21. März 2017

Traumbilder

Ich denke zurück an mein achtzehntes Lebensjahr,  Anno 1952, als ich noch an das Schöne in der Welt glaubte. Als ein junges Herz danach strebte, in die Welt zu fliegen. Was fühlte ich damals? 
Graugelbe Quadern, von der Sonne des Tages aufgeheizt. Granitblöcke, die sich langsam wieder für die Nacht vorbereiten. Hoch oben, über den dunklen Wassern des Hafens von Marseille, furchterregend in der ganzen blauschwarzen Schönheit des Abends, ragen die zyklopischen Befestigungen des Forts »Saint Nicolas« in den Nachthimmel empor.

Vor mir die massigen Quadern der uralten Mauern. Es ist, als ob diese zahllose Menschenalter lang nur auf mich gewartet haben, auf mich ganz allein. Und dennoch geben sie keinen einzigen Laut von sich. Oder doch? Ist es mir nicht möglich, diese leisen Stimmen zu hören, dieses Wispern mit dem Ohr aufzunehmen und dann in eine verständliche Sprache zu interpretieren? 
Ich streichle die Poren dieser seit Jahrhunderten blankgewetzten Steine, die schon so unzählige Menschenschicksale gesehen haben. 
Aus der Ferne tönt eine heimliche Stimme in den Abend zu mir hinauf auf die alten Mauern des Forts Saint Nicolas :»Träumst du, mein Freund?”
Ich schaue über das Meer in die Ferne, vorbei an der Steilküste der Einfahrt zum alten Fischereihafen. Draußen, im Dunkelblau des Horizonts fast nicht mehr zu sehen, liegt das »Chateau d’If«, dieses sagenhafte Gefängnis des Grafen von Monte Christo. Mein Blick schweift weiter über die fernen Hügel. 

Hoch oben, hell angestrahlt, grüßt in nebligem Glanz »Notre Dame de la Gardez«, die alte Wallfahrtskirche dieser Region, ein wunderschöner Anblick. Abgesetzt davon das Lichtermeer des Fischerhafens. Wie Perlenketten aufgereiht auf einer Schnur: Rot, Grün, Blau, Orange und Gelb, alle Schattierungen der Regenbogenfarben treffen sich hier zum Rendezvous, Kaskaden von Lichtern spiegeln sich auf dem schattenhaften Wasser, verdoppeln sich in einem unbeschreiblich schönen Schauspiel. 
Ein leises Tuckern aus der Tiefe tönt zu mir herauf, ein altersschwacher Motor hat Mühe, das kleine Fischerboot anzutreiben, es hinauszuschicken in die abendliche Weite des Meeres.
Ich beuge mich über die steinerne Brüstung der Mauer, versuche einen Blick zu erhaschen. Vergebliche Mühe, lediglich eine rote Positionslaterne ist gleich einem Glühwürmchen erkennbar. Zu hoch liegt das alte Fort über dem Wasserspiegel, um Einzelheiten feststellen zu können. Lediglich laute Stimmen und Gelächter sind hörbar, ohne dass etwas verständlich wäre. Langsam entfernt sich das Fischerboot aus dem Bereich des inneren Hafens. 

Schweigen breitet sich aus, schwebt über den buntgesprenkelten Wassern des Hafens, wird zwischendurch unterbrochen von zerhackten Synkopen vielfältiger Tanzmusik, die aus den alten Hafenbars aus der Ferne herüberklingt.
Die Luft riecht nach Teer und Salz und Meer, ein unbestimmbares Konglomerat von Gerüchen, die nur ein Hafen hervorbringen kann. 
Dieses Odeur, das aus den Tiefen der Seele hinaufzusteigen scheint, vermischt sich zu einem unbeschreiblichen Potpourri aus Sehnsucht, Dankbarkeit und Verlangen nach Einheit mit dem Universum.

Aus Fernweh geboren, in endlose Wunschträume verwoben und dann zur Wirklichkeit geworden, welches Gefühl könnte diesen Sinneseindruck noch übertreffen?
Es ist eine Empfindung, die ich danach nie wieder  erlebt habe, eine Impression des »Seins« von unerreichtem Glücksgefühl! Ich erinnere mich liebend gern an diese Eindrücke, sie sind mir gegenwärtig, als wäre es gestern erst gewesen. 
Und ich weiß: Diese Momente bleiben mir für die Zukunft unvergesslich, sie begleiten mein weiteres Leben und alles, was danach geschehen ist und wird, kann nur an diesem Maßstab des Schönen gemessen werden. 
Natürlich, noch unzählige wunderschöne Momente habe ich in meinem Leben erlebt, das ist unbestritten. Ich habe in einem dreiviertel Jahrhundert gelebt, geliebt, gelacht und geweint. Freud und Leid, Küsse und Tränen wohnten oft dicht beieinander. 
An diese wundervollen Stunden hoch über dem Hafen von Marseille, in den Mauern dieses alten Forts,  denke ich heute noch immer zurück. 
Als ich mit der Unendlichkeit verwoben war, erkannte ich die Größe, die Schönheit und die Liebe des Gottes, dessen Geschöpf ich bin und der mir bis heute die Treue gehalten hat! Das und nur das ganz allein ist die Quintessenz meines Lebens. Ohne diese Einsicht müsste ich sagen: Es war ein vergebliches Leben. So aber gehöre ich mit hinein in die Natur, in die Schöpfung, deren unendliche Größe ich heute anerkenne.
Dafür bin ich dankbar. 
Und noch eines ist wichtig: Meine Träume, die ich bis zum  heutigen Tage weiter vergegenwärtige,  sind unbezahlbar ...

©by wildgooseman

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]