28. Juni 2017

Unser Max

Nun ist es endlich so weit. Mit verkniffenem Gesicht und traurigen Mienen stellen wir fest, dass die Zeit unbemerkt da ist:
Unser Max ist in die Jahre gekommen.
Klar, wir hatten ja einige Zeit vorher schon mal so nebenbei darüber debattiert. Es war auch schon nicht mehr zu übersehen, Beulen und Kratzer lassen sich bei ihm nicht einfach mit etwas Make up aus der Welt schaffen. Es ist nun mal so.
Was hat er aber auch nicht schon alles mitgemacht! Wahnsinn, wenn ich daran denke! Damals am Jauchenpass, als er sich hartnäckig weigerte, nach Italien einzureisen und wir ihn mit mehr oder weniger sanfter Gewalt dort hin brachten. Und das pflanzte sich über die ganzen 30 Jahre seines bisherigen Lebens fort. Aber wir liebten ihn bedingungslos, den alten Bully!
Nun muss er weg, das ist nun mal so. Am Besten ist es, den Alten in Zahlung zu geben, nicht wahr?
Also fahre ich erst mal zu meinem Händler. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass er einige Schätzchen auf seinem wimpelgeschmückten Hof stehen hatte. Als der Händler mich ankommen sieht, huscht ein erwartungsvolles Grinsen über sein Gesicht. Er bemüht sich dann auch enthusiastisch, mir einige tolle Angebote zu machen.
»Ich, ich würde aber gern mein altes Fahrzeug in Zahlung geben«, sage ich nach einer Weile.
»Welches Fahrzeug?« Er zieht erstaunt seine Augenbrauen hoch, guckt mich von oben bis unten an.  »Aha, der da. Na ja, sollte kein Problem sein«, meint er dann, »da schaue ich mal schnell in die Liste, reichen sie mir mal den Fahrzeugschein rüber!«
Er tippt eifrig eine Reihe Zahlen in seinen Taschenrechner.
»Oh«, sagt er dann, »unter der Voraussetzung, dass wir nichts mehr in das Schätzchen hineinstecken müssen, hat er noch einen Wert von 12,50 €.
»Wie viel??«
, frage ich ungläubig.
»Zwölfffuffzig, aber ich kann ja noch mal schauen, vielleicht lege ich noch etwas drauf!«Er geht um unseren Bully herum, seine Augen werden immer größer.
Dann entfährt ihm ein: »Soll das ein Witz sein? Den kann ich mit Schlüssel und Papieren auf dem Hof stehen lassen, den klaut noch nicht mal einer!«
»Och, sage ich, die paar kleinen Beulen ...!«
»Wissen sie was«, sagt er dann, in dem er sich verschwörerisch umschaut, »ich hab einen Bekannten, wenn sie dem 50 Euro geben, haut er den durch die Presse und sie sind ihn los.«
Er wedelt mit den Händen. »Von mir jedenfalls kriegen sie keinen müden Cent dafür.«
Okay, dann eben nicht. Wenn er mir für den Bully nichts mehr geben will, kaufe ich auch nichts bei ihm. Ich fahre also wieder nach Hause.
Am nächsten Morgen finde ich einen Werbezettel unter der Windschutzscheibe:


Wir kaufen gern ihr altes Auto!


