5.3.22

Die Brücke

 

Lebensbrücke

 Als ich die Brücke betrete, ahne ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes. Ich fühle mich durchaus in der Lage, diesen Gefahren zu begegnen, die mich drüben erwarten. Was kann mir denn noch geschehen? Mir, der ich schon durch alle Wüsten und Berge des Lebens gewandert bin, der ich schon so oft abstürzte und doch immer wieder die Höhen erklimmen konnte. Ich kenne die Welt von allen Seiten, sowohl die bösen wie auch die guten. Worüber solle ich mir also Gedanken machen?

       Dann, auf der Hälfte des Wegs, mitten auf der Brücke, kommt in mir doch ein Gefühl von Verlassenheit auf. Diese Gedanken der Unsicherheit beherrschen plötzlich mein Fühlen, dieses Wissen um das Nichtwissen! Was werde ich dort vorfinden? Alles liegt noch im Nebel der Zukunft verborgen, nicht einmal andeutungsweise ist etwas zu erahnen. Ich sehe vorn nichts als schleierhaftem Dunst, hinter mir der weisse Nebel des Daseins. Urplötzlich befinde ich mich im Niemandsland meines Lebens, mitten auf der Brücke in ein neues Leben und noch meilenweit davon entfernt.

    Wie kann alles weitergehen? Natürlich, ich weiss, dass es irgendwie weitergeht, alles geht immer weiter! Diese abstrakte Tatsache, so unwirklich sie auch ist, treibt mich vorwärts. Was bleibt mir sonst auch übrig? Leben heisst ja noch lange nicht, Erfahrungen zu besitzen!




       Die Gedanken an diese Irrealität geben mir ein Gefühl von Wirklichkeit. Was auch immer geschieht, mein Weg wird sich unabänderlich auf der anderen Seite der Brücke fortsetzen! Ein letzter Blick zurück, ein verlorenes Paradies? Nein. Ich lasse weder Himmel noch Hölle hinter mir, es ist lediglich ein Abschnitt meines Lebens, der sich irgendwann vom ursprünglichen Pfad abgekoppelt hat.

       Dieser Weg auf der zweiten Hälfte der Brücke ist immer noch unwirklich. Schemenhaft kreuzen ihn Gestalten, bauen sich wie Figuren eines dionysischen Dramas auf und verschwinden dann wieder in der Versenkung des weissen Nebels. Mehrmals verharre ich am Rande der Brücke, werfe einen Blick in das schemenhafte Etwas, das dort unten brodelt und plätschert.

       Manchmal klingt es wie das Flüstern von Stimmen, die geisterhaft verhalten ihre Hintergrundmelodie zum Ablauf des Daseins einbringen. Wenn ich dann meinen Weg fortsetze, kommt doch in mir ein Gefühl von Befreiung auf. Es ist wie ein Abwerfen von Gewichten, die anscheinend tausend Jahre auf mir lasteten und nun in den Tiefen des Wassers unter mir verschwinden!

       Vorn hat sich eine Wolkenwand aufgebaut. Es scheint das Ende dieser Brücke zu sein. Einzelne Bäume und Büsche bauen sich vor mir auf. Der Pfad zwischen den Baumgruppen wird zunehmend enger und enger. Schon als ich die Brücke hinter mir gelassen habe, spüre ich eine Zufriedenheit, die übernatürlich scheint.

       Ich schaue zurück auf das andere Ufer. Nichts ist mehr da, das mich an die Vergangenheit erinnert. Nichts mehr da, das ich vergessen muss. Da steht diese Brücke, fest und standhaft zwischen zwei Welten. Diese geisterhafte Brücke, die ich überschritten habe im Bewusstsein des Zukünftigen. Es ist die Brücke in ein Vorwärts ohne Zurück. Als ich die Brücke betrat, ahnte ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes.

Pantha rei! Welcher Fluss fließt bergauf, welches Menschenleben wird rückwärts gelebt? Ich spüre den Pulsschlag dieser meiner Zeit, der das Schlagen des eigenen Herzens übertönt und deutlich spricht, genauso wie Gerd Uhlenbruck, der Aphoristiker, es ausgedrückt hat:

Wer nur mit dem Verstand lebt,

hat das Leben nicht verstanden!


©by H.C.G.Lux

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