4.2.22

Verwunschene Gedanken II.

 

Dieses Gedicht schrieb Anfang des 19.Jh.
Johann Peter Eckermann,

(*1792, Winsen/Luhe - ϯ 1854 Weimar)

Heimat - (die beiden letzten Verse)

Mich trieb mein Stern voll Unruh weit umher,
Von Weisen lernt' ich, war am Fürstenthrone;
Ich stand am Po, am mittelländ'schen Meer,
Am See Venedigs, trank die Flut der Rhone;
Ich sah den Rhein, die Maas, der Nordsee Welle,

Du flossest ruhig fort an kleiner Stelle.*)
Wie zu beneiden scheinet mir dein Los!
Was hab' ich denn erreicht? –
Doch laß mich schweigen.

Die Sonne sinkt hinunter still und groß,
Der Tag mit seinem Leben will sich neigen.
Der müde Wandrer, lang' umhergetrieben,
Ruht bald erquickt am Herzen seiner Lieben.

*) (Gemeint ist die Luhe, der kleine Nebenfluss
der Ilmenau, die dann danach in die Elbe mündet.)

 




 

Johann Peter Eckermann, ein Name, der stets in einem Atemzug mit J.W.v.Goethe genannt wird. Eckermann, wer war er, wie haben wir ihn uns vorzustellen? Nur ein Adlatus, der dem großen Dichter stets zur Hand ging? Oder war er ein Mensch, der durch seine Stellung auch dazu beitrug, dass der große Meister in seiner eigenen stets gestärkt wurde? Als treuester Mitarbeiter trug er mit seinem Redigieren der Texte viel dazu bei, dass Goethe in Europa einen beeindruckenden und entscheidenden Einfluss auf das europäische Geistesleben bekam.
Er war ein enger Vertrauter und Bewunderer  Goethes. Um ihn zu treffen, reiste er 1823 erstmals nach Weimar, Goethe war damals bereits 73 Jahre alt, Eckermann 31


Eckermanns Lebenslauf

liest sich wie ein Abenteuerroman. Er wird in Winsen/Luhe geboren, zieht mit seinem Vater, der hausierender Händler ist, durch die Lande, geht nur unregelmäßig zur Schule und wird dennoch nach seiner Konfirmation Amtsschreiber in Lüneburg, Uelzen und Bevensen. 1813 hat er als Kriegsfreiwilliger in den Niederlanden Kontakt zur niederländischen Malerei. 1815 beginnt er eine Ausbildung als Kunstmaler, besucht dann kurzzeitig das Gymnasium und beschäftigt sich erstmalig mit der Literatur.

Veröffentlicht seinen ersten Gedichtband, übersendet 1821 Goethe ein persönliches Exemplar! Eckermann arbeitet an einem Drama »Graf Eduard« - das jedoch unvollendet bleibt und auch nie veröffentlicht wird. Er lebt dann in Empelde (bei Hannover), wo er als freier Schriftsteller tätig ist. Er übersendet Goethe sein Manuskript »Beiträge zur Poesie«; es wird 1823 auf dem Buchmarkt erscheinen.

1831 folgt die Eheschließung mit seiner langjährigen Verlobten Johanne Bertram. (Sie stirbt bereits 1834 mit 32 Jahren)

Es folgen viele Reisen innerhalb Deutschlands und Europas. Auf Betreiben Goethes erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Jena.
1832 stirbt Goethe, vorher hatte er ihn 1831 als Herausgeber seines literarischen Nachlasses eingesetzt.

Bis zu seinem Tode 1854 bedrückte ihn stets quälende Armut und ein schlechter Gesundheitszustand, zeitweilig gelindert durch diverse Mäzene, die ihm verschiedene Kur-Aufenthalte ermöglichten.
Er wurde in seinem Leben mit vielen Ämtern bedacht - die aber keinerlei finanzielle Auswirkungen hatten. Eckermann stirbt bitterarm im Alter von 62 Jahren. Er wird neben der Fürstengruft in Weimar auf dem Historischen Friedhof beigesetzt.

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Es ist ein Bild eines sehr begabten Menschen, der durch missgünstige Verhältnisse nie das werden konnte, was er wollte. Eine sehr große Rolle spielte dabei aber auch die frühe Hinwendung zu Goethe, die seine Talente fest banden, zu Lebzeiten des großen Dichters brachte das zwar erhebliche Vorteile für ihn, dafür war er aber sehr an ihn gebunden. Eckermann störte das nicht, weil er Goethe verehrte; dennoch schränkte ihn die persönliche Entscheidungsfreiheit in jenen Jahren doch unbewusst ein.

