9. Januar 2018

Ein Liebeslied!


Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer,
Wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.
Frei sind wir, da zu wohnen und zu gehen.
Frei sind wir, ja zu sagen oder nein.

Myriaden von Liedern und Dichtungen gibt es über die Liebe. Kein Song-Festival, keine wie immer geartete Veranstaltung - (neudeutsch Event genannt)- kommt ohne die Verherrlichung dieser menschlichen Sehnsucht nach Erfüllung des Lebens  aus. Ist ja auch klar, die Liebe ist das beherrschende Merkmal unseres Daseins. 
Die wohl bekannteste Dichtung sind wohl die Worte des Paulus: »Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.«
Hier können wir gleich zustimmen, das klingt eben gut. Und doch beschleicht mich beim Lesen dieser Texte ein ungutes Gefühl. Es hört sich gut an, sicher – aber zu gut um wahr zu sein.
»Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf«, und dann: »sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.« 
Spätestens hier bin ich raus aus dem Spiel. Eine solche Liebe habe ich nicht und habe sie nie gehabt. Vielleicht würde ich sie gerne haben, vielleicht auch nicht einmal das: alles ertragen? alles glauben? alles hoffen und alles dulden? 
Das ist wirklich zu viel des Guten. Mir fehlt etwas an diesem Text. Er ist mir irgendwie zu dogmatisch. »Hätte der Liebe nicht« – kann ich Liebe überhaupt jemals haben, besitzen? Natürlich: Wenn ich mich aufblähe, ist von Liebe nicht mehr allzu viel zu spüren. Aber gibt es da wirklich keinen anderen Spielraum? 
Ganz anders geht es mir mit einem anderen Liebeslied, das es in unser Gesangbuch geschafft hat. »Herr, deine Liebe«. Viele, und vor allem viele Theologen und Kirchenmusiker mögen dieses Lied nicht.
 Und in der Tat, es ist auch ungewöhnlich, dieser Text ist vielsagender als andere »kirchliche Liebeslieder«  Ich selbst, das bekenne ich ehrlich, ich liebe dieses Lied! Vielleicht liegt es daran, dass ich damit sehr früh religiös verbunden wurde? Kann sein, aber ich glaube es nicht, das ist es nicht wirklich. Ich liebe dieses Lied, weil es so gar nichts Dogmatisches und Korrektes mitbringt. Es ist für mich wie ein Strandspaziergang, wie wehende Haare und Freiheit und Ferien und die rauschenden Wellen und Sonne und Wind auf der Haut und und und …
Wie das Land, das ich liebe, so auch das Lied »Herr deine Liebe«. Und dabei spüre ich schmerzhaft, dass ich in dieser Welt gefangen bin. 
Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis. Klingt ein wenig pathetisch, aber ist doch wahr: Immer wieder treten uns dieselben Menschen in die Hacken!

Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden,
Freiheit, aus der man etwas machen kann.
Freiheit, die auch noch offen ist für Träume,
Wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.

Immer wieder werden wir von denselben eigenen Macken ausgebremst. Immer wieder sehen wir das Ende des Regenbogens, und wenn wir knapp davor sind, dann verschwindet er. Wie ungerecht scheint uns das Leben doch zu sein, immer trifft es uns, womit haben wir das denn verdient! Aber wir werden aufgefangen, von Gott, von seinen Händen.
In diese Hände befehle ich meinen Geist. Nein, viel mehr: Ich werfe mich in seine Arme, wie ich mich in die Wellen werfe – in der Hoffnung, dass sie mich tragen, dass ich nicht untergehe, sondern lebendig bleibe. Und ob es gelingt, das kann ich nur wissen und erfahren, wenn ich es immer wieder probiere und wage und tue. 

Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen,
Und nur durch Gitter sehen wir uns an.
Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis
Und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.

Und dann wieder: »Gott, wenn du uns frei sprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen.«  Mit diesem guten Gefühl wende ich mich wieder dem Hohelied der Liebe zu, und da fängt es für mich an zu leuchten. Es kommt nämlich nicht darauf an, dass ich etwas habe oder mich um etwas bemühe: 

Dass ich Weisheit erlange und dann auch noch Liebe, dass ich alles Wissen hätte und die Geheimnisse kenne und allen Glauben hätte und dann noch die Liebe dazu. Aber auch das Gegenteil stimmt nicht: Dass ich auf Weisheit und Glauben und all das verzichten könnte und nur die Liebe bräuchte und dann wäre alles gut. Denn die Liebe kann ich nicht erlangen. Ich kann mich ihr nur aussetzen wie dem Wind und den Wellen und der Freiheit des Meeres. Und wenn ich die Liebe nicht spüre, dann kann es durchaus sein, dass ich irgendwo bin, wo sie tatsächlich nicht weht. Man kann sich damit sogar abfinden, kann sich einrichten in einer Welt ohne Liebe, kann sagen: Habe zu viel zu tun und überhaupt – gibt es das überhaupt, den Ort, wo die Liebe weht?

