3. Dezember 2018

Die Nacht ist vorgedrungen


Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern,
so sei nun lobgesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Die erste Strophe dieses Adventsliedes führt uns hinein in die Dunkelheit des Lebens. Als Jochen Klepper im Jahre 1903 in Beuthen/Oberschlesien geboren wurde, lag Deutschland noch in wilhelminischer Nacht, in der nur die Oberschichten der Gesellschaft die Helligkeit vor Augen hatten. Die Eltern Kleppers, eine deutsch-nationale Pastorenfamilie, waren fest in ihrem typischen Milieu verbunden, gut »lutherisch«, stolz auf ihr Preußentum, auf die Hohenzollern und auf ihre »deutsche« Haltung. Genau so, wie es der damalige Protestantismus vorgab! Diese Prägungen seiner Kindheit wurde Klepper zeit seines Lebens nicht mehr los.

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

        Kleppers Theologiestudium in Breslau, ab 1923 -1926, war für ihn - wie auch für seine Mutter, von der er wohl den Kunstsinn geerbt hatte - eine Zäsur im Leben. Wie er beschrieben wurde, war er ein etwas »ästhetischer« Jüngling, der Gedichte schrieb und für die Stars der Stummfilmzeit schwärmte. Wegen seiner andauernden Kränklichkeit blieb er immer Mutters geliebtes Sorgenkind!
       Sein Vater war ein gestrenger Pfarrherr, der Marschmusik liebte, er hatte dem Jochen den herrnhutischen Pietismus und den Respekt vor der Obrigkeit eingeimpft.
Dies war jedoch eine heikle Mischung. Klepper wurde hin und her gerissen zwischen Künstlerleben und bürgerlich geordneter Pfarrerlaufbahn und geriet dabei in schlimme neurotische Zustände. Mit 23 Jahren war er eine Zeit lang dem Suizid sehr nahe.
In dieser Zeit war er dem Kommilitonen Harald Poelchau eng verbunden. (Dieser wurde später Gefängnisseelsorger in Tegel und Mitglied des sogenannten »Kreisauer Kreises«, einer Widerstandsgruppe gegen Hitler.)
        Klepper gab nun seine unvollendete Abschlussarbeit über den Pietismus auf und verließ damit auch die theologische Fakultät! Er hatte sich gegen den Pfarrerberuf und für eine journalistische und literarische Laufbahn entschieden. Nachdem er seine erste Stelle beim Evangelischen Presseverband gefunden hatte, schirmte er sich vor dem Großstadtleben immer mehr ab, um kreativ tätig zu sein.
        Kurz darauf lernte er dann seine Freundin Hanni Stein kennen; sie war dreizehn Jahre älter als er, verwitwet und hatte aus ihrer Ehe mit einem Anwalt zwei Töchter. Aus einer jüdischen Modefamilie stammend, konnte sie Jochen mit finanzieller Sicherheit und einem Ambiente umgeben, wie er es aus seiner Jugend gewohnt war.
Seine Hanni ermunterte ihn, sich künstlerischen Themen zu widmen. Die Beiden führten eine wirklich glückliche Ehe. Klepper baute sich in Berlin mit Hanni und den beiden Mädchen eine neue Heimat auf. Das hatte er bewusst so gewählt, um weit genug von seinen Eltern zu sein, die in Schlesien lebten. Diese missbilligten seine Verbindung mit einer Jüdin von Anfang an!