Gleichartige Verhaltensweisen lassen sich bis in die heutige Zeit mannigfaltig finden. Vielleicht brauche große Geister auch ebensolche, damit sie an ihnen wachsen können?

©by H.C.G.Lux

2.2.22

Wieder einmal!

 

 



Zwei junge Polizisten lassen ihr Leben bei einem Einsatz in Rheinland-Pfalz. Eine lapidare Meldung, so am Rande des Zeitgeschehens. Zwei Menschen, die das Leben gerade am Anfang kennenlernten, beendeten es in Ausübung ihres Dienstes.
Nicht etwa, weil sie Verbrechen verfolgten oder Gewaltverbrecher dingfest machen wollten - nein, bei einer Verkehrskontrolle!

       Polizeibeamte sind oft die Prellböcke und Prügelknaben der Gesellschaft. Die Ausbildung von Polizisten versucht, diesen Schwierigkeiten Rechnung zu tragen. In den Trainings wird Wert daraufgelegt, dass das wichtigste Werkzeug eines Polizisten das Wort und keineswegs die Waffe ist. Eine bürgernahe Polizei ist ein wesentlicher Faktor für das harmonische Zusammenleben der Bürger und auch für den sozialen und wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft.

       Trotz allem Training, Schutzwesten, trotz aller Einsatzpläne und Sicherheitskonzepte – nach wie vor muss jeder Polizeibeamte damit rechnen, im Einsatz getötet zu werden. Die hinterhältige Ermordung von zwei Polizisten ist ein grausames Beispiel dafür. Es ist ein ungeheures, schamloses Verbrechen, das sprachlos macht.

       Und es ist eine Mahnung: Auch Polizeibeamte sind Menschen mit Familien und Freunden, die ein Recht auf ein sicheres Leben haben und des Schutzes von uns allen bedürfen.

Polizisten müssen wieder mehr Respekt im Alltag erfahren, und das geht jeden von uns an! Da darf sich niemand heraushalten, da darf keiner sagen: Was geht mich das an, sind halt Polizisten, die wissen, das es gefährlich ist.
Wir brauchen eine gute Polizei - ohne Wenn und Aber!


©by wildgooseman

25.1.22

Glaube - aus freien Stücken!

 Ich habe irgendwo gelesen, dass bei uns In Deutschland genauso viele Menschen an die Auferstehung Christi glauben, wie an Horoskope. Was das nun heißen soll? Wir Menschen sind auf einer extremen Suche nach Spiritualität, und das in alle Richtungen. Wir können denken, was wir wollen, wir sind frei zu glauben, woran auch immer, es kann auch gar nichts sein!

  Da müssen Kirchen, Religionen und Glaubensgemeinschaften sich anstrengen, so attraktiv zu sein, um die Menschen rings herum nach allen Regeln der Kunst zu begeistern. Und sie tun es auch - leider nicht immer zu unseren Gunsten!


  Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Kirchen sich in der älteren und jüngeren Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert und mit ihrer Einmischung in Politik, Ausnutzung ihrer uralten Machtstrukturen und der nicht vorhandenen Anerkennung der Liebe zweier Menschen, wenn sie nicht in ihr Weltbild passt, ihren Schäfchen nicht das Gefühl gegeben hat, willkommen zu sein! Und das ist bis heute so!
  Dass ich Christ bin und dazu noch Protestant, gehört nun mal zu meinem Leben dazu. Ich bin aber auf dem kirchlichen und auch konfessionellen Auge nicht blind und sehe auch die leeren Kirchenbänke vielerorts. Ich weiß, dass Kultur genauso auch in Kirchen ein gutes Werkzeug sein kann, das zu ändern!
        Ja, »Großer Gott wir loben Dich« und eine majestätisch gespielte Orgel lassen auch mich weichwerden, aber das löst nicht unbedingt eine Anziehungskraft auf alle aus und wirkt meist ein wenig unzeitgemäß.
        Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich sage nicht, dass es so etwas gar nicht mehr im Gottesdienst geben sollte. Nur hier und da bedarf es vielleicht einer Veränderung! Kultur und Kirche können sich gegenseitig bereichern. Beide können, wenn sie sich öffnen, uns große Geschenke machen: Sie zeigen uns, wer wir sind, wo wir herkommen, zu wem wir gehören. Ganz gleich, welcher Religionsrichtung wir angehören oder auch nicht. Aber Gottesdienste in romanisch geprägten Ländern lassen uns schon manches Mal staunen! Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn die Gemeinde wie ein Trauerkloß in ihren Bänken sitzt. Warum muss das so sein? 
        Ist es eine solch traurige Sache, unseren Glauben zu leben? Wer einmal einen Gottesdienst beispielsweise in einer afrikanischen Kirche erlebt hat, weiß, was ich meine! Es gibt eben noch Menschen, deren einziger Halt im Leben noch ihr Glaube ist - wenn sie auch sonst noch so arm sind! Bei uns in den - wie sagt man doch so schön: »zivilisierten Ländern«, haben wir das verlernt!
        Wir sind so anspruchsvoll geworden, dass wir gar nicht mehr erkennen, wie »arm wir im Geiste« sind! Singen und tanzen in einem Gottesdienst kann eine kulturelle Bereicherung sein. Es ist fremdartig, gewiss. Aber wie viele Sitten und Gebräuche haben wir bereits in den letzten hundert Jahren von anderen Völkern übernommen? Man kann das gar nicht mehr zählen. Hat es uns geschadet? Wenig, denke ich, und wenn, dann wären das nur die Auswüchse einer Generation, die wieder alles übertreiben muss.
        Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Das sagte bereits Friedrich II. Warum sollte man uns das nicht lassen?
Aber dann auch: Allen Menschen ...


© by hcglux

21.1.22

Der Mond

 


Als ich des Nachts erwachte,
blickte der Mond bei mir ins Fenster.
Er stand am schwarzen Himmel,
schaute und erzählte mir,
was er auf seiner Reise sah.
Mir schien, sein Schein verblasste
im Laufe dieser langen Nacht
Sein heller Blick, er schweifte
traurig durch die Welten.
»Meine Zeit ist viel zu kurz«,
Er sprach zu mir ganz leise,
»um all das Elend zu beleuchten!«
Beschämt bedeckt er sich
mit einer dunkelgrauen Wolke.
Ich winkte ihm verstohlen zu.
Ich weiß, er kommt ja wieder,
er hat doch keine Wahl!
Vielleicht beginnt auch jetzt,
die Hoffnung neue Wurzeln
hier bei uns zu schlagen -
sie stirbt bekanntlich ja zuletzt!
Da fällt mir gerade ein:
Wenn irgendjemand heut
dagegen demonstrieren will?
Von wegen »Freiheit« -
könnt ja möglich sein -
er mag es ohne Murren tun,
Wir Anderen lächeln still ...
©2022 by H.C.G.Lux

17.1.22

Wir wussten nichts?


 

Als wir noch Kinder waren
erschien nichts einfacher,
als jeden langen Tag
so voller Glück zu leben.
Vom Leben kannten wir
täglich nur immerzu
den Sonnenschein -
selten nur den Regen.

Dann kam jene Zeit
als der schöne Schein
in uns plötzlich verlosch.
Für uns zerbrach das Glück
in tausend Scherben.
Wir fragten ohne Antwort -
die Wahrheit ließ uns
hinter sich zurück.

Nun winkt am Horizont
der letzte Rand der Zeiten,
bald sehen wir des Sonnenlaufes
Schein nur noch als rotes Licht.
Ist in Gedanken etwas zu bedauern?
Vielleicht nur, dass der Mensch
heute so dumm ist, wie in alter Zeit!
Er merkts noch immer nicht!

©by H.C.G.Lux

16.1.22

Tempora mutantur.



Franz von Lenbach, Venedig


 (Die Zeiten ändern sich)

Ich träume oft in manchen Stunden
von Völkern, die durch Freundschaft verbunden,
von weißen Tauben, die Frieden verbreiten,
vom Guten in uns zu allen Zeiten.

Ich träume von Gleichheit aller Rassen
ohne Rücksicht auf Herkunft und Klassen,
von Arbeit für alle, die arbeiten können
und nicht nur immer zum Jobcenter rennen.

Ich träume von Familien ohne Streit,
von Hilfen für Alte in schwerer Zeit,
von Manager in Firmen - ohne Raffen,
von friedlichen Lösungen ohne Waffen.

Ich träume von Bäumen in grünen Wäldern,
von hellgelbem Raps auf blühenden Feldern,
von Nebel über dem rauschenden Fluss,
von Wildgansgeschrei als nächtlichem Gruß.