Herr, du bist Richter. Du nur kannst befreien.
Wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da.
Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen,
Soweit wie deine Liebe uns ergreift.
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer,
Wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.

 Kann man sich einrichten in einer Gegend voller Hass und Angst – und mir scheint, dass diese Regionen in Deutschland immer größer werden. Es gibt es solche Orte in jeder Stadt. Es lohnt sich zu fragen, wo sie sind. Es lohnt sich, sie zu suchen. Und woran erkenne ich, dass ich an einem solchen Ort bin? Na, ganz einfach: Dort, wo die Menschen geduldig sind und gütig. Wo sie mir ihre Meinung nicht mit Gewalt aufdrängen wollen, wo sie nicht prahlen und sich nicht aufspielen. 
Ja, ja, ich weiß: Diese Orte bekomme ich nicht in Reinkultur. Aber an der Nordsee sieht es auch nicht ständig so aus wie in der Jever-Werbung. Es ist dort mal nass und mal kalt und mal nasskalt. Und das Meer gerade dann weg, wenn man es mal braucht. Aber das macht nichts. Es ist das Meer, es ist die Freiheit. Es ist das Leben. Man kann es spüren. Und dann, dann bricht wieder die Sonne durch, und alles ist gut. 
Und so ist es auch mit der Liebe: Jetzt ist alles nur unvollkommen. Unser Handeln ist durchwachsen von allen möglichen zweifelhaften Motiven. Unser Erkennen ist stückweise – wir kennen nur wenig vom Anderen, von uns, von Gott. 

Und genau das macht unsere Liebe aus: Dass wir nicht meinen, dass wir schon alles wüssten. Dass wir unseren Nächsten nicht in Schubladen stecken. Dass wir neugierig bleiben und offen für Überraschungen. Dass wir Gott suchen. Unsere eigene Liebe ist unvollkommen, und das ist gut so. Aber es gibt eine Liebe, die vollkommen ist. Sie ist immer da, und wir leben von ihr, wie wir von der Sonne leben. Und genauso wenig, wie wir uns nicht ständig der Sonne aussetzen können, würde diese Liebe uns verbrennen, wenn wir ihr ständig ausgesetzt wären. 

Wir brauchen einen Ort, zu dem Menschen kommen können, wenn sie die Liebe suchen. Eigentlich ist es ganz einfach. Und dann doch wieder ganz schwer, unter den Bedingungen dieser Welt. Aber wir sind auf dem Weg. Es ist ein Weg, den wir nicht alleine gehen. Viele Menschen gehen ihn mit – und mit uns geht Gott.
Er behüte uns auf all unseren Wegen!

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Lieber Horst,
    Für mich stellen sich die Fragen: Was ist Gott und was ist Liebe ?
    Wenn ich mir Gott vorstelle, dann als mächtiges, geistiges Wesen. Eine überirdische Macht, die über allem steht.
    Vielleicht haben die Menschen Gott erfunden, weil sie eine Erklärung für das Wunder der Natur brauchten und etwas, an das sie glauben können, an etwas Übermächtiges, das ihnen Kraft, Hoffnung und Zuversicht schenkt – das wiederum wäre dann wieder Liebe. Liebe ist mehr als ein Gefühl, denn auch Liebe ist mächtig. Liebe entspringt auch dem Geist, denn lieben zu können, bedeutet so Vieles und beinhaltet so Vieles. Jeder Mensch versteht wahrscheinlich etwas anderes unter Liebe. Liebe ist auch Hingabe, Vertrauen, Verständnis, Leiden und Trauer. Kann man Liebe überhaupt suchen ?
    Man kann an die Liebe glauben, genau wie an Gott, man kann Liebe verschenken und Liebe geschenkt bekommen, aber nicht besitzen. Und müsste man Liebe beweisen, ist es keine Liebe mehr.
    Wissen und Freiheit, das sind auch sehr interessante Themen. Ach, wenn ich aufzählen würde, was ich so gerne noch alles wissen möchte, es würde den Rahmen sprengen. Es ist einfach eine Frage der Zeit, die auch niemand besitzen kann. Zeit nimmt man sich und schon muss man Prioritäten setzen und sich danach richten, was einem persönlich wichtig erscheint. Schade finde ich, dass den Menschen heutzutage so wenig Zeit zu bleiben scheint für Diskussionen. Die Menschen sind durch ihren Arbeitsalltag so eingespannt, dass sie sich tatsächlich zu ihren eigenen Sklaven machen. Und schon sind wir beim Thema Freiheit, von der ich glaube, dass es sie gar nicht wirklich gibt. Wir bilden uns nur ein frei zu sein, denn selbst unsere Gedanken werden von außen beeinflusst. Wir sind allem, was um uns herum passiert, ausgesetzt und all dieses Geschehen, die Informationen manipulieren auch unsere Gedanken.
    Ach, wie gerne wäre ich weise ! Doch woran erkennt man überhaupt ob ein Mensch weise ist ? Wichtig wäre doch, dass wir im Laufe unseres Lebens zu Erkenntnissen gelangen, die unser Leben positiv beeinflussen, so dass wir glücklich und zufrieden sind. Sind wir glücklich und zufrieden, strahlen wir das auch anderen Menschen gegenüber aus – und das könne dann auch wieder so eine Art Liebe sein. Doch leider, so mein Eindruck, geht die Liebe und die Wärme in dieser Welt immer mehr verloren. Es ist kalt geworden in dieser Welt !
    Herzliche Grüße für Dich, lieber Horst, von
    Laura, die danke sagt für deine inspirierenden Gedanken.

