22. August 2016

Licht und Schatten

Wo Licht ist, muss es auch Schatten geben. Wer kennt diese Weisheit nicht? Es gibt stets zu allen Dingen und Erfahrungen des Lebens immer auch den Gegenpol. 
Wenn es in Europa beispielsweise Mitternacht ist, hat Australien Mittagszeit, das weiß jedes Kind. Es gibt kein Minus ohne Plus, kein Ich ohne Du. Wer das verneint, negiert auch sämtliche Gegensätze der Welt.
In der vieltausendjährigen Geschichte der Menschheit gab es stets dieses Auf und Ab, das Kommen und Gehen von Menschen, von Staaten und von Kulturen.
Zu allen Zeiten gab es herausragende Führungsgestalten, große Menschen von Geist und Willen. Sie holten die Menschheit heraus aus den Höhlen und Hütten und brachten sie empor zu den Höhen des kulturellen Olymps. Die Geschichte ist voll von ihren großen Taten.
Ebenso aber gab es auch die Kräfte, die alles daran setzten, solche Menschen in den Abgrund zu stürzen, um selbst die Macht an sich zu reißen. Und sehr oft, sicher viel zu oft gingen diese Pläne dann auch auf. Die Schattengestalten, wie ich sie mal nennen möchte, katapultierten sich einfach an die Spitze der jeweiligen Institutionen, meist aus völlig egoistischen Gründen. Und auch ihre Namen sind in der Geschichte der Menschheit unzählig vertreten.
Von Bertold Brecht, dem großen Dramatiker und Lyriker, stammt folgender Text aus der Dreigroschenoper:
... denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.
Ist es nun möglich, dieses Naturgesetz auch auf das menschliche Leben auszudehnen?
Wir wollen einmal versuchen, dieser Frage nachzugehen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Man sieht also nur die Menschen, die im Licht stehen, all die vielen Menschen auf der Schattenseite sind nicht sichtbar. Eigentlich logisch, nicht wahr?
Dabei taucht aber die Frage bei mir auf: Sind alle, die nicht im Licht stehen, negative Gestalten? Kann es sein, dass man nur deshalb verachtet, ausgestoßen oder gar verfolgt wird, weil man nicht zu den Lichtgestalten gehört? Was ist das denn für eine Welt, in der nur der zählt, der »oben« ist, eine inhumane, fürchterliche Erde wäre das doch.
Aber es scheint ja so oder ähnlich zu sein. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass immer und immer wieder Machtmenschen die Gewalt über andere ausüben können.
Wie anders ist es zu erklären, dass auf der Erde fast 7,5 Milliarden Menschen leben und einer von neun Menschen weltweit jeden Abend hungrig schlafen gehen muss.
Wie kann es sonst sein, dass mehr als 160 Millionen Kinder unter fünf Jahren für ihr Alter zu klein und unterernährt sind, weil sie eben nicht genug zu essen haben. Die Hälfte von diesen Kindern lebt in Asien, ein Drittel in Afrika. Jedes siebte Kleinkind ist stark untergewichtig.
(Quelle: State of Food Insecurity in the World)
Ist das nun alles die Schuld der "Menschen in der Dunkelheit"? Ich denke: Wir alle stehen zum Teil im Licht und teilweise auch mit in der Dunkelheit!
Man stelle sich vor - im Jahre 2050 wird die Erdbevölkerung ca. 9 Milliarden Menschen betragen! Glaubt da noch einer, dass die Spitze des Eisbergs schon erreicht wäre??
Licht und Dunkel sind polare Gegensätze. Genau wie Reich und Arm, Groß und Klein. Das sind unumstössliche Tatsachen.
Warum aber, und das frage ich mich schon seit ewigen Zeiten, warum ist der eine Teil der Negative, während der Andere stets positiv gesehen wird?
Wir stellen uns gegen die, die unsere Freiheit beschränken wollen, das ist auch unser gutes Recht. Schöne Worte, nicht wahr? Wer sind eigentlich diejenigen, die uns den Freiraum beschränken wollen? Sind es diejenigen, die nach Volksmeinung angeblich im Schatten sind? Ja, ganz eindeutig! Aber, und das soll nicht vergessen werden, diese Machthaber, sie sind ja gar nicht im Schatten, sie stehen stets im hellen Licht!
Gegen wen müssen wir denn kämpfen, wer will uns denn unser Besitztum verringern, uns die Lebensgrundlage wegnehmen, etwa die Menschen, die niemand sieht, die auf der Schattenseite des Lebens?
Also - ich habe da meine starken Zweifel! Wir selbst sollten uns da wirklich auch prüfen! Wie viel tragen wir dazu bei? Beispiel: Es wird immer mehr und mehr Mais angebaut, Jedem wird das schon aufgefallen sein. Da geht es nur noch um Gewinnmaximierung!
Wenn nun aber 40% der Maisernten allein bei uns zu Kraftstoff und Energie verarbeitet werden, stehen wir selbst da nicht auch in der Dunkelheit?
Gehören wir alle dann nicht auch zu den Ausbeutern, die so etwas zulassen? So etwas finde ich durchaus beunruhigend. Aber doch nicht für uns, für die dort in der tiefsten Dunkelheit ist es erheblich beunruhigender, da geht es um das Leben, das Überleben!
Da aber stellt sich doch die Frage: Wer ist das da eigentlich im Dunkeln? Das ist nun eine Sache der Relation.
Bertold Brecht sieht das ganz eindeutig: Es sind die seit Jahrhunderten Ausgebeuteten, es sind die Armen, die nicht wissen, was sie ihren Kindern in die verbeulten Blechschüsseln geben sollen. Allein von den Lebensmitteln, die in Europa achtlos weggeworfen werden, könnte man unzählige Menschen ernähren!
(Man schaue doch nur mal in die Hinterhöfe der großen Supermärkte und wird dort mit Entsetzen erfahren, welche Mengen von Nahrung allein dort einfach weggeworfen werden!
Oder: die unzähligen Textil-Sammelbehälter, in denen wir unsere getragene Kleidung entsorgen! Auf den Märkten von Lagos, Mombasa oder Nairobi können wir diese Kleidungstücke wiederfinden, wo sie dann für billiges Geld verramscht werden. Mancher findet das dann auch noch gut! Leider aber wird dadurch der einheimischen Textil - und Bekleidungsindustrie jede Überlebenschance genommen, dieser Umstand wird dabei gern übersehen.)
Die Einen sind im Dunkeln ... Wie wahr! Und diese »Einen« sind es, die diese Misere ertragen müssen, »die sieht man nicht«.
Aber es sind die im Lichte, die dafür sorgen, dass sie selbst immer beachtet werden, hell angestrahlt von allen Scheinwerfern der verschiedenen Medien.
Da helfen auch keine Hundert-Euro-Scheine, die großzügig bei Good-will-actions gespendet werden, sie dienen aber zur Beruhigung des eigenen Gewissens!
Neun Milliarden Menschen im Jahre 2050. Ist ja noch lange hin, nicht wahr? Aber bereitet euch vor, macht schnell alle Grenzen dicht, schließt Türen und Fenster, denn bald kommen sie zu uns, die im Dunkeln sind, weil in ihrer Heimat kein Leben mehr möglich ist.
Zum Schluss noch ein Wort von Bertold Brecht - völlig frei und ohne Zusammenhang mit Hell und Dunkel:
Sie sägten die Äste ab,
auf denen sie saßen
und schrien sich zu
ihre Erfahrungen;
wie man schneller sägen könnte
und fuhren mit Krachen in die Tiefe
und die ihnen zusahen,
schüttelten die Köpfe beim Sägen
und sägten weiter.
- Bertolt Brecht, Exil, III -



 ©by wildgooseman
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Kommentare:

  1. Hallo, lieber Horst, Du hast dieses Thema mit soviel Herzblut geschrieben. Ich möchte nicht einfach nur so darauf antworten. Darum muss ich mir das genau durchlesen, möchte Dir aber sagen,in vielem kann ich Dir beipflichten und finde sehr interessant was Du schreibst. Außerdem wollte ich sagen, das ich hier war und auch bei Dir reinschaue.Es ist Sommer und da gibt es so viele Dinge die ich um mich herum habe, so bleibt langes Lesen,Homepage und Blog nur nebensächlich und am Abend. Selber möchte ich meine Kreativität behalten und meine Zeit auch mit eigenen Interessen ausfüllen. Trotzdem wandere ich ganz gern über Deine Seiten und verweile hier und da bei Dir,
    herzlichst, Klärchen

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  2. welch ein Beitrag lieber Horst,
    !!!! viele, einige die Licht und Schattenseiten kennen und erlebt haben werden nun vielleicht grübelnd über deinen zeilen sitzen und sich fragen...gehöre auch ich dazu, zu den Ausbeutern, den Konsumfreflern, den Uneinsichtigen die nicht wirklich wissen wollen wie es um die ERde bestellt ist.!!!
    Ich wünsche mir dass viele diesen beitrag lesen, zurückscrollen bis sie ihn finden und dann
    nachdenken was wer besser machen kann um das Chaos der Welt ein wenig aufzuhalten, achtsamer zu sein...als er es ist.

    ich danke dir lieber Horst
    fürs aufwecken derer die immer die Augen schliessen...
    herzlichst Angel...

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  3. Danke Euch, liebe Angel und Claire, vor allem gehöre ich selbst dazu! Man fasst immer wieder gute Vorsätze und bleibt dann im Dickicht des realen Lebens hängen, anstatt man die Machete nimmt und alte Zöpfe einfach abschneidet.
    Allen Wohl und keinem Wehe, das ist leider meine eigene Maxime. Manchmal, aber nur manchmal schäme ich mich dafür. Und dann geht es auch eine Zeitlang gut - bis der alte Trott wieder da ist. Euch gute eine Zeit ...mit herzlichen Grüßen
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]