20. Dezember 2020

Mooin, Opa Akkermann

Wie ein Kind, das von dem Vater
ließ auf einen Gaul sich heben,
also reitest du, o Bruder, also reite ich 
durchs Leben.

Weil des Rosses Zaum wir halten, 
glaubst du, dass wir es regieren?
Sieh, der Vater geht daneben, 
an dem Halfter es zu führen.

( Wilhelm Müller, Epigramme, Menschenfreiheit )


Opa Akkermann war der erste Patient, den ich damals,1948, in der »Heilstätte am Knüll« kennenlernte. Ein echter Ostfriese, den das Schicksal durch lange Gefangenschaft in Sibirien arg gebeutelt hatte. Er freute sich jedes Mal, wenn er mich sah, das spürte ich täglich aufs Neue. Jeden Morgen schaute ich bei ihm im Zimmer vorbei, meist nur kurz, aber ich vergaß diesen Tagesablauf nie. Sein Gesicht mit den eingefallenen Wangen, von gelbbrauner Tönung mit tiefen wettergegerbten Furchen habe ich bis heute, siebzig Jahre später, nicht vergessen. Besonders aber seine leuchtenden hellblauen Augen, die mich immer herzlich anblickten, bleiben in meiner Erinnerung.

Eines Morgens, es war am Tag vor dem Heiligen Abend, war ich wieder auf einer Stippvisite bei ihm. »Moin, Opa Akkermann«, sagte ich wie immer beim Betreten des Zimmers. Er winkte matt mit einer Hand, »Na mien Jung, bliev man beter dor stahn, mi geiht dat vandage nich so good«. 
Ich erschrak, trat aber einen Schritt näher. So hatte ich ihn noch nie reden hören. 
Es klang sonst immer ziemlich optimistisch, wenn er mit mir Gespräche führte.
»Wat prootst du daar, Opa Akkermann, ik will di doch man blots de Hand geven«. 

Er winkte matt mit einer Hand ab. Sein Lächeln erschien mir wie eingefroren, anders als sonst. »Nee, mien Jung, laat dat man, ik will nich, dat du ok de Motten hest. ---Averst, wat ik noch seggn wull, wenn du later weer in Ostfreesland büst, denn bestell man mooie Gröten an mien Eems, deihst du dat?« 
Ich blieb verblüfft stehen. »Och Opa, sowat muss du doch nich prot'n. De kanns du wiss boll sülm gröten!«

Dass ich ziemlich schockiert war, ließ ich ihn nicht merken. Unbewusst spürte ich schon in meinem sechzehnten Lebensjahr, dass Opa Akkermann bereit war, das Irdische hinter sich zu lassen. Ich ging dennoch an sein Bett, streichelte über seine faltigen Hände. Er schloss die Augen, als hielte er innere Einkehr. Dann sah er mich mit einem Ausdruck an, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Ich war verwirrt, meine Gedanken fuhren wie ein Karussell wild herum. Ich übersprang dann intuitiv diesen Moment und fragte:
»Du Opa, kann ik dien Rheiderland-Blattje mol weer hem?« 

»Klaar, fraag doch nich, nehm dat man glieks mit.« Er lächelte wieder ein wenig. Es war die Heimatzeitung, die er wöchentlich bekam und die ich dann ebenfalls immer lesen durfte. Ich bedankte mich, sagte im Hinausgehen noch:
»Ik kiek denn mörgen weer in, nich?« 
Dann - ich hatte den Türdrücker schon in der Hand - hob Opa Akkermann eine Hand und sagte leise: »Ja, un kom good naar Huus, mien Jung!«

Als ich im November hier ankam, lernte ich ihn kennen. Ich fasste sofort Vertrauen zu ihm, er wiederum freute sich, einen Menschen aus Ostfriesland zu sehen, der mit ihm Plattdeutsch sprechen konnte. So fanden wir zueinander. Ich hatte ihn immer nur »Opa Akkermann« genannt. Dabei war er erst 35 Jahre alt, der Krieg und die lange Gefangenschaft in Sibirien im Bleibergwerk hatte ihn so altern lassen. Da war es ihm so ergangen wie fast allen anderen Mitpatienten, mit denen ich auf meiner Station in der Lungenheilstätte Schwarzenborn II in Hessen zusammen war. Zehn Jahre ihres Lebens hatten sie für etwas geopfert, das sie selbst nicht verschuldet hatten.

Am Morgen des Heiligen Abends ging ich zum letzten Zimmer auf dem Flur, dort wo Opa Akkermann »wohnte«. Die Stationsschwester Charlotte lief mir nach. Sie zog mich ins Stationszimmer. »Du«, sie suchte nach Worten, »Du kannst da jetzt nicht rein. Herr Akkermann ist nicht mehr da!«

Ich sah sie verständnislos an. »Er hat uns heute Nacht verlassen«, sagte sie dann. »Ich soll dich noch ganz herzlich grüßen, und diese beiden Zahnpastatuben soll ich Dir geben, er braucht sie nicht mehr. Außerdem sollst du die Rheiderland-Zeitung noch bis Mai weiter bekommen, sie ist schon bezahlt!«

Mir schossen die Tränen in die Augen. Mir war nun klar, was Schwester Charlotte mir beibringen wollte. Ich schlich aus dem Schwesternzimmer, traurig, verstört und ohne eigentlich zu wissen, was ich wollte. Ich schaute dann zum dunklen Tannenwald hinüber. Dort hinten am verschneiten Waldrand stand die Baracke, in der die verstorbenen Patienten bis zur Überführung nach Hause verblieben! 

Opa Akkermanns Weihnachten hatte ihm Frieden gebracht. Er hatte in den letzten Wochen unsäglich gelitten, still und ohne Groll. Das sagte mir am Nachmittag der Stationsarzt, als er mich weinen sah. 
»Du sollst das Weihnachtsfest fröhlich mit allen feiern«, meinte er dann zu mir. »Herr Akkermann hätte das so gewollt«!

Und so wurde es schließlich trotz allem noch ein wunderschöner Heiliger Abend im großen, liebevoll geschmückten Speisesaal der Lungenheilstätte Schwarzenborn II. in Hessen. Opa Akkermann aus dem Rheiderland in Ostfriesland saß mit uns unsichtbar mit am Tisch. Und beim »Stille Nacht, Heilige Nacht« floss so manche heimliche Träne, denn Opa Akkermann war nicht vergessen. Er hatte genau das, wovon viele Menschen damals und auch heute träumen: Friede auf Erden.


©by H.C.G.Lux

Kommentare:

  1. Danke für diese berührende Geschichte!
    Träne hinabrinnt...
    Herzlichen Weihnachtsgruss Gruss Elke

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  2. Danke - und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

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  3. Danke für die sehr berührende Geschichte von Opa Ackermann.
    Ein gutes, Gesundes und zufriedenes Jahr für Euch,
    alles liebe, Klärchen
    Laat jo dat good gahn, wi könnt nix ännern ober uppasen!

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[B]Ich danke Dir für Deinen Kommentar![b/]