4. September 2018

Mein vergeblicher Roman





Es ist November. Nieselregen, alles grau in grau, nichts mehr erinnert an die herrlichen Sommertage. Eigentlich ein Wetter, um daheim zu träumen. Geht leider nicht, ich muss doch endlich wissen, warum mein Manuskript immer noch keine lang erwartete Begeisterung hervorgerufen hat.
Lessingstraße Nr.72-76, eine hervorragende Adresse, sie passt so richtig zum Verlagshaus, denke ich so beiläufig. Ein gewaltiges und auch Respekt einflössendes Gebäude im äusseren Stil der 19.Jahrhundertwende wartet dort auf mich, ein Fahrstuhl bringt mich in die sechste Etage.
»Lektorat!« Das Schild mit dieser Inschrift in goldgefassten Lettern bringt mein Selbstvertrauen ein wenig ins Wanken. Dann wachse ich über mich hinaus und trete ein. Ein modernes Vorzimmer, nichtssagend wie fast alle modernen Büros heute, aber dennoch zweckmässig eingerichtet.
Eine junge Dame im rostbraunen Pulli und mit ebensolchem Fingernagellack fragt mich ein wenig herablassend, was ich denn möchte. Ich schildere ihr mit kurzen Worten mein Anliegen. Sie schaut mich mitleidig an und haucht mir dann zu:
»Einen Moment bitte. Ich werde sehen, ob der Herr Markmann Zeit für Sie hat!«
       Sie erhebt sich, zupft ein wenig an ihrem Miniröckchen und verschwindet durch die ledergepolsterte Tür neben ihrem Schreibtisch. 
Ich studiere derweil die Bilder und Plakate an den Wänden. Wunderbar, da hängt der große Meister Goethe neben Rilke, auf einem Faksimile eine unleserliche Handschrift, darunter steht, dass dies ein Brief von Goethes Mutter sei. Na ja, in Schönschrift hatte diese Dame sicher auch keine gute Note, denke ich.
Da noch ein Spruch in einem Goldrahmen:
DER GERADE WEG IST DER KÜRZESTE.
ABER ES DAUERT MEIST AM LÄNGSTEN,
BIS MAN AUF IHM ZUM ZIEL GELANGT.
Wenn ich mich nicht täusche, ist das von Lichtenberg, dem Altmeister der aphoristischen »Sudelbücher«. Bevor ich mich nun weiter mit den Lichtenbergschen Sudeleien befasse, erscheint die junge Dame wieder und flötet mir freundlich zu:
»Herr Markmann lässt bitten!«
     Ich bedanke mich freundlich und schreite ins Nebenzimmer. (Genau, ich schreite! Ich bin doch schliesslich ein aufstrebender Autor, nicht wahr?)
Herr Markmann eilt auf mich zu, begrüsst mich herzlich und bittet mich dann, Platz zu nehmen. Ich bin erstaunt, also so viel Freundlichkeit hatte ich nun nicht erwartet.
»Nun, mein Herr«, eröffnet er die Unterhaltung, »was kann ich für Sie tun?«
Auf eine solche Frage bin ich nicht nun wirklich nicht vorbereitet. Hat er meinen Namen von der Dame nicht mitgekriegt? Was der Herr für mich tun kann? Oh, ich wüsste da schon ein paar Sachen.
Ich komme dann auch auf die 21. Einreichung meines Manuskripts zu sprechen, schiebe ihm das letzte Exemplar zu und frage, was ich noch alles tun soll, damit er mir die gebührende Achtung erweist. Er blättert einige Zeit in meinem hervorragenden Werk, nickt ein paar Mal stumm und meint schließlich:
»Ja, ja. Ich erinnere mich. Wir haben viel im Kollegenkreis darüber diskutiert.«
