29. Juni 2019

Aus alten Zeiten



Ich saß an diesem himmelblauen Tag in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, schaute interessiert den Hausrotschwänzen zu, die losgelöst von allen Sorgen des täglichen Lebens durch die Zweige des Schmetterlingsflieders huschten. Dieses Pärchen wohnte seit einigen Tagen in unserer Garage. Seit sie sich durch das offene schmale Fenster in die Garage eingeschlichen hatten, gehörte dieser Teil des Hauses nun dem Leben dieser kleinen Mitbewohner. Anscheinend sagte ihnen dieser ungemütliche Ort zu; in einer Ecke des dort angebrachten Regals beschlossen sie, ihr Nest einzurichten!

        Seitdem stand unser Wagen nun draußen vor dem Garagentor, wir hatten entschieden, diesen gefiederten Untermietern keinesfalls eine Kündigung zuzusenden. Sie waren eine Bereicherung unseres Tagesablaufs; in der Frühe schauten wir zuerst ganz vorsichtig durch einen Türspalt, ob dort bei unseren neuen Freunden alles in Ordnung war.
        Der Tag schlich ohne besonderes Ereignis vor sich hin, die Sonne schickte schon früh ihre Kraft geballt zur Erde. Im Hause war es bedeutend angenehmer als in der freien Natur, so versuchte ich irgendwie, den Tag sinnvoll zu gestalten. Marie hatte, als sie heute früh auf eine Kurzreise ging, mir zwar einige Aufgaben zugeteilt, die ich - wenn ich Lust hätte - ausführen könnte. Da erhob sich danach die Frage: Habe ich Lust? Meine interne Antwort hieß eindeutig: Nein!
        So kam es dann seltsamerweise, dass ich mich auf dem Dachboden wiederfand, den ich schon lange nicht mehr betreten hatte. Dank guter Isolierung war es dort ganz gut auszuhalten. Beim Herumkramen fand ich dann, versteckt in einer Ecke, einen alten Pappkoffer, der sicher schon lange Zeit auf seine Entdeckung gewartet hatte. Du kennst diese alten Koffer noch? Es war so eine Art von »Hartschale«, die diese Kriegsware so überaus vielfältig unter der Bevölkerung verbreitet hatte, eine Presspappe, die unter Zumischung anderer Bestandteile als Lederersatz diente. Jedenfalls war diese Art Koffer weit verbreitet.
        Tante Ursula hatte bei ihrem Ableben noch viel Trödelkram auf dem Speicher liegen. Als ich seinerzeit ihr Haus übernahm, freute ich mich schon lange vorher wie ein kleiner Junge auf die Schätze, die dort zu entdecken waren. Nun gut, Schätze waren es nicht gerade, die ich fand, dennoch konnte ich etliche interessante Funde machen, die zum Teil zwei Weltkriege
überstanden hatten und nun archaische Erkenntnisse an den Tag brachten.
        So lag dort unter anderem ein alter, verrosteter Karabiner K98 von 1906 in einer alten Kiste, der Kolben war angebrochen - warum das alte Ding dort von der guten Tante aufbewahrt wurde, entzog sich meiner Kenntnis. Onkel Albert, ihr Mann, hatte seine Waffe wohl 1918 aus unerfindlichen Gründen aus dem Krieg mit nach Hause gebracht und dort oben deponiert.
        Aber ich wollte ja von dem Koffer erzählen, der so viele Dinge enthielt, die mich zum Nachdenken brachten. Obenauf lag eine Mädchen-Turnhose mit dem Emblem der Hitlerjugend auf einem Bein, das Besondere an diesem Glanzstück aber war der Beinabschluss mit Gummiband! So etwas würde heute wohl kein weibliches Wesen mehr anziehen!
              Als Nächstes fand ich einen dicken Schmöker, in Leder eingebunden, »Unser Deutsch-Ost-Afrika!«
Interessant die Schwarz-Weiß-Fotos in diesem Band, auf der ersten Seite der General v.Lettow-Vorbeck wie ein Pascha in entsprechender Pose mit den Daumen hinter dem Koppelschloss. Hinter ihm stolz aufgereiht seine »Askaris«, die schwarzen Hilfssoldaten der Deutschen, in fast ebensolcher Positur.
        In einer Ecke des Koffers lag ein altes Springseil für Kinder, die Schnur ausgefranst, mit Holzgriffen, die einst bunt bemalt waren. Wie viele Mädels damit wohl ihre kunstfertigen Übungen vollbracht hatten?

