6. September 2017

Der schreibende Mitmensch.


Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Er scheint immer auf der Suche nach Ruhe zu sein und in dieser Suche fällt er in eine Rastlosigkeit, die sehr oft in einer Unzufriedenheit mündet.
Die unzähligen Vorher-und Nachher-Illustrationen kennen wir alle aus entsprechender Werbung. Sie gaukeln uns einen Effekt vor, der dann niemals real werden kann, sie sind ein reines Produkt der Fantasie, mit der uns mitgeteilt werden soll, was alles geschehen könnte, wenn wir nur das entsprechende Produkt erwerben.
Oft kann das auch sehr spannend sein und oft auch inspirierend, auch ich ertappe mich manchmal dabei, einige Einfälle herauszukramen und sie dann in die Tat umzusetzen. Ich denke, daran ist auch gar nichts Merkwürdiges. Haben wir uns nicht auch schon oft gefreut, wenn unsere eigene Kreativität einen Anstoss bekommen hat, die dann in eine Schaffenskraft mündete?
Wir standen dann später vor dem vollendeten Ende dieses Schaffens und waren voll zufrieden mit unserem Tun, oft auch ein bisschen stolz auf das Geschaffene. Ist es nicht so, dass man sich auch ein wenig bestätigt vorkommen darf, wenn etwas gelingt, auch wenn der Anstoss dazu von aussen kommt? Denn alles, was wir mit unseren eigenen Händen schaffen, hat für uns selbst doch einen ganz besonderen Wert.
Allerdings wird dies meines Erachtens dann sehr bedenklich, wenn dieses Schaffen - ob nun von aussen angefacht oder aus der eigenen Unrast heraus - zu einer zwanghaften Haltung wird, die von Ruhelosigkeit und Unrast gespeist, sich durch alle Bereiche des Lebens bemerkbar macht. Solch eine unstete Hektik kann ganz schnell die Form einer Dependenz annehmen.
Mir fällt das schon des Öfteren in den Blogs auf. Da findet man bei manchen Bloggern eine Betriebsamkeit, die fast unerklärlich ist.
Für so manchen Menschen scheint der Ausspruch
»Stillstand ist Rückschritt« die Lebensmaxime zu sein. Immer auf der Suche nach dem Neuesten, immer in Sorge, etwas zu verpassen und unablässig angetrieben von dem Gedanken, aus dem eigenen Leben das Allermöglichste heraus zu holen.
Alles »Vorher« scheint nur noch verbesserungswürdig zu sein, jedes »Nachher« wird zu einer unabdingbaren Anstrengung, in welchem Lebensbereich es auch immer sein mag. Dann aber, sobald das gesteckte Ziel erreicht ist, offenbart sich alsbald die nächste Bedingung, die erfüllt werden muss. Der ganze Ablauf wird somit zu einem Zwang, den es stets von Neuem zu erfüllen gilt.
Unter diesem Aspekt stellt sich mir dann doch die Frage nach der Ruhe und der Musse, um das Geleistete bzw. das Geschaffene auch geniessen zu können. Wo bleibt dann die Zeit, dass dem Erfolg einer Tätigkeit die Anerkennung zuteil wird, die es verdient hat? Wo die Gelassenheit, sein Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten, auch wenn diese Vorstellungen nicht der landläufigen Meinung oder Mode entsprechen?
Es gibt so manches Mal bei mir den Wunsch, dem Einen oder Anderen mehr Mut zu wünschen, um an das zu glauben, was er tut. Aber auch daran, dass es manches Mal mehr als genug ist, was er geschaffen hat; dass nicht immer wieder zum gleichen Thema etwas Neues hinzugefügt werden muss, weil es dann nämlich keine neue Nachricht mehr ist, sondern nur noch eine bedeutungslose Aussage.
Dieses Phänomen stelle ich mehr und mehr in den sozialen Netzwerken fest, wie z.B. bei »Twitter«. Viele der Schreiber machen sich nicht mehr frei von all den Faktoren, nach denen wir alle zu gern unsere Umwelt einstufen und oft auch nach Gesichtspunkten kritisieren und zensieren, weil sie nicht den unsrigen entsprechen. Es geschieht immer weniger, dass jemand als selbständige wertvolle Persönlichkeit wahrgenommen wird; vielmehr und immer öfter nur als Objekt, an dem man den eigenen Frust loswerden kann.
Stillstand muss doch kein Rückschritt sein! Wenn der Geist, der den Schreiber beseelt, wach und frei bleibt und sich nicht dem unterordnet, das man den Zeitgeschmack nennt. Dann kann man auch innovativ sein, zielstrebig dem Thema nachgehen, ohne sich ständig wiederholen zu müssen. Innovation heisst doch auch »Erneuerung« und kann durchaus bedeuten, dass man eigene Wege gehen kann, ohne auf den Zeitgeschmack oder dem modebewussten Trend folgen zu müssen. Das ist schwer, sicherlich, aber durchaus machbar.
Bewusste Schreib- und auch Veröffentlichungspausen einhalten und nicht nur immer nur schreiben, um ja nicht vergessen zu werden, das wäre das Nonplusultra der Blogger! Keiner muss sich durch fremdbestimmte Massstäbe gängeln lassen. Dabei sein um des Dabeiseins willen? Wenn das die neue Wertschätzung ist, bleibe ich gern aussen vor!

