22. Januar 2019

Recht und richtig

Als Großvater geboren wurde, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. In Potsdam saß der Kaiser auf seinem großdeutschen Thron, alle Ministeriellen machten genau das, was ER wollte. Und der Reichstag machte die Gesetze, Wilhelm II. segnete sie ab und damit war für den kleinen Mann zu Hause alles geregelt.
 Der 
Urgroßvater freute sich über den Stammhalter, der den Namen der alteingesessenen Familie wieder zu neuen Ehren bringen sollte, nachdem einer seiner missratenen Sprösslinge sich als »sozialistischer Revolutionär« vorher mit dem Bismark angelegt hatte und deswegen ein paar Monate im Kittchen verbracht hatte.
          Nun aber war lang erwartet der Großvater da. 1890 war er gerade rechtzeitig geboren, um dem im sogenannten "Drei-Kaiser-Jahr 1888" inthronisierten neuen Kaiser Wilhelm II. mit extrem lauter Stimme ein »Willkommen« entgegenzukrähen! Nach Wilhelm I. und Friedrich III. war der Zweite Wilhelm das Staatsoberhaupt im "Deutschen Reich" geworden.
War das eine große Freude - jedenfalls für den Adel. Dem kleinen Mann nützte das Ganze Theater herzlich wenig, er hatte wie immer, die Zeche zu bezahlen. Und die war niemals gering!
    Rechtzeitig
 zum Weltkrieg 1914 erschien also Großvater in der Weltgeschichte, um dem Deutschen Reich hilfreich bei dem Kampf der Achsenmächte mit der Entente siegen zu helfen. Nun, zu diesem Sieg reichte es zwar nicht, aber immerhin war nach vier harten und für die Bevölkerung entbehrungsreichen Kriegsjahren der Kaiser in einer Nacht- und Nebelaktion nach Holland verschwunden und ließ dort dann den Herrgott einen guten Mann sein. Schließlich musste er ja von seinen Ruhmestaten ausruhen. 


