13.9.21

Zeitlos

 


»Oh«, sagte sie. »Jetzt wollte ich noch so viel erzählen. Und auch von dir so vieles wissen! Aber es ist schon zehn Uhr und ich habe keine Zeit mehr. Vielleicht sehen wir uns ja mal bald wieder!«
Bei diesen Worten schaute sie schon auf ihre Armbanduhr, hektische rote Flecken im Gesicht bewiesen, das sie tatsächlich keine Zeit hatte. Nach einigen kurzen Abschiedsworten eilte sie dann zu ihrem geparkten Wagen und ich verlor sie schnell aus meinem Blickfeld.Himmelsuhr.
Schade, hatte ich sie doch seit dem letzten Klassentreffen vor einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen und war darum sehr erfreut, sie so zufällig wiederzufinden.




Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, diese Begegnung mit dieser Frau, einer ehemaligen Freundin, ging mir nicht aus dem Kopf. Was muss geschehen sein, wenn die Uhr das Leben bestimmt, wenn die Hetze des Alltags alles so überlagert, dass für alles andere kein Blick mehr übrig ist? Wenn die Zeiger einer Uhr das Leben in viele winzige Segmente zerteilen und alles eingeplant ist bis auf die Minute?
Gewiss, wir Menschen der Gegenwart kommen ohne Zeiteinteilung nicht mehr aus. Es wäre töricht, dies anzuzweifeln. Fahrpläne, Terminkalender, Stundenpläne, Öffnungszeiten usw. – alles hätte keine Existenzberechtigung mehr, es gäbe nichts Verlässliches mehr auf unserer Welt. Wahrscheinlich würde alles in einem gewaltigen Chaos ersticken. Das ist nun mal eine unumstößliche Wirklichkeit und niemand kann dies bezweifeln.Nein, darum geht es doch auch nicht! Es geht hier nur um die Tatsache, dass wir alle uns nur noch von der Uhr und dem Kalender bestimmen lassen, dass diese nicht mehr für uns da sind, sondern wir für sie! 

Wir planen weit in die Zukunft hinein, kaufen unser Leben auf Raten und wissen gar nicht, ob wir für all das, was wir hiermit geschenkt bekommen haben, nicht auch eine Verpflichtung eingegangen sind. Irgendwann, zum Glück wissen wir nicht, wann, kommt dann die Zeitabrechnung, alle Uhren werden angehalten und unser Terminkalender einfach durchgestrichen.

Wie der Mittwoch kommt,
der Donnerstag kommt,
der Freitag kommt,
kommt auch der Tag,
dessen Datum 
du nicht liest in der Zeitung,
dessen Kalenderblatt 
ein anderer abreißt.
 

(-Rudolf Otto Wiemer- )
 

Ich habe keine Zeit. Ein so oft gehörtes Wort, viele tausend Mal in einem Leben gesagt und meist entsprach es ja auch der Wahrheit. Und doch ist dies ein Satz, der so unmenschlich ist, dass einem davor grauen müsste.

Ich habe keine Zeit! Vielleicht, weil ich sie vertrieben habe? Nur so, zum “Zeitvertreib"? Ich habe mir die Zeit vertrieben, dann tat sie mir auch den Gefallen. Und nun? 
Wenn ich jetzt keine Zeit habe, mir keine Zeit nehme, wann dann?

Ich sitze am Straßenrand.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?
                               ( -Bertold Brecht-)


© by hcglux

1 Kommentar:

  1. lieber Horst - zu hören - vom Gegenüber ich habe keine Zeit sagt ganz brutal und egoistisch aus: und du bist nicht wichtig genug für dich dass ich mir die Zeit nehme um mit dir zu sprechen" - PUNKTUM ist die Aussage dahnter, das schmerzt, das kränkt, das tut weh und doch - obwohl es dem anderen genauso ginge - wenn es ihn betrifft spricht er es aus!
    eigentlich ist es nur gedankenlose Oberflächlichekit und Egoismus - Gleichgültigkeit - die vom anderen interpretiert wird dass er sagt er muss Prioritäten setzen - nun - stimmt, das müssen wir alle aber muss man das dem anderen wirklich vor die Birne knallen und es aussprechen?
    du hast einen so positiven hellen sonnigen Hintergrund für die Seite gewählt die so hübsch ist dass solch Worte gar nicht dahin-passen, ich schreibe sie denoch denn sie sind wahr und passieren wenn man sie am wenigsten erwartet, vielelicht in einer Zeit wo man ein wenig Interesse und Fürsprache gerade brauchen könnte...
    doch so ist es nun mal wie E.FRied schon sagt, kann man es nicht ändern wenn es gerade mitten ins Herz trifft.
    wir werden mit jedem Jahr mehr eben dünnhäutiger und das leben dadurch etwas schwerer...
    ja wir kaufen wirklich unser Leben auf Raten und verkaufen es gleichzeitig auch an andere die es manchmal nicht mal wert sind weil wir ihnen nicht wert genug sind..
    dein beitrag macht mich sehr nachdenklich...
    herzlich angel...(die endlich wieder selbst kommentieren kann...endlich!

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