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  2. Liebe Laura! "Ach, wie gerne wäre ich weise!" Welch ein Wunsch! Ich bewundere Deine Aussage. Wirklich, ohne Wenn und Aber. In diesem Sinne BIST Du weise. Allein das Nachdenken darüber ist es schon wert, immer wieder erwähnt zu werden.
    Gewiss, der Arbeitsalltag sorgt dafür, dass wir kaum zu unseren eigenen Gedanken finden. Ich selbst habe diese Phase hinter mir, habe dabei festgestellt, dass es eine Reihe von realen Dingen gibt, die mir nichts mehr anhaben können. Du meinst, dass die Liebe und die Wärme immer mehr verloren gehen? Ich kann das nicht so glauben, weil ich jetzt - gerade in dieser Zeit - immer mehr davon speisen kann. Wir, liebe Laura, können doch auch immer wieder von dieser Wärme abgeben. Vielleicht liegt diese Einstellung daran, dass ich schon weit über acht Jahrzehnte auf dem Rücken trage? Vielleicht wird man dann "weiser"? Nein, ich gewiss nicht.

    Bin ich heute ein anderer Mensch als in meiner Kinderzeit? Ich denke schon.
    Aber alles ist veränderbar, die Low’s und High’s im Ablauf meiner Zeit haben mich geprägt. Ich denke anders, ich fühle anders, ich empfinde anders. Viel intensiver, einprägsamer. Ich habe festgestellt, dass ich mich mit mehr Einfühlsamkeit in den anderen Menschen hineinversetzen kann, mitfühlen, mitleiden!
    Habe ich das als junger Mensch auch schon gekonnt? Ich weiß es nicht.
    Die Zeit war eine andere. Ob sie besser war, wird die Geschichte zu beurteilen haben. (Für uns Menschen war es stets früher besser. Seltsam.)
    Ich habe alles mitgenommen, was ich bekommen konnte. Es war sicher nicht allzu viel, das lag auch daran, dass mir die Rücksichtslosigkeit fehlte, die Erfolgsmenschen produziert!

    Immer voller Vorurteile und Ressentiments, musste ich später dann feststellen, dass diese Vorverurteilungen stets irgendwann auf mich selbst zurückfielen. Und heute?
    Heute bin ich sehr viel toleranter, und doch ist mein Abscheu gegen Ungerechtigkeit immer noch der gleiche wie vor einem halben Jahrhundert.
    Immer wieder habe ich Fehler gemacht, immer wieder und immer wieder. Auch heute noch. Aber niemals die gleichen Fehler ein zweites Mal!

    Was also ist das Fazit?
    Plus / Minus ”0”. Aus meiner Sicht.
    Aus der Sicht meiner Mitmenschen könnte ich kein Urteil fällen.
    Muss ich auch nicht. Wozu auch?

    Ich danke Dir für Deinen umfangreichen Kommentar, der mir wieder neue Gedanken in den Kopf setzt! So. Damit kann ich wieder die kommenden Seiten füllen ...

    Auf jeden Fall wünsche ich Dir ein wunderschönes Weekend,
    Bis demnächst, Horst

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  3. Vielen Dank, lieber Horst, für deine Antwort auf meine Gedanken. Wenn ich deine Zeilen lese dann werfen sie sofort wieder neue Fragen auf. Es gibt so Vieles, worüber man philosophieren kann ! Anregend und eine Herausforderung wird es für mich meist dann, wenn ich versuche die Gedanken des anderen zu widerlegen.
    Das ist ein sehr spannender Vorgang.
    Anyhow, lieber Horst, ich bin absolut erstaunt und überrascht, dass du das achtzigste Lebensjahr bereits überschritten hast und schon bald deinen vierundachtzigsten Geburtstag feiern darfst.
    Es ist so schön, dass es dich gibt ! Gib' weiterhin gut auf dich acht, damit ich noch viel von dir lesen und lernen kann ! Damit möchte ich auf keinen Fall aufhören.

    Also lieber Horst, vorher darf ich ja nicht gratulieren. Vielleicht verrätst du mir deinen Geburtstag ausnahmsweise ?

    Ich wünsche dir noch einen angenehmen Rest-Sonntag sowie eine heitere Woche - und freue mich schon jetzt, wieder von dir zu lesen.
    In diesem Sinne herzliche Grüße - bis zum nächsten Mal - von
    Laura, die unbedingt davon überzeugt ist, dass DU weise bist ! Das lese ich immer wieder aus deinen Zeilen heraus - wirklich !
    Mach's gut, lieber Horst !

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]