27. Mai 2020

Es gibt auch andere Sterne ...


     

Wenn man so uralt ist, wie ich es bin, erscheinen die Jahre letztlich wie Wochen. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt, kann sein, dass man zu viel sieht, hört und erlebt. Wen und was habe ich nicht alles in meinem Leben kennengelernt! Es ist unwahrscheinlich, dass man das alles im Gedächtnis behalten kann. Im Auf und Ab der Zeiten gibt es immer wieder Höhepunkte und auch Niederlagen, davon kann sich niemand freisprechen.

        Gut, ich stehe jetzt seit 1809 hier an diesem Platz in der halbsteilen schmalen Gasse, die Unterstadt und Oberstadt miteinander verbindet. Hier kamen in den früheren Jahrhunderten die Transporte auf der Alten Salzstraße vorbei, die von Lüneburg zur Hansestadt Lübeck führte. Es herrschte hier seinerzeit ein reger Verkehr, Salz war eben die beliebteste Ware im ganzen Reich.
        So lief das Leben jahrein, jahraus. Dann kam das große »völkische tausendjährige Reich«, alles bekam nun eine andere Bedeutung. Die Nachkommen der Familie Avram und Rebecca Rosenbaum, seit rund 150 Jahren schon hier in der Stadt daheim, bekamen die Veränderung als erste zu spüren. Sie hatten in diesem kleinen »Stedel« gelebt, und gearbeitet, waren als Mitbürger geachtet, dann für ihr Vaterland im Jahre 1914 in den Krieg gezogen. Sie lebten ihr Leben nach ihrem Glauben; liebten und erzogen ihre Kinder zu guten Menschen und sie starben danach im Glauben an den G’tt ihrer Väter - so wie jeder andere Mensch in meiner kleinen Stadt.
        Dann eines Nachts wurden sie einfach aus ihrem Heim vertrieben, sie mussten es verlassen ohne jede Habe, wie einst Adam und Eva das Paradies. Und niemand in der kleinen Stadt wusste später, wohin die Familie Rosenbaum gezogen war. Und um bei der Wahrheit zu bleiben: Es interessierte auch keinen Menschen, weil sie alle nur mit sich selbst zu tun hatten!
        Ich stehe nun seit 1809 in dieser Stadt. Die Familie blieb verschollen, bis heute. Auch an das »Stammhaus der Familie Rosenbaum« erinnert nichts mehr, da die späteren Besitzer mich mehrfach renovierten.
        

          Halt, so ganz stimmt das nicht! Ganz oben nämlich, an meinem Giebel findest du noch ein Zeichen meiner jüdischen Herkunft: Ein Giebelfenster mit einem Rahmen, der dem Davidsstern nachgeahmt wurde ...



1 Kommentar:

  1. Puh....Gänsehaut, ich schaue auf den deutlich erkennbaren Judenstern und mich schauderts unwillkürlich als ich deine Geschichte entdeckte und las.
    Ja nicht genau hinsehen
    nicht darüber nachdenken was aus den menschen dieser zeit geworden ist...
    Flüchtlingshilfe?
    Unterstützung, Zusammenhalt,
    nieente, die Angst war viel zu groß, der Mut hatte sich zurückgezogen weil das eigene ICH wichtiger war.
    Man stellt doch unwillkürlich gerade in der heutigen Zeit fest wie wenig sich die Welt und die Menschen darin sich - verändert hat.
    ist dies allein nicht errechreckend genug?
    ich fürchte mich wie du vor der Zukunft nicht denn den Großteil unsres Lebens haben wir ja schon " gepackt", muss aber sagen...
    ich hätte gerne so ab und an gerne auch mal wieder hellere Tage was die Zukunft angeht.
    eine zutiefst berührende Geschichte....
    WARM hast du nicht Tausende und abertausende Leser?
    Es können doch nicht alle hoffnungslos oberflächliche Dummbaddel sein? - die sich einen Sch..drum kümmern was Vergangenheit war und Zukunft ist?!!!
    ....herzlichst angel...
    was täte ich wenn es dich nicht mit deinen Geschichten gäbe..
    ich glaube, ich würde das schreiben aufgeben.

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]