8. Januar 2018

Lehren und Lernen als demokratische Entwicklung

Demokratieverständnis

Von all den bekannten Staatsformen, die wir in unseren Kulturen kennen, ist die liberale Demokratie die am besten geeignete, um falsche Entwicklungen und Irrtümer in der eigenen Politik zu erkennen und danach auch zu korrigieren.
Die liberale Demokratie ist ein lernendes System, dies jedoch nur, wenn wir es auch sind und unsere Diskussionsbasis sich auch darauf ausrichten kann. In einer Welt, die immer dynamischer und komplexer wird - und dadurch auch undurchsichtiger - muss die Lernbereitschaft zur Basis unserer politischen Identität werden, das ist unabdingbar. Wer sich da nicht als ständig Lernender versteht, weil er lieber sein eigenes politisches Ichbewusstsein verteidigt, trägt mit dazu bei, dass Polarisierung und auch gefühlsbestimmtes Verhalten immer leichteres Spiel haben. Sachliche Debatten und politische Alternativen werden dabei immer weiter an den Rand gedrängt, weil Emotionen stets in ausreichendem Maße in die Menge gestreut werden. Wer sich hiervon beeinflussen lässt, ist weder ein echter Demokrat noch ein echter intellektueller Bürger.

Einige Grundsätze 

sind es dabei wert, beachtet zu werden. Diese Thesen kann man mit Fug und Recht als trivial bezeichnen, tatsächlich aber werden sie ständig missachtet. Und das vom »einfachen« Bürger genau so wie von denjenigen, die sich selbst als »Intelligenz« betrachten!
    Sachargumente sollten immer ernst genommen werden. Vor allem dann, wenn sie aus einer Richtung kommen, der man möglichst das Wort verbieten möchte. Bei persönlichen Berichten kann es sinnvoll sein, manchen Menschen mehr zu vertrauen als anderen. Wenn das nun auch für politische Argumente zählen soll, hängt es jedoch nicht von der Person ab, die sie äussert. Es ist doch oft so, dass gleiche Argumente von unterschiedlichen Personen aus gänzlich anderen Bereichen vorgebracht werden, ohne dass die Wahrheit näher geprüft werden kann.
    Es geschieht immer wieder, dass sich Demokraten unterschiedlichen und auch abweichenden Meinungen regelmässig und bewusst stellen müssen. Wenn wir nun unsere eigenen Überzeugungen nicht ständig kritisch überprüfen, werden sie letztlich nur noch zu »toten Dogmen« werden.
    Weil es eben unbequem, vielleicht sogar ärgerlich ist, mit Darstellungen und Haltungen konfrontiert zu werden, die unserer eigenen Meinung widersprechen, ist es wichtig, dass wir hin und wieder bewusst die "ideologische-Umzäunung" unserer Gedanken verlassen! Dafür sollte man vielleicht hin und wieder eine Tageszeitung mit einer anderen Orientierung lesen, sich unkonventionelle Blogs anschauen oder Sachbücher kaufen, das die eigenen lieb gewonnenen Sichtweisen hinterfragt!
     Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, die andere Meinungen vertreten als wir selbst sollten wir dazu auffordern, diese auch ausführlich zu begründen, statt sie zu entmutigen oder vielleicht gar dabei auszugrenzen. Immer ist es das persönliche Gespräch, das hier die beste Gelegenheit bietet, seine eigene Sichtweise zu überprüfen und eben auch von anderen zu lernen. Wer andere Demokraten nicht ernst nimmt oder ihnen ausweicht, weil sie politisch anders denken, verrät dabei seine eigene Intoleranz und Arroganz. Schlimmstenfalls untergräbt er damit auch die Einheit der Demokraten und hindert die demokratische Willensbildung. 
    Wichtig ist es auch, kritisch auch gegenüber der eigenen politischen Position zu sein. Keiner kann allein schon deshalb stolz auf sein »kritisches Bewusstsein« sein, weil er den derzeitigen Verhältnissen mit Skepsis begegnet oder etwa ihre Legitimität infrage stellt. Wer aber einfach nur die Kritik anderer Leute übernimmt, ohne sie eigenständig zu überprüfen, ist in Wahrheit genauso unkritisch wie jemand, der das Bestehende akzeptiert, ohne es zu hinterfragen. Eine kritische Einstellung hat nur derjenige, der jede politische Richtung grundsätzlich für anzweifelbar hält und sich auch immer wieder fragt, ob er seine eigenen Überzeugungen auch wirklich gut begründen kann. 
   
