1. Juli 2020

Fast unglaublich ! Die Ergänzung zu: "Annere Tied"!


Jede Zeit hat ihr eigenes Leben, das ist allezeit so. Als ich noch ein Kind war, das war 1947, war die Hauptsache im Leben das Essen. Wo kriegen wir etwas her, mein kleiner Bruder und ich, wir hatten ständig Appetit. Es war gar nicht so viel heranzuschaffen, wie gebraucht wurde! Ich weiß bis heute nicht mehr, wie viel Kilometer ich in dieser Zeit zurückgelegt habe, um unsere Familie satt zu kriegen.

        An so manchen Tagen ging es mit der Bahn auf »Hamsterreise«. Die Planung war immer die Gleiche: Um Fünf Uhr aufstehen, dann mich frisch machen, danach fünf Kilometer zum Bahnhof der Stadt Leer laufen. Dazwischen lag aber noch die Ems und wollte auch ihre Meinung dazu sagen! Und da war noch keine Brücke, nur eine ab-und zu funktionierende Fährverbindung mit einer »Fährpünte« nach Leerort, einem Vorort von Leer. Gut, wenn das dann so weit geschafft war, ging es die letzten drei Kilometer zum Bahnhof. Und das war immer ein Glücksspiel: Der Zug in Richtung Oldenburg fuhr stets pünktlich ab! (Ein bißchen anders, als es heute ist ...)
        Und dann - so richtig gemütlich auf den Holzbänken der Dritten Klasse war es ja auch nicht, ›ein wenig halb-gemütlich‹, es war so, als wenn man heuzutage auf einer Parkbank mit einem Mädchen sitzt, mit dem Unterschied, dass zu der Zeit kein Mädel in meiner Nähe war und außerdem ruckelt solch eine Parkbank auch nicht so vergnüglich vor sich hin.
        Eine gute halbe Stunde später war der Zug dann im Ammerland angekommen, einer wunderschönen Gegend im Oldenburgischen. 'Ocholt' hieß der Ort mit einem kleinen Bahnhof, an dem ich meine Betteltour begann. Ich machte mich also auf die Socken, ein Bauernhof nach dem anderen, überall ließ ich mein Sprüchlein los. Am Anfang war es mir echt peinlich gewesen, mit der Zeit jedoch legte sich dies, denn wenn ich Erfolg haben wollte, musste ich halt reden! Mein Spruch war fast immer derselbe:
»Entschuldigen Sie bitte, haben Sie vielleicht eine Handvoll Kartoffeln für mich?«
        Das klang dann aber nicht etwa einstudiert - nein, ich hatte schon etwas schauspielerisches Talent dazu einzusetzen. Oft kriegte ich dann auch ein paar Kartoffeln in meinen kleinen Rucksack. Es kam auch vor, dass eine Magd mich zur Seite nahm und mir, immer mit einem Blick nach hinten, den Beutel füllte. Dann hatte ich das Glück bei so viel Menschlichkeit, mittags schon wieder die Rückfahrt anzutreten.
Doch auch das war nicht ungefährlich! Oft waren kurz vor dem Bahnhof Leer Polizei-Kontrollen, (es war ja verboten, dieses »Hamstern«) - dann hieß es, abpringen und zu Fuß weiter.
        
      Doch lief es nicht immer so, es waren auch Tage, an denen ich nichts bekam, dann saß ich bekümmert am Straßenrand, heulte ein paar Tränchen ins Taschentuch und fuhr mit leerer Tasche wieder heim.
        Solch ein Tag schien dieser Donnerstag zu sein, von dem ich hier berichte. Ich war nun schon vier Stunden unterwegs und hatte noch nicht eine einzige Kartoffel gesehen. Meine Füße fühlten sich wie Fremdkörper an, ich wollte nichts anderes mehr als nach Haus! Aber wie sollte das gehen? Wenn ich nichts mitbringen würde, hätten wir in der nächsten Woche wenig zu essen. Ich beschloss bei mir, es noch ein einziges Mal zu versuchen, dann musste ich zur Bahn, es war inzwischen schon vier Uhr nachmittags und um halb Sechs fuhr der letzte Personenzug!
        Als ich nun beim letzten Bauernhof ankam, den ich besuchen wollte, standen dort am Hoftor zwei große Hunde! Einer von ihnen, ein großer Schwarzer, bellte wie verrückt. Er war an ein Laufband gekettet, dass über den ganzen Hof lief. »Boah« - dachte ich bei mir, »wenn der mich zu fassen kriegt, bin ich Hackfleisch«!

       Aber dann war da noch der andere Hund, ebenso groß, ein fast weißer Retriever; der gab überhaupt keinen Laut von sich. Er stellte sich vor mich hin und sah mich nur mit seinen goldbraunen Augen an. Und als er dann begann mit seinem Schwanz zu wedeln, wusste ich, dass er mir nichts tun würde.
        Ich begann mit ihm zu sprechen; es war, als hörte er mir aufmerksam zu, gleichzeitig ging ich weiter auf das große Haustor zu, den Hund immer als Begleiter hinter mir. Plötzlich kam eine ältere Frau um die Ecke, blieb erstaunt stehen und sah mich und den Hund verblüfft an. Der Retriever legte sich neben mich und sah aufmerksam zu der Frau hinüber, als ich mein Sprüchlein aufsagte. Du magst es nun glauben oder nicht: Ich bekam von der Bäuerin meinen ganzen Rucksack mit etwa fünfzehn Kilo Kartoffeln gefüllt! Dazu gab sie mir noch ein gewaltiges Butterbrot mit Speck.
Als ich später »Tschüss« sagte, standen mir die Tränen in den Augen; der weiße Hund brachte mich dann wirklich noch bis zur Landstraße!
Kannst du dir vorstellen, dass ich dieses Erlebnis nie wieder vergessen habe? Niemals!

©by H.C.G.Lux

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