13. Januar 2017

Nachruf?


Gestern am frühen Morgen wurde mein Präteritum beigesetzt. Es hat nun endlich die verdiente Ruhe, die Qualen dauerten schon etliche Zeit und ließen kaum noch Zeit zum Atmen. Jetzt bin ich frei, zu tun was immer ich will, zu denken, was immer ich möchte. Die Schwingen der neuen Freiheit tragen mich bis an das Ende des Wegs, den ich mir selbst gewählt habe.
Von Beileidsbesuchen bitte ich abzusehen, sie würden den falschen Adressaten erreichen. Böses Blut hatte ich doch schon genug, nun ist es Zeit für etwas Neues. Kranzspenden sind nicht erwünscht, die Blumen gehören den Lebenden, auf dem Grab sind sie eine vergebliche Liebesgabe. Sie wären früher angebracht gewesen.

Das Morgenrot winkt verheißungsvoll den neuen Tag herbei, strahlend im Blau des Firmaments und doch liegt etwas Geheimnisvolles, vielleicht sogar Drohendes hinter der dunklen Wolkenwand darüber verborgen. Was wird mir dieser Ostwind bringen? Neues Leid, neuen Verdruss? Oder friedvolle Tage, freudige Überraschungen? Ich bin wie immer neugierig, kann es kaum erwarten, denn unerwartete Erscheinungen hatten bisher stets unangenehme Folgen.

Ach, verzeih, du kanntest es nicht? Warum denkst du dann so angestrengt darüber nach? Wenn es dich doch nicht berührt, hast du keine Veranlassung zur Trauer, es wären doch sinnlose Gedanken.
Ich kannte viele, die auch glaubten, ihr Präteritum nicht zu kennen und plötzlich fiel ihnen wieder ein, wie viele Nächte sie mit ihm verbracht hatten. Wie viel Tränen sie geweint, wie viele Stunden sie schlaflos verbrachten.

Du erinnerst dich jetzt? Ja, so erging es mir auch. Auch ich war dem großen Verdrängungsprozess ausgeliefert. Bis gestern. Das ist nun vorbei. Ich hoffe es jedenfalls für mich. Und für dich! Denn du hast es genau so nötig, bist auch eingespannt in den täglichen Realismus.

Ich wünsche mir, auch einmal deine Anzeige zu lesen:
Gestern am frühen Morgen wurde mein Präteritum beigesetzt!  †


©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Mit der Vergangenheit so gründlich abschließen dass man sie nicht mehr erkennt?,,,,wie geht das lieber Horst, oft verfolgt sie dich auch in deinen Träumen, oder nicht, ?...bei mir ist`s jedenfalls so auch, ohne dass ich`s will.
    aber wenn du es geschafft hast, dann will ichs auch gerne versuchen....
    es klingt verlockend und macht neugierig auf einen zutiefst zufriedenen Lebensabend.
    herzlichst Angel...(die heut über den Schneesturm schreibt...:-)

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    1. Auch ein tolles Thema, Angel, Schnee ist ja auch so vergänglich ...
      Übrigens: Man kann seine Gedanken abschalten - wenn man nur wüsste, wo der Schalter ist, nicht?
      Grüße von mir zu dir!

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  2. Man kann den Schalter finden und auslösen was so vergraben war, ans Licht zu holen.
    Alles anschauen nicht mehr verdrängen und sich mit Verständnis auseinandersetzen und es dann wie ein gelesenes Buch beiseite legen.Der Verdrängungsmechanismus ist stark. Doch...alles braucht seine Zeit um die Geschichte zu verstehen.
    Alles ist vergänglich, wir Menschen, die Tiere, die Natur, eine Spur wird bleiben!
    Liebe Grüße, mein Freund, herzlichst Klärchen

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]