13. Juni 2017

Ein Wiedersehen

Einige Zeit stand ich nun schon vor dem Gartenzaun, betrachtete die wunderhübschen Rabatte mit verschiedenfarbigen Dahlien und den frühen Herbstastern. Es war wirklich eine geschmackvolle Gestaltung, die diesen Garten auszeichnete. Er war gepflegt, und trotzdem naturnah; die Brennnesseln dort an der entlegensten Hecke ließ auf Bewohner schließen, die das natürliche Wesen eines Gartens liebten.
Dann, ganz plötzlich, vernahm ich ein Flüstern, fast unhörbar, ich musste schon ganz genau hinhören, um diese Stimme zu verstehen.»Hallo«, sagte die Stimme, »da bist du ja endlich. Ich habe lange auf dich gewartet. Unendlich lange.« 

Erstaunt und auch etwas erschrocken sah ich nach rechts in den Garten hinein. Ich hatte ihn ja schon vorher betrachtet, eigentlich müsste ich sagen: wiedergesehen! Ich wusste nur nicht, ob er mich nach zwanzig Jahren noch erkannt hatte.
»Du weißt noch, wer ich bin?«, fragte ich leise.
»Natürlich weiß ich das, wir waren doch damals unzertrennlich. Oder hast du das vergessen?« 
»Ich hab nichts vergessen«, sagte ich, »erinnerst du dich noch, was ich hier alles getan habe?«
Ich unterstrich mit einer weitausholenden Handbewegung meine Worte. Wie ein buntes Kaleidoskop sah ich dabei vor meinen inneren Augen die Zeit vor mir, als wir wirklich eng beieinander lebten. Als ich hier in diesem Haus lebte und wirkte.
Es war eine wunderschöne und lebensbereichernde Zeit, damals vor fast vierzig Jahren. Hier in diesem Garten spielten meine Kinder, ja, und er wuchs ja praktisch mit ihnen auf, es war, als würde er auch zur Familie gehören.
Er sah mich an, es schien mir, als würde er ebenso nachdenkend sein Haupt schütteln und dabei in die Vergangenheit blicken.
»Ja«, flüsterte er dann leise, »es war wunderschön hier bei euch. Erinnerst du dich noch an die Federballspiele an Sommerabenden, als ich euch oft im Wege stand und ihr dann meintet, ich sollte mich doch ein paar Meter weiter hinstellen?«
Ich musste lächeln. Ja, so war es wirklich. Er stand immer im Wege und doch waren wir glücklich, weil er da war!
Wir halfen ihm auch stets, wenn er Schwierigkeiten hatte. Das war ja selbstverständlich. Jeder von uns, auch meine Kinder liebten ihn, weil er eben so einmalig war, weil er gewissermaßen zu uns gehörte.Später dann waren die Kinder alle aus dem Hause, suchten ihr eigenes Glück im eigenen Heim. Danach waren wir beide lange Zeit ganz allein, er und ich. Aber auch meine Partnerin, die dann zu mir kam, mochte ihn sehr, er gehörte eben dazu.

Etwas später kam meine Pensionierung und wir mussten dieses Haus, das meine Dienstwohnung war, verlassen. Ich war unglücklich, von diesem Ort fort zu müssen, und ich glaube, er war ebenfalls traurig! Oft ging ich zu ihm, wenn meine persönlichen Nöte und Sorgen mich bedrückten, bei ihm habe ich mich auch manchmal ausgeweint, wie ich ehrlich zugeben muss.

Aber irgendwann kam es, wie es kommen musste, ich verließ das Haus, den Ort und ich verließ auch ihn!
Heute nun kam ich nach fast zwanzig Jahren wieder zurück. Ich sah ihn und die Erinnerungen stiegen in mir auf. Es war fast so wie damals, als ich ihn verlassen musste!
Er war in den Jahren gewachsen, etwa zwanzig Meter hoch. Als ich ihn pflanzte, den kleinen Weihnachtsbaum mit Wurzeln, maß er gerade einen Meter!

Mein Pflegen, Gießen, Düngen hatte mitgeholfen, ihn zu einem stattlichen Baum werden zu lassen. Und darauf bin ich stolz!

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Ein schöner Baum voller Erinnerungen,er muss einfach weiterleben. Soviele Jahre steht er schon, erdverwachsen.
    Lieben Gruß, Klärchen

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  2. So ist es, Klärchen. Aber irgendwo in der Brust ist da ein Gefühl, das man nicht so recht beschreiben kann ...
    Grüße von uns aus dem Naturpark EIFEL mitten in den Ferien.

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  3. Guten Morgen Wildgooseman, ohhh ist es schön, hier zu sein!
    Dass ich hierher gefunden habe… Meine Güte, das ist vieeeeel mehr, als eine schöne Geschichte, die ich verschlungen habe.
    Es liest sich vom alleine und aus dieser geschmeidigen Oberfläche drängt in die Tiefe ein und dort fängt an zu arbeiten…
    Ich weiß, was du meinst, wenn du schreibst „Oft ging ich zu ihm, wenn meine persönlichen Nöte und Sorgen mich bedrückten, bei ihm habe ich mich auch manchmal ausgeweint, wie ich ehrlich zugeben muss.“ Jetzt bekomme ich fast Gänsehaut, denn dieser Satz ist, wie ein Brunnen. Ich schaue rein, in Blicke in die Vergangenheit und finde mich dort wieder. Es ist schwierig in Worte zu fassen, dieses Gefühl und Zustand… ich habe es erlebt. Ich fand nur, dass du das so gut in die Worte bekleidet hast.
    Damit ich keinen Post verpasse, habe ich mich als Leserin eingetragen. Liebe Grüße und schöne Ferien, die Grażyna

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    1. Danke, liebe Grazyna, für diese Worte. Du kennst das ja auch: Texte brauchen einen Resonanzboden, damit sie erklingen können. Was damit wohl bewiesen ist!
      Liebe Grüße, Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]