20. Juni 2020

Heimliche Worte am Abend


Ein langer Tag im Garten. Ich bin ganz schön abgeschlafft, bin doch scheinbar nichts Gutes mehr gewohnt. Aber »wat mutt, dat mutt«, sagt man bei uns ja so treffend. Ich krabbele unter die Dusche, lasse den ganzen Arbeitsstress von mir herunterspülen und setze mich dann wohlig ermüdet auf die Terrasse, um den wunderschönen Abend zu genießen. Meine Herzallerliebste hat sich in das Innere des Hauses verzogen, um noch einige Mails zu schreiben.

 So versuche ich den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Am Nachmittag haben wir im Gartenmarkt noch einige Pflanzen besorgt, die morgen dann eingesetzt werden sollen. Okay, ich versuche mir díe Standorte vorzustellen, die dafür geplant sind. Nicke mir dann bestätigend selber zu, ich denke, alles wird schon wunderbar aussehen, wie geplant.
 Plötzlich höre ich ein kaum vernehmbares Flüstern! Nanu? Wer treibt sich denn da am Abend in unserem Garten herum? Mein scharfer Rundblick kann keinen Fremden erkennen. Dann, wie aus dem Nichts heraus ist das Flüstern wieder da!
»Was glaubt ihr, wie wird es weitergehen? Kriegen wir alle einen schönen Platz?«
»Mach dir bloß keine Gedanken, die werden uns sicher nicht zum Spaß geholt haben!«
Jetzt erkenne ich, wer da ganz leise in der Dunkelheit spricht! Ich bin vor Überraschung geschockt. Es sind die sechs großen ›Lavendelbüsche‹, die in der großen, mit Wasser gefüllten Wanne neben mir stehen, um gut gewässert morgen gepflanzt zu werden. Ich bin bass erstaunt, ich weiß nicht, ob ich so etwas schon einmal gehört habe - ich glaube es einfach nicht!
florea_231a Bevor ich selbst nun etwas sagen könnte, höre ich schon die dunkle Stimme des ›Sommerfliederstrauchs‹, der ebenfalls neben dem Lavendel auf sein Einpflanzen wartet.
»Nun hört endlich auf mit eurem Gefasel! Wir alle haben in unserer Schule nichts Nachteiliges über die Menschen gehört, die uns mitnahmen. Das sind alles vernünftige Leute, die die Natur zu schätzen wissen, sie sind ja selbst ein Teil davon!«
 »Ja, hört euch nun mal den an!« Das große ›rote Pampasgras« klingt recht zornig.
»Du glaubst aber auch alles, was man dir erzählt, ja? Hast du schon einen gesprochen, der zurückgekommen ist? Nicht einer, sage ich euch, nicht ein einziger! «
»Ich vertraue den Menschen, sie werden es schon richtig machen. Der Flieder hat Recht, sie wissen, dass wir Pflanzen wichtig sind und deshalb kann da nichts schiefgehen!«
Ein Lavendelstrauch nickt bestätigend mit seinen Köpfchen.
 Das Pampasgras winkt ab. »Ihr habt euch ganz schön einwickeln lassen, stelle ich fest. Habt ihr denn keinen Verstand? Diese Menschen tun nichts für uns, alles soll nur immer ihnen selbst zugutekommen. Und wenn sie uns nicht mehr brauchen – dann ab auf den Müll. So sieht es doch aus: Das Nirwana wartet immer auf uns!«
»Ich habe Angst!« Die kleine schwarz-gelbe Kokardenblume flüstert still vor sich hin. »Ich möchte noch so richtig aufblühen, darauf freue ich mich schon so lange!«»Das wirst du auch. Lass dich nicht unterkriegen; du wirst sehen, es wird alles gut werden!«
florea_231  Das Pampasgras grinst den Sommerflieder, der das Blümchen getröstet hat, höhnisch an:
»Ich weiß, was ich weiß. Und das ist bestimmt nicht schön. Ganze Wälder werden einfach getötet, vernichtet, um Kulturland zu schaffen, wie sie sagen. Und was schaffen sie? Endlose eintönige Weiten fast ohne Leben! Kultur! Das ich nicht lache - Kultur.«
 »Ja«, sagte der Lavendel, »davon erzählte man sich auch in unserer Schule. Aber hier bei uns ist das doch anders. So etwas gibt es hier nicht.«
»Ach nein?« Die Hortensie, die sich bisher aus der Unterhaltung herausgehalten hatte, konnte nicht mehr ruhig sein. »Ich hörte von einem Arbeiter an unserer Schule, dass es in unserem Land kilometerlange Maisfelder gibt, die nur zur »Energiegewinnung« dienen. Kann man sich das vorstellen?«
 »Jawohl, so ist es. Sicher - wir werden in einem Garten stehen und vielleicht auch geschützt leben können. Aber was ist mit den anderen da draussen? Nee, nee, ich sage es euch: Der Mensch ist es nicht wert, dass man ihm vertrauen kann!«Das Pampasgras machte sich nun lang und ging zur Ruhe, alle anderen Pflanzen schwiegen nun ebenfalls.
 
