21. Dezember 2018

Weihnachtsabend


  An die hellen Fenster kommt er gegangen
  Und schaut in des Zimmers Raum;
  Die Kinder alle tanzten und sangen
  Um den brennenden Weihnachtsbaum.

  Da pocht ihm das Herz, daß es will zerspringen;
  »Oh«, ruft er, »laßt mich hinein!
  Was Frommes, was Fröhliches will ich euch singen
  Zu dem hellen Kerzenschein.«

  Und die Kinder kommen, die Kinder ziehen
  Zur Schwelle den nächtlichen Gast;
  Still grüßen die Alten, die Jungen umknien
  Ihn scheu in geschäftiger Hast.

  Und er singt: »Weit glänzen da draußen die Lande
  Und locken den Knaben hinaus;
  Mit klopfender Brust, im Reisegewande
  Verläßt er das Vaterhaus.

  Da trägt ihn des Lebens breitere Welle –
  Wie war so weit die Welt!
  Und es findet sich mancher gute Geselle,
  Der's treulich mit ihm hält.

   Tief bräunt ihm die Sonne die Blüte der Wangen,
   Und der Bart umsprosset das Kinn;
   Den Knaben, der blond in die Welt gegangen,
   Wohl nimmer erkennet ihr ihn.

   Aus goldenen und aus blauen Reben
   Es mundet ihm jeder Wein;
   Und dreister greift er in das Leben
   Und in die Saiten ein.

   Und für manche Dirne mit schwarzen Locken
   Im Herzen findet er Raum; –
   Da klingen durch das Land die Glocken,
   Ihm war's wie ein alter Traum.

   Wohin er kam, die Kinder sangen,
   Die Kinder weit und breit;
   Die Kerzen brannten, die Stimmlein klangen,
   Das war die Weihnachtszeit.

   Da fühlte er, daß er ein Mann geworden;
   Hier gehörte er nicht dazu.
   Hinter den blauen Bergen im Norden
   Ließ ihm die Heimat nicht Ruh.

   An die hellen Fenster kam er gegangen
  Und schaut' in des Zimmers Raum;
  Die Schwestern und Brüder tanzten und sangen
  Um den brennenden Weihnachtsbaum.« –

  Da war es, als würden lebendig die Lieder
  Und nahe, der eben noch fern;
  Sie blicken ihn an und blicken wieder;
  Schon haben ihn alle so gern.

  Nicht länger kann er das Herz bezwingen,
  Er breitet die Arme aus:
  »Oh, schließet mich ein in das Preisen und Singen,
  Ich bin ja der Sohn vom Haus!«
Theodor Storm, (1817-1888)

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. Lieber Horst, jedes Jahr wieder erfasst uns der Weihnachtszauber, die magischen Momente, das Leuchten und die Fröhlichkeit die sein sollte. Sogar die alten Dichter hielten es fest in ihren Gedichten. Wenn sie wüssten wie sich das Drumherum und die Welt verändert hat. Darüber schreiben ja nun wir! In unseren Herzen brennt aber immer ein Licht, das die Dunkelheit vertreibt!
    Frohe Weihnachten, Ihr Lieben, Klärchen

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  2. Da soll man so stehen lassen, Klärchen. Danke und alle guten Wünsche ...
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]