9. November 2018

Eine kristalline Nacht



Kannst Du Dich noch erinnern, was in Deinem Leben geschah, als Du fast 5 Jahre alt warst? Sicher nicht in allen Einzelheiten, sicher nicht in Details. Ich kann mich seltsamerweise gut daran erinnern, vielleicht weil diese Erinnerung in meinem jungen Geist eine bleibende Erinnerung hervorrief.


        Es war 1938. An der Hand meiner Großmutter ging ich am Morgen - (ich weiß nicht mehr wie es spät war, sicher sehr früh) - des 10. November durch die Straßen meiner Heimatstadt Stolp. Meine Oma holte mich von meiner Mutter ab, die tagsüber berufstätig war; Großmutter hatte sich bereit erklärt, mich in dieser Zeit unter ihre Fittiche zu nehmen. Es war ein feuchtkühler Tag, so ein richtiges Novemberwetter beherrschte die Straßen unserer Stadt. An diesem grauen Morgen waren nur wenige Menschen unterwegs, es war unwirklich ruhig auf den Straßen.
        Oma schaute sich auffallend oft um, die schmale Falte zwischen ihren Augenbrauen zeigte mir, dass ich sie in diesem Moment nicht mit meinen neugierigen Fragen belästigen durfte.
Am Marktplatz dann doch ein große Menge Menschen, vor dem jüdischen Kaufhaus. Alle Schaufenster waren zerschlagen, ein riesiger Berg von Scherben lag auf Straße und Gehsteig. Dazu überall Schilder aller Art mit Aufschriften wie »Deutsche, kauft nicht bei Juden!«
        Meine Neugier ließ ich nicht unterdrücken. Ich fragte Oma natürlich nach dem »Warum«, eine Antwort erhielt ich nicht. Bis auf ein kurzes »Komm schnell weiter« kam von ihr kein Kommentar. Dann in der nächsten Straße, es war die Hospitalstraße, erneut solch ein Bild. Zerschlagene Fensterscheiben, eine demolierte Haustür neben diversen Tuchballen und halbfertigen Mänteln und Kleidern aus einer Schneiderei Unmengen von Haushaltsgegenständen auf der Straße. Oma zog mich auf die andere Straßenseite um in aller Eile diesem Tohuwabohu zu entkommen.
        Irgendwann kamen wir dann atemlos bei Omas Haus an. Bevor ich nun noch die Fragen stellen konnte, die mir auf der Zunge lagen, nahm sie meinen Kopf in beide Hände und erklärte mir dann eindringlich, dass ich diese Bilder schnell vergessen sollte!
Ich habe sie aber nicht vergessen. Sie sind eingebrannt in meine Seele, auch wenn ich damals nicht wusste, was da vorging!

        Am nächsten Tag stand in der »Ostpommerschen Zeitung« ein Artikel, dass »der Volkszorn des Deutschen Volkes sich Bahn gebrochen hätte«! (Natürlich konnte ich das noch nicht selbst lesen, aber die Ohren eines kleinen Jungen waren ausreichend groß, um die Kommentare der Erwachsenen zu verstehen!)
Die Synagoge in Stolp sollte ebenfalls ein Raub der Flammen werden. Irgendwie hatte es jedoch nicht ganz geklappt, Das Gebäude wurde später gesprengt. Das jüdische Leben fand noch für kurze Zeit im Gemeindesaal der jüdischen Gemeinde im hinteren Anbau der Synagoge statt.
Synagoge in Stolp/Pommern

        Natürlich weiß ich heute, dass der Antisemitismus in Deutschland nur einen Aufhänger gebraucht hatte, um solch ein Pogrom zu starten. Die Tötung des damaligen Legationssekretärs vom Rath in Paris durch den 17jährigen Herschel Grynszpan, kam dem Nazi-Regime genau entgegen.
Ob das Opfer überhaupt hätte sterben müssen, erscheint heute sehr zweifelhaft. Denn Adolf Hitler ließ nach der Tat zwei Ärzte nach Paris fliegen, die die Behandlung übernahmen und nicht nur die französischen Ärzte von der Behandlung ausschlossen, sondern auch die eigens aus Düsseldorf angereiste Familie vom Raths an jeder Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn hinderten. Die Tat und der Tod des Opfers passten sehr gut in die Strategie von Goebbels, der gerade nach einer Möglichkeit sann, gegen die Juden in Deutschland losschlagen zu können. Und zwar nicht „nur“, wie bisher, mit Gesetzen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Quelle:Focus,7.11.18
        
Was ich dabei dann einige Jahre später nicht verstanden habe ist die Tatsache, dass der sogenannte »Volkszorn« in allen Städten des damaligen »Reiches« gleichzeitig losschlug! Jeder normal denkende Mensch hätte doch diese unglaubwürdige Fälschung erkennen können! Es sei denn, man hätte alle Bedenken bewusst negiert!
Dies, liebe Freunde, ist leider eine Tatsache, die heute nicht mehr verschwiegen werden darf! So nämlich fängt der Antisemitismus bei den Menschen an - mit dem »Wegsehen« ist der erste Schritt getan.
        Das aber, und niemand wird mir das Gegenteil beweisen können, das beginnt in diesen Tagen wieder. Noch ist es eine Minderheit.
Schaut nicht weg! Mischt Euch ein, wenn Minderheiten angegriffen werden, helft allen, die verfolgt werden.
Wir brauchen keine neuen Pogromnächte, niemals mehr ...



©2018 by wildgooseman

Kommentare:

  1. Den Lebenden zur Mahnung, ja hoffentlich. Man darf es nie vergessen und wie Du es auch schreibst, wehret den Anfängen heute, nicht morgen.
    Danke für dieses Erinnern, obwohl ich ein Nachkriegskind bin, halte ich es für sehr wichtig zu mahnen, immer wieder!
    Liebe Grüße zu Dir ins Wochenende, klärchen

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  2. Danke, Klärchen.
    Wem anders als den heute jungen Menschen kann man solch eine Mahnung mitgeben?
    Als ich so alt war, wurde meine Generation indoktriniert von dem braunen Gedankengut.
    Und so manch einer der "Alten" hat sich davon nie lösen können. Gott sei Dank gehöre ich nicht zu denen. Ich weiß, was geschehen kann(!), deshalb werde ich, so lange ich lebe, immer gegen solche Verfolgungen sein.

    Dir ein wunderschönes Wochenende von uns,
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]