11.1.23

Titel?

 


 


Jede Erzählung, jede Geschichte, jede noch so kleine Veröffentlichung braucht einen Titel. Klar, wie sollte man sie sonst in dem riesigen Wust von Geschreibsel wiederfinden? Nehme ich den Aufhänger, den ich mir vorgestellt habe, finde ich doch irgendwo ein klitzekleines »Härchen« daran. Sofort wird mir dann klar: Das passt ja gar nicht!

        Nun mache ich mich wieder auf die Suche. Schaue nach links, sehe in die entgegengesetzte Richtung, nichts Passendes bietet sich an. Auch unterm Bett, im Heizungsraum, im Carport - nichts sieht so ansprechend aus, dass ich es als Überschrift verwenden könnte.

        Was nun? Einfach so einfach ohne Titel absenden, nein, das ist mir doch zu primitiv. Also bitte, ein wenig Geist soll man mir doch zumuten können. Ein Objekt erfordert nun mal die Notwendigkeit, auch irgendwie benannt zu werden. Das ist das Zeichen der Eigenpersönlichkeit eines Autors, dass er es fertigbringt, die Einmaligkeit seines Werkes mit talentiertem Wissen unter die Leute zu bringen. Und dazu gehört doch ein Titel!

        Ich überlege. Welche Eigenschaften sollte dieser haben? Ein Wesenszug des Titels sollte ja sein, dass der geneigte Leser mit zackigen und markanten Worten aus dem Tal der Erwartung herausgehoben wird. Er sollte schon mit diesem Grundzug des Textes vor Spannung zittern, es nicht abwarten können, mitten hineinzustürmen in das bereitstehende Dasein des eindrucksvollen Textes.

        Meine Erwägungen kommen zu keinem potenten Ergebnis. Meine Geschichte braucht einen Titel, eine Überschrift, eine Ansage. Vieles geht als Darstellung in Form einer Erzählung leicht von der Hand, aus der Feder, auf Papier. Doch dem Kind schließlich einen Namen zu geben - das fällt mir so schwer, als hätte ich noch nie etwas geschrieben. Für jeden neuen Anfang möchte ich die Geschichte in ihrer Kraft darzustellen versuchen. Wie viel Zeit vergeht durch meine Arbeit am Titel?

        Ich setze mich, stehe auf, geh zum Fenster und wieder zurück. Trinke, esse und trinke, schreibe und streiche alles durch. Diese Arbeit wird nur durch ihre Eröffnung abgeschlossen. Wie oft habe ich inzwischen auf die Uhr gesehen? Warum bleibt die Zeit in diesem Zustand immer stehen? Ist es noch nicht an der Zeit, ist meine Geschichte noch überhaupt nicht bereit, wenn ich keinen Titel für sie habe?

 Verzweifelt schaue ich die Wand an. Die Wand schaut mich an. Ihr rechtes Auge, das mit der Kopie von »Manet«, zwinkert mir heimlich zu. Und dann, urplötzlich geht der Vorhang hoch!

        Ich habe jetzt einen Titel für meinen Text - ich habe einen - dass ich da nicht gleich draufgekommen bin! Mein Titel heißt Ohne Titel.

 

2 Kommentare:

  1. Manches Bild oder Erzählung regt die Phantasie an, braucht keinen Titel. Ein Till Eulenspiegel ist ,wer sich dabei etwas denkt!
    ich lese auch ohne Titel...nicht immer! Leeve Gröten, Klärchen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Daröver givt dat nix mehr to klönen! Alln's up Stee'
      Latn di dat god gahn -
      meent Horst

      Löschen

[B]Ich danke Dir für Deine Nachricht![b/]

Mythen und Märchen

  Unser ganzes Dasein, unsere Welt seit Beginn der Geburt ist übersät von Mythen und Sagen, von unbeweisbaren Erzählungen und Märchen. Märch...