8. Januar 2017

Worte der Liebe


Die Stunden der Nacht sind vorüber. Worte beginnen zu wandern. Hier hin - dort hin. Tief unter der Haut verwurzeln die Worte im Zwielicht des Morgens. Streifen leise durch das morgendliche Grau des Zimmers. Flüstern Geständnisse, beichten kleine Geheimnisse des Lebens, die sonst unausgesprochen blieben. Weil Liebe unteilbar ist, bedarf sie weder einer Frage noch einer Antwort.
Blicke treffen sich. Finden sich zum traulichen Miteinander.
Spannen Netze aus filigranen Silberfäden, glänzende Wunderwerke des Daseins. Verbinden sich zur Einheit des frühen Tages ohne Rücksicht auf die gesichtslose Form des Morgens. Die Nacht bleibt zurück, ist bedeutungslos geworden, ist Vergangenheit. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden.
Erinnerungen sprechen eine eigene Sprache, kaum einer versteht sie. Hätten die Augen Geduld, würden sie auf die kleinen Dinge achten, könnten Farben erkennen und aus dem Mosaik Bilder formen. So jedoch bleiben sie im Gewirr des Morgens hängen. Wozu fragen, wenn man die Antwort kennt? Aus dem Dunst der Vergangenheit entsteht ein Fragment der Zukunft, zwar unvollständig, dennoch bildhaft in klaren Farben.

Nein, Worte sind nicht Schall und Rauch, wie der Dichter sagt! »Ich liebe Dich« ist ein Abbild des Denkens, ein Synonym für ein Miteinander des Lebens, vielleicht begrenzt auf Zeit, vielleicht für die Ewigkeit; auf jeden Fall aber fliegen die Herzen in intimer Zweisamkeit empor zu den Sternen. Sie verlieren sich dort und finden sich immer wieder.

»Ich liebe dich!« Der Sinn dieser Worte ist so bemerkenswert, dass er aufgehoben wird bis an das Ende der Tage. Man möchte ihn mit den Händen fassen und bewahren, obwohl die Vergänglichkeit des eigenen Ichs lange erkannt ist.
Worte sind der Gesang der Seele. Einmal gesprochen sind sie fort, fliegen in die Weite. Kehren auch nie zurück, überwintern im Dunst des Erinnerns, bis sie melodiös als Duett im warmen Strudel des Frühlings erklingen, eine Sinfonie der Liebe in einer Welt der Kälte.
Wenn die Stunden der Nacht vorüber sind, gebiert der Morgen das Licht, lässt das verwelkte Dunkel hinter sich und entsorgt es auf den Stapel des Vergessens.
Gestern war, morgen wird sein. Beides ist nicht mehr oder noch nicht beeinflussbar, allein das Heute ist der Weg unseres Daseins.
Ohne Notwendigkeit, ohne jede Vorbedingung und ohne jede Suche schenken die Worte der Liebe Wärme und Vertrauen, Hingabe und Erfüllung. Im Leben eines Menschen kann nichts bedeutsamer sein als gemeinsam gelebte Stunden, Tage und Jahre. Sie ergeben die Quintessenz des Lebens zu zweit.
Oftmals aber sind »Einsam« und »Gemeinsam« Zwillingsgeschwister! Dort, wo die Worte der Liebe verloren gingen, verschwindet oftmals das »Gem« auf unerklärliche Weise. Und niemand weiss, wohin es ging. Eines grauen Morgens war es nicht mehr da.
Das geschah dann, wenn die Vergangenheit die Oberhand erhielt oder die Zukunft im Blickpunkt stand. Wenn das Heute, das Leben im »Jetzt« nicht mehr im Vordergrund steht, verliert auch das Wort »Ich liebe dich« an Bedeutung, es wird dann nur noch als inflationäres Anhängsel benutzt und irgendwann hat es seine Wichtigkeit vollends verloren!
Die Nacht blieb zurück, wurde bedeutungslos. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden ...


