7. September 2017

Parteien und ihre Vertreter


»Man findet häufige Proben in der Literatur, wo der Hass das Genie
ersetzt und wo geringe Talente bedeutend erscheinen, indem sie als
Organ einer Partei auftreten!«
Diese denkwürdigen Worte schrieb Goethe vor etwa 200 Jahren an seinen jungen Freund und Gehilfen, Johann Peter Eckermann. Konnte der große Dichterfürst schon so weit in die Zukunft sehen?
Man muss es fast annehmen. Es tummeln sich heute so unendlich viele Geister, die sich auch gern »groß« nennen, die jedoch nur durch Protektion einer Partei Aufmerksamkeit bekommen.
Wobei Goethe gewiss nicht die Parteien als heutige politische Organisationen gemeint hat, sondern eben Zusammenschlüsse gleichdenkender Menschen. Und dennoch trifft es genau den berühmten Nagel auf den Kopf, wenn man heute diese Worte liest! Da gibt es eine Reihe von Personen in den politischen Parteien, die genau auf diese Schiene passen. Namen sind dabei Schall und Rauch, jedermann mit ein wenig Wissen und Bildung wird im Handumdrehen sofort einige davon nennen können, ohne sich dabei übermäßig anstrengen zu müssen.
Wie kommt es nun dazu, dass gerade diese Menschen so weit in den Vordergrund rücken, die eigentlich nur am Rande der Organisationen existieren? Ganz einfach: Weil die Führungskräfte einer Partei nie die Zeit haben, die ein Spitzenredner oder Schreiber braucht, um die Statements in solch einem Umfang selbst zu erstellen. Er müsste dann einen 48-Stunden-Tag haben.
Du wirst mir zugeben, dass es wirklich illusorisch ist, selbst alles zu produzieren, was da so im Verlauf z.B. eines Wahlkampfes an Schlagwörtern und populären Reden täglich an die Öffentlichkeit gelangt.
Der Ghostwriter eines Politikers muss sich völlig in den Geist seines Auftraggebers hineinversetzen können. Er darf sich nicht verleiten lassen, eigene Gedanken in seine Ausarbeitung einfließen zu lassen, die dem Sinn des Ganzen widersprechen würden.
Dennoch wird es immer wieder geschehen, dass diese Nebenpersonen der Politik an vorderster Stelle auftreten. Manches Mal still und zurückgezogen, ohne besonders aufzufallen; eben als hilfreiche Mitgestalter der politischen Führung ihrer Richtung.
Manchmal aber auch werden diese Randfiguren vom vollen Licht der Öffentlichkeit bestrahlt, dies geschieht dann, wenn der Hauptakteur es versäumt, rechtzeitig die Bremse zu ziehen und die Hintergrundperson auf den Platz zu verbannen, den sie eigentlich einnehmen sollte.
So geschieht es dann des Öfteren, dass eine Person von der Bildfläche verschwindet, die vorher noch im Blickpunkt stand. Dies wird dann von der Führungsspitze mit irgendwelchen lapidaren Erklärungen abgetan, jeder weiss genau, warum eine Person wieder in der Versenkung verschwindet, aber niemand spricht darüber weil die Parteiräson jedem das Schweigen auferlegt.
Die Partei für alle, die nicht wissen, was sie wählen sollen

Was unser Altmeister Goethe jedoch mit seinem Aphorismus meinte, ist etwas anderes. Es sind die Geister, die sich anmaßen, des »Kaisers neue Kleider« sofort zu erkennen, sie fühlen sich in ihrer Stellung vom Fußvolk der Partei so abgehoben, dass sie nicht mehr fühlen, worauf es ankommt.
Wenn aber der Wähler einer bestimmten Partei den Sinn des Ganzen nicht mehr erkennen kann, wird die gesamte Arbeit des - so Goethe - »Talents«, als das erkannt, was es im Grunde ist: »Vorwahlgerede« oder volkstümlich gesagt: Nur »Gelaber«! Es hat dann keine weitere Bedeutung für die Zeit der bevorstehenden Legislaturperiode, für welche das angesprochene Wählervolk ja informiert und aufgeklärt werden soll!
„wo geringe Talente „bedeutend erscheinen“, indem sie als
Organ einer Partei auftreten ...“
Sind diese Nebenpersonen einer Partei nun wirklich unbedeutend? Ich denke nicht, dass dies den Kern der Dinge trifft. Sie sind schon wichtig, weil es ohne sie nicht geht! Nur sollten sie sich klar darüber sein, dass sie allein auch nicht das Parteiprogramm ausmachen und auch nicht darstellen. Das Ganze, die gesamte Einheit einer Partei und ihres Programms ist für die Wahl wichtig. Jeder Einzelne, der sich darüber erhebt, trägt dazu bei, dass sich Querelen immer wieder einschleichen können, wie es ja auch in unserer Parteienlandschaft immer wieder geschieht.
Der Wähler möchte klare Worte, ob nun über einen Ghostwriter oder direkt von seinem Kandidaten. Diese Klarheit der Argumente aber fehlt oftmals im Wahlkampf.

©2017 by Wildgooseman

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]