14. Dezember 2018

Das Jesuskind



Wieder ist Weihnachten. Ist es wirklich wieder so weit? Waren die Krippenfiguren nicht erst gestern verpackt worden? Also gut, auf ein Neues!
»Heinzi, holst du bitte die Krippenfiguren aus dem Keller?«
»Welche Kartons sind das?«

Mutter räumt gerade den großen Tisch frei.
»Na, du weisst es doch noch, die drei großen Gelben!«
Heinz, der elfjährige Spross der Familie, läuft die Kellertreppe hinunter. Marleneken, die sechsjährige Schwester, stapft hinterher. Mutter ruft ihnen noch nach: »Aber vorsichtig! Nicht fallen lassen!«
       Ja, da stehen nun die drei Kartons. Alle machen sich daran, die Figuren auszupacken. Das große Krippengebäude entnehmen sie dem dritten Karton. Es ist wunderschön, als Stall gebaut, mit Reetdach und der Futterkrippe in der Mitte, in der einen Ecke eine ›Feuerstelle‹, in die ein Teelicht hinein passt. Der Platz für die Krippe ist schon traditionell vorgegeben: Neben dem großen Fenster, der riesige Philodendron muss halt für diese Zeit in die Diele ausweichen.
       Die wunderschönen Figuren aus Olivenholz, handgeschnitzt, ein Geschenk von Tante Marlies, sie hatte die damals aus Israel mitgebracht, stehen in Zeitungspapier noch gut verpackt, auf dem Wohnzimmertisch. Und nun beginnt der spannende Teil: Das Auspacken der Figuren! Nach dem letzten Weihnachtsfest hatte Papa noch alles gut in alte Zeitungen eingewickelt, vorsichtig in den Kartons verstaut, damit auch nichts beschädigt werden konnte. Dieses Jahr ist Papa noch mit dem Truck unterwegs, er wird erst übermorgen, am Tag vor dem Heiligen Abend wieder bei der Familie sein.
       Eine nach der anderen Figur wird nun vom Papier befreit. Da stehen sie nun, bereit, ihren Platz an der Krippe einzunehmen. Da ist zunächst Maria, die Gottesmutter, wunderschön im blauen Gewand, dann kommt Josef, mit einem Vollbart im Gesicht und braunem Umhang bekleidet. Nach und nach erscheinen dann die Hirten, mit langen Stöcken und weitausladenden Hüten. Es folgen die drei Weisen aus dem Morgenland in prächtigen Gewändern und mit Geschenken in den Händen.
Diese geschnitzten Figuren sehen wunderschön aus, es war wirklich ein Künstler, der sie aus dem Holz des Olivenbaums geschnitzt hatte.
Sieh da, es kommen noch eine Reihe von Figuren ans Tageslicht. Schafe und Ziegen und noch zwei Kamele! Dann ist da noch der weiß gekleidete Engel, der seinen Platz vor dem Stall erhält, damit er seine bekannte Botschaft den Menschen übermitteln kann. Es sieht alles wunderschön aus, alles hat seinen Platz bekommen, jeder steht an der Stelle, die ihm zugedacht ist.
       Mutter kramt noch in den Kartons herum, wühlt im Papier der Verpackung, wirft dann alles aus den Kartons heraus. Sie schüttelt fortwährend ihren Kopf und ruft dabei ganz aufgeregt: »Ich verstehe das nicht. Das kann doch nicht sein!«
Mutter scheint verwirrt zu sein. Erschöpft sitzt sie auf dem Boden neben den leeren Kartons. Auf Heinzis Frage: »Was ist denn los?« antwortet sie mit ratlosem Achselzucken.
       Und dann kommt von Marleneken die Antwort auf alle Fragen, die plötzlich aufgetreten sind.
»Aber Mama, wo ist denn das Jesuskind? Wir haben das Jesuskind vergessen…«