 »Aha, darüber diskutiert«, entgegne ich aufgebracht, »aber es passte wohl nicht ins Konzept des Verlages, oder?«
»Nun ja« - er stockt etwas, »sie schreiben - wie soll ich es sagen - ein wenig ungewöhnlich!«
Also das hätte nun nicht kommen dürfen. Ungewöhnlich. Das ist doch die Höhe.
»Also ich recherchiere alles genauestens. Dass dann auch schon mal ein Tippfehler daherkommt, ist doch normal, oder?«
     Oha, dieser Butzemann sollte mal meine Rohentwürfe lesen, bevor ich sie korrigiert habe. Entwürfe, bei denen ich mitunter selbst nicht mehr erkennen kann, was ich an der einen oder anderen Stelle gemeint haben könnte, weil ich beim raschen Hinschreiben meine eigene Kurzschrift verwendet habe. Dann steht da schon mal: Mt oder SR anstelle von Sahara und Monat. Meine Freunde lesen dann schon mal den Evangelisten als Hauptfigur beim Süddeutschen Rundfunk.
     »Das ist es nicht, wovon ich rede«, meint er dann, »es geht nicht um Schreibfehler. Es sind da andere Dinge, die uns irritieren. Vielleicht kann ich ihnen ja mal ein paar Beispiele nennen, damit sie wissen, was wir kritisieren.«.
So. Kritisieren. Da lässt er mal die Katze aus dem Sack. Er will mich kritisieren. Mich, den angehenden Literaturpreisträger. Wenn er sich da mal nicht zu viel zumutet!
Ich setze mich bequem in meinen Sessel zurück, schlage die Beine übereinander, setze ein blasiertes Gesicht auf.
»Ja, ich habe mir da schon ein paar Anmerkungen gemacht:«, er zieht dann ein Blatt Papier aus seiner Schublade, betrachtet es kurz und vergleicht es dann mit meinem Manuskript. Dann liest er laut vor, indem er mir zwischendurch einen Blick zuwirft:
 »Die Beiden bräunten sich am Strand von Merano, schauten hinaus auf das blaue Meer, zählten die farbenfrohen Luxusjachten, die Sonne spiegelte sich auf ihrer schweißbedeckten nackten Haut.“
     Ich bin ganz verzaubert von dem Text meines Romans. Höre gebannt zum ersten Mal, wie ein Fremder meine Texte liest. Wundervoll. So muss es Mozart ergangen sein, als er seine eigene Musik hörte. Es ist einfach fantastisch. Mein Selbstwertgefühl steigt von Minute zu Minute. Ich bin ganz bezaubert von meinem eigenen Text, hoffentlich liest er weiter.
»Sehen Sie -« er stockt und sucht nach einem passenden Wort, »man bräunt sich auf Mallorca oder auf Teneriffa, die Segeljachten liegen vielleicht in Monaco. Aber doch nicht in Merano! In Ihrer Kurstadt hat man nicht so viel Meer, wie Ihnen da vorschwebt.«
Ich bin enttäuscht von diesem Herrn Markmann. Enthusiastisch verteidige ich meinen Handlungsort!
»Was haben sie gegen Merano? Es ist eine bekannte Kurstadt und auch interessant für viele Menschen. Selbst die Kaiserin Sisi war dort sehr oft zu Besuch!«
Ich bin mir bewusst, dass dies ihm bestimmt den Wind aus den Segeln nimmt, gegen Sisi kommt er nicht an.
     Herr Markmann wischt sich ein paar Schweißtropfen von seiner Stirn: »Das meine ich ja auch nicht. Aber Merano hat nun mal keinen Strand, nicht wahr? Es liegt nicht am Meer! Weil - es liegt halt im Alpenvorland.«
