14.11.22

Wege des Lebens







Manchmal geschieht es, dass ich Rückschau halte auf mein Leben. Klingt das überheblich, oder abgedreht, wie ein Kind des 21.Jh. neulich in einer Diskussion meinte? Ich denke: »Nein«. Menschen in der letzten Altersstufe haben das Recht zu einer Nabelschau! Da sind beispielsweise die Geburtstage. Sind solche Tage es wert, hier erwähnt zu werden? Wen geht dieser Tag denn an, im Grunde nur mich selbst. Ich feiere schon seit vielen Jahren diesen Tag nicht mehr. Wozu? Um mich selbst zu feiern? Das liegt mir überhaupt nicht. Soll aber jeder halten, wie er es möchte. Vielleicht sind es aber auch Tage, um Rückschau zu halten. Oder Ausblick auf das Kommende. Rückschau oder Ausblick? Der Beginn eines neuen Zeitabschnitts, gibt mir diese Möglichkeit. Zurückschauen? Auf das letzte Jahr? Nein. Ich ergreife die Gelegenheit, um zurückzublicken auf fast acht Jahrzehnte.

        Zurückblicken, ändert das etwas an den Geschehnissen? Natürlich nicht. Was war, ist vorbei, ein unumkehrbares Kontinuum! Und trotzdem schaue ich gern zurück, um ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Ist vielleicht das Vorrecht der alten Generation, zu der ich gehöre. Ich schaue also zurück auf meinen Lebensweg. Ein langer Weg, ein unterschiedlich beschaffener Weg. Mal war dieser Weg hügelig, mal bergig, mal eben und leicht zu bewältigen. Mal steinige Strecken, enge Pfade und holperige Gassen, dann wieder breite und komfortable Straßen mit exklusivem Pflaster. Ich wanderte durch wunderschöne Landschaften, durch karge Wüsten; trockene staubige und dürre Einöden wechselten ab mit grünen Wiesen, blumenreichen Gärten und wasserreichen Flüssen. 

     In den letzten Jahren wurde der Weg immer schwieriger. Die Wege wurden steiniger, sandiger. Im letzten Sommer konnte ich die Wege nicht mehr so einfach entlanggehen. Ich habe gemerkt, dass der Körper manchmal mehr Ruhe braucht, damit die Seele aufatmen kann, sie braucht immer wieder Zeit zur Regeneration. Ich bleibe stehen an einem Geburtstag. Schaue zurück auf das, was war, auf die Strecke meines bisherigen Lebens. Ich erinnere mich, wer diese Wege mit mir gemeinsam ging, oder wer mich auch nur eine kurze Zeit begleitete.
Ich erinnere mich dann an die Weggefährten, die mit mir wanderten. Durch felsiges, hügeliges Land, wer mich dort an die Hand nahm, wenn ich zu fallen drohte. Wer mich begleitete durch schattige Wälder und grüne Wiesen, durch schöne Landschaften, durch steinige Wüsten, auf grundlos tiefen Meeren. Nachdenkend sehe ich alle vor mir, die mit mir lachten, die mit mir fröhlich waren, die mir viel bedeuteten und mit denen ich unendlich schöne Stunden meines Lebens verbringen durfte. Die Menschen, die mir ihre Liebe schenkten, mich so annahmen, wie ich war und nicht danach fragten, was es ihnen einbrachte. Ihnen allen sei besonders gedankt, auch wenn sie dies nicht lesen können! Ich denke aber auch an all die Menschen, die mir nicht so gut gesonnen waren, die mir viel Leid zufügten, die mich immer wieder nach unten drückten, sodass das Aufstehen immer schwerer wurde. Ihnen sei alles verziehen, was mir angetan wurde, denn auch ich war an vielem schuldig oder zumindest beteiligt!

       Ich sehe auch alle Menschen vor meinem inneren Auge, die meine künftigen Wege nicht mehr mit mir gehen werden, Alle, deren Lebensweg lange vor meinem eigenen endete. Die Mitmenschen, Freunde, die an einer Abzweigung unseres Weges ihre Richtung geändert haben und einen anderen Weg gingen. Ich wünsche ihnen, dass sie ebenso glücklich werden, wie ich es oft war und dass sie alle Mühen meines Lebens nicht erfahren müssen! Gewiss, manches Mal würde ich gern einige Strecken meines eigenen Lebensweges noch einmal gehen, um vieles intensiver begreifen zu können, und um in manchen Momenten zu erfahren, was Weggefährten für mich bedeutet haben und vor allem noch haben. Ich würde mir erhoffen, dass sich manche Wege wieder mit meinen kreuzen, und die Menschen, die mir etwas bedeuten, mich auch wieder ein Stück bis zum Ende meines eigenen Weges begleiten würden …

      Doch ich richte immer wieder meinen Blick nach vorn. Vergangenes werde ich hinter mir lassen, vor mir liegt noch ein Stück Weges, wie lang dieser ist, kann ich nicht ermessen. Er liegt noch unbetreten vor mir und wartet auf mich. Ich weiß nur zu gut, dass diese meine letzte Wegstrecke auch steinig und mühsam sein kann! Aber ich denke an die schönen Ausblicke entlang meines Weges, ich vertraue auf meine eigene Kraft, meinen eigenen Willen und vor allem:
Ich vertraue auf Gott, der all meine Lebensjahre an meiner Seite war und es auch weiter sein wird!‹

2 Kommentare:

  1. Ohne unsere Vergangenheit und die Menschen, denen wir auf unserem Weg begegnet sind, wären wir nicht, was wir heute sind. Der größte Schatz, den wir auf unserem Weg durch das Leben entdecken können, ist der Erkenntnisgewinn. Schon deshalb ist ein Rückblick auf das eigene Leben mehr als sinnvoll. Erst im Rückblick können wir verstehen und lernen. Wie siehst du das, lieber Horst?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nur im Nachhinein, ich möchte nicht v o r h e r wissen, was alles auf mich zukommt, liebe Laura ...

      Löschen

[B]Ich danke Dir für Deine Nachricht![b/]

Dein Schmerz, mein Schmerz,

  Auf meinem Schreibtisch liegt ein Text, den ich im Netz fand. Ich trinke meinen Tee, hole tief Luft und denke daran, wie echte Liebe über ...