***


       Wir feiern wieder Weihnachten. Wie jedes Jahr aufs Neue. Alles strahlt im Glanz von Millionen Kerzen. Glitzernde Girlanden weit und breit in allen Straßen, die Schaufenster übertreffen sich mit prächtigem Outfit, alles ist hell, freundlich, einladend. Menschenmassen erobern die Weihnachtsmärkte, werden immer wieder angelockt von wundersamen Gerüchen, die appetitanregend wirken und alle in eine gute Stimmung bringen.
»Dieses Weihnachtsfest ist doch eine hervorragende Erfindung«, sagt ein Verkäufer am Glühweinstand. »Wenn es das nicht schon gäbe, müsste man es erfinden!«

       Ja, wenn es das nicht schon gäbe! Wir dürfen uns ja auf das Weihnachtsfest freuen. Wir dürfen es wirklich, auch auf den ganzen Zauber der Weihnachtsmärkte, alles dürfen wir genießen, die Gerüche, den Glanz und das Kerzenlicht. Aber wir dürfen nicht aufhören, dabei zu fragen: »Wo ist das Jesuskind?«

Ohne dieses Kind in der Krippe ist jedes Weihnachtsfest nichts, aber auch rein gar nichts wert!

©2018 by Wildgooseman

Kommentare:

  1. deine Worte in der Erzählung sind von tiefem Glauben durchdrungen, sei stolz darauf dass du es noch kannst" möchte man dir zurufen wo doch so viele menschen ihren Glauben verloren haben oder ihn - gar schrecklich soo mißbrauchen um andere zu beeinflußen.
    eine wunderschöne tief zu Herzen gehende erst so einfach erscheinende die zum Ende hin ihre Tiefe erweist.
    ich war sehr berührt davon...
    dem ist nichts hinzuzufü+gen. ein kleiner Engel flog durch den Raum als ich sie erspürte...
    frohe Weihnacht dem Kind...
    angel

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    2. Liebes "Angel"face, es ist so, wie Du es siehst: Der kleine Bote mit gedachten Flügeln ist immer noch unterwegs. Man muss ihn nur sehen! Wer diese Gabe hat, dem wird es auch gelingen. Ich gebe zu, ich hab lange, lange daran gezweifelt, durch einige Ereignisse ist schließlich alles geradegerückt worden. Und nun - nun ja, ich werde auch weiterhin unterwegs sein - auf der Suche nach der Wahrheit. Und das ist gut, denn der Weg ist ja bekanntlich das Ziel!
      Horst wünscht Dir Friede und Freude - und alles, was man in diesen Tagen so wünscht ...
      (Aber ich meine es auch so ...)

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  2. Liebe Horst jedes Jahr wiederholt es sich. Die Weihnachtsbeleuchtung, wie schön, die Krippen werden aufgebaut, es wird gesungen und gefeiert auf dem Märkten.
    Alle genießen es, wünschen eien schöne besinnliche Zeit. Nur...warum wir eigentlich Weihnachten feiern ist schön in vielen Köpfen nicht mehr drin.Das da ein gesundes ,munteres Kind geboren wurde, das Jesuskind, ist vergessen. Ja, da hast Du wunderbar geschrieben, "wo ist das Jesuskind präsent, denkt man an dieses große Ereignis?
    Da gibt es die kleinen Weihnachtsgeschichten, nur manche glauben nicht daran und wollen es nicht mehr hören, so ganz nebenbei geht es verloren.keiner merkt es, nur die erinnern und es wachhalten.
    Liebe Grüsse an Euch und ein schönes Fest der Liebe, Klärchen

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  3. Moin Klärchen -
    dat is moi, hier ok noch so'n poo lütje Woorden to schrieven.
    Ja, dat is nu mol nich anners, in disse Tied saün de Minschken aal so'n bietje anners, glöv ik.
    Man dat hollt nich so lang vöör, nahderhand is dat weer ut de Mööt gahn.
    "Jesuskind? Wat shall mi dat denn?" hebb ik eerst lestens höört. Wiehnachten, dat is wat to fier'n, good eeten, drinken un uns Lüü treffen.

    Man, Klärchen, wi köönt dat ok anners sehn, nich? Also:
    Wi wünsken Di un dien Familie all dat Beste för dat Johr Tweeduusendnegentein!
    UN. Bliv so, as ik mol worden wull ...

    Horst un Ingrid

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]