Großvater kam dann auch wieder nach Hause. In der Schlacht an der Somme 1916 verlor er drei Finger einer Hand, ein Maschinengewehr durfte er trotzdem noch bedienen. Diese Schlacht an der Somme zählt bis heute zu den sinnlosesten Schlachten aller Zeiten. Nach vier Monaten schwerster Kämpfe hatte sich die Front fast nicht verändert, die Verluste auf beiden Seiten betrugen die unglaubliche Anzahl von 1,3 Millionen Mann! Keine andere Schlacht in einem Krieg hat so viele Opfer gekostet. Die Helden bekamen im Reich ein Eisernes Kreuz, die Übrigen hatten ein Stück Eisen im Kreuz!
         Ja, wie gesagt, Großvater war dann wieder daheim. Vater, 1910 geboren, war inzwischen acht Jahre alt und schwarz-weiß-rot erzogen worden. In den Hungerjahren des Krieges wurde dieses Nationalbewusstsein so eingetrichtert, dass eine andere Einstellung sofort als »linksrevolutionär« angesehen wurde.
Im berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17 war der Versuch, zu überleben, die einzige Aufgabe, die jede Familie zu realisieren hatte. So manch einer hat es da nicht mehr geschafft. Für sie oder ihn blieb dann kein ehrenvolles »Dankeschön«, sie waren einfach nicht mehr vorhanden!
        Die Zeit nach 1919 mit den Wirren und den diversen politischen Strömungen brachte überhaupt keine Klarheit der Dinge, die man sich erhofft hatte. Reparationszahlungen in gigantischer Milliarden-Goldmark-Höhe waren Deutschland aufgezwungen worden. Dass diese auch mit dazu beitrugen, die unselige Nazi-Diktatur an die Macht zu bringen, wurde - und wird zum Teil heute noch - vehement abgestritten. Jedenfalls kam 1923 dann der wirtschaftliche Niedergang in Deutschland. Es war eine riesengroße Enttäuschung. Der Nominalwert der Mark ging stürmisch und unmissverständlich in die Tiefe. Der Arbeiter, falls er überhaupt noch Arbeit hatte, wusste morgens nicht, ob der Lohn, den er tagsüber verdiente, abends noch dazu reichte, ein Brot zu kaufen! Es ist kein Märchen, dass die Hausfrau abends am Fabriktor stand und auf den Ehemann wartete, um schleunigst mit dem Tageslohn zum Kaufmann zu rennen! Dabei schien es nie sicher, ob Brot oder sonstige Waren noch vorhanden waren oder das Geld für den Kauf noch ausreichte! Es war obligatorisch, dass dann die Kinder daheim auch mal ohne Essen ins Bett mussten.
         Natürlich gab es auch - wie in allen Zeiten - Kriegsgewinnler. Das waren dann die Menschen, die aus der Not Anderer eine Tugend zum Geldverdienen machten.
Großvater jedenfalls gehörte nicht zu diesem Personenkreis, er hatte es aber fertig gebracht, sich mit einem Tischlereibetrieb selbstständig zu machen. Als der Niedergang des Geldes begann, hatte er schon große Mengen an Holz aufgekauft und versuchte nun mit einem
Angestellten, Kleinmöbel zu fertigen. Es reichte jedenfalls zum Unterhalt der Familie. So wurde dann Vater, der Sohn des Hauses, als Lehrling in der Werkstatt des Großvaters eingestellt.
 Bekanntlich hatte Großvater drei Finger der linken Hand im Krieg eingebüßt. Dennoch gab es niemanden, der ihm bei seiner Arbeit überlegen war!
Ein großes Problem aber hatte Großvater: Er plagte sich mit einer Fehlstellung der Füße herum, wahrscheinlich durch unpassendes Schuhwerk in seiner Soldatenzeit hervorgerufen. Er litt an einer Anomalie der Zehenstellung, Hallus Valgus, die ihm sehr große Schmerzen bereitete.
         In der Stadt gab es nun einen Schuhmacher mit orthopädischen Kenntnissen. Dies war ein völlig neuer Handwerkszweig, der durch viele Kriegsverletzungen enorm wichtig geworden war. Dieser Schuster sollte Großvater behilflich seindiese Fehlstellung der Füße und deren schmerzhafte Auswirkungen durch ein Paar passgenaue Stiefel auf ein erträgliches Maß zu senken. Großvater erbot sich dafür, dem Mann ein Beistelltischchen zu bauen, dass zu dessen Mobiliar passte. Zusätzlich sollte Großvater noch 60 Millionen Mark in bar zahlen. Der Handel war perfekt und konnte nun seiner Ausführung entgegensehen. Großvater baute den wunderschönen Mahagonitisch, der Schuhmacher fertigte ein Paar Stiefel an, das wirklich ohne Tadel war. Beides wurde im November 1923 geliefert, alles war Tipp-Top in Ordnung. Die Barzahlung allerdings brachte nun das gute Verhältnis der Beiden in arge Bedrängnis!
       Am 15. November 1923 nämlich wurde die Inflation offiziell gestoppt, die neue »Rentenmark« löste die bisherige Mark im Verhältnis 1:1 Billion ab!
 Nun war guter Rat teuer! Eins zu einer Billion, da blieben dem guten Schuster nur ein paar Pfennige übrig. Mit dieser Abrechnung aber war er gar nicht einverstanden. Großvater andererseits war nicht bereit, mehr auf den Tisch zu legen, als sie vereinbart hatten. Dieser Rechtsstreit zog sich über ein ganzes Jahr hin. Auch als im August 1924 die 
Reichsmark eingeführt wurde und die bis dahin gültige Rentenmark 1:1 ersetzte, stritten die Parteien immer noch um die 60 Millionen Papiermark!