        Ich kramte weiter in dieser kostbaren Schatzkiste, eine riesige Pappschachtel, mit einem blauen Seidenband umwickelt, erblickte nach vielen, vielen Jahren wieder das Licht der schnöden Welt! Als ich sie öffnete, kam mir die diese ganze Welt in Form von unzähligen farbenfrohen Briefen entgegen. Jeder Brief war sorgsam in seinem Umschlag verstaut worden, so war es nicht schwierig, die jeweiligen Absender zu ermitteln.
        Den ganzen Nachmittag vergrub ich mich in diesen alten Briefen und handschriftlichen Aufzeichnungen, vergaß Essen und Trinken, die Zeit und mit ihr die reale Welt. Die Vergangenheit von völlig unbekannten Menschen hatte mich so in ihren Bann gezogen, dass ich kaum aufblickte. Irgendwann aber musste ich doch einmal eine Pause einlegen. Ich fand es aber ganz tröstlich, dass ich ja morgen weiterforschen konnte.
        Als ich nachmittags schweren Herzens den Koffer zur Seite stellte, hatte es ein ganz kleiner und bescheidener Brief geschafft, dass ich ihn mit in mein Arbeitszimmer nahm. Dieser Brief hatte kein Kuvert mehr, er war wohl so einfach zwischen die anderen geraten. Das Datum dieses Briefes, 1.Juni 1913, machte mich doch sehr nachdenklich. Es war ein weißer, schon vergilbter Bogen aus Büttenpapier, auf dem anscheinend ein Kind in krakeliger Sütterlinschrift seine Worte zu Papier gebracht hatte. Ich konnte einfach meine Blicke nicht von diesen Zeilen lassen, sie berührten meine Seele!
      »Mein lieber Fritz«, stand da, mal groß, mal klein geschrieben, reichlich mit Tintenklecksen versehen, »die Bäume sind nun schon kahl geworden. Weißt Du noch, wie wir hier immer gespielt haben? Schade, wir spielen nicht mehr Räuber und Gendarm. Und die Liese hat sich beim Galoppieren das rechte Vorderbein gebrochen, sie mussten sie erschießen. Tante Hannchen hat Zahnweh, sie läuft immer mit ihrem Taschentuch herum. Papa ist auf Jagd gegangen. Jetzt weiß ich nichts mehr, mir geht es gut. Schreib bald zurück und bleib gesund.
Dein Bruder Paulchen
        Ich war erschüttert. Fritz hieß mein Großvater, ich weiß nicht, ob er einst der Empfänger dieses Briefes war. »Die Bäume sind nun kahl!« Dieser Satz ließ mich den Brief still weglegen, meine Gedanken gingen auf die Reise, über hundert Jahre rückwärts in eine Zeit, die viele Leute später »die gute, alte« nannten!
        Kann ja möglich sein, dass sie es wirklich war, jedenfalls für alle, die damals Kinder waren und nicht wussten, welche unheilvollen Erlebnisse noch auf sie warteten. Wir heutigen Menschen denken auch immer noch, dass es »früher« alles besser war.
Möge uns dieser Kinderglaube erhalten bleiben, er hilft so manches Mal, schwierige Lagen zu überstehen …

©2019 by H.C.G.Lux

Kommentare:

  1. Lieber Horst, danke für den Blick in Deinen alten Koffer, das war sehr interessant. Ich hätte auch nicht aufhören können zu lesen und hätte so vertieft wie Du gesessen. Ein Eiblick , nicht in die gute alte Zeit würde ich sagen, sondern in eine völlig andere Zeit mit guten und schlechten Tagen. Über die Zeit heute, wird wohl morgen die Geschichte erzählen und vielleicht ein paar Briefe und Gedichte, die wir heute verfasst haben, sicher eher gedruckt als handschriftlich, das wird leider weniger. Ich schreibe noch in Bücher handschriftlich für meine Kinder.Ein Rotschwänzchen mit vier Jungen hatten wir auch unter dem Capport, sind ausgeflogen.
    Liebe Grüsse zu Dir und übersteht beide gut die Hitze dieser Tage, moin, moin , Klärchen

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  2. Moin auch zu Dir, Klärchen, und danke für Deine Zeilen.
    Gut, dass wir noch denken können, nicht? Ich bekenne: Auch ich schreibe nur noch selten
    Briefe, das meiste doch geht über EMail. Aber egal, Hauptsache man schreibt überhaupt mal ...
    Liebe eisgekühlte Grüße von uns beiden zu Euch,
    Horst