Ich träume von Burgen auf bergigen Höhen,
von Ufern schilfbewachsener Seen,
von Karawanen in endlosen Wüsten,
von Leuchttürmen an felsigen Küsten.

Ich träume von Tieren in freier Natur,
für mich wäre es Freude pur.
Ich sah diese Erde aus Tiefen und Höhen, 
erlebte das Leben mit Fühlen und Sehen.

Vom Fernweh blieb nicht mehr allzu viel,
statt nur zu träumen, bleibt heut noch ein Ziel,
von der Sehnsucht des Herzens getrieben:
Es heißt ganz einfach: Lieben!


©by H.C.G.Lux
 

14.1.22

Strandcafé


Wartende runde Tische.
Wer sagte neulich,
hier wäre es gut?
Es raunt ganz sachte
die Jalousie im Wind.

Ein kleines Schwätzchen,
Antje, blauäugig und blond.
Theaterdonner, Weltgeschehen,
Oder das Wetter -
unverbindlich, bedeutsam!

Was sagt der Kalender?
Sturmflut, Vollmondnacht,
vertrautes Schweigen danach.
Ständig unruhige Ruhe.
Es lebt sich so dahin.

Möwen am Himmel.
Grauweißes Watt,
Schafe ernten das Grün
von schützenden Deichen.
Zeitlose Realität.


-© H.C.G. Lux 2022 -

 


12.1.22

Der Weg ist das Ziel!

 


Aus dem Tagebuch eines Wohnungslosen ...

(Einem Din-A5 Schulheft entnommen, einer Fundsache (2011)

aus einem Papierkorb. Namen wurden ausgetauscht.)

 



Teil 1

Der erste Tag, von dem er nicht weiß, wo er die Nacht
verbringen wird. 
Er hat keine extra Kleidung, kein Geld
mehr in der Tasche.
Es wird ein langer Tag.
Es werden fünf lange Wochen ...

 



Montag, 18.November

»Hallo, es ist Ein Uhr, verlassen Sie den Bahnhof, wir schließen!«
Kurz nachdem ich vor einer halben Stunde eingeschlafen war, werde ich von Sicherheitsbeamten des Hauptbahnhofs mit drohendem Ton geweckt. Mein ganzer Körper schmerzt, mein Nacken macht es mir unmöglich, meinen Kopf normal zu bewegen. Mir ist kalt und so werde ich in die regennasse Nacht geschickt. Wohin - ich weiß es nicht. Ich habe noch zweieinhalb Euro übrig, aber ich muss sie für Tabak behalten.

 

 Dienstag, 19. November

Nach einem tagelangen Streifzug zwischen Plätzen, Parks   und dem Hauptbahnhof reicht es. Ich fühle mich zerquetscht, als wäre ich eine Ameise, die unter die Sohlen eines Menschen geraten ist, gedemütigt, beschämt, schmutzig, aber vor allem: körperlich und seelisch weit unter Null. Bis zur Obdachlosenunterkunft ist es noch weit.

 Eine Stunde später stehe ich vor dem Haus der Obdachlosen. >Straßenwerk< steht über dem Eingang. Ich habe die Wahl: drücke ich die Tür auf - oder schlafe ich heute Nacht wieder ein bis zwei Stunden im Park auf einer harten Bank unter Bäumen, die ihre Blätter längst abgeworfen haben.

 Ich bin unschlüssig, weil ich nicht weiß, was mich hier erwartet. Wird es wieder eine Katastrophe sein? 
Oder habe ich endlich einmal die Chance, eine anständige Nachtruhe zu bekommen - und vielleicht, wenn ich Glück habe, etwas zu essen? Ich kann mich kaum an den Geschmack einer Salzkartoffel erinnern, geschweige denn an Gemüse! Ich wähle die Tür, mein Körper bettelt danach. Und außerdem hat es gerade wieder angefangen, zu regnen.

 

Mittwoch, 20.November

Johannes, der Sozialarbeiter, hörte sich gestern meine Geschichte an. Ich weinte, ich konnte einfach nicht mehr. Ich hätte nie gedacht, dass Leben so weh tun könnte. Laut Johann ist es buchstäblich im übertragenen Sinne fünf vor zwölf. Er führte mich in einen Saal mit langen Tischen. Mit viel Mühe und voller Scham aß ich zwischen verschiedenen Leidensgenossen einen Teller Suppe. Dann wieder warten. 

  Nach einer Stunde, zwei Stunden, ich weiß es nicht mehr, konnte die Zeit nicht mehr einteilen.