     Ständige
Lernbereitschaft muss ein wesentliches Element des Egos eines Demokraten sein. Er sollte nicht stolz darauf sein, dass er immer loyal zu seinem politischen Lager stand und dessen Linie nie verlassen hat. Er muss sich vielmehr darauf etwas einbilden, dass er seine Meinung stets wieder geändert hat, wenn es dafür gute Gründe gab! Jeder von uns sollte sich fragen, ob er in den vergangenen Jahren seine politische Ansichten geändert hat. Wer dies schon lange nicht mehr getan hat, muss sich ernsthaft fragen, ob er wirklich politisch so viel kompetenter ist als der Rest der Bevölkerung?
    Selbstverständlich muss immer sein, dass anerkannte wissenschaftliche Befunde auch akzeptiert werden, wenn sie der eigenen Einstellung widersprechen. Dabei sollten Forschungsergebnisse nicht als Felsen der Wahrheit angesehen werden. Es gibt schließlich auch in den Fachwissenschaften viele Kontroversen, die oft dazu führen, dass Wahrheiten von gestern heute als überholt gelten. Wissenschaftliche Verfahren sind dennoch am ehesten geeignet, Aussagen über die reale Wirklichkeit in wahre und falsche Ansichten zu unterteilen. Es gibt mithin keinen sachlichen Grund, die aktuell herrschenden Meinungen einfach abzulehnen.
    Schließlich glauben wir auch alle, dass sich die Erde um die Sonne dreht, obwohl wir dafür keinen anderen Grund angeben können als das Wort der Astronomen. Das gleiche muss für jeden wissenschaftlichen Befund gelten, der momentan die klare Mehrheitsmeinung der betreffenden Disziplin darstellt. Vor allem sollte man sich davor hüten, ganze wissenschaftliche Disziplinen wie Biologie, Klimawissenschaft, Psychologie, Ökonomie,  Schulmedizin und so fort in Zweifel zu ziehen, nur weil einem »die ganze Richtung nicht passt«, die sie in der letzten Zeit genommen haben. Wer sich so verhält – und leider sind das erschreckend viele –, läuft Gefahr, sich aus den sachlichen Diskussionen einfach auszugrenzen.
    Alle Teilnehmer an einer Debatte sollten sich einander respektvoll begegnen und bewusst die Person des Gesprächspartners achten. Es ist nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, es ist auch die Voraussetzung für ein gutes Gesprächsklima überhaupt. Gegenseitiger Respekt fördert nachweislich auch die Lernbereitschaft. Menschen werden sich fremden Argumenten gerade auch deshalb verschließen, weil sie andere Meinungen als Bedrohung ihrer eigenen Ansichten wahrnehmen.

Alle Menschen sind viel aufmerksamer und offener für neue Argumente, wenn sie zuvor eine Bestätigung des eigenen Ichs erfahren haben. Wer seinem Gegenüber glaubwürdig zu verstehen gibt, dass er dessen Werte in manchen Aussagen teilt oder wenigstens für wichtig hält, erhöht immer die Chancen für eine fruchtbaren Gedankenaustausch. 


Sachlich und doch leidenschaftlich seine Meinung vertreten, das ist die ganze Klaviatur einer Diskussion. Man kann es lernen, indem man sich selbst immer wieder hinterfragt.

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für Deinen sehr interessanten Beitrag!
    Ich versuche immer den Hintergrund für eine bestimmte Meinung zu erforschen. Es ist nicht immer leicht, aber es trägt zum eigenen Verstehen bei.
    Herzliche Grüße
    Poldi

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  2. Dieser Beitrag sollte von möglichst vielen Leuten gelesen werden und anschließend sich selber infrage stellen, ob man immer so richtig liegt oder doch auch die Wahrheit woanders wohnt.
    Ein mutiger Blog, der zur Selbstkritik aufruft ohne sich selber untreu zu werden, dafür aber seine eigene Toleranz, und wenn es im stillen Kämmerlein ist, überdenken kann (sollte).
    Ingrid

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  3. Ich glaube, da ist nichts mehr zu sagen. Verständnis für Andere, Toleranz und eigenes Denken hinterfragen - das sind m.E. die wichtigsten Punkte dabei. Leider nicht oft zu finden, da jeder versucht, "seine" Meinung auf der Titelseite zu lesen.
    Danke für Euer Interesse!

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]