26. Oktober 2019

Viel zu viel!

Zu viel!
Unser Leben wird immer rasanter. Alles spielt sich heute in einem Tempo ab, das kaum Zeit zum Nachdenken lässt. Selbst Gespräche verlaufen oft in einer Geschwindigkeit, dass man kaum noch das Wesentliche der Mitteilungen erfassen kann. Ich möchte hierzu eine kleine Geschichte erzählen, die sich vor etwa 120 Jahren abgepielt haben kann:
Zwei Bauern, Hinnerk und Harm aus einem Dorf im ostfriesischen Rheiderland, auf der westlichen Seite der Ems gelegen, machten sich an einem schönen Sommertag mit ihrem Ackerwagen auf den Weg zum Viehmarkt. Sie hatten sich verabredet, einige Kälber nach Leer zum Markt zu bringen. Sie trafen sich früh am Morgen, grüßten sich wortlos mit einem Handschlag, spannten Hinnerks Füchse vor den Wagen und ab ging die Fahrt zur fünf Kilometer entfernten Kreisstadt.
An der Fährpünte an der Ems bei Leerort hatten sie Aufenthalt, da die Fähre nur zwei, drei Fahrzeuge transportieren konnte. Harm betrachtete die Ems, die gemächlich der Nordsee entgegenzog. Dann meinte er mit einem Blick auf das blaugraue Wasser:
»Wi hebb’n Hoogwater!«
Hinnerk sah ihn an, nickte kurz mit dem Kopf. »Jo!«
Einige Zeit später kamen sie in Leer auf dem Markt an, tätigten ihre Geschäfte mit Erfolg, tranken in der ›Waage‹ ein Bier und einen Genever, machten sich dann wieder auf den Heimweg. Bei Leerort an der Fährpünte wieder angekommen, meinte Harm: »Dat Water geiht all weer hendaal!«
Hinnerk sah seinen Mitfahrer etwas länger an, lenkte dann das Gespann auf die Fähre und meinte dann mit einem Blick auf die Ems: »Hm!«
Wieder zu Haus angekommen,verabschiedeten sich beide mit einem Händedruck. Hinnerks Frau Gesa kam aus der Tür und als Hinnerk die Pferde ausspannte, fragte sie ihren Mann: »Na? Wo weer’t? All up Stee?«
Hinnerk nickte. »Jo, man mit Harm gah ik dor nich mehr hen!« Gesa fragte erstaunt: »Woso dat denn?«
»Woso? De proot mi allto vööl!«

 
Für Nicht-Ostfriesen:
Hoogwater        Hochwasser
hendaal              herunter,zurück
wo weer’t?          wie war es?              
up Stee               in Ordnung
woso?                 wieso?
proot                  redet, spricht
allto vööl            viel zu viel



©by H.C.G.Lux

Kommentare:

  1. Herrlich ostfriesisch! Der eine spricht zuviel, der andere schweigt zuviel. Schon komisch, das man sich in der Mitte nicht treffen kann. Gut zuhören können ist eine Gabe, und andere redenlassen auch!
    Mein lieber Horst, einen wunderbare Geschichte ...die lässt sich auf unsere Zeit gut übertragen. Alles viel zu schnelllebig und nicht aufnahmefähig fliegt es vorbei wie ein Blatt im Wind.
    Liebe Grüsse auch an Deine Liebe, Klärchen

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  2. Moin, mien utwannert oostfreske Wicht!
    Hier is allen's up Stee - un keeneen weet Bescheed ...
    Well schrievt de blievt, das was all vöör hunnert Johrn so
    uns so will ik ok wiedermoken, kann ja weesen, dat ik doch noch de HUNNERT
    to packen krieg, meenst nich?
    Laat di dat good gahn
    (un proot nich so vööl, as Hinnerk seggt ...

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  3. Moin Horst, wat freit mi dat, du prootst un givst Antwoorden up platt.
    Dat innert mi soo an min Heimat un to Huus. Laat jö dat good gahn`,
    nee, sovöl as Hinnerk proot ik nich, kört is mennigmool beter.
    Klärchen

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]