Aber Johann sagte mir, dass ich sechs Wochen hierbleiben darf, um mir eine Tätigkeit suchen zu können. Denn wenn man keine Bleibe hat, gibt es auch keine Arbeit. Ich bekam einen Schlüssel. Zimmer 36: Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett. Ich entschied mich, hier zu bleiben! Schlief dann sofort ein. 

 

Teil 2

Montag, 25.November

 Gegen 6.30 Uhr werde ich vom Lärm geweckt wurde. Nach einem einfachen Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Stadt zur Arbeitsagentur. Vielleicht haben die Leute da etwas für mich. Ich sah in der letzten Woche niemanden, den ich kannte. Es tat mir auch nicht leid, dazu war ich zu beschämt, ich war ein Ausgestoßener, jemand, den es zu meiden galt, jemand, der es versucht hatte und gescheitert war, vor allem: jemand ohne Zukunft! Langsam kam die Qual der Wahl auf: auf wenigen Quadratmetern schmachten oder sich dagegen wehren. 

Ich habe vorher 14 Monate gebraucht, um so weit zu kommen, wie ich nun bin. Feiertage waren für mich Tage der immensen Traurigkeit. Ich denke an das letzte Jahr - da war zu Hause noch alles so schön und gemütlich.

 

Mittwoch, 27.November

 Ich lerne zwei neue Mitarbeiter, Nele und Tessa, von den Streetworkern kennen. Mit ihrer Anregung, mit ihrem Antrieb sah ich wieder einmal das Ende des Tunnels. Es gab zwei Leute, die noch an mich glaubten!!! Zwei Engel? Sie lehrten mich wieder zu lächeln; sie gaben mir den Schlüssel zu meiner Seele zurück,um die Tür hinter mir zu schließen, damit ich wieder zu mir kommen darf! Und vor allem brachten sie mir bei, dass ich eines Tages wieder jemanden lieben kann!

 

Freitag, 29.November

 Nele und Tessa lehrten mich, meine Scham abzulegen, ich begann meine Seele vollständig zu entblößen: Ich sprach vor  200 Studenten über meine persönlichen Probleme, der Saal war völlig ruhig! Ja, jeder durfte wissen, wie es dazu kommen konnte. Und plötzlich änderte sich alles: Ich bekam Aufmunterungen, Schulterklopfen, Glückwünsche. Ich fing danach an, Ausflüge für die Bewohner des Straßenwerks zu organisieren. Alles ist begeistert.

 

Sonntag, 1.Dezember

  Die Arbeitsagentur hat immer noch nichts für mich gefunden. Es liegt am Alter, sagte der Sachbearbeiter. Dreiundsechzig ist eben nicht gefragt. Und Johannes? Er sah, dass es nicht klappte mit der Jobsuche: »Es wird langsam eng«, meinte er heute früh. Aber er sah auch, dass meine Bemühungen ernsthaft waren, das sollte mir doch Pluspunkte einbringen, oder?

Ich habe noch drei Wochen hier in der »Heimstatt«, dann ist für mich finito. Ob die mich hier ein paar Tage vor Weihnachten noch rauswerfen?

Montag, 2.Dezember

 Ich habe habe mich für einen sechsmonatigen Kurs als Altenpfleger angemeldet. Aber die wollen mich nicht, ich wolle mir nur mehr Zeit verschaffen, sagt Johannes. Die Aussage weckt eine starke Rebellion in mir, weil sie nicht stimmt.

 Aber wie soll ich denen das erklären? Ich scheine so unglaubhaft zu sein, dass mir keiner den echten Willen glaubt.

  Teil 3

 Mittwoch, 4.Dezember

Das darf nie wieder passieren! Ich hatte einen Zusammenbruch. Und jetzt diese Stille, diese Einsamkeit in einem Pflegezimmer. Warum muss mir das passieren?  

 Montag, 9.Dezember

 Ich habe für morgen einen letzten Termin bekommen. Es ist sozusagen die ›Letzte Tür‹ des langen Gangs! Abitur ist Voraussetzung für diesen Job. Erfahrung mit Wohnungslosen-Problemen wird gewünscht, ist zumindest von Vorteil! Ich bewarb mich und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Aber ich darf nicht rauchen, Raucher sind nicht erwünscht.

 Dienstag, 10.Dezember

 Mehr als 50 Minuten lang widerlege ich alle Nachteile, die meine Person betreffen. Es sieht gut aus. Es muss gut aussehen! Ich darf nicht beiseite gelegt werden, auf den grossen Haufen in der Schreibtischecke. Aber ich spüre, es gibt noch andere Kandidaten. Warten.

