8. Januar 2020

"Quare verbis parcam? Gratuita sunt!"


Warum soll ich mit Worten sparen? Sie sind doch umsonst!
 (Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. - 65 n.Chr.)


Schreiben ist ja im Grunde genommen keine schwierige Sache. Nee, wirklich, daran hapert es ja nicht. Das kann der Mensch oder er kann es nicht. Punkt. Wenn ein Mensch es nicht kann, ist es auch kein Thema, vielleicht ist es sogar besser, er muss sich dann keine weiteren Gedanken über den Textablauf machen. Die Freiheit lacht dann sozusagen vom weißen Papier!
Glaube ich nun aber, dass ich schreiben könnte, - die meisten der »Autoren« glauben es natürlich, - dann beginnt erst einmal das Problem, sein Autoren-Gesicht zu zeigen. Schön ist es natürlich, wenn das Hauptthema schon vorhanden ist, dann muss es nur noch in die richtige Abfolge gebracht werden. Was aber nun, wenn ich nicht weiss, worüber ich überhaupt etwas schreiben soll? 

         Da taucht nun zunächst einmal die Frage auf: Muss ich überhaupt schreiben? Was treibt mich denn dazu? Gut, so lange es nicht ausgedruckt wird, entsteht ja noch kein Schaden.
Na ja, vielleicht entsteht da solch eine winzige Spur einer transzendentalen Energie? Kann doch sein. Gut, ich frage ja nur!
        Warum mache ich das, ist es für das Universum wichtig? Lacht der Kontinent oder erbebt die Welt in all ihren Bestandteilen? Wundert sich der Staat über mein Statement, ärgert sich die Gemeinde?  
Oder kann es sein, dass meine Nachbarschaft erbebt? Nee, das glaube ich kaum. Ich würde die Antwort auf diese Frage auch nicht geben, selbst wenn ich sie wüsste. Vielleicht schreibe ich ja aus Rache an der derzeitigen Regierung? Vielleicht aber nur aus Spaß oder um meine philanthropischen Gelüste zu stillen?
        
        Im Grunde ist es ja auch nicht mein Problem. Wenn ich etwas schreibe, gibt es nur wenige Menschen, die ganz sachte gezwungen werden könnten, sich mit meinen Schreibereien zu befassen und mir dann sogar noch ihre sanften Kritiken unterzujubeln! Aber natürlich so vorsichtig, dass ich nicht noch eine Enttäuschungsspur im Universum zurücklassen müsste.

              Also allein mit der Frage nach dem ungewissen »Warum« ließe sich doch schon eine einzige Seite füllen, ohne dass auch nur der Hauch einer Antwort zu ahnen wäre. Das macht doch schon einen ungeheuren Spaß oder etwas nicht? Ihr könnt mir glauben, es ist eine ungeheure Provokation, wenn dieser leere Bildschirm da vor mir steht und mich so höhnisch anblinzelt! Wie, frage ich, soll man da einen konstruktiven weltverbessernden Gedanken fassen? Das ist schier unmöglich. Ja, natürlich, ich kann nun einen farbigen Hintergrund nehmen; ich hätte dann dem weißen Gegenüber den Wind aus den Segeln genommen.

         Aber nein! Hah! Ich stelle mich diesem Konflikt. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht die Oberhand behielte. Man sieht es ja auch: Es kommt etwas dabei heraus, weil Farbe allein nämlich gar nichts über das geistig Verbrochene aussagt. Seien wir doch mal ehrlich mit uns selbst, allein das Wollen ist nicht unbedingt das Nonplusultra des Schreibens, man muss wirklich ein wenig gedankliches Gewürz dazutun.
        Nee, du irrst, ich hab es nicht vergessen: Auch die Rechtschreibung hat noch ihren Stellenwert, wenn wir es nicht schon wussten, hält die PISA-Studie es uns jährlich vor Augen. Es ist schon grausam, den Menschen in einem kulturell hochstehenden Land immer wieder ihre Unzulänglichkeiten vorzuführen, ich fühle mich dann immer so minderwertig.
 
         Wenn ich nun meinen inneren Schweinhund überwunden habe, versuche ich zu schreiben! Lach bitte nicht! Ich fasse mich ja immer kurz, zu längeren Ergüssen reicht mein Gedankengut nicht, deshalb bleibe ich auch bei Kurzgeschichten! Ich falle sonst immer zurück in meine als Kind mühsam erlernte Rechtschreibmethode à la Sütterlin. Und die strotzt dann ja wohl in der modernen Zeit vor Fehlern.
          Das macht nichts, meinst Du? Irrtum! Wenn Du mal durch Foren und Chats Deine Streifzüge machst, wirst Du merken, dass Du mit Deiner Rechtschreibung völlig daneben liegst! Da siehst Du vor Kürzeln und Anglizismen überhaupt nicht mehr, in welcher Sprache eigentlich geschrieben wird!

