8.5.22

8.5.1945

 

Dies ist keine Glorifizierung eines Tages - weder im positiven noch negativen Sinne. Es soll auch nicht den Siegesrauch der damaligen Mächte, die bis heute nicht auf ihre uralten Machtdemonstrationen verzichten wollen, kritisieren. Der Text soll nur daran erinnern, was einmal war ...

 

 


Vor 77 Jahren

gibt der Reichspräsident, Großadmiral Karl Dönitz, in einer Rundfunkansprache über den Sender Flensburg sämtlichen deutschen Streitkräften den Befehl zur Kapitulation.

      Der Krieg war beendet, Deutschland besetzt und fast überall zerstört. Dies galt für die Moral, die Politik und die stets so geachtete Wirtschaft, das Land war gebrochen und zerrüttet. In den Scherben und Trümmern der zerstörten Städte versuchten die Menschen, ihre übriggebliebene Habe für ein wenig Brot und Kartoffeln einzutauschen. Die vorrätigen Nahrungsmittel wurden mit Hilfe von Lebensmittelkarten verteilt. Da die Rationen häufig nicht ausreichten, fuhren viele Deutsche zu »Hamsterfahrten« aufs Land. Dort tauschten sie bei Bauern ihre über den Krieg geretteten Wertgegenstände gegen Gemüse oder Milchprodukte.

(Präsident Roosevelt sagte in jenen Tagen einmal auf die Frage, ob er wollte, dass die Deutschen hungern: »Warum nicht?«)

Die gesamte Lage im ehemaligen Reichsgebiet und die Bombennächte beherrschten nun mal das gesamte Leben einer Generation!

      Ich erinnere mich ungern daran, dass ohne den blühenden Schwarzmarkt ein Leben sehr schwer möglich war! So katastrophal dies manchmal war, es ging wirklich ums Überleben!

      Deutschland lag am Boden, ein Sturz, den es selbst herbeigeführt hatte. Der Aufstieg danach war dank des Marshallplans nur möglich, weil das Land im Zentrum Europas wieder gebraucht wurde - als Bollwerk gegen den Osten!
 Aber das ist ein anderes Thema - aber genau so spannend und
aktuell wie eh und je! Das jedoch war am 8.Mai 1945 noch nicht absehbar.

       

 ©by H.C.G.Lux

26.4.22

»Sie sollen es einmal besser haben!«

 

Wer von uns kennt diesen Satz unserer Großeltern oder Eltern nicht? Du sollst es einmal besser haben! Und?
Haben wir es wirklich besser? Heißt die elektronische Revolution, dass es allen besser geht? Ich bezweifle diesen Ansatz stark. Es kommt immer auf die Basis an, auf den Ausgangspunkt der Aussage! Was heißt denn schon besser? Wäre es besser gewesen, wenn ein Germane im Smoking herumlief anstatt im Bärenfell? Würde ihm ein Pils besser schmecken als ein Becher Met?
      Wie viel mehr Tote hätte es im »Dreißigjährigen Krieg« gegeben, wenn Tilly damals schon ›Raketen oder Wasserstoffbomben‹ gehabt hätte. Und der alte Napoleon wäre brav in seinem Lande geblieben, wenn die Millionen von Landminen, die heute noch überall vergraben liegen, schon 1800 an seinen Grenzen gelegen hätten.


        Besser? Es war zu keiner Zeit wirklich ›besser‹, weil immer die Zukunft glorifiziert werden sollte. Genau wie auch die Vergangenheit. Wer kennt nicht die »Gute Alte Zeit«, vielfach beschworen, die niemals diesen Lorbeerkranz verdient hat, der ihr angehangen wurde! Es kommt immer auf die inneren Umstände an, die maßgeblich am Leben beteiligt sind. Und diese tragen immer eine »Träne im Knopfloch«. Wer die Gegenwart nicht liebt, weil sie ihm zu schwer, zu unleidlich erscheint, liebäugelt jeweils mit der Vergangenheit, die er sich ja nach Belieben aussuchen kann, er muss nur lang genug forschen. Sehen wir das nicht heutzutage erneut! Warum glauben so viele Menschen schon wieder, dass die Diktatur des III.Reiches ein herrlicher Staat war?
        Es ist richtig, auch wir, die man uns heute die Alten nennt, hatten keinen Respekt vor der »gestrigen« Generation! Weil diese es ja war, die alles in ihrer Hand hatte und nicht freiwillig die Jungen beteiligte. Sicher ist das eine Eigenart des Menschen, die man jedoch auch im Leben der animalischen Geschöpfe findet. Das »Alte« muss nach einer gewissen Zeit abtreten, tut es das nicht, wird es gezwungen.
Das bedeutet im menschlichen Sinn aber immer, dass es stets revolutionäre Auswirkungen gibt, weil selten jemand freiwillig das »Erreichte« wieder abgibt.