Hm, irgendwie scheint er ja Recht zu haben. Aber wie ist es dann mit der künstlerischen Freiheit? Ha! Jetzt habe ich ihn. Aber vielleicht hätte ich doch auf meine Frau hören sollen, die meinte, ich sollte den Ort der Handlung nach Travemünde verlegen. Kann ich ja noch nachholen. Muss man aber deshalb das ganze Buch in der Schublade liegen lassen?
»Übrigens hieß sie Elisabeth!« Ich sehe ihn verständnislos an. »Die Kaiserin hieß Elisabeth, Sisi wurde sie nur von ihren Freunden genannt.«
»Wieso wurde? Ist sie denn schon tot?«
Er nickt leicht vor sich hin. Ich erschrecke, dann sage ich teilnahmsvoll:
»Das tut mir aber sehr leid. Schade um solch eine schöne Frau.«
»Da kommen Sie aber ein bisschen spät«, meinte Herr Markmann dann. »Sie lebt schon seit über hundert Jahren nicht mehr.«
Ich bin geschockt. Warum weiß ich davon nichts?
»Aber noch mal zu Ihnen. Sie schreiben hier einige Seiten weiter, dass Ihr Romanheld dem König die Audienz verweigert hat.«
»Na und? Er war eben Anti-Royalist! Wann hat ein Schriftsteller es je versucht, einem König eine Audienz zu verweigern? Bei mir ist das eben ein Novum! Und man muss eine gewaltige Portion Selbstvertrauen haben, um so etwas zu Papier zu bringen! Dazu gehört Mut, und den habe ich eben.«
Er gibt sich noch nicht geschlagen. »Es ist der King, der die Audienzen gewährt! Die anderen kommen zu ihm oder sie lassen es.«
Oh Mann, wie kann man nur so kleinlich sein. Ist ja gut, dann eben anders herum.
»Und hier, auf Seite 345 schreiben Sie von >entengroßen Hagelkörnern<, die vom schwarzen Himmel fielen! Also Sie meinten doch sicher enteneigroßen, nicht wahr?«
Ich bin erbost. »Also, ich schreibe so, wie es aus mir entspringt. Das Geniale ist ja eben das Ungewöhnliche, und das will ich auch so lassen! Dann fühle ich so richtig, wie die Muse mich küsst!«
Herr Markmann sieht mich entsetzt an, schüttelt dann unentwegt seinen Kopf. »Und dann hier auf Seite 703, Ihr Held ist 31 Jahre alt und hat einen 19 Jahre alten Sohn. Wie soll das gehen?«
Ich stutze. »Naja, früher waren die Menschen eben früher reif. Ist das nicht einsichtig?«
»Dann hier: Er hob die zentnerschwere Statue hoch über seinen Kopf und warf sie dann hinunter ins Meer.«
     Langsam verliere ich meine Geduld. Warum weiß der alles besser? Warum muss ich jedes Wort erklären? Meine Leser werden schon wissen, was ich meine. Herr Markmann verzieht dann seine Mundwinkel.
»Auf der 3tägigen Eisenbahnfahrt durch Fehmarn kam es ihm vor, als würde er mit dem Glacier-Express über die Berge rasen! Wissen Sie, wo Fehmarn liegt?«
Jetzt will der mich auch noch in Geografie prüfen. Nee, mein Lieber, nicht mit mir! Dem werde ich es jetzt geben:»Ach, mein Lieber, Sie wissen es doch, das muss ich doch nicht erklären, nicht wahr? Sonst schauen Sie doch mal in den Atlas!«
Herr Markmann ist in seinem Bürostuhl zusammengesunken. Dann flüstert er: »Nehmen Sie Ihr Manuskript und heizen damit Ihren Grill an. Und gehen Sie, gehen Sie.« Er hebt seine Arme flehend empor: »Bitte!«
Ja, ich gehe jetzt. Wenn ein großer Autor so verkannt wird, kann es nur einen Grund geben: Er ist zu genial für diese Welt!
Aber nächste Woche habe ich noch einen Termin beim »Hopeless-Verlag ...«

