10. Mai 2018

Schwalben, die Mauersegler waren.



Manchmal geschieht es, dass wir durch einen Zufall auf etwas aufmerksam werden, das wir vorher nie richtig beachteten. Davon möchte ich kurz einmal etwas erzählen.
       Ich wohnte früher in einem kleinen Städtchen an der Elbe, genauer gesagt in Lauenburg. Eines Tages machte ich mich auf, um auf dem Speicher meines Hauses mal wieder so richtig ›Klar-Schiff‹ zu machen. Jeder weiss wie es ist, wenn man das Jahr über all das ablagert, was sich so ansammelt, irgendwann aber muss es ja auch mal entsorgt werden.
       Ich hatte am Tag zuvor schon ein Giebelfenster geöffnet - es später aber vergessen zu schließen. Da erschrak ich unwillkürlich durch einen Laut, der vom Fenster kam. In der Scheibengardine des Fensters zappelte etwas, von dem ich am Anfang nicht wusste, was es sein könnte. Es war eine Schwalbe, die sich dort wohl bei ihrer Insektenjagd verfangen hatte und nun nicht mehr loskam.
       Ich betrachtete das Tierchen nun etwas genauer. Nein, das war doch keine Schwalbe? Sie hatte zwar Ähnlichkeit mit diesen Vögelchen, doch bei genauerer Betrachtung konnte ich feststellen, das es exakt keine Schwalbe war! Nun wusste ich auch, dass es hier in der Umgebung gar keine Schwalben gab, weder Rauchschwalben noch Mehlschwalben, auch Uferschwalben wurden hier noch nicht gesichtet. In den Dörfern abseits des Elbstroms waren noch sehr viele Schwalben anzutreffen, eine wahre Augenfreude. Aber bei uns - nein, da gab es nur Mauersegler.
Junger Mauersegler



       Was heißt jetzt ›nur‹, es war einfach wunderschön, wenn diese pfeilschnellen Luftbewohner in elegantem Flug durch die Lüfte segelten. Und nun hatte ich ein Exemplar von ihnen leibhaftig vor mir. Ich löste die winzigen Krallen von der Gardine und nahm das kleine Wesen in die Hand. Die schwarzen Äuglein sahen mich an, als wenn sie um Hilfe bitten wollten. Ich weiß, es ist dumm - aber ich sprach beruhigend auf dieses kleine Tierchen ein, öffnete dann das Fenster weit und warf es in die Luft. Das Vögelchen entfaltete sofort seine Schwingen und stieg in den blauen Himmel empor.

***


Mauersegler, die zu keiner Schwalbenart gehören, sind seltsame Vögel, die ab Mitte Mai - nach einer Reise von rund 7000 km - bei uns für etwa 100 Tage leben und dann Mitte August schon wieder den Rückflug nach Afrika antreten. Bei uns in Lauenburg konnte man die Uhr danach stellen: Ab 15.Juli sammelten sich viele Hunderte von ihnen oben am Schlossberg!
 Ihr ganzes Leben verbringen die Mauersegler Tag und Nacht in der Luft. Essen, Schlafen, ja selbst die Paarung wird im Fliegen vollbracht.
Ihre Fluggeschwindigkeit kann bis zu 120 km/h betragen. Am Abend steigen sie 3000 -5000 m in die Lüfte zu einer Art Halbschlaf.
Natürlich können sie nicht in der Luft brüten, aber sie suchen ein Nest in alten Gebäuden (Mauerlücken, Dachüberstände). Sie kommen nie an den Boden, wenn sie sich vom Brutnest entfernen wollen, lassen sie sich einfach fallen und breiten dann ihre Schwingen aus. Die Jungen werden mit Bällchen gefüttert, die bis zu 500 Insekten enthalten. Zusammen mit ihrer eigenen Nahrung fangen sie 20.000 Insekten pro Tag. Die Jungen bleiben viel länger im Nest als andere Jungvögel, bis zu 40 Tage. Für sie ist es auch kein Problem, einige Tage ohne Nahrung zu bleiben. Sie üben mit ihren Flügeln im Nest, denn wenn sie etwa Mitte Juli ihr Nest verlassen, müssen sie ohne Unterbrechung fliegen können.
Ich wusste es damals noch nicht, als ich diesen Mauersegler bei uns in der Gardine fand: aber ich tat das einzig Richtige, indem ich ihn einfach hoch aus dem Fenster warf! So konnte er seine Jahre des ununterbrochenen Fliegens beginnen.
Mauersegler im eleganten Flug
Selbst einfache Dinge, die wir ohne großes Nachdenken tun, können in unserer Welt ein Wunder sein. Eines ihrer großen Wunder aber ist das Leben dieser kleinen Mauersegler!

Kommentare:

  1. lieber Horst welch eine - hübsche, ja wundersame kleine Geschichte die so sympathisch weil emphatisch zu uns hereingeflogen kommt.
    Mauersegler - ich hab keine Ahnung ob ich bewusst mal einen gesehen hätte, sie sind ja so schnell wenn sie am Himmel fliegen und bis jetzt ist noch keiner im Flug über den garten einen Moment in der Luft stehen geblieben - hingegegen die kleinen Schwälbchen schon die uns immer über dem Badebiotop des Abends begleiten wenn sie die Insekten aus dem Wasser aufnehmen und im Sturzflug über uns brausen, ganz entzückende Flugakrobaten sind das und ich bewundere sie sehr...
    ich danke dir für die entzückende Geschichte...
    herzlichst Angelface

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  2. Danke, Engelchen, für Deinen Kommentar. Nichts ist ist so wunderbar wie die naturhaften Erlebnisse, die so "nebenbei" geschehen. Man muss halt nur die Augen offenhalten - Du kennst das ja auch ...
    Herzliche Grüße,
    Horst

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  3. Das sind so die kleinen Wunder, aus denen dann schöne Geschichten entstehen. Ja , die Augen offen halten für die Dinge am Himmel und am Wegesrand, so ist es.
    Ein lieber Gruß in den Abend, Klärchen

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]