30. November 2020

Wer war denn Angelo?

 Da steht er nun. Schaut mich treuherzig mit wasserblauen Augen an. Sein verwilderter grauer Vollbart lässt ihn nicht unbedingt vertrauenerweckend aussehen. Der uralte schmutzig-graue Wintermantel reicht fast bis auf die Winterstiefel, die anscheinend völlig neu sind. Über die Schulter gehängt, ein abgeschabter Rucksack; Kordeln ersetzen die Riemen, die ursprünglich vorhanden waren. Sicher enthält er die Habseligkeiten des Mannes. Seine Hände mit den schwarzen Rändern unter den Fingernägeln stecken in alten Fahrradhandschuhen.



     Als er heute an diesem regnerischen Abend am Bahnhof schnurgerade auf mich zukommt, will ich eigentlich schnell verschwinden. Hab ich doch selbst genügend Probleme, muss ich mich noch mit denen anderer Menschen befassen? Aber wie auch immer - ich bin wie gelähmt, etwas in mir weigert sich, meinen Gedankengängen zu folgen.
     Unruhig drehen die Finger des alten Mannes an einer Schnur seines Rucksacks. Er schaute mich nur sekundenschnell an, dann irren seine Blicke wieder über den Bahnhofsvorplatz, der im spiegelnden Glanz der bunten Lichter ein werbewirksames Abbild der Vorweihnachtszeit darstellte.
     Der Mann reißt plötzlich seine zerschlissene Baseballkappe vom Kopf und spricht mich leise an.
»Entschuldigen Sie«, sagt er in einer warmen Tonlage, die mich irritiert, »Haben Sie vielleicht eine Maske für mich?«
Ich bin so verwirrt, dass ich zunächst nichts erwidern kann.
»Verzeihen Sie«, sagt er dann, »Ich wollte Sie nicht belästigen.« Damit dreht er sich um und will weitergehen.
»Nein, warten Sie«, rufe ich, »So ist das nicht gemeint. ich bin nur überrascht!« Ich lächle ihn an. »Ich habe solch einen Wunsch natürlich nicht erwartet, normalerweise ... «
»Ja, ich weiß, es käme wohl die uralte Frage eines ›Berbers: ›Haste mal ´nen Euro?‹ - nicht wahr?« Ich nicke beschämt.
»Hm- so ähnlich wohl. Ist ja auch ungewöhnlich, meinen Sie nicht auch?«
Er schmunzelt. »Ich denke, das ist heute schon normal, oder?«
     Ich nicke, krame dann in meiner Umhängetasche, ich muss doch noch einige Einmal-Masken bei mir haben. Tatsächlich, da ist noch solch ein Fünfer-Päckchen, ich reiche sie dem Mann zusammen mit einem 20-Euro-Schein. Er ergreift diese kleine Gabe, meint dann, indem er mich mit einem langen Blick ansieht: »Ich habe nicht um Geld gebeten, aber danke trotzdem! Aber ich muss Ihnen noch sagen, wozu ich die Maske brauche! Ich kann einen Bäckerladen nicht ohne Maske betreten.
Das ist genauso bitter, als wenn ich kein Geld habe!«
Er zuckt mit den Schultern. Dann jedoch strahlt er mich an:
»Angelo wünscht Ihnen und Ihrer Familie frohe Adventstage!«
Er verneigt sich leicht vor mir - ein ungewohntes Bild, wie einem Märchenbuch entsprungen, es fehlt nur das Glitzern der Weihnachtsreklame. Dann fragte er leise, aber eindringlich: »Kann ICH etwas für SIE tun?«

Ich weiß keine Antwort darauf. Dann ein Wink mit seiner freien Hand - und ebenso plötzlich, wie er erschienen ist, taucht er in der Menge der Passanten auf dem Bahnhofsvorplatz unter.

Lange sinniere ich noch über diese Begegnung. Wer war bloß dieser Angelo?

©2020 by H.C.G.Lux


Kommentare:

  1. Ach , ist das eine berührende Begegnung, da kommen mir die Tränen. Ja, es ist gerade so, und man fragt sich, wer steckt hinter diesem Menschen, wo lebt er , wo geht er hin
    Er ist nicht allein, davon gibt es viele auch bescheidenen Menschen. Wir müssen helfen wo wir können, uns geht es gut.Ich hätte die Frage auch mit nach Hause getragen, wer ist Angelo"?
    Danke Horst für diese beeindruckende Geschichte für mich, Klärchen
    Ik schick di und din Leevsten ganz hartlike Gröten to`n 1. Advent,
    Klärchen

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    1. Dat geit nu vull torügg! Bliv gesund unlat di nich ansteken -
      meent Horst

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  2. vielleicht ein Weihnachtsengel, ? - aber er hat bestimmt gespürt dass er dich -trotz anfänglicher Irritierung und Überraschung ansprechen konnte und ganz sicher sind menschen in echter Bedrängnis die nicht im Besitz einer Maske sind denn "betreten verboten - oder "Einlass nicht gestattet" steht ja vor jedem Geschäft das Lebensmittel führt und hast du keine dabei, gibts auch keine Gnade und Hilfe, schweige denn Essen.
    ich muss jetzt in dieser Zeit viel an die Obdachlosen und Hilflosen denken und an die Tatsache dass sich viel zu wenige darum kümmern können wenn sie selbst zuhause sind.
    eine berührende Geschichte lieber Horst...
    für die ich dir danke...
    herzlichst angelface

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  3. Ich versuche es täglich - doch es ist gar nicht so einfach, ohne die Institutionen weiter zu machen.
    Aber: Watt mutt - dat mutt" sagt man hier bei uns.
    Bleib gesund, ruh Dich aus und warte. Worauf? Na- aufs "Christkind vielleicht ...
    grüßt Dich Horst

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]