Strecke geblieben, wenn er, wie oftmals, von Jugendlichen angepöbelt und als »Russki« beschimpft wird, möchte er am liebsten wieder zurück in die Steppe Kasachstans.
Dort war er Mensch. Hier ist er nur ein drittklassiger Aussiedler.

»Meine Heimat ist Deutschland!« Das sagt er jedenfalls, wenn man ihn fragt.
Was in seinem Herzen vorgeht, darüber schweigt er sich aus ...

©by Wildgooseman----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------



Kommentare:

  1. du verursachst mir Gänsehaut lieber Horst mit dieser berührend totunglücklichen Geschichte...
    man möchte nie in der Haut von Auswanderen egal ob freiwillig oder unfreiwillig stecken, all das Elend, all das Leid das sie gelebt, gesehen und empfunden haben wird niemals zu heilen sein.
    Viele wahre Begebenheiten von denen heute kaum mehr einer etwas wissen will sind unsere Geschichte...
    ich danke dir für diese aus deiner Feder,und hoffe es werden sie auch noch andere lesen um aufzuwachen aus Arroganz und nicht mehr empfundenen Empathie..
    herzlichst Angelface

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  2. Hallo Engelchen - ich danke dir für deine Meinung!
    Unsere Geschichte ist sicherlich wert, bedacht zu werden. Ich glaube auch, dass ich, als "Uralt"-Mitglied dieser Geschichte, nichts anderes dazu beitragen kann als Erinnerung wachhalten, damit so etwas nicht mehr geschieht.
    Und das - das ist schon frustrierend genug, glaube mir.
    Liebe Grüße, von
    Horst

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  3. Lieber Horst, Heimat ist da wo das Herz zu Hause ist, glaube ich.
    Die Menschen die hierherkamen haben ein Zuhause gesucht und eine Heimat gefunden die sie nicht wirklich lieben. Es kommt auch darauf an, wie man in der neuen Heimat aufgenommen wird, oder immer ein Fremder bleibt. Es stimmt schon, die Gesellschafft hat sich verändert, jeder ist sich oft selbst der Nächste und der Zusammenhalt ist ein anderer, jeder sucht seine Vorteile.Es ist immer ein kleiner Egoismus dabei, auch wenn geholfen wird.
    Selbstlosigkeit es gibt sie, aber immer weniger und die nächste Generation denkt in anderen Kategorien. Obwohl ich sagen muss,ich kenne auch die emphatische junge Gneration, aber eben anders.
    Liebste Grüße zu Dir, Klärchen
    Bald komme ich nach Ostfrld.

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]