3. Januar 2019

31046


Da steht urplötzlich diese Zahl im Raum. Ja, natürlich, nachgerechnet - und naturgemäß nicht von ungefähr, denn es gibt ja einen entsprechenden Anlass! Wunderliche Zahl, finde ich. So völlig aus der Luft gegriffen und bar jeder normalen Bedeutung. »31046«. Eine Jahreszahl? Ein geschichtliches Datum? Ein Ereignis von unermesslicher Bedeutung? Bedeutung: Ja. Unermesslich? Lächerlich, so irrsinnig kann wohl kein Mensch sein, dass er seinen Geburtstag als gigantische Quelle zur Freude ansehen würde.
         Da erblickt irgendwann im Januar des Jahres 1934 weit im Osten Deutschlands, in Hinterpommern, ein Baby das Licht der schnöden Welt, ein Baby mit so wunderschönen blauen Augen (sagte man), dass alle Welt verzückt schien! (Denke ich so im Geheimen!) Und nun? Es waren weder Hirten noch Könige oder sonst wie geadelte Personen anwesend, die hätten in der kleinen Wohnung beileibe auch keinen Platz gehabt. Bei einer Hausgeburt war es in dieser Zeit natürlich üblich und angebracht, Kinder aus der Wohnung fernzuhalten. Ich blieb aber da, denn da half kein Verbot: Ich musste dabei sein!
         Jawohl, als jüngster Mitbürger - damals sagte man »Volksgenosse«, hatte ich die Ehre, meiner Mutter zur Seite zu stehen. (Besser würde man ja »Liegen« sagen, jedoch solch ein Ausdruck wurde meist für andere Gelegenheiten benutzt.) Also: Ich war nun eingetroffen, pünktlich wie man sagte; diese Pünktlichkeit habe ich mein Leben lang immer einhalten können. Was fing man nun mit mir an? Fragend schaute ich meine Mutter an. (Denke ich)       Ich war ziemlich genau ein Jahr jünger als jenes 1000-jährige Deutsche Reich, das noch heute so unmenschliche Erinnerungen wachruft. Erinnerungen an m i c h können jedoch solche Auswirkungen nicht gehabt haben, man erinnerte sich an mich doch mit etwas mehr Freude als an die andere Version!
         Die Jahre gingen dahin. Was sollten sie auch sonst tun? Die Schule beanspruchte mich nicht so, wie sie es hätte sollen. Das Vorhaben meiner Verwandten kam nicht mehr zum Tragen: Die sogenannte »Adolf-Hitler-Schule« sollte/wollte mich aufnehmen. Gottlob scheiterte dies am Vormarsch der Roten Armee im Osten des »Reiches«! Und so musste der kleine Knirps die letzten Monate des Jahres ’45 als »Pimpf« in so einer kackbraunen Uniform verleben.
         Kurz darauf war dann alles vorbei. Und alles was vorher richtig erschien, war nun total falsch. Recht war Unrecht und umgekehrt. Die gesamte Volksmeinung wurde jetzt um 180° gedreht.
Doch das Unrecht der früheren Jahre, die Millionen von Toten in den KL’s und auch das Sterben der Zivilbevölkerung auf der Flucht wurde fein säuberlich versteckt - (teilweise bis heute) und wenn, dann sprach man nur im Geheimen davon. Warum?
Ganz einfach: Viele der alten Nazi-Größen waren plötzlich geläutert zur Demokratie gewechselt. Leider machten sie genau dort weiter, wo sie einst aufgehört hatten ...
         Ich war inzwischen in die Menge der Bevölkerung eingepasst worden. Man hatte nur versäumt, mir das auch mitzuteilen! Und so war ich nicht Einer unter Vielen; ich war Ich und bin es bis zum heutigen Tage! Ich sage nicht, dass es leicht war, es hat viel Herzblut gekostet, um das durchzuhalten. Ich lernte die Welt kennen - in Ermanglung von monetären Einflüssen leider von der anderen Seite - nämlich von ganz unten! Aber auch dort ist diese unsere Welt eine fantastische Welt. (Man muss sich manchmal nur die Menschen wegdenken).
         Später gründete ich dann auch eine Familie, meine Kinder sind das Allerbeste, was daraus hervorging. Alles Andere wanderte so langsam den Weg alles Irdischen. Das alte Wort von Ovid: »Mala sunt vicina bonis!« (Leid und Glück sind Nachbarn) bewahrheitet sich öfter im Leben von uns, als wir es wahrhaben wollen. Wer nie Fehler machte, darf auch kritisieren! Ich bin mir sicher, allzu viele Kritiker werde ich auf meinem Pfad nicht antreffen.
         31046. Diese magische Zahl gibt mir mehr, als ich eigentlich verdient habe. 31046 mal ging bisher die Sonne für mich auf. Gleich viele Male sah ich sie untergehen, mal blutrot, mal im Nebelgrau verschwindend. Hab ich mir früher auch Gedanken darüber gemacht? Ich kann mich daran jedenfalls nicht erinnern. Vielleicht ist das ein Vorrecht des Alters? Neulich las ich: »Wer in der Vergangenheit lesen will, muss in der Zukunft blättern!«
         Warum sollte ich diesen Sinnspruch nicht beherzigen? Ich denke an meine früheren Jahre. Sie sind Geschichte. Ich denke, dass ich jetzt in der Zukunft lebe, einer für mich glücklichen Zukunft, die irgendwann vorbei ist. Sei’s drum. Und wenn ich einst die Zahl 35000 als Glückszahl sehen sollte, werde ich auch »Danke« sagen. Und wenn nicht? Was machts, die Welt wird noch weiter bestehen.