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

        Nach einigen Jahren der Ruhe und journalistischen Arbeit beim Rundfunk in Berlin wurde sein Leben wieder düsterer. Die Hitlerdiktatur 1933 bescherte ihm als erstes die Entlassung aus dem Rundfunk. Langjährige Verhandlungen mit der NS-Bürokratie begannen, er versuchte dennoch zu publizieren, um wenigstens ein geringes Einkommen zu erhalten. Die zunehmenden Schikanen gegen "jüdisch versippte" Familien aber gingen auch an Kleppers kleiner Familie nicht vorbei. Jochen war in seiner Haltung fest überzeugt, dass "die Juden sich zu Christus bekehren müssen", sollten sie gerettet werden. Deshalb war er umso glücklicher, als Hanni sich im Dezember 1938 taufen ließ! Sie tat dies aus freien Stücken, obwohl sie wusste, dass ihr dieser Schritt angesichts der antisemitischen Politik der Nazis nichts nützen würde.
        Kleppers finanzielle Lage hatte sich jedoch etwas gebessert. Mit seinem 1937 erschienenen Roman »Der Vater« über den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. errang er Aufmerksamkeit und auch Erfolge. Am Beispiel des gestrengen Landesvaters, der in der Verantwortung vor Gott sein Land saniert, wollte Klepper dem gottlosen "Dritten Reich" diskret den Spiegel vorhalten. Zugleich verarbeitete er damit den eigenen Vaterkonflikt. Es gelang ihm nicht! Die wenigsten Menschen registrierten die Botschaft zwischen den Zeilen! Die meisten seiner Freunde und Bekannten hatten völlig andere Ziele, sie strebten, wie auch Klepper eigentlich selbst, die Rückkehr zu einer »Christlichen Monarchie« an. Die Aktivisten des Kirchenkampfes, wie beispielsweise Martin Niemöller, lagen überhaupt nicht auf Kleppers Linie!
        Natürlich war klar, dass Klepper mit Rücksicht auf seine Familie nicht aufsässiger sein konnte. Aber er hätte ja auch mit Hanni und der Tochter Reni rechtzeitig ins Ausland gehen können, so wie es die ältere Tochter Brigitte 1939 tat. Aber der Gedanke, dann von Deutschland getrennt zu sein, ängstigte ihn, den treudeutschen Klepper. Und außerdem, seit dem Kriegsausbruch war eine Flucht sowieso unmöglich geworden.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

     Dann kam noch einmal, am
10. Dezember 1942, eine letzte kleine Chance für Reni und Hanni: Das neutrale Schweden hatte endlich eine Einreisegenehmigung für die Beiden erteilt. Nun kam alles auf den Ausreisestempel an, den SS-Führer Adolf Eichmann in Aussicht gestellt hatte. Aber Eichmann, der Scherge für die »Endlösung«, lehnte die Ausreisegenehmigung ab! 
Das bedeutete nun für Klepper Ausweglosigkeit! 
        Sie hatten ihr Haus im Vorort Nikolassee am 10.Dezember noch einmal adventlich geschmückt. Doch ihre Nerven waren zermürbt von all dem Druck, der seit zehn Jahren auf ihnen lastete. Es ging nun um Leben oder Tod: Dem 39-jährigen Jochen Klepper und seiner Ehefrau Hanni drohte die Zwangsscheidung! 
Hanni, die getaufte Jüdin, und ihre Tochter Reni, die seit einem Jahr den gelben Stern tragen mussten und in einer Fabrik Zwangsarbeit leisteten, sollten in den Osten deportiert werden. Die kleine Familie war nun  entschlossen, sich eher gemeinsam das Leben zu nehmen, als die Trennung zu erdulden!
        Für Jochen Klepper und seine kleine Familie war dies das Ende. Ihr Dienstmädchen fand am nächsten Morgen, dem 11. Dezember 1942, einen Zettel an der Küchentür: »Vorsicht Gas

In seinem letzten Tagebuch-Eintrag 
schrieb Klepper: "Wir sterben nun - 
ach, auch das steht bei Gott - 
Wir gehen heute Nacht gemeinsam 
in den Tod. Über uns steht in den 
letzten Stunden das Bild des 
Segnenden Christus, der um uns ringt." 
.....................................................................................................
Jochen Kleppers letzte Tagebucheintragung vom 10. Dezember 1942
Die Toten lagen auf einer Decke am Boden. Die beiden Frauen hielten sich umarmt. Die Augen Jochen Kleppers waren offen geblieben und drückten ein großes Erstaunen aus ...

