17.5.21

Alles wird besser.

 


Die Bäume verstummen, als ich an ihnen vorbeigehe. Sie sind zu dieser Jahreszeit nicht mehr nackt, doch ich bin mir sicher, dass ihnen die andauernde Hitze der letzten Wochen nicht so gut bekommen ist. Sie flüstern über mich. Wie Frauen, die sich im Café zum Plausch getroffen haben; wie Frauen, die ihre Enkel über den grünen Klee loben, wenn sie über ihren Nachwuchs reden. Ich danke ihnen jedenfalls dafür, dass sie an diesem Tag wie meine Großmutter sind, diese grünen Freunde.

        Sie wissen, dass ich für immer Abschied nehme, Abschied von diesem alten Hause, das so fern von mir ist, wie die Jugendzeit vor endlos langen Jahren. 
Ich war mehrere Stunden unterwegs, um zu spüren, wie das Haus sich schweigend von mir verabschiedet. Wie die Augen des Hauses mir voller Wehmut zuzwinkern wollen, sich dann aber ohne jeden Ausdruck schließen. Das Haus wirkt danach annähernd so ausdruckslos, wie das Bellen eines Schäferhunds, der mich auch nicht dort haben will.

Die Bäume flüstern: »Was will er noch hier? Er ist doch ein Fremder. Er war es schon immer. Wollte es nur nicht wahrhaben.«
Ich höre es, fühle es, aber die Erkenntnis geht an mir vorüber. Berührt mich nicht mehr; so wie der Tau am Morgen auf den Blättern liegt und später spurlos verschwindet.
»Er weiß es«, flüstert einer der Bäume. »Er kommt gewiss zu spät«, meint ein anderer. »Und trotzdem geht er dort hin!« sagt ein dritter. »Um alles zu beweinen? Unverständlich«.

Das alte Haus sieht so abweisend aus. Mich packt ein verzweifelter Versuch, alles zu zerstören. Unwiderruflich. Wie sagte mein Großvater in solchen Fällen dann immer?
»Geh hinaus zu den Bäumen, sie helfen dir!«

 Mein Großvater hat mich nie etwas gefragt. Ich saß an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer und er gab mir ein Stück Kautabak. Ich spuckte es weit von mir aus. Großvater lächelte. »Damit du lernst, alles Böse wegzulassen«, sagte er. Dann bekam ich von Großmutter ein Schüsselchen mit gelbem Pudding!

»Es wird alles wieder besser, du darfst nur nicht ungeduldig sein.«
Von meinen Großeltern habe ich gelernt, dass sie immer wissen, was mit ihren Enkeln los ist, auch wenn sie nichts sagen. Auch die Bäume wissen es. Doch sie haben mir die Entscheidung überlassen. Am Ende erst weiß ich, ob sie richtig sein wird.



Deshalb erinnere ich mich daran, wenn ich an einem Baum vorübergehe, dass er mir mein eigenes Leben erzählt. So wie mein Großvater es tat, ohne etwas dazu zu sagen. Ich verstecke dann heute meinen Blick, damit keiner merkt, wer ich bin!
Ich überlege, wie ich ans andere Ufer des Lebens gelange, berechne dabei den besten Weg, ohne in irgendwelche ölverschmutzten Pfützen zu treten, die die Sonne in mir verdunkeln

Aber ich weiß: »Alles wird besser!«

©by H.C.G.Lux


3 Kommentare:

  1. Die Bäume erzählen,wir können sie nicht verstehen, weil sie ihre eigene Sprache sprechen.
    Sie haben soviel erlebt, wenn sie alt werden dürfen und erzählen über unser Leben hinaus,
    wie stark sie sind, wieviel Kraft sie uns geben, wir müssen sie ja nur anschauen und schon springt der Funke über.Gehe durch eine Allee von Bäumen, sie zeigen uns den Weg, den wir gehen müssen zu einem Ziel was wir noch nicht kennen!
    Berührend hast Du erzählt über unsere Freunde, liebe Grüsse mein Freund Horst, Klärchen

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  2. Es gibt einen Weg, den jedermann kennt. Aber niemand hat ihn je gesehen und kann davon berichten.
    Und das ist gut so!
    Lass den Wind wehen, die Blätter rauschen und die Wolken ziehen - es ist die Natur, die uns bezaubert.
    Damit grüßt Dich Horst👀

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  3. hätten wir früher auf die Bäume gehört anstatt sie als selbstverständlich wahrzunehmen würden vielleiht im heute noch viele mehr stehen um UNS von IHREM Leben zu erzählen, Ihrer Zukunft und IHREM Überleben.
    hätten wir doch nicht weggesehen -
    wären vorübergegangen und hätten nicht nur geschaut sondern auch etwas gespürt...
    nun hat unsere Natur " alles zu zerstören" IHNEN Ihr Leben geraubt und ihre KINDER werden wir nicht mehr erleben...
    denn dafür sind wir leider
    zu alt.
    Mein/Dein/Unser Freund der Baum - er weiß besser als wir zu erzählen wie Leben wirklich geht.
    berührend erzählt er dir deine Geschichte wenn du unter ihm stehst um ihm zu lauschen...
    wird sie je noch ein anderer lesen?
    Herzlichst angel

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[B]Ich danke Dir für Deine Nachricht![b/]

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