Na, denke ich, ist ja mal ein Wort. Ich greife also umgehend zum Telefon und sofort meldet sich am anderen Ende eine mürrische Männerstimme. »Ja, was is?«
Na gut, ist ja früh und der Tag noch jung. »Guten Morgen«, sage ich, »sie wollen mein Auto kaufen?«
»Da weiss ich nix von«, sagt die mürrische Stimme, »bring’n se den ma vorbei!«
»Was bieten sie mir denn dafür?« frage ich. 
»Eh Mann«,
 sagt die Stimme, »Wie soll ich dat denn wissen, ich hab den doch noch nich jesehn! Komm se vorbei!«
Na klar, er hat ja den Bully noch nicht gesehen. Ich mache mich also schnurstracks auf den Weg.
Wieder solch ein fähnchengeschmückter Hof, hübsch hässlich bunt. Aber ich will ja auch kein Kunstwerk betrachten.
»Warum ham se den Wagen nich jleich mitjebracht,« fragt ein kleiner dicker Mann, der zu der Stimme am Telefon passt.
»Hier ist er doch«, antworte ich.
Der Dicke schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen. Dann schreit er in hohem Diskant: 
»Der? Der steht noch beim Jüngsten Gericht auf meinem Hof.«
»Aber, guter Mann«
, sage ich, »ich hatte doch heute früh diesen Zettel am Wagen!«
»Das kann nicht sein, das waren bestimmt Kinder. Nee, nee, den nehm se man wieder mit.«

Dann holt er tief Luft, und in dem er sich zu mir herüberbeugt: 
»Aber, wissen se wat? Ick kenn da een, wenn se dem ...« 
Ich winke ab: »Ich weiss schon, wenn ich dem 50 Euro gebe, dann haut er den durch die Presse.«

Nein, dann soll es eben nicht sein, ich nehme ihn wieder mit.
Aber ich hab da eine Idee. Ich stell den Bully als Laube in meinen hinteren Gartenbereich. Dort bleibt er dann schön bunt bemalt als Denkmal an frühere Zeiten stehen. Das hat er schließlich auch verdient!


©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Meine Güte, da schießen mir viele Gedanken durch den Kopf…
    Lieber Horst, beim Lesen musste ich schmunzeln bis lachen und dann kamen nachdenkliche Gedanken. Rührend, traurig und lustig und das Ende am schönsten. Das mit dem fünfzig Eure hat mich an die Geschichte mit meinen Citroën, noch vor der Euro Zeit erinnert. Tatsächlich, wäre ich überglücklich damals gewesen, hätte jemand mein Auto samt fünfzig Mark mitgenommen… Das ist aber ganz andere Geschichte gewesen. Euer Max war wie ein Familienmitglied und hatte euch durch die vielen Jahre begleitet und einiges durchgestanden. Nicht, wie heute, wo die Autos, wie Handschuhe gewechselt werden. Es scheint, heutzutage werden Autos unter dem Aspekt, gekauft, um besser verkauft zu werden. Eurer Auto hatte einen Namen, Max. So, wie du darüber erzählst, war er mit euch sehr verbunden, fast beseelt.
    Er freut sich bestimmt, dass er bleiben darf und ist sicherlich bereit auch die Umwandlung zu der Gartenlaube zu durchstehen.
    Ich hätte ihn auch nicht weggegeben. Liebe Grüße von der Grażyna

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  2. Danke, Grazyna, selbst beim Schreiben musste ich lachen, glaub mir. Aber das passte so wunderbar und der Berliner Dialekt dazu ...
    Grüße an Deinen Tag,
    Horst

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  3. lieber Horst Ehre wem Ehre gebührt, wer es so lange mit einem aushält, ein so treuer Freund ist, bleibt es ein Leben lang. verkaufen - und damit entwerten würde dem maxl echt weh tun (schätze ich mal) und wenn Maxls von diesem Kaliber weinen, au backe dann kommt ein Regenguß aus dem Himmel geschossen, geht gar nicht! - ist meine Meinung - und ich denke, als Tummelplatz für Bienen,Wespen, Spinnen bekränzt vom blauen Himmel macht er sich hübsch geschmückt mit Farbtupfern sehr gut in deinem hübschen Garten, es ist eine lebensnah entzückende geschichte zu der er dich inspiriert hat..
    Grüße an Maxl von meinem alten blauen, der das nur zu gut verstehen kann!(wie du jetzt handelst..:-))
    herzlichst Angel...

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  4. Ach Engelchen, wenn doch alle Freunde so treu bleiben wie dieser Max, kann die Welt nicht schlecht sein! Max grüßt zurück - auch an den Blauen -
    und ich natürlich auch,
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]