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

 ©2018 by Wildgooseman













Kommentare:

  1. ein ganz erschütterndes Schicksal...das viele sprachlos macht....wie alles in der Nazizeit, werden all unsere Kinder oder Enkel davon wissen? ohne die Geschichte zu (er) - kennen?
    angelface die dir dankt dass du diese Aufklärung beiträgst wo doch so viele die Augen davor schließen möchten...
    ich befürchte, Kommentare dazu werden genau aus diesem Grunde äußerst rar sein lieber Horst...

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  2. Ich danke Dir, liebes Angelface! Gerade in der heutigen Zeit wird wieder so viel verleugnet und abgestritten. Mich hat schon lange das Schicksal von Jochen Klepper betroffen gemacht, - genau wie auch von Dietrich Bonhoeffer.
    Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, das ist gewiss. Aber durch andere Menschen so etwas erleiden zu müssen, halte ich für besonders tragisch! Und heute wird schon wieder nach einem starken Mann geschrien, das ist schon fast nicht mehr zu ertragen.
    Niemand soll schweigen, der ein Herz hat, jeder sollte immer wieder bereit sein, für die Menschenrechte einzutreten, - ohne allerdings jedem hergelaufenen Rattenfänger auf den Leim zu gehen-, denke ich,.
    Nochmals: Danke, Engelchen, für Deine Antwort. Es ist schön, dass es noch Menschen gibt, die nicht nur ein Herz haben, sondern auch einen Kopf!
    Liebe Grüße an Dich~
    Horst

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  3. Lieber Horst, danke für die Erzählung der Familiengeschichte. Sehr erschütternd, das sie letztendlich nur einen Ausweg sahen zusammen zu sterben. Was für eine Zeit,einfach schrecklich. So weit darf es nie wieder kommen. Wehret den Anfängen und hoffentlich findet die Mahnung, das Erinnern offene Ohren. Ich versuche auch mit meinen Enkeln über die heutige Gesellschaft und was sich entwickelt zu reden und auch zu mahnen. Obwohl ich nicht in dieser Zeit geboren bin, ist es wichtig das Wissen weiterzugeben.
    Mögen doch noch einige dieses Geschriebene lesen von Dir, wenn sie auch nicht kommentieren.
    Liebe Grüsse zu Euch beiden, bleibt gesund und eine schöne Adventszeit , Klärchen

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  4. lieber Horst, ich sitze am Pc - mitten in der Nacht und der Gedanke weckte mich: warum sind die menschen immer so laut wenn es doch so viel besser wäre - zu schweigen wenn Reden - aufklären - mitdenken und mitfühlen nicht mehr im Gedanken der menschen möglich ist... die Leere und Gedankenlosigkeit der Hunderttausend Oberflächlichkeiten nicht nur die im Netz - macht mich unendlich traurig, ja auch still.
    dann weiß ich, ich habe aufgegegeben mich zu wehren, zu erklären, mich zu erklären.
    die Wahrheit wohin unsere Welt gekommen ist will niemand mehr hören, nicht die Schuld anerkennen dass wir alle es sind die dafür gesorgt haben dass sie nicht mehr das ist was sie war, sondern nur noch Fragmente dessen was sie uns einmal wert war.
    es ist unbequem, anstrengend, zutiefst bis ans Innerste aufwühlend der Wahrheit ein Gesicht zu geben und sie in vielem auszusprechen.
    Jetzt in der Adventszeit die viele dazu nutzen um hektisch Geschenke einzukaufen, damit ja keiner beleidigt oder enttäuscht ist nichts als einen liebevollen gegenseitigen Gedanken zum Fest zu bekommen bringt mich dazu mich mehr und mehr in mich zurückzuziehen um meine eigenen Werte zu erhalten.
    In aufrichtiger freundschaftlicher Zuwendung für dich lieber Horst eine schöne und besinnliche Adventszeit
    das Engelchen...

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  5. Ich denke, es ist dem allen nichts mehr hinzuzufügen!
    Dieses Leid, das keinen anderen Ausweg mehr zulässt,
    als ihr Leben G’tt zu überlassen, vor der unseligen Macht
    dieser unmenschlichen Verbrecher.
    Ich kann mich völlig auf die Seite dieser kleinen Familie
    stellen - ohne wenn und aber …

    Danke Euch nochmals!
    Horst~

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]