<<>>



     Hurra, ich hab es geschafft. Doch, wirklich. Ich bin ja so happy! Der Hopeless-Case-Verlag hat sich voller Enthusiasmus meines geschriebenen Manuskriptes angenommen. Als ich die 763 Seiten dort zur Prüfung vorlegte, sprang der Leiter des Verlages voller Begeisterung von seinem Stuhl auf und umarmte mich spontan.
»Sie - Sie, Sie sind ...« Er konnte vor Begeisterung nichts mehr von sich geben, Tränen liefen an seinen Wangen herunter. Ich reichte ihm mein letztes Tempo-Tuch, dann weinten wir gemeinsam vor Rührung eine Runde. Herr Koniecka, der Verlagsleiter, fand endlich seine Worte wieder, die er zwischendurch wohl verlegt hatte. Schließlich war es ja auch ein Verlag, da passiert so etwas sicher des Öfteren.
»Alsooo -«, er hatte sich wieder gefasst, »es ist wirklich phänomenal, die Ausdrucksweise Ihres Romans erinnert mich an Ernest Hemingway. Diese Art, den Augenblick zu beschreiben, das ist Hohe Schreibkunst! Ich kann nicht verstehen-«       Er schüttelte unentwegt seinen Kopf, »ich kann einfach nicht verstehen, wie solch eine Genialität so lange unentdeckt bleiben konnte! Sie sehen mich fassungslos!«
Ich sah den Herrn Koniecka verdutzt an. Einer von uns beiden musste nun wohl übergeschnappt sein. Ich jedenfalls war es nicht, dessen war ich mir bewusst. Ich versuchte nun behutsam, das weitere Vorgehen des Verlags zu erfahren. Nach seiner Eloge musste er sich ja schon ein Konzept vorgestellt haben, dessen war ich mir sicher.
»Und - und wie geht es nun weiter?«
Trotz der Lobreden war ich noch nicht so ganz von seinem Vorhaben überzeugt.»Machen Sie sich nur keine Kopfschmerzen! Sie werden sehen, das läuft alles von selbst. Spätestens zur Buchmesse rangiert Ihr Roman schon auf der Bestenliste hoch droben!«
»Und dann«, Herr Koniecka rieb sich die Hände im Vorgenuss seiner weit voraneilenden Gedanken, »und dann, das kann ich Ihnen versprechen, ist es nicht mehr weit zum Deutschen Literaturpreis!«
     Ich war nun doch ein wenig verstört. Ratlos schaute ich den Herrn am Schreibtisch vor mir an. Sein hochroter Schädel ähnelte einem Luftballon. Hoffentlich platzt der nicht, fuhr mir so durch den Kopf.
     Herr Koniecka tippte nun wie wild auf seinem Laptop herum. Sein Drucker warf kurz darauf eine lange Rechnung aus.
»Sehen Sie«, er zeigte dabei mit seinen dicken Fingern auf eine Kolonne von Zahlen, »Sehen Sie, wenn wir eine Auflage von 10.000 vorsehen bei einem Einzelverkaufspreis von 14,00€ , erreichen Sie eine Marge von 0,17€ pro Buch!«
Er sah mich triumphierend an. »Ist das nichts? Sagen Sie doch selbst: Ist das nichts?«
     Ich stand buchstäblich vor dem Knock-out. Mein Adrenalinspiegel war fast auf Null zurückgegangen. Es war so niederdrückend, den wirtschaftlichen Tatsachen so ins Auge sehen müssen. Wenn ich dann die Einkommensteuer berücksichtige und die Wahrscheinlichkeit, dass nur 10% meines Werks verkauft wird - dann kann ich mich mit Carl Spitzwegs »Armen Poeten« solidarisieren!
Ich versuchte nun nochmals, auf meinen Text zurückzukommen.
»Was, was halten Sie denn nun von dem Inhalt meines Romans?«
Ich fragte es, nachdem ich mich wieder gefasst hatte. Er winkte ab. »Darüber müssen wir nun wirklich nicht streiten. Meine Lektoren werde alles hinbügeln, was voller Falten ist. Lassen Sie uns nur machen.«
     Drei Wochen später bekam ich das Resümee meines Buches mit einem Anschreiben vom Herrn Koniecka zugeschickt, mit der Anfrage, ob es nun »in Druck gehen könnte«.
Ich habe mein Buch nicht wiedererkannt. Nichts war so, wie ich es einst schrieb. Ja, wenn ich es recht betrachte, schien es eher dem »Steppenwolf von Hermann Hesse« zu ähneln als meinem Manuskript.
     Nun liegt das Original wieder in meiner Schublade. Und da, da liegt es gut. Kostet nichts, wird nicht verrissen, ich muss keine Lesungen machen. Muss nicht mehr hinterfragen, ob Fehmarn in den Schweizer Bergen liegt oder hinterm Ural, ob Sisi nun tot ist oder als Nymphe auf Mallorca verehrt wird und ob Merano eine Hafenstadt in Mexico ist oder hinter dem Mond. Alles ist völlig einerlei und interessiert nicht einmal das Murmeltier im Winterschlaf.

Eines aber ist de facto sicher: So mancher Autor hat sein Buch später auch nicht wiedererkannt. Und das tröstet mich über meine verkannte Kunst hinweg ...


©2018 byWildgooseman

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]