7. März 2017

Vor dem Tor


Mit einem dumpf hallenden Ton fällt das Tor plötzlich und unerwartet zu! Ein weithin durch die Nacht durchdringender Ton. Der Schlüssel wird im Schloss herumgedreht, einmal, zweimal, dann das Rasseln einer Kette.
Er steht draußen. Vor dem Tor. Noch vor Kurzem, ja eben noch, gehörte er dazu. Und nun, Sekundenbruchteile später ist das alles vorbei. Er kann es nicht fassen, mit tränenden Augen starrt er auf das schwere Tor, das sich hinter ihm schloss.
Verzweifelt hämmert er mit seinen Fäusten gegen das harte Holz. Der Schmerz zwingt ihn aufzuhören. In ihm breitet sich eine Leere aus, die eine ohnmächtige Wut nach sich zieht.

Gestern hat er noch gelacht, mit den Anderen gescherzt, dumme Sprüche vom Stapel gelassen, fröhlich in die Welt geschaut. Die Sorgen? Die betrafen ihn doch nicht. Das war dort draußen, das war vor der Tür. Hörte er das Weinen, das leise Wimmern nicht, das laute Klagen dort draußen vor der Tür? Doch. Sicherlich. Er hörte es. Aber warum sollte er sich darum kümmern, was konnte er da schon tun?
Er schlägt noch einige Male an das schwer bewehrte Holz. Vergebens, niemand hört es; sollte es doch jemand hören, nimmt er keine Notiz davon, warum auch.
Das ist nun wirklich kein Scherz mehr, kein beschwingtes Lachen klingt durch die weiten Räume dort drinnen. Jedenfalls hört er nichts. Er steht außerhalb von all dem, was ihm bisher das Leben lebenswert machte. Schemenhaftes Ahnen gibt ihm ein Gefühl von Unsicherheit, Angst vor etwas Unbestimmten macht sich breit.

Dann irgendwo ein hohles Lachen, Geräusche aus einer anderen Welt. Stimmen, unverständliche Töne erfüllen die Nacht. Graue, diffuse Gestalten auf leisen Sohlen bedrängen ihn mit einem Netz aus wirren Gedanken. Seine Gedanken, fremde Gedanken? Gedankenwelten mit genau dem gleichen Muster und denselben Interferenzen?
Ratlosigkeit macht sich bei ihm breit. Er schreit, schreit in das schemenhafte Etwas hinein, das ihn mit Daseinslosigkeit bestraft.
Er ist doch hier, hört das niemand, sieht ihn keiner? Er steht hier vor dem Tor und begehrt Einlass! Er möchte dazugehören, zur Freude, zur Helligkeit, zum inneren Kreis der Daseinsberechtigten. Doch es ist dunkel und es ist totenstill.

Plötzlich ein hallender Ton einer scheinbar riesenhaften Glocke, die Dunkelheit der Nacht wird mit einem zweigestrichenen ‚e‘ gefüllt. Ein Zeichen für ihn? Ein finales Signal?


Er versucht ständig, sich zu erinnern. Das ist ein Manko bei ihm. Wenn die Erinnerung sich breitmacht, verdrängt sie die Realität. Er weiss, dass er dann nicht mehr er selbst ist .
Er ist dann nur noch der, der er einmal war. Vielleicht auch der, der er sein möchte?

Wenn die Wirklichkeit es nicht wert ist, wirklich zu sein, dann versinkt sie nur noch im grauen Schatten des Nichts! Was macht er, wenn nichts mehr da ist, woran er sich halten kann, wenn alles, was früher richtig war, auf einmal falsch ist? Wenn alles, was er gestern, vorgestern, letztes Jahr gesagt und getan hat, ein Irrtum gewesen ist – welch eine grausame Erkenntnis tut sich da auf!

Etwas ist geschehen. Etwas muss mit ihm geschehen sein. Er steht plötzlich jenseits aller Türen. Weiß er denn, ob das, was er heute sagt, tut oder unterlässt, nicht morgen schon falsch und überholt ist?
Sein "Alter Ego" will nicht zulassen, dass er das Farbenspiel der Vergangenheit noch einmal ablaufen lässt, dieses ICH wehrt sich gegen die Wiederholung des Lebensablaufs.

Die Glocke ist nun verklungen. Alles nimmt seinen Lauf, unablässig weiter und weiter. Zeit hat keinen eingebauten Rückwärtsgang!
Pantha Rhei«, das wussten schon die alten Griechen, alles fließt. Jeder Moment im Leben ist eine Veränderung des Bestehenden.
Gestern stand er auf der anderen Seite des Tores. Gestern war er ein anderer als er heute ist. Er ist noch derselbe Mensch, aber er ist nicht mehr der gleiche Geist! Gestern gehörte er dazu. Heute aussortiert, ein Mensch, der sich nicht mehr verbiegen lässt. Schwer zu begreifen. Wirklich nicht zu verstehen? Wenn er nicht mehr weiss, wer er ist, versinkt die Realität im Nebel des Gewesenen!

Kann ja sein, er hat vergessen, mit den Wölfen zu heulen. Manches rächt sich eben doch im Ablauf der Zeit ...

 ©by Wildgooseman
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Kommentare:

  1. was für eine Geschichte hinter diesen gedanken..
    Pantha Rhei« du sagst es - alles fließt ist im Fluss - auch hier in deinen gedanken der geschichte und der Leser liest das heraus was er meint zu entdecken, zu sehen..
    vielleicht das Himmelstor in das ihm Einlass verwehrt ist?..vielleicht aber auch das Höllentor ---? egal - hauptsache er kommt irgendwo noch einmal mit einem anderen zusammen und bleibt nicht alleine und einsam endlos vor dem Tor stehen...
    meine Phantasie schlägt Purzelbäume....
    meine Gedanken sind unterwegs mit vielen kleinen Fragen an dich,
    die ich
    dir hier
    nicht stelle...
    Phanta Rhei....

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  2. Schade, Angel, die Fragen hätte ich gern gehört, vielleicht könnte ich sie dann auch beantworten??
    fragt mit Grüßen
    Horst

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]