        Entschuldigung, ich bin zu weit vom Thema abgekommen. Also ich war bei den Kurzgeschichten. Und da, Du wirst es kaum glauben, taucht schon die nächste Frage auf: was ist denn kurz?
Was ist denn bei einer Kurzgeschichte kurz genug?
Wo fängt kurz an, vielleicht bei einer Miniaturlänge, wo hört kurz auf? Vielleicht niemals, wie bei der Relativitätstheorie? 
Ja und dann, was ist eine Geschichte?
Also Geschichte hat mich früher immer sehr interessiert, aber diese  war ja auch nicht kurz, sie war stets solch ein kaleidoskopartiges bluttriefendes Monster, das die Sieger stets für sich entschieden.
        Nein, das ist ja auch keine Kurzgeschichte; stell dir vor, unsere Neolithikum-Vorfahren hätten schon auf ihre Steinplatten mit Hammer und Feuerstein Kurzgeschichten geschrieben - dann  könnten wir heute lesen, wie man einen Höhlenbären fängt oder ein Mammut jagt. Wäre uns das heute eine Lebenshilfe?
Sicher nicht. Siehst Du, ebenso hilft es niemand, wenn er meine Schreibversuche lesen muss. Also? Wozu bzw. warum? Altpapier gibt es schon zur Genüge, das muss ich nicht noch erweitern.
So viel bunt bedrucktes Hochglanzpapier gab es noch nie in der »Geschichte«!
        Also lasse ich dieses Problem eben Problem sein und wende mich meinem Privatvergnügen zu: Für mich selbst zu schreiben.
Wer sollte mich da aufhalten wollen? Vielleicht ein Festplattenabsturz ohne Back-up? Auch Humorverlust käme da infrage oder der Besuch meiner Erbtante, auch Alzheimer könnte da eine Rolle spielen.

          Aber so weit ist es noch lange nicht. Und deshalb muss die Welt, muss mein Land und die Gemeinde (auch die Nachbarn, die davon noch nichts wissen) damit leben, dass ich schreibe.
Ob sie es nun gut finden oder nicht, ich weiss es nicht, ist mir aber auch egal, völlig egal ...

©by H.C.G.Lux

Kommentare:

  1. Lieber Horst ohne Deine Schreiberei wäre die Welt, zumindest die Bloggerwelt ein wenig ärmer. Manchmal frage ich mich auch, warum ich schreibe.
    Ob gut oder schlecht, überlasse ich anderen zum Lesen. Wenn meine Festplatte abstürzt, die Welt zusammenbricht, ich nicht mehr da bin, ist eh alles egal und weg. Ich schreibe und bleibe und hoffe, so lange es geht, Du auch!
    Liebste Grüsse ins Ossiland, klärchen

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  2. du siehst mich schmunzeln - ganz leise lieber Horst...
    dich und deine Geschichten nicht mehr zum lesen vorm Auge zu haben wär echt ein Verlust,
    wwr würde mich am Morgen zum schmunzeln bringen?
    wer mich erheitern dass ich mich auf dem teppich wälze?
    wer mich mitärgern lassen wenn ich über unmöglich wirkliches lesen würde
    wer würde mich zum leisen Erstaunen bringen?
    es gibt Texte über die man endlich mal nachdenken kann - muss - sollte
    es gibt Texte die einen ein klein wenig ins Traurig sein schicken..
    all das würde fehlen
    deine ERfahjrung, ein Teilstück deines Lebens wäre weg wenn ein mensch wie du
    nicht mehr schreiben würde..
    du bist mir
    so oft Trost und Halt der deutschen Sprache und Geschichte mit dem was du schreibst...
    warum MANN schreibt erübrigt sich doch
    jeder der dich liest - egal ob er was dazu zu sagenm hat/hätte - weiss warum du schreibst wenn er sein Hirnkastle mal eine Sekunde anstrengt...
    reicht DIR das als Grund...?
    Umärmler
    angel

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  3. Es reizt mich - ja es juckt richtig in den Fingern - auf Eure Worte zu antworten.
    Allerdings, und das ist ein Wermutströpfle, entspreche ich nicht so ganz den Vorstellungen, die mich dann so richtig verlegen machen!
    Ihr lieben Mitmenschen: In meinem Hirn streiten sich oft Ursache und Wirkung. Wenn ich über "Ursachen" schreibe, haben die realen Zustände die Oberhand. Und die sind leider oft zu traurig, als dass sie als Bonmot über die Bühne gehen könnten.
    Schreibe ich aber über "Wirkungen", sitze ich da und bin kurz vor der "Heul-Grenze", muss mich dann überwinden und als Selbstgespräch ermuntern: "Du änderst nichts daran!"
    Soll ich aber deswegen aufhören und mich dem "Dolce far niente"ergeben?
    "Es irrt der Mensch, so lang er lebt", sagt Goethe.
    Der Sinn des Lebens liegt im Streben nach dem Sinn des Lebens! Damit erfüllt jeder den Sinn des Lebens, indem er danach sucht. Dann aber ist jeder im Irrtum begriffen, da alle Ergebnisse immer falsch sind, wenn schon der Weg dorthin die eigentliche Lösung ist.
    Damit wäre alles Schreiben schon ein Paradoxon!
    Gut. Lassen wir es dabei.
    Mark Twain sagte mal: »Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.«

    Also Ihr Lieben, mit einem Dankeschön
    lasse ich alle anderen Wörter weg ...
    Euer Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]