7.11.22

Der Fremde

 



Da sitzt er. Mutterseelenallein auf einer Bank am ZOB, dem Busbahnhof. Es herrscht hier reger Publikumsverkehr zur Rush-hour. Jede der zahlreichen grünen Sitzbänke sind besetzt. Frauen mit vollgepackten Einkaufstaschen, die schleunigst wieder nach Haus wollen. Rentner, das zerfurchte Gesicht vernebelt mit Zigarettenrauch, misstrauisch in die Umgebung schauend. Schulmädchen, mit affektiertem Verhalten, sie terrorisieren ihr Handy, nachdem sie vor ein paar Minuten ihre Gesprächspartner oder -rinnen verabschiedet hatten.

        Seine Bank bleibt leer, ausser seiner Person. Ist es, weil der Mann ein wenig fremd ausschaut? Olivfarbene Haut, schwarze Augen, schwarz gelocktes Haar, etwa 18 Jahre alt.

     Ich habe noch 30 Minuten Zeit, bis mein Bus kommt, überlege dabei, ob ich mir noch einen Kaffee genehmige. Nein, dieses »To-Go« liegt mir überhaupt nicht, ich lasse es also.

Gehe näher zu der halbleeren Bank und frage höflich, ob ich Platz nehmen kann. Der junge Mann nickt, mit einigen, mir unverständlichen Worten rückt er weiter zur Seite, indem er seine Tasche zur Seite stellt, er wirkt etwas zurückhaltend. »Warten Sie auch auf den 121er?« frage ich ihn. »Non«, antwortete er darauf. 
»À treize«

Ich nicke »Du s-precken française?« fragt er dann. Ich wehre mit einem Lachen und etlichen Handbewegungen ab. »Non, mon ami«, meine ich dann, »nur ein paar Worte!«

        Wir lachen beide laut auf. Die Leute auf dem Bussteig schauen uns erstaunt an. Dann reden wir noch eine ganze Weile - mit Händen und Füßen-, aber wir verstehen uns ziemlich gut. Inzwischen ist mein Bus schon wieder weg und wir beide warten jeweils auf den nächsten - weitere 30 Minuten lassen uns noch genügend Zeit dazu.

        Er erzählt mir, gebrochen deutsch, von seiner Heimat im Rif-Gebirge. Sein Heimatdorf liegt am Ouergha, einem kleinen Fluss. Er spricht von Schwierigkeiten mit der Polizei, Demonstrationen für bessere Lebensbedingungen, die jeweils unterdrückt wurden. Dann schweigt er.

        Wir trennen uns, er reicht mir beide Hände. Die Busse kommen, wir fahren in verschiedene Richtungen. Wie im Leben!

 

 

4 Kommentare:

  1. du lieber Horst, schilderst hiermit eine Situation und Begegegnung wie *aus dem richt*gen Leben* - wie man sie mittlerweile überall tagtäglich sieht.
    erstaunte Blicke zu ernten * hm...wahrscheinlich nicht nur deshalb, weil du mit " einem offensichtlich`> Fremden "sprichst/ denn Fremde die sich auf Bahnhöfen und überall begenen sind wir doch alle füreinander, egal welches Aussehen man *´vor sich hinträgt/ - sondern vor allem weil er fremdländisch aussieht oder sich °so kleidet° - wobei man sieht wie schnell voreilig Vorurteile entstehen können nur weil Fremde sich nie der Masse anpassen die auf Bahnhöfen herumstehen um auf Bus und Bahn zu warten.
    Sich die Hände zum Abschied und zwar beide zusammen zu reichen unterstreicht seine " *Fremdartigkeit - denn wir haben uns das
    l e i d e r längst abtrainiert & abgewöhnt.
    ich sage leider weil ich mangelnde Aufmerksamkeit - ein aufeinander zu - gehen - und Höflichkeit untereinander mir sehr abgeht weil ichs nicht mehr sehe...
    schöne Szene die ich fast filmreif finde wenn es um s* Thema Ausländerfeindlichkeit geht...
    wie immer - gut durchdacht und beschrieben was bei uns zum Alltag geworden ist...
    herzlichst ein Gruß zu dir...
    ich wünschte mir, es gäbe noch mehr Kommentare zur bebilderten Geschichte..."
    a n g e l

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    1. A ls ich vor vielen Jahren im Orient war, liebe Angel, hatte ich solch ein Erlebnis öfter. Es ist heut sicher nicht mehr so, aber die Darstellung zeigt doch, dass der Urbegriff der Mitmenschlichkeit noch nicht ausgerottet ist.
      Vor einiger Zeit erlebte ich es auch hier in Ostfriesland, dass ein dunkelhäutiger Mann aus GABUN mich auf PLATTDEUTSCH ansprach! Mein Erstaunen kannst Du Dir vorstellen ...
      Vielleicht gibt es doch noch einen Weg zurück?
      fragt mit Grüßen
      Horst

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  2. einen Weg zurück lieber Horst wirds wahrscheinlich eher nicht geben, allein die hoffnung hegen viele wie auch ich, dass es vielleicht einen anderen weg nach vorn gibt der dem zurück ein klein wenig gleicht als die Welt noch in manch Augen der Menschen noch rund - wie eine Scheibe war, wo man aufpassen musste nicht herunter zu - fallen:-)) und sich freute wenn man das Gleichgewicht hielt...
    heutzutage ist es absolut nicht mehr ungewöhnlich einen dunkelhäutigen Menmschen in PLatt sprechen zu hören, schlußendlich sind sie ja HIer auch geboren und kennen ihre ursprüngliche Sprache der Eltern und des Landes nicht, wo diese herkommen...
    ihre andersartigkeit besteht also nicht in der Sprache sondern nur noch im Aussehen und das genügt vielen um nicht mal ansatzweise hinzuhören!!!!....
    herzlichst angel
    was meinst du dazu?

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  3. Magst wohl recht haben. Dieser junge Mann war jedoch nicht hier geboren, sondern vor drei Jahren erst hier gelandet! Es kommt doch wohl auf den Menschen an, denke ich. Ich kenne "Zingal" inzwischen sehr gut ...

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[B]Ich danke Dir für Deine Nachricht![b/]

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