 ©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Zuerst sah ich das Bild auf meinem Blog von Euch beiden.Sofort dachte ich, da ist eine wunderbare Vertrautheit.Ein Miteinander reden, sich halten nicht nur an den Händen.Die Gegenwart, die Liebe, ja das habe ich sehr wohl aus Deinem Text gelesen.Auch Vergänglichkeit, es zählt der Augenblick, das Aussprechen und schon ist es wieder aufgelöst. Da möchte ich gern über Deinen Text diskutieren, er ist mir nah und verständlich. ich sage ja, so ist es wohl. Liebe ist etwas unberührbares , man spürt es,ein Gefühl aber ich meine auch Arbeit an uns selber und für den anderen, für die mit denen wir zusammenleben, für die mit denen wir Mitleid haben. Liebe ist vielleicht auch eine Glocke die über uns schwebt, wenn wir Empfindungen auch aussprechen.
    Danke lieber Horst für den schönen Text, damit muss ich mich auseinandersetzen und öfter lesen.
    Ein schönes Bild, ja ein Abbild Deiner Geschichte,
    herzliche Grüße auch noch ins neue Jahr an Euch beide , packen wir es an.
    Klärchen

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  2. was für eine wunderbare phantastisch poetische Liebeserklärung,an das Leben und die Liebe an die Sprache - so zart dass sie zerreisbar erscheint wenn man sie zu unbeholfen berühren würde..
    du bist ein Meister der Erzählenden Bilderkunst, schaffst es dass ich unwillkürlich beim lesen deiner Zeilen gänsehautfeeling verspüre, mich hineinfallen lasse in jedes Wort, um es zu streicheln...mir auf der Zunge zergehen lasse...
    silberfädenleicht....
    man verliert das Gefühl für Zeit und raum
    beim lesen..und fühlen und denken..wie kann man nur sooo wunderbar schreiben..
    eine Gottesgabe...bewahre sie wie einen Schatz und von zeit zu Zeit schenkst du uns ein klein bisserl davon...?!!!Ja!!!!!.

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    1. Ach Engelchen, Du tust mir zuviel Ehre an. Wie ich schon bei Claire schrieb, manchmal geht alles wie von selbst - ein anderes Mal komme ich einfach nicht weiter. Aber das kennst Du ja auch, nicht wahr?
      Aber ich werde mir Mühe geben, versprochen!
      Liebe Grüße,
      Horst

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Hi Klärchen,
      danke für Deine Einschätzungen für meinen Text. Oftmals werden die "Worte" aus Taten geboren, manchmal werden auch aus "Taten" Texte. Bei mir lässt sich das nicht so abwäge. "Wes das Herz voll ist, fliesst der Mund über" heisst es bei Matthäus.

      Na ja, ganz so euphorisch sehe ich das nicht, aber ein Körnchen Wahrheit liegt sicher in dieser Aussage.
      Übrigens, liebe Claire, DAS bin ich nicht auf dem Bild! (Etwas älter bin ich schon - aber nicht im Herzen ...)
      Danke für die guten Wünsche
      ich schicke sie postwendend mit Grüßen retour!
      Horst

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  4. Lieber Horst ,es ist egal wer es ist, das Bild ist einfach schön und zeigt die Zweisamkeit auch im Alter.
    Wir sind doch im Herzen jung, in unseren Gedanken und das ist schön.
    Der Herr auf dem Bild hat aber Ähnlichkeit mit Dir, wenn auch vielleicht ein wenig runder, schmunzel!
    In eines muss ich Angel recht geben, Du bist ein Künstler im Schreiben aber auch sonst finde ich hast Du viele Begabungen die uns erfreuen, herzlichst klärchen, die sich noch lange Deine Texte wünscht, aber auch andere wissen nicht was sie verpassen. Ich werde Dich mal verlinken.

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]