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  3. Deine Art Geschichten aufzuschreiben, ist von einer wohltuende Ruhe geprägt. Das, lieber Horst, fällt mir immer wieder auf. Es ist wohl deiner Gelassenheit geschuldet, mit der du das Leben annimmst. Ich habe schon als Kind immer gerne "alten" Menschen zugehört, wenn sie aus ihrem Leben erzählten. Ganz still habe ich dagesessen und alles in mich aufgesogen. Heute bin ich selbst alt und hätte so manche Geschichte zu erzählen, aber heutzutage hört niemand mehr zu. Das Interesse fehlt, die Menschen haben keine Zeit mehr - und das - genau das - war früher anders und in meinen Augen eben auch besser. Zeit zu haben für einander und da zu sein für einander. Heute geht jeder seine eigenen Wege und interessiert sich nicht wirklich für andere. Es herrscht eine allgemeine Oberflächlichkeit. Heute sind Egoismus und Individualität angesagt. Auch das war früher anders. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.

    Gelassen zu bleiben fällt mir immer noch schwer. Bei gewissen Themen treibt mich eine Aufmüpfigkeit an, mein unstillbarer Zwang, mich für Gerechtigkeit einsetzen zu müssen.
    Aber wer bin ich, zu entscheiden, was gerecht und was ungerecht ist !

    Briefe zu schreiben und zu erhalten oder in Briefen aus alten Zeiten zu stöbern ist oft Balsam für die Seele und ja, es vertreibt so manches Mal auch trübe Gedanken.
    Auch das Briefeschreiben war früher irgendwie viel persönlicher - aber was nützt es, sie kommen nicht wieder, die alten Zeiten und die neuen Zeiten sind sehr gewöhnungsbedürftig.
    Nichtsdestotrotz, es ist wie es und wir müssen es nehmen wie es kommt.

    Hab' einen angenehmen Sommertag, genieße, was immer du tust und lass es dir gut gehen.
    In diesem Sinne ganz herzliche Grüße - auch an Ingrid von
    Laura, die von Rosenduft umgeben wieder einmal in sommerlichen Träumen von allem Irdischen entrückt ist ;o).

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  4. Der Rosenduft dringt bis fast an meinen Schreibtisch - oder ist es nur der Duft unseres Rosenstrauchs im Garten? Egal - was es auch sei, es ist ein atemberaubendes Odeur, immer wieder und von allen Menschen geliebter Hauch von Natur.
    Ja Laura, es war früher anders, Deine Einbildung trügt Dich da nicht. Aber war es besser?
    Du meintest, "niemand hört mehr zu" mit leisem Unterton des Bedauerns.
    ich denke nicht, dass dies so ganz richtig ist, es kommt immer nur darauf an, was man damit herüberbringen möchte, glaube ich.
    Ich habe ehemals oft - wahrscheinlich zu oft - versucht, meine Meinung den Anderen überzustülpen. Das ging jedoch immer auf die eine oder andere Weise daneben. Da stellte ich dann fest, dass ich selbst es war, der die Ungeduld gepachtet hatte.
    (Manchmal ist es heute noch so, hat sich aber schon gebessert.) ��
    Bei dem Thema 'Oberflächlichkeit' muss ich Dir Recht geben: Ja, das ist leider so. Ich denke, es hat etwas mit der Schnelligkeit unseres Lebens zu tun. Jeder Mensch möchte heute immer dabei sein, immer auf der Höhe des Wissens und der Technik. Und niemand spürt dabei, dass er sich diesen Dingen unterordnet, sich abhängig macht von dem, das er eigentlich verabscheut.
    Glaub nur ja nicht, dass es mir anders geht. Wie oft versuche ich, gegen etwas anzukämpfen, das im Grunde längst entschieden und nicht mehr änderbar ist. Folglich kämpfe ich dann wie Don Quichotte gegen Windmühlen an und lasse mir dadurch meine Kräfte einfach rauben.
    Doch, liebe Laura, Du wirst immer helfen, die Sicht der Dinge zu verändern, Du wärest nicht Du, wenn Du das Gewissen schlafen lässt! Uns (älteren) Menschen steht es zu, dass wir Ratschläge geben, das ist dann kein 'Besserwissen', sondern Weisheit!
    (Ja, nicht diese Weisheit, die immer belächelt wird, die gibt es nur in Sonntagsblättern.) Aber die Reife, die uns entscheiden lässt, ob 'Gut' oder'Böse' in unseren Augen die Prämisse bedeutet. [Ob es dann letzten Endes richtig ist, steht aber immer noch in den Sternen ...]

