12. März 2018

VOR SONNENUNTERGANG

Vor Sonnenuntergang erscheinen die Schatten am längsten. Sie verdecken den Blick in die Vergangenheit und trüben die Erinnerungen.
Diese Schatten des Lebens verschleiern all das, was uns Menschen bedrückt.

Vor Sonnenuntergang
 tauchen diese Schatten alles noch einmal in ein diffuses Licht, mit ihnen wandeln sich Gedanken vom Werden zum Sein, vom Kommen zum Gehen. Es gibt in dieser Stunde des Sundowns nicht mehr allzuviel Möglichkeiten der Veränderung.
Vor Sonnenuntergang jedoch sind auch die Farben am kräftigsten, leuchten noch einmal in all ihrer Pracht, zeigen alle Faszetten des Lebens in einem Augenblick auf.
Das Purpurrot der Liebe und der Leidenschaft, Orange als Optimismus und der Lebensfreude, das Violett als Symbol der Kreativität.
Was kann schöner sein als die Farben eines Sonnenuntergangs? Man genießt nur und schaut, bis die Farben schließlich langsam aber unumkehrbar verlöschen. 


Vor Sonnenuntergang hält man noch einmal Zwiesprache mit allem, was den Tag ausfüllte. Hat er all das gebracht, was man am Morgen  von ihm erwartete? Hat man selber alles getan, um ihn auszufüllen? Ein Quäntchen Glück in den großen leeren Behälter des Tages, ein Quäntchen Liebe, ein Quäntchen Toleranz - war das genug für den ganzen Tag? 

Dann die bohrenden Fragen: Woher kam die eigene Schuld, die Schuld der Mitmenschen, die schicksalshaften Begegnungen. Woher kam  das Leid, das dieser Tag auch mit sich gebracht hat? Hat man alles getan, um anderen Menschen Glück zu bringen? Ihnen Leid zu ersparen?
Sicher nicht. Aber keiner kann das nun mehr ändern. Der Tag, die Zeit, die Vergangenheit, das sind unumkehrbare Kontinuen. Man kann den Sonnenuntergang nicht aufhalten, und man will diesen Zeitpunkt, wenn der Horizont die Sonne in sich aufnimmt, auch nicht hemmen. 

Vor Sonnenuntergang schaue auch ich noch einmal auf mich selbst zurück. Habe ich vielleicht auch selber gelitten an diesem Tage, bin ich nicht auch an der Hartherzigkeit der Umwelt zerbrochen? Haben mich die Pharisäer nicht auch in die Knie gezwungen?
Am frühen Morgen dieses meines Tages wurde in einer beispiellosen Zeit der Grundstock gelegt zur Unmenschlichkeit, zwischen Tod und Hunger, Elend und Grauen, Bomben und Schiffsuntergang kam letztlich doch das humane Denken zum Vorschein, mit der Muttermilch aufgesogen, den Vater als Vorbild, der doch nichts tun konnte als vor meinen kindlichen Augen zu sterben. 
Dieser frühe Morgen meines Tages, meines Lebenstages, konnte mir nichts mitgeben. Da war kein Ranzen voller Zuversicht, kein Beutel voller Hoffnung. Da war nichts als das bißchen Geist in einem kleinen Kopf, der vorher schon indoktriniert war von nationalsozialistischem Gedankengut. Dieser Kopf,  der es dann doch fertigbrachte, diese verbrecherischen Inhalte zu absorbieren!

Vor Sonnenuntergang  halte ich Abrechnung  mit meinem eigenen ICH.
Addiere und subtrahiere all das, was für oder gegen mich spricht. Und obwohl ich das selber nicht beurteilen kann, fühle ich mich dennoch frei! Was ich in der Mitte meines Tages tun konnte, habe ich getan. Habe mein Leben weitergegeben an meine Kinder. Diese werden sicher alles anders machen, als ich es je machen konnte. Ob es besser sein wird, wird deren Sonnenuntergang einst beleuchten.

Sonnenuntergang? Ja, mein Tag ist irgendwann vorüber, ob er gut war oder negativ - das wird erst der nächste Morgen zeigen, der Morgen mit dem nächsten Sonnenaufgang. Und der, der bringt die Freiheit des Seins!

©by Wildgooseman

1 Kommentar:

  1. verzeih mir meine Tränen
    aber sie tun gut.......
    .....angelface....

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]