11.Dezember, 10.20 Uhr:

Telefon vom Koordinator des Ausschusses: Ich wurde eingestellt! 

Startdatum 1. Januar! Probezeit 3 Monate!

Meine Aufgabe ist es, Menschen, die nicht weiter wissen, den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen: Essen, ein Bett und vor allem: ein Schwätzchen, ein hilfreiches Lächeln, gute Worte.

 13.Dezember,

 Der Tag, an dem ich diesen Text beende: Am 1. Dezember, nach vierzehn Monaten, werde ich das Werk der Wohnungslosen verlassen. 

Ich gehe in mein eigenes Büro in der Innenstadt! Ich bekomme ein Zimmer neben dem Büro als Wohnung. Ich werde Weihnachten zwar allein feiern müssen, aber ich habe die Hoffnung und die Aussicht, dass es aufwärts geht. Mit neuen Freunden und alter Kraft. 

 

Der Abschied, am 14.Dezember

 Mein Herz wird bei denen sein, die diesen Neuen Mann zu Weihnachten neu erschaffen haben. Sie sagen zwar immer:
»Danke uns nicht, du hast es selbst gemacht!«

Ja, da ist zwar etwas Wahres dabei. Ich habe diesen Stern vom Himmel geholt, der vor vierzehn Monaten so weit vom Universum entfernt war. Aber ganz ohne Werkzeug wäre es nicht gegangen!
Und ich war dabei niemals ganz allein ...

 

 

©by H.C.G.Lux

8.1.22

Wärme

Die Welt leidet.
An der Klimaerwärmung.

Ist das nicht seltsam?
Ein Aggregatzustand
unseres Wassers ist Eis.
Wärme erzeugt Eis?
Die Wahrscheinlichkeit sagt: Ja!

Es war noch nie
so kalt wie heute!

©2022 by H.C.G.Lux

5.1.22

E-Mail aus berufener Hand

 Vor einiger Zeit schaute Gott auf die Erde. Er war entsetzt, in welchem Zustand sie war. Er hatte den Menschen doch ausdrücklich aufgegeben, die Erde zu verwalten.

»Macht Euch die Erde untertan, aber zerstört sie nicht!«
War das so schwer zu begreifen? Warum hielt man sich nicht daran?
Ja, Gott verlor langsam seine Geduld. Er schickte eine Reihe von Warnungen auf die Erde, niemand nahm sie so richtig ernst. Feuer und Wasser, Erdbeben und was sonst noch für Warnungen in seiner Hand lagen, verpufften wirkungslos unter den Menschen.
Gott rief seine Engel zur Konferenz zu sich. Es war eine lebhafte Debatte, die dort geführt wurde. Vorschläge von allen Seiten, wie denn diesem Übel abgeholfen werden könnte.
Engel ›Sigma‹ erbot sich, auf die Erde zu reisen und dort genaue Resultate zu sammeln, man könne sie Gott dann ja vorlegen, aufgrund der Bestandsaufnahme müssten dann Beschlüsse gefasst werden!
So geschah es. Der Engel reiste anonym auf die Erde, sah sich die gesamte Bescherung an und berichtete dann seinem Herrn:
»Ja, es ist schlimm auf der Erde; 95 % beuten die Erde rücksichtslos aus, stiften Unheil und ein Krieg jagt den anderen. Es sind nur 5% der Menschen, die sich an die Verfügungen halten, die du erlassen hast, Herr!«
Gott war erschüttert von diesen Berichten. Aber er dachte im Geheimen, er sollte doch wohl noch eine zweite Meinung einholen, also sandte er noch einen Engel, ›Theta 6‹, auf die Erde.
Leider kam Theta 6 zum gleichen Ergebnis - so blieb nur noch ein allerletzter Ausweg.
Er beschloss, den Menschen, die zu den 5% gehörten, eine Email zu schicken, in der er ihnen zu ihrem guten Willen gratulierte und versicherte, dass er ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen würde!


Weißt Du, was in dieser Mail stand?
Nein?

Ich leider auch nicht.
Ich habe so eine Mail nie bekommen ...

©by Wildgooseman

Gestern und Morgen

Der Tag kommt, irgendwann. Die roten Rosen lassen stumm die Köpfe hängen. Der weiße Schleier der Vergessenheit trennt messerscharf das Geste...