Und - das sollte nie vergessen werden: es war zu allen Zeiten so! Ob bei den Neandertalern, bei den antiken Herrschern, den Potentaten des Mittelalters, den europäischen Kolonialherren, den Eroberern des amerikanischen Kontinents bis hin zu den Kriegen unserer Neuzeit!
Sie alle wollten, dass ihre Nachkommen es »einmal besser hatten«!

Aber - und das ist auch unzweifelhaft:
Immer auf Kosten Anderer!

 

31.3.22

Der Zug.

 



Ich habe einen Zug gesehen! Wirklich, vor Überraschung musste ich zuerst einmal meine Nerven beruhigen. Ein blitzsauberer Zug, hübsch braun und ockerfarben. Und das Wichtigste: Er fuhr immer noch auf Schienen! Ich wähnte mich schon auf dem digitalen Gleis des Neuronalen Verkehrsnetzes - aber nein, der Zug raste ganz altertümlich ohne jede Digitalisierung wie zu früheren Zeiten auf echten Schienen an mir vorbei. Man stelle sich das nur vor!

        Die allgemein übliche prozessgesteuerte Projektierung schien hier noch nicht angelangt zu sein; vielleicht war es ein Überbleibsel aus einer Zeit, die ihre Erfindungen noch hausgemacht auf dem internen Marktplatz offenbarte?

        Ich rieche immer noch den Kohlenrauch der Lokomotive der alten Baureihe »50«!
Mannomann, das hat mich richtig aufgewühlt, die Wagen aus Großmutters Zeit waren ein anderes Kaliber als die modernen Großraumwagenkathedralen, wie man sie heute sieht.

        Jeder dieser blitzsauberen Häuschen auf Rädern, jeweils mit eigenem Balkon - vorn und auch hinten - hatten sogar braune Gardinchen an den Fenstern, man glaubt es kaum.

        Die Person, die ich auf dem niedrigen Schotter-Bahnsteig bemerkte, war ein richtiger schnurrbärtiger Onkel, der seine blaue Uniform mit der leuchtend rote Mütze stolz der zuschauenden Menge präsentierte. Die kleine Signalpfeife trug er wie einen Verdienstorden an einer Kordel um den Hals. Sie zeichnete ihn aus als einen Mann, der die Macht hatte, den Zug starten zu lassen!               
Seine Majestät Wilhelm II. hätte seine wahre Freude an diesem wahren Staatsdiener gehabt, denke ich.

        Ja - und dann kam dieser Zug herangeschlichen! Sechs Waggons, einer so schön herausgeputzt wie der andere. Mit lautem Zischen und Prusten hielt die Lokomotive an dem Schild mit dem großen »H«. Eine blitzblanke Maschine; rote Räder, die mit einer Pleuelstange verbunden, dem Zug seinen Antrieb verschafften. Ein wahres Meisterwerk deutscher Maschinenbaukunst, da konnte es keinen Zweifel an der Wertarbeit geben!

        Ich wollte nun den Lokführer fragen, woher dieser anspruchsvolle Zug kam - dazu kam es nicht mehr. Ich erwachte schweißgebadet, der schöne neue alte Zug verschwand irgendwo in den Wolken des frühen Morgens ...

©by H.C.G.Lux

7.3.22

Der Oberleitnerhof

 

Bei meiner Wanderung in den Bergen hatte ich mich ohne mein Dazutun verspätet, das plötzliche Gewitter überraschte mich mit einer unbändigen Kraft. Ich konnte mich gerade noch unter einen Felsüberstand flüchten. Der bot mir zwar etwas Schutz, konnte mich aber vor den Regengüssen, die wie ein Wasserfall auf mich herunterprasselten, kaum bewahren. So war dann dieses Gewitter am späten Abend über mich hereingebrochen wie ein Ereignis der Urwelt.

Als endlich der Himmel heller wurde, waren fern im Westen Reste der Wolkensegmente hinter den Gipfeln sichtbar, übrig geblieben von diesem Gewitter, das mich so unerwartet überrascht hatte. Inzwischen war auch die Nacht schon hereingebrochen. In der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg ins Tal, ließ mich dabei teilweