31. Oktober 2016

Licht ohne Schatten?


Unsere Sonne ist der Ursprung unseres Seins. Seit der Mensch denken kann, bis in die heutige Zeit gilt sie und mit ihr das Helle und Strahlende, eben das Licht, als Grundlage des Lebens.
Nach endlosen Jahrhunderten voller Energie und lebendiger Fantasie aber ist der Mensch immer noch ein Suchender!
Er schaut über den Äquator seines Lebens hinaus, sieht nirgendwo den Wendepunkt. Weiter, immer weiter treiben ihn die Stürme des Lebens. Wohin? Lichtete sich der Nebel jemals, leuchtete irgendwo die Sonne in der Dunkelheit? Ein Blinder fühlt die Dunkelheit, sagte man.
Es liegt doch alles offen vor ihm und doch sieht er nichts. Wo, so fragt er die dahinziehenden Wolken, wo ist das Licht am Ende der Zeit?

Sie geben ihm keine Antwort auf die drängenden Fragen, durch ihr Schweigen werden nur weitere Rätsel aufgegeben.
Seit Jahren nichts als Rätsel einer dunklen Zeit, die sich nach Licht sehnt. Eine Zeit, die in der Dunkelheit des Lebens keinem mehr eine Heimstatt bieten kann.
Der Mensch versucht dann, auf seine Seele zu hören. Auf die Laute, die ihm die Vergangenheit singt, auf die Melodie seines Daseins. Aber es kommt kein Ton von innen, kein Wort des Erkennens und kein Wort der Liebe. Sucht er vielleicht nach einer Antwort, der keine Frage vorausgeht?
Er findet diese Antwort jedenfalls nicht, natürlich nicht, er findet keinen Sinn und er findet sich selbst nicht. Auch wenn er sich unentwegt weiter bewegt auf der Schiene seines Daseins, wenn er sein offenes Leben hell aufgeblättert vor sich sieht - eigentlich ist es viel mehr als das, was er je erwartet hätte! Es ist mehr als ihm zusteht, denkt er dann.
Müsste er heute wählen, taub oder blind zu sein, würde er vielleicht Taubheit bevorzugen. Man hört oftmals mit den Augen mehr als mit den Ohren. Der Hintergrund aller menschlichen - und damit auch unserer - Gedanken ist der Schattenvorhang des Gewissens!
Geht dieser Vorhang irgendwann hoch, liegen alle Gedanken offen im Licht der Bühne ausgebreitet. Deshalb bleiben die Plätze im Theater des Lebens auch so oft leer, weil die Resonanz aller Besucher ihnen ihre eigenen Fehler und Schwächen aufzeigen würde.
Der Mensch jedoch braucht Licht. Alle Spots an, noch mehr Scheinwerfer. Es werde hell, denn die Dunkelheit zeigt uns nicht die Wahrheit, sie kann es einfach nicht. Sie verdeckt all das, was in allen Menschen steckt und verbirgt wie so oft, die Folgen ihres Tuns.

Wer zieht nun an den Fäden der Dekoration? Wer schaut hinter die Kulissen? Der Zuschauer jedenfalls sieht nur, was er sehen soll - und was er sehen will. Das ist naturgegeben, ein Blick in die Dunkelheit der Versatzstücke ist da nicht vorgesehen.
Wer an seinem eigenen Bild arbeitet, darf keine Konsequenzen scheuen, Menschlichkeit ist hier nicht angesagt. Was kümmert den Betrachter im Museum das Modell des wunderschönen Aktes?
Er möchte nur das Künstlerische bewundern, den Ausdruck, die Impressionen des Malers. Was soll da das Vorbild dieses Gemäldes. Es hat ausgedient, ist nicht mehr nutzbar.
Dunkelheit und Licht streiten ja oft um die Vorherrschaft des Daseins. Der Teufel steckt dabei wie immer im Detail! Beide können nebeneinander existieren, wenn sie nur eine Basis finden, bei der beide die Möglichkeit haben, sich zu zeigen, sich die Hände zu reichen. Warum sagt ihnen niemand, dass beide ohne einander gar nicht existieren können?

Ohne Licht kein Schatten. Doch einen Schatten gibt es nur, wenn die Lichtquelle so stark ist, dass außerhalb des Schattens noch eine Lichtreflexion wahrgenommen werden kann. In der Natur erscheint der Schatten umso dunkler, je heller das Licht ist, das ihn wirft.
Gilt dieser Grundsatz nun auch für Menschen? Das würde bedeuten: Je positiver (oder heiliger) ein Mensch ist, desto negativer (oder unheiliger) ist sein Schatten. Wenn jeder Mensch das erkennt, wird er fassungslos vor diesem Dilemma stehen, das ihn polarisiert, wird dabei seine eigenen Schattenseiten nicht fassen können!
Aber auch die Umkehrung gilt: je finsterer der Schatten, desto mehr Lichtpotenzial ist vorhanden. Hier liegt auch der Grund, warum aus heißer Liebe kalter Hass werden kann! Wie gesagt: Es kann, muss aber nicht sein; wenn die Betroffenen ein Auge immer auf ihrem
Schatten haben, könnten sie das auch steuern. Leider liegt hier auch die Wurzel vieler Konflikte.Goethe lässt seinen Götz von Berlichingen sagen: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.« 
Eine schlichtere Weisheit gibt es im Grunde gar nicht. Dies Wort Goethes - auch in abgewandelter Form - meint aber weniger die physikalische Seite als viel mehr die menschliche. Im Prinzip meint es ja nur: »... wo es das Gute gibt, gibt es auch das Schlechte«. (Obwohl man ja im Sommer weiss, wie wohltuend Schatten sein kann!)
Licht wurde und wird seit jeher immer nur als das Positivum gesehen. Das Helle scheint dabei immer das Gute zu sein. In allen Weltreligionen erscheint die Erlösung - (der Erlöser) - stets als Gestalt, die mit dem Licht aufs Engste verbunden ist.
Schatten aber ist auch unerlässlich für die menschliche Erkenntnis. Wer nur in gleißendes Licht starrt, sieht gar nichts. Dass nicht nur das Licht, sondern auch dessen Abstraktion, der Gebrauch des Schattens, eine grundlegende Rolle im täglichen Dasein wie auch im kulturellen Leben spielt, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Denn so sehr wir das Licht brauchen, wir brauchen auch die Dunkelheit.
Unser Körper, unsere Seele brauchen die Phase der Erholung, sonst ergeht es dem Menschen wie einem Streichholz: Es leuchtet kurz und heftig auf - und erlischt. Zurück bleibt kein Schatten, kein Licht, sondern die völlige Dunkelheit ...

©by Wildgooseman

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]