Ich erschrecke plötzlich. Meine Partnerin steht vor mir und fragt:
Hast du etwa geschlafen? Komm, das Abendessen ist fertig ...

 ©by H.C.G.Lux

Kommentare:

  1. lieber Horst, du bist dazu geboren worden um Geschichten zu erzählen, das mag ich so an dir.
    diese ist eine ganz entzückend " pflanzlich-menschliche", wie ich sie besonders liebe.
    Dingen einen Namen zu geben,
    Gegenständen gestatten sich zu melden, um aus ihrem gelebten Leben zu erzählen...
    sie alle haben etwas märchenhaftes an sich weil sie der eigenen Phantasie entsprungen sind wie ein Bach der sich aus einer Quelle entwickelt,
    wie ein Fluss der über Steine springt...
    wie das Meer das seine Gischt ans Ufer bringt.
    Das
    ist bestimmt nicht jedem Erzähler gegeben!!!!
    Wir sind auf einer" Wellenlänge", die oft vielleicht von anderen ungläubig beguckt und belächelt wird und uns selbst doch so viel Freuden bereitet.
    Sich in solche Geschichten wie in ein Traumesland hineinfallen zu lassen ist eine Gabe, die nicht jeder versteht, milde belächelt und dann wieder geht.
    Ich glaube, das ist ein Kommentar zu deiner wunderhübschen Geschichte, den ich in eine eigene einbauen werde...
    träume weiter mein lieber Freund, denn so entspannte und heitere Geschichten erhellen uns dunklere Tage..
    herzlichst en Lächeln von mir...
    angelface

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  2. Lieber Horst, irgendwie habe ich beim lesen Deiner geschichte mitgehört. Um eines müssen sich die Pflanzen keine Sorgen machen, sie haben es bestimmt gut bei Euch. Du hast mit ihnen geträumt und die Wirklichkeit nicht aus den Träumen gelassen. Ja Angel hat recht,Du kannst schreiben. Du schreibst Geschichten die das Leben schreibt auf Deine besondere Art, das kann nicht jeder!Gern gelesen!!
    Liebe Grüsse zu Euch und moin, blievt gesund, Klärchen

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  3. Mag sein, dass manche Erzählung wie ein Märchen klingt. Manchmal ist es eine Fabel,gewiss, aber sehr oft steckt reines Leben dahinter. Nicht immer ganz sauber - muss ich zugeben, aber DIE jedenfalls werde ich nicht hier abladen!
    Und sonst? Na gut, das Leben wird mir noch treu bleiben, und so lange es möglich ist, werde ich auch schreiben! Und ich wünsche mir, dass Ihr auch so lange noch lesen werdet, was ich verzapfe.
    meint mit ganz lieben Grüßen -
    Horst

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  4. selbst wenn HIER keine fremden neuen Leser auftauchen sollten lieber Horst," unserer Lesefreude deiner Deiner Schreibkunst und deren Geschichten kannst du dir sicher sein!!!!!"
    dir und deiner Liebsten wünsche ich einen guten Morgen...
    herzlichst angel

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]