Goethe schrieb vor 200 Jahren an Eckermann:
»Man findet häufige Proben in der Literatur, wo der Hass das Genie ersetzt und wo geringe Talente bedeutend erscheinen, indem sie als Organ einer Partei auftreten!«



©by Wildgooseman 

Kommentare:

  1. Was für ein aussagekräftiger Satz, lieber Horst: "Der Mensch scheint immer auf der Suche nach Ruhe zu sein und in dieser Suche fällt er in eine Rastlosigkeit, die sehr oft in einer Unzufriedenheit mündet."
    Wie Wahr!! Dieser Satz passt nicht nur in deinen eingesetzten Blog, sondern auch in viele andere Facetten.
    Ein gutes Beispiel hast du geliefert und die grauen Zellen routieren ...
    Das musste ich jetzt einfach mal heraus stellen.
    Wie schön, dass es dich gibt.
    Ingrid

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  2. Sehr interessante Gedanken, lieber Horst !
    Die Menschen könnten Ruhe haben, wenn sie es mit sich selbst aushalten würden. Das können sie aber nicht. Die meisten können nicht einmal eine viertel Stunde stillsitzen und gar nichts tun. Sie halten die Stille, die "Lange-Weile" nicht aus und lenken sich daher mit einer geschäftigen Betriebsamkeit von sich selbst ab.
    Oder sie ergreifen - wie Hermann Hesse es beschrieb, die "Flucht in die warme Herdennähe" - und die befindet sich heutzutage überwiegend in den Sozialen
    Netzwerken. Es ist bereits erwiesen, dass Netzwerke, wie Twitter, Facebook und Blogger, eher einen negativen Einfluss auf die Nutzer ausübt und in der Tat nicht zu deren Wohlbefinden beiträgt, sondern zur Sucht und Unzufriedenheit führen kann.

    Ja, deine Beiträge regen die kleinen, grauen Zellen an. Da stimme ich Ingrid absolut zu !
    Danke dafür, einen angenehmen Tag und herzliche Grüße von
    Laura, der das Bloggen und Fotografieren immer noch viel Freude bereitet.

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  3. das sind lieber Horst ausgesprochen interessante Gedanken in den Kommentaren zu deinem Post. Du siehst, - die eigenen gedanken rumoren - wenn sie deine lesen - du setzt damit etwas in Gang!
    gut!
    es sollten sich mehr Blogger darüber definieren was und wann und wieviel und warum sie "schreiben - ob sie tatsächlich sich an wettbewerben beteiligen um nicht sebst in vergessenheit zu geraten -
    ob sie sich im Thema ständig wiederholen nur um präsent zu sein und zu bleiben..
    beiträge wie diese regen die eigenen grauen zellen an, halten oft der eigenen Zurschaustellung nicht stand...
    in der Ruhe liegt die Kraft ...
    Langeweile ist ebenso eine - lange - Weile in der man denken und überlegen kann...
    wenn man sich nicht tatsächlich ständig mit Oberflächlichem angeblich hach so wichtigem beschäftigt...
    toller beitrag lieber Horst findet das Angelchen....

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]