15. Februar 2017

Alt werden wir alle gern ...

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht weiß, dass die letzten Jahre unseres Lebens mit Beschwerden belastet sind, nicht zu vergessen der Tod, der am Ende des Lebens alles abschließt, was wir erreicht - oder auch nicht erreicht haben.
Jahr um Jahr bringen alte Menschen Opfer und leisten auch oft Verzicht auf alles, was man vielleicht noch wollte.
Seinen eigenen Sinnen und Kräften sollte man schon misstrauen. Nicht alles, was man sich noch zutraut, kann auch ausgeführt werden. Ein Weg, der früher nur ein kleiner Spaziergang war, wird nach und nach zu einem Kraftakt, wird mühsam und lang, immer länger, je älter man wird.
Die körperlichen Freuden, die einstmals die Würze des Lebens waren, werden immer seltener und müssen vielleicht immer teurer bezahlt werden.

All die vielen Krankheiten und Wehwehchen, die früher nur ein müdes Lächeln hervorriefen, die langen Nächte, oft schlaflos, werden häufiger. All das ist einfach nicht wegzuleugnen.

Darüber hinaus aber sollte man nicht vergessen, dass dieses Alter auch Vorzüge mit sich bringt. Man kann seinen Tag einfacher und besser strukturieren.
Das allein bringt schon seine Vorzüge.
Wenn sich zwei alte Menschen treffen, sollten sie nicht nur von ihrem Rheuma, ihrer Atemnot beim Treppensteigen oder den Schmerzen in den Gelenken reden, nicht nur die Leiden und Ärgernisse des Lebens austauschen.
Sie sollten sich eher von all den schönen Erlebnissen und tröstlichen Begebenheiten erzählen, die sie erleben, und das sind gar nicht so wenige, wie viele glauben. 
Wir Weißhaarigen sind nicht die Generation, die nichts mehr kann, beileibe nicht, wir können auch Quellen der Kraft sein, des Trostes und der Zuversicht. Wir kümmern uns um Themen, die meist bei den jungen Menschen noch keine Rolle spielen.
Eine der schönsten Gaben des Alters ist für mich zum Beispiel der reichhaltige Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben in sich gespeichert trägt. Dieser Schatz ist immer abrufbar und braucht auch keine Festplatte oder eine Cloud im Internet!

Wenn die körperliche Aktivität langsam schwindet, wendet man sich diesen Schätzen mit völlig anderen Voraussetzungen zu als in den früheren jungen Jahren.
Menschen, die seit vielen, vielen Jahren nicht mehr unter uns sind, nehmen noch einmal Gestalt an, leben vielleicht auch in uns weiter. Landschaften, Häuser, Städte, inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verändert oder sogar ganz verschwunden, werden wieder vor unserem inneren Auge sichtbar. Gebirge, Küsten, die wir vor unendlich vielen Jahren einmal bereisten, sehen wir wie in einem Bilderbuch ganz frisch und farbig vor uns.

Wir wurden früher von Wünschen, Leidenschaften und Begierden gejagt, und - wie viele andere Menschen - sind auch wir durch unser Leben gestürmt. Voller Ungeduld, voller Erwartung und Hoffnung erlebten wir unser Dasein.
Heute, im großen Bilderbuch unseres Lebens blätternd, wundern wir uns darüber, wie schön und gut es doch sein kann, dass wir der Hetze des Daseins entronnen sind.
Hier in diesem Park der alten Menschen blühen Pflanzen, an die man früher nie gedacht hat.
Da ist beispielsweise die Blume der Geduld! Wir werden nachsichtiger, gelassener.
 (Meist jedenfalls.)Wir geben dem Leben der Natur mehr Raum, damit sie sich entfalten kann. (Von aufgezwungenen Ausnahmen abgesehen.)
Das Leben können wir an uns vorüberziehen lassen wie in einem Film, manchmal mit Bedauern, manchmal mit Freude, oftmals auch mit Leid. Wir schauen dem Leben unserer Mitmenschen, unserer Familie oder der Nachbarn zu, wie es weiterfließt, bis auch das eines Tages sein Ende findet.

Wenn dann die ganz jungen Menschen aus der Überlegenheit ihrer Kraft und ihrer Ahnungslosigkeit hinter uns vielleicht lachen, über unsere schütteren Haare, unseren unsicheren Gang; wenn sie unsere runendurchzogenen Gesichter komisch finden, dann können wir uns selbst daran ergötzen, dass wir vielleicht früher - genauso im Besitz unserer vollen Kräfte - auf die gleiche Art hinter den Alten hergelächelt haben.

Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass wir dieser Phase entwachsen sind, ein wenig klüger, ein wenig duldsamer geworden sind. Denn das, genau das macht die Weisheit des Alters aus.


©by Wildgooseman
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1 Kommentar:

  1. oh lieber Horst, du spricht mit sehr klugen Worten von der Weisheit des Alters, wie schön wenn sie uns geschenkt wird und wir sie auch selbst glauben sie erkennen zu können, doch im Grunde wissen wir nicht ob wir sie tatsächlich besitzen, anderen weitergeben können, ob es Sinn macht sie einem anderen anzubieten, meist wissen wir ja, angenommen wird sie selten.
    Kluge Gedanken, die des Alters und der Weisheit sprechen aus dir...ich lausche ihnen nach und denke, erreicht sie mich auch?...
    lächelnd grüße ich dich in deine Gedanken und wünschte mir ich hätte sie früher schon gelesen...
    herzlichst Angelface...
    die heute lange auf diesen und ähnlichen Zeilen von dir verweilt...

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]