17. Juli 2017

Was ist dahinter?

Als kleiner Junge war ich durch eine Hüftgelenkentzündung für einige Monate stark behindert und an ein Gipsbett gefesselt. Heute würde man solch eine Krankheit sicher völlig anders behandeln, damals im Jahre 1940, dem ersten Kriegsjahr, war der Stand der Medizin noch ziemlich von altertümlichen Strukturen durchsetzt.
Es war das Jahr, in dem ich normalerweise eingeschult werden sollte. Daraus wurde dann nichts, darüber war ich sehr traurig, hatte ich mich doch schon wirklich sehr auf die Schule gefreut. Die gefüllte Schultüte lag noch monatelang im Schlafzimmerschrank versteckt und harrte des Tages, da sie in Gebrauch genommen werden sollte.
Meine Großmutter jedoch hatte Erbarmen mit mir! Sie besorgte mir ein Lesebuch (Fibel), Rechenbuch und Schiefertafel! 
Ob man es nun glauben mag oder nicht: Nach bereits drei Monaten konnte ich fließend lesen und schreiben. Jedenfalls  war es mir möglich, den Nachteil der Bettlägerigkeit ganz toll zu kompensieren, so dass ich später bei meiner tatsächlichen Einschulung sofort in die 2.Klasse übernommen wurde.
Mein allererstes Buch, das ich nach etwa vier Monaten selbständig las, war ein Klassiker: 
»Die Schatzinsel« von 
Robert Louis Stevenson. 

Ich erinnere mich noch genau an die ersten Seiten des Buches. Da ich ja kein Wort Englisch konnte, sprach ich die Namen der handelnden Personen recht deutsch aus. 
z.B. der Squire hiess bei mir S-qu-ire, und Jim natürlich Haw-kins. Im Nachhinein zum Schmunzeln, damals war es aber ganz schön schwierig für einen sechsjährigen Jungen, mit diesen Worten umzugehen.
Jedenfalls hatte ich in diesen langen Wochen ausreichend Zeit, mir immer wieder Gedanken zu machen über Dinge, die ich mir nicht erklären konnte. 

Eine Ungereimtheit ist mir da besonders im Gedächtnis geblieben: Das Blau des Himmels! Es hatte auf mich eine unwahrscheinliche Wirkung, eine Art Übernatürlichkeit, die ich damals nicht ergründen konnte. 

Dieses Coelinblau war mir schließlich so vertraut, dass es fast zu mir gehörte. Ich versuchte, hinter dieser Farbe etwas zu erkennen, etwas Greifbares herauszufinden. Was war hinter diesem Blau?

Mit den Wolken, die vor dem Himmelsblau vorbeizogen, wurde dann die ganze Geschichte noch interessanter, das mannigfaltige Spiel der sich ständig wandelnden Wolkenbilder bekam durch die eigene Fantasie stets neue Nahrung.
 Diese fantastische Wirkung des Himmels mit seinen bizarren Cumulus-Wolkengebirgen oder auch das zarte Gespinst der Zirruswolken zieht mich bis zum heutigen Tage immer noch in seinen Bann.
Was aber war dahinter, was verbarg sich hinter den fantastischen Bilder? Was war hinter dem Blau?
Die Erwachsenen, die ich danach fragte, konnten mir keine ausreichende Antwort geben, die meinem frühkindlichen aber überaus wachen Verstand genügen konnte. Wissenschaftliche Erklärungen wären sicher nicht angebracht gewesen, kindhafte dagegen tat ich als Märchen ab. 

Was also blieb davon?
Für den kleinen Jungen, der noch lange ans Bett gefesselt war, blieb die Frage nach dem »Dahinter« eine offene, ungelöste Aufgabe.
Natürlich weiss ich heute, fünfundsiebzig Jahre später, wie dieses Phänomen zu erklären ist.
Aber ich will es einfach nicht wahrhaben! 

Für mich bleibt dieses Rätsel aus der Kinderzeit ein Relikt aus einer Zeit, als man noch an Wunder glaubte.
Und das unendliche Blau des Firmaments hat seine fantasievolle Anziehungskraft auf mich behalten, ohne dass ich noch fragen muss: Was ist dahinter ...

©byWildgooseman

Kommentare:

  1. da lächle ich ganz still und leise vor mich hin (lieber Hosrt denn: wie gut kenne ich dieses §"HINTERFRAGEN - hab ich auch immer und manchmal
    mach
    ich es
    noch!
    Abgesehen von der Tatsache dass du als 6jähriger ans bett gefesselt warst und nicht in die Schule KONNTEST um deinen Lerneifer einzusetzen finde ich es phantastisch dass du dies eigenständig zuhause geschafft hat so weit zu kommen um in das 2. Schuljahr eingestuft zu werden! Alle Achtung, da steckte wohl -
    schon damals der Schreiber in Dir!°
    das Blau des Himmels - immer wieder und immer wieder jeden tag
    und jede Stunde neu
    bewirkt bei mir
    auch immer wieder
    kindhaftes Staunen..
    herzlichste Grüße
    angelface

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  2. Ja, liebe Angel, es ist nun mal nicht so einfach, aus einem Kreis herauszutreten! Man ist dann oft ein Aussenseiter, denke ich mir. Aber dennoch: "Wer nichts weiss, muss alles glauben!"
    Dieser Satz beinhaltet dann aber auch, dass man fragen muss!!
    Und das mache ich - bis heute ...
    Heute frage ich ganz einfach: " Ich hoffe, es geht Dir gut?????
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]