6. Dezember 2016

Brücke zum Leben

Als ich damals die Brücke betrat, ahnte ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes.
Ich fühlte mich durchaus in der Lage, diesen Gefahren zu begegnen, die mich auf der anderen Seite erwarteten. Was konnte mir denn schon noch geschehen? Mir, der ich schon durch alle Wüsten und Berge des Lebens gewandert war, der ich schon so oft abstürzte und doch immer wieder die Höhen erklimmen konnte. Ich kannte die Welt von allen Seiten, sowohl die bösen wie auch die guten. Worüber sollte ich mir Gedanken machen?

Dann, auf der Hälfte des Wegs, mitten auf der Brücke, kam bei mir doch ein Gefühl von Verlassenheit auf. Diese Gedanken der Unsicherheit beherrschten plötzlich mein Fühlen, dieses Wissen um das Nichtwissen! Was würde ich dort vorfinden? Alles lag noch im Nebel der Zukunft verborgen, nicht einmal andeutungsweise war etwas zu erahnen. Ich sah vorn nichts als schleierhaftem Dunst, hinter mir der weisse Nebel des Daseins. Urplötzlich befand ich mich im Niemandsland meines Lebens, mitten auf der Brücke in ein neues Leben und noch meilenweit davon entfernt.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde, aber ich wusste, dass es weiterging! Diese abstrakte Tatsache, so unwirklich sie auch war, trieb mich weiter. Was blieb mir sonst auch übrig?
                                             Vieles erfahren haben, heisst noch nicht, Erfahrungen zu besitzen!                                                                                                                         (Marie v.Ebner-Eschenbach)

Die Gedanken an diesen Aphorismus gaben mir ein Gefühl von Wirklichkeit. Was auch immer geschehen würde, mein Weg würde sich unabänderlich auf der anderen Seite der Brücke fortsetzen! Ein letzter Blick zurück, ein verlorenes Paradies? Nein. Ich ließ weder Himmel noch Hölle hinter mir, es war lediglich ein Abschnitt meines Lebens, der sich irgendwann vom ursprünglichen Pfad abgekoppelt hatte.
Dieser Weg auf der zweiten Hälfte der Brücke war immer noch unwirklich. Schemenhaft schienen ihn Gestalten zu kreuzen, bauten sich wie Figuren eines dionysischen Dramas auf und verschwanden dann wieder in der Versenkung des weissen Nebels. Mehrmals verharrte ich am Rande der Brücke, warf einen Blick in das schemenhafte Etwas, das dort unten brodelte und plätscherte.
Manchmal klang es wie das Flüstern von Stimmen, die geisterhaft verhalten ihre Hintergrundmelodie zum Ablauf des Daseins einbrachten. Wenn ich dann meinen Weg fortsetzte, kam immer ein Gefühl von Befreiung auf. Es war wie ein Abwerfen von Gewichten, die anscheinend tausend Jahre auf mir gelastet hatten und nun in den Tiefen des Wassers unter mir verschwanden!
Vorn hatte sich eine Wolkenwand aufgebaut. Es schien das Ende dieser Brücke zu sein. Einzelne Bäume u nd Büsche bauten sich vor mir auf. Der Pfad zwischen den Baumgruppen wurde zunehmends enger und enger. Schon als ich die Brücke hinter mir gelassen hatte, spürte ich, wie ich liebevoll aufgenommen wurde.
Ich schaute zurück auf das andere Ufer. Nichts mehr da, das mich an die Vergangenheit erinnert hätte. Nichts mehr da, das ich vergessen müsste. Da stand nur noch diese Brücke, fest und standhaft zwischen zwei Welten. Diese geisterhafte Brücke, die ich überschritten hatte im Bewusstsein des Zukünftigen. Es war die Brücke in ein Vorwärts ohne Zurück.

Pantha rei! Welcher Fluss fließt bergauf, welches Menschenleben wird rückwärts gelebt? Ich spürte den Pulsschlag dieser meiner Zeit, der das Schlagen des eigenen Herzens übertönte und deutlich sprach, so wie Gerd Uhlenbruck es ausgedrückt hat:
                                                        Wer nur mit dem Verstand lebt, hat das Leben nicht verstanden!

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. wunderbar beschrieben lieber Horst...
    Pantha rei..so ist es...
    ................... Wer nur mit dem Verstand lebt, hat das Leben nicht verstanden!

    welch wahre Worte..
    herzlichst Angelface.

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  2. Herz und Verstand gehören zusammen. Emphatie, sich einfühlen. Wir gehen im Leben über soviele Brücken.Am Ende erwartet uns das Unbekannte , neues, Erwartungen. Nein, zurückschauen kostet Kraft, nach vorne schauen Mut . Auf dem Fleck stehen bleiben macht schwindelig.Maria Ebner Eschenbach, ich mag sie. Wir machen ja immer wieder neue Erfahrungen und alte haben uns nicht immer klug gemacht sondern empfänglich und empfindlich.
    Das Herz schlägt zur Zeit
    am Puls der Zeit.Versuchen wir das Leben zu verstehen.
    Du inspirierst zum Nachdenken. Ich wünschte es würden mehr lesen und kommentieren was Du schreibst, denn es hat Herz, Verstand und ist klug!
    Liebe Grüße, mein lieber Freund an Deine Liebste auch, Klärchen

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]