16.11.22

Damals und Heute

 

 

Ja, damals - ich bin heute noch ziemlich verwirrt, wenn ich an die Zeit denke. Wo war die Furcht geblieben, die mir früher immer treu zur Seite gestanden hatte? Ich war gerade erst zwölf Jahre alt, ein Hänfling, der aus dem Nest gefallen war und der sich nun vor den Räubern in Acht nehmen musste. Ich hatte in den Wochen der Flucht vor der Roten Armee jeden Respekt verloren, vor den Soldaten, vor den anderen Flüchtlingen, vor den Erwachsenen überhaupt, auch vor der eigenen Mutter! Ich musste mit ansehen, wie jede Art von Gerechtigkeit in den Wirren der Zeit verloren ging, wie der Eigennutz den Gemeinnutz ins Abseits gestellt hatte und mir nichts, dir nichts einfach das Ruder übernahm.

Ich kannte das Denken dieser Art überhaupt nicht, stellte aber fest, dass dieses Buckeln nach oben und Treten nach unten das Non plus Ultra geworden war, ohne dass jemand dazu einer Anweisung bedurfte! War nun etwa die Zeit gekommen, dass ich selbst diese Haltung übernehmen musste? Ich fühlte mich unwohl bei diesen Gedanken; solche Art von Leben war ich bisher nicht gewohnt. Bei uns lief alles geradlinig ab, jeder wusste, wer war und was er zu tun und lassen hatte.

Und nun? Alle Ordnungen einer Gesellschaft waren aus dem Gleis geraten, all das, was gestern noch als selbstverständlich galt, wurde nun als völlig falsch angesehen und musste unbedingt sofort korrigiert werden. Und das ohne Vorwarnung und ohne jegliche Erklärung seitens der älteren Generation! Wir - die jungen Menschen, fügten uns, was hätten wir auch anderes tun können? Ähnlich wie auch unsere Eltern waren wir einer neuen Zeit ausgeliefert, auf die wir uns nicht hatten vorbereiten können, die uns völlig ohne Stützen und Hilfen auf das Leben losließ.

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Ja - wenn ich heute an jene Zeit meiner Kindheit und Jugend denke - Himmel, was sind das für Unterschiede! Nicht die Technik, nein, die kann auch ein Segen sein. Aber das Leben, unser zeitliches Leben besteht doch auch aus den gedanklichen und seelischen Auseinandersetzungen. Die Strömungen der Geisteswelt können nicht einfach an die Seite geschoben werden. Große Geister, die lange vor uns gelebt haben, mahnen uns mit ihren Worten - wir müssen nur hinhören! Unsere Werte, die einstmals ihre Berechtigung hatten, sind auch heute noch aktuell!

Auch wenn sie oft nur als Geplapper von senilen Alten angesehen werden. Sie gelten dennoch - so manch einer aus der heute tonangebenden Gesellschaft wird dies noch mit einiger Verspätung zugeben müssen (wenn er es nicht schon in der Anonymität getan hat.)   Ich denke zurück an die Zeit vor 100 Jahren! Reichspräsident Friedrich Ebert ernennt 1922 Walter Rathenau zum Außenminister Deutschlands. Fünf Monate später wird dieser von einer rechten Gruppe in unserem Land ermordet! Lange her, nicht wahr? 100 Jahre sind in einem Menschenleben erstaunlich lange, wenn man aber richtig drüber nachdenkt - ist es wirklich so? Ich schaue mir die Nachrichten im TV an. Vieles hat sich wiederholt, zwar nicht direkt in früherer Form, aber es deutet sich an, dass die Hoffnungen der Menschen nicht zuschanden gemacht werden dürfen.        

 Wir, und zwar wir alle, die wir denken können, sollten den Anfängen wehren! Damit unsere Nachkommen nicht wieder sagen müssen: Unsere Eltern haben nichts davon gewusst ...

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