 ©2019 by H.C.G.Lux











Mit einem meiner Lieblingsworte - von Lothar Zenetti -
möchte ich diese Gedanken beenden: 


Am Ende die Rechnung

Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen, 
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir geatmet haben, 
und den Blick auf die Sterne
und für alle die Tage, die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, 
dass wir aufbrechen und bezahlen.
Bitte die Rechnung!
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht!
”Ich habe euch eingeladen”, 
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
”Es war mir ein Vergnügen!”

Kommentare:

  1. da spricht der Lebenskünstler aus dir. Wenn man bedenkt WAS Du lieber Horst alles erlebt hast dann darf einen so viel gelassenheit, besinnliche Gedanken der inneren Ruhe nicht wundern.
    Du hast erlebt von vielem was man heut nicht mehr weiß oder wissen möchte, zum Teil so schreckliches ein Kind schädigendes, ein anderer als Du wäre vielleichtnicht so ein humorvoller und lieber Mensch geworden, sondern ein verbittertes Wesen geworden das nur das Schlechte im anderen sieht und nicht das Gute, das jeder in sich trägt.
    Deine Biographie lässt einem fast das Wort im Halse stecken bleiben und doch ist sie mit Ruhe erzählt ohne Grimm oder Groll.
    dein abschließendes Gedicht, die Gedanken deiner Worte - wunderschön bis zum Schluss,
    ich danke dir dafür, auch, dass du - wie ich aufschreibst was du denkst und fühlst..und das ohne Scheu, ehrlich und echt.
    herzlichst Angelface

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  2. Eine tiefe Betrachtung, liebe Angel. Man muss auch mal über seinen Schatten springen können.
    Und auch über sich selbst lachen können. Oft ist es die einzige Möglichkeit, mit einer leidvollen Angelegenheit fertig zu werden.
    Jemand, (ich glaube, es war Kant), sagte einmal:"Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiss nicht von den Besten."
    Also lachen wir bitteschön, wenn es auch manches Mal bitter ernst ist.
    Leben ist die sicherste Art, nicht zu sterben! (Und das ist von mir, ☺ )
    Eine schönes Wochenende wünscht Dir
    Horst

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  3. Lieber Horst, Du und angel haben vieles gesagt, dem ich zustimme und was mich auch nachdenklich macht. Natürlich habe ich eine Meinung dazu und meine Hochachtung für die Menschen die ihr Leben in den schlechten Zeiten gemeistert haben. Ich bin auch ein Mensch der nach vorne schaut und sieht das man Dinge nicht ändern kann die passiert sind, aber doch darüber nachdenken, wie gut es uns heute geht.Dem einen mehr oder weniger gut, aber so schlecht wie im Krieg und nach dem Krieg geht es wenigen und trotzdem wird gejammert.Eines habe ich auch festgestellt, man darf den Humor nicht verlieren und muss über sich selber lachen können. Das Gute daran, ich kenne Menschen die damit alt geworden sind, ist das nicht schön?
    Liebe Grüsse in das neue Jahr hinein, viel Gesundheit und den Humor behalten, das wünsche ich Euch, Klärchen

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    1. Danke für Deine Worte, und - was nützt schon das Jammern? Da hast Du vollkommen Recht:
      Über all, wohn man auch hört, wird gezetert, obwohl es den Menschen - auch den Ärmsten - noch hundertmal besser geht als es jemals war.
      Vielleicht liegt das in den Genen begründet? ☺
      Jedenfalls gehöre ich nicht dazu und darüber bin ich froh. Wenn ich klage, dann beklage ich höchstens das "kalte" Klima unserer Zeit, das stets alles auf "den Anderen" abschiebt.
      Es ist unbegreifbar ...
      Dir, liebes Klärchen, und den Deinen
      liebe Grüße von uns -
      Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]