22. November 2019

Wo auch immer ...


Wo immer es auch sei: Irgendein Ortsname auf unserer (noch) schönen Erde. Es muss nicht Bethlehem sein, dem »Weihnachtsort« schlechthin. Nenne es Fukushima oder Homs in Syrien, gib ihm den Namen Buchenwald, New York oder Dresden, auch Guernica oder Oradour kämen dafür in Frage.


        Überall, wo Menschen wohnen, sind deren Wohnorte sehr oft mit Ereignissen belastet, auf die man nicht stolz sein kann. Das müssen nicht unbedingt Gräueltaten sein, die dann nach oben gespült werden. Wenn du jemanden erzählst, dass du eine Tante in Dachau hast, klicken aber gleich die Signale auf »KZ-Vergangenheit«. Gemeint ist natürlich der heutige Ort, sei er nun wunderschön oder gerade noch zu ertragen. Wenn der Name Hiroshima bei einem Erdbeben fällt, denkt jeder sofort und automatisch an die Atombombe, klar.
        Dann gibt es noch Orte, bei denen man gleich an zweifelhafte Aussagen denkt. Flensburg! Da stoße ich mich sofort an der Verkehrssünderkartei. Gut, mittlerweile hat sich das abgeschwächt, man denkt nun vielleicht mehr an das leckere Pils oder an den Handballverein.
      Jedes Dorf, jede Stadt bemüht sich, ihren Namen von misslichen Bedeutungen freizuhalten. Allerdings gibt es auch Städte, die Ereignisse oder Namen mit Gewalt in ihre Annalen einzupressen versuchen. Irgendein großer Sohn, irgend eine außergewöhnliche Dame wird doch wohl zu finden sein?
        Ich wüsste gern, wie viele Einwohner Weimars Werke von Goethe überhaupt gelesen haben? Ist es vermessen zu sagen, dass die meisten Menschen in Mainz mit dem Gutenberg nix am Hut haben? Unsere Gedanken transportieren Erinnerungen an »Traumorte«, die irgendwann mal in unserem Leben eine Rolle gespielt haben.
        Das war schon in der Bibel so. Auch da wurden und werden »Traumorte« als überragend angepriesen. Zum Beispiel Jerusalem! Dieser Ort wird so anormal überhöht, bis hin zum »himmlischen Königreich Jerusalem«, kein einziger Ort der Welt aus Beton und Glas kommt dann dagegen an. Welch ein Quatsch!
      Aber gleich danach kommt Bethlehem! Es ist heute eine Stadt etwa so groß wie Rottweil oder Salzwedel und liegt in den sogenannten palästinensischen Autonomiegebieten, in denen die Hamas regiert. Ein mehrere Meter hoher Zaun grenzt den Ort von Israel ab.
          Du kommst dort an einen Ort, an dem du nicht viel vom Frieden auf Erden antreffen wirst. Wenn der Name dieses Ortes nicht unter die negativen unserer Welt eingereiht wird wie Hiroshima oder Stalingrad (Wolgograd), dann hat das nur religiöse Gründe!
          Wie ist es möglich, dass wir besondere Orte mit einem solchen Glanz umgeben, der mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat? Eine Möglichkeit ist, dass dieser Glanz den inneren Reichtum ausdrücken soll. Wie zum Beispiel bei den Ikonen der Ostkirche. Alles ist vergoldet, wie praktisch, da fragt dann niemand mehr nach dem wahren Wert.
        Geht es uns mit den eigenen Erinnerungen nicht ähnlich? Sie werden eingefärbt und manchmal vergoldet! Unser Kopf bastelt sich seine eigene Vergangenheit zurecht, so wie er sie haben will. Lässt dabei alles Unangenehme nach Möglichkeit weg.
        Deshalb wird die Vergangenheit meist besser angesehen als die Gegenwart es ist, obwohl sie es niemals war! Vielleicht aber stärkt das auch unsere Hoffnung? Diese Überhöhungen von Ort und Zeit wollen uns helfen, Hoffnung zu haben, wenn alles grau in grau aussieht.
      Auch wenn unsere großen Orte, die Plätze, die für uns bedeutsam sind, sicher nicht Jerusalem oder Bethlehem heißen, so sind sie doch Punkte, an denen wir unsere Richtung festlegen könnten!
          Jesus Christus benötigt keine goldene Erhöhungspunkte. Er kam damals zu denen, die ganz weit unten, im Niemandsland waren.
Ein Theaterstück von Rudolf Otto Wiemer trägt einen bezeichnenden Titel: Jesus wohnt in unserer Straße!
Weißt du vielleicht, in welchem Haus?



©2019 by H.C.G.Lux

1 Kommentar:

  1. sehr sehr kluge Betracghtungen lieber Hosr die soo fast nienmabnd den ich kenne" anstellt!
    Leider...
    sich Gedanken über vergangenes zu machen ist nicht modern, eher oftmals verpönt wenn ich so manch Unterhaltungen folge und mich dabei frage wie dumm manche Menschen einfach sind wenn sie meinen Ihr LEBEN hätte keine vergangenheit gehabt oder
    sie könnten diese verneinen, ausradieren, auf stumm schalten...
    tief in die Geschichte eintauchen ist anstrengend, vielen zuuu anstrengend - auch leider denn sie verpassen WISSEN;ERfahrung anderer, den Fortschritt der gemacht wurde...
    sehr kluge Worte und Gedanken lieber Horst, du wirst deinem Namen Dichterfürst nur zu gerecht....
    ich danke dir dafür denn
    ich lese sie gerne...
    herzlichst angelface wobei ich manchmal FAST meine wir seien fast allein auf der Welt wenn wir uns austauschen....:-))

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]