Es gab drei Gerichtsurteile, gegen jedes wurde von der anderen Partei Berufung und Revision eingelegt. Dann fiel das endgültige letzte Urteil: Großvater wurde verurteilt, 20(!) Reichsmark an den Schuhmacher zu zahlen! Die gesamten Kosten wurden halbiert und jedem zu gleichen Teilen zugewiesen. Es ist nicht bekannt, wie hoch diese Kosten jeweils waren!
 Zähneknirschend zahlte der Großvater seine ihm auferlegten Beträge. Daheim schwor er, dass er dem Schuster alles heimzahlen wolle. Dazu kam es dann Gottlob nicht mehr, denn der Schuhmacher verstarb noch im gleichen Jahr an einer Pilzvergiftung.
Das war aber dem Großvater ganz sicher nicht anzulasten!




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Kommentare:

  1. lieber Horst zwischen recht und richtig gab es immer schon einen riesigen UNterschied, man konnte es auslegen wie man es sah und wollte, so ergaben sich nicht nur zu dieser Zeit viele Ungereimtheiten mit denen niemand klar kam.
    Deine Reise in die Vergangenheit deiner Väter ist ein kostbares Zeitdokument, das den Leser mit einem Klos im Hals zurücklässt - vieles kann man kaum fassen, gut dass es diese Dokumente noch gibt aus denen klar hervorgeht wie die damalige Zeit war.
    Die Menschen mussten ums überleben kämpfen wie heute die Einwanderer in unserem und in allen Ländern.
    deinen Beitrag zu lesen lässt viele nachdenklich zurück und bringt vielleicht andere dazu aufzuwachen um zu tun.
    liebe Grüße angelface

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  2. Ist immer richtig, was Recht ist? Diese Frage stellten sich die Menschen schon immer.Dazu gibt es so viele divergierende Meinungen, je nachdem, an welcher Seite des Tisches man gerade sitzt.
    Und vor allem: Das kann sich schnell ändern, ich habe es so viele Male erlebt ...
    Uns allen wünsche ich nur, dass wir immer wissen, was richtig ist! (Fällt manchmal schwer, ich weiß.) Trotzdem, liebes Engelchen, die vier Himmelsrichtungen bleiben konstant dieselben!
    Also, versuchen wir wenigstens, das Rechte zu tun! (Ob es dann auch richtig ist, mag dahingestellt sein)
    Das meint mit ganz lieben Grüßen
    Horst~~~

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  3. Schön lieber Horst, das es noch Dokumente und Wissen über Deine Großeltern gibt. Sie mussten damals auch eine harte Zeit durchmachen, Hallus Valgus, da weiß ich das es schmerzt, früher mit schlechtem Schuhwerk bestimmt noch mehr. Du trägst dazu bei ,das Geschichte erhalten bleibt . Irgendwann in Zukunft wird es jemand wissen wollen, die Enkel, Urenkel oder Ururenkel die Dir folgen, dennen du es hinterlässt.
    Ich glaube es tut Dir auch gut, davon zu erzählen und zu erinnern, es ist Deutsche Geschichte.
    Ich wünsche Dir Gesundheit und alles Gute, das Du schreiben kannst ,was Dich bewegt, Klärchen

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  4. Ja Klärchen, manchmal ist es sehr interessant, in alten Dokumenten nachzuforschen.
    Es sind n i c h t meine eigenen, in den Tagen des Krieges ist von meiner Familie nichts übrig geblieben.
    Ich rekonstruiere nur, wie oder was es gewesen sein könnte - nichts ist authentisch, alles bloße, aber eruierte, Fantasie! Schlimm?
    Ich wünsche Dir noch schöne Tage -
    Horst~

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  5. Lieber Horst ,da hast Du Fantasie mit Wirklichkeit vermischt, das ist nicht schlimm, aber es war schlimm!
    Liebe Grüsse in den Abend, Klärchen

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]