    Also - liebe Laura - "Der Duft der weiten Welt", wie er einst angepriesen wurde, ist unwichtig; der Duft der Rosen im eigenen Bereich steht ganz oben auf der Skala.
    Danke für Deine anregenden Worte. (ich wünsche Dir viele Briefe, auch wenn sie vielleicht nur in Gedanken geschrieben wurden.)
    Liebe Grüße hier aus dem - etwas abgekühlten - Ostfriesland
    von Horst und natürlich auch von Ingrid.
    ��‍♂️

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  5. Danke, lieber Horst, für deine ach so ausführliche Antwort. Wie ich mich darüber freue !
    Mit deinen Ansichten lieferst du mir wieder Gedankenanstöße, die mich eine Weile beschäftigen werden. Dafür bin ich sehr dankbar.
    Mir liegt es nämlich absolut fern, anderen meine Meinung aufzustülpen - im Gegenteil ich höre mir gerne kontroverse Meinungen an, weil ich nur auf diese Weise meine eigene
    Meinung noch einmal überdenken kann. Das meinte ich auch, als ich schrieb, dass die Menschen heutzutage wenig Zeit haben anderen zuzuhören, weil sie eben oft nur von ihrer eigenen Meinung überzeugt sind und gar keine andere mehr gelten lassen. Wozu also noch zuhören ? Hinzukommt, dass die meisten Menschen aufgrund unserer Schnelllebigkeit auch zu sehr mit sich selbst und den eigenen Sorgen und Problemen beschäftigt sind.
    Früher, als es weder Fernsehen, Internet oder Handys gab, saß man noch öfter zusammen,
    hat diskutiert oder sich unterhalten. Das empfinde ich wirklich als "besser". Heute kommunizieren die Menschen doch fast ausschließlich digital miteinander.

    Das sind eigentlich Themen für lange Kamingespräch bei einem Gläschen Wein und nicht für
    einen Kommentarbereich im Internet. Dennoch ist es schön, dass die Möglichkeit besteht, auch wenn ich solche Themen viel lieber in einem persönlichen Gespräch diskutiere.

    Ach herrje, jetzt habe ich schon wieder so viel geschrieben und wollte mich doch eigentlich "nur" für deine Zeilen bedanken, lieber Horst.

    Also nochmals vielen, lieben Dank, lieber Horst.
    Liebe Grüße zurück - auch an Ingrid und das schöne Ostfriesland, von
    Laura, die sich auf den angekündigten Regen freut :o) endlich !

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  6. Lieber Horst, erst diese bedeutsame wunderschöne geschichte die tief mein herz berührt und dann der nachfolgende Briefverkehr der so deutlich zeigt wie sehr sich die Welt doch verändert hat. Nicht viele bedauern dies weil sie:ja, keine zeit, auch kein Interesse mehr dafür haben, die anderes beschäftgt und umtreibt was anscheinend so viel wichtiger ist, dabei sind es doch unsere Herzens und Seelengedanken die uns ausmachen und so zeigen wie wir sind.
    Wenn ich manchmal am ganz frühen Morgen wenn meine Gedanken mich wach halten, so durch die Blogs forste um zu entdecken was andere beschäftigt bestätigt mir mein Blick, dass man am besten mit Klick,Klick weitergeht um all den Oberflächlichkeiten der jetzigen Zeit nicht zu viel Raum zu geben.
    Deine Art mit deinen Gedanken und Erfahrungen umzugehen, all deine Nachdenklichkeit ist immer wieder für mich Labsaal, Würde, Bereicherung und Freude denn hätten wir nicht Menschen wie dich die du uns dies schenkst, wäre die Welt sehr viel ärmer.
    Dein Blick auf die Weit und die Zeit, er zeigt mit jedem Wort was dir wichtig ist und entbehrt jeder Oberflächlichkeit sondern zeigt deine Stärke.
    Bin sehr berührt und grüße dich in den noch frühen Tag..
    herzlichst Angelface

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  7. Ach ja, Engelchen, ich neige oft - vielleicht zu oft - dazu, in der Vergangenheit herumzukramen.
    Dann spielt meine Gedankenwelt mit der Fantasie ein Rollenspiel, von dem ich selbst nicht weiß, wie es ausgeht. Es kann spannend sein - aber auch furchtbar langweilig. Wie das Leben auch!
    Ich denke, es kommt immer darauf an, wie wir es verarbeiten!
    Wenn ich heute manche Oldies höre "früher war alles besser", dann kann ich als einer von ihnen sagen: "Nein! Das ist unwahr!" Jede Zeit hat eben ihre Plus und Minuspole. Meist sieht man sie nicht früh genug und wundert sich über die Auswirkungen im eigenen Leben.
    Gestern war, Morgen wird sein, wir aber wollen im 'HEUTE' leben.
    Das wünsche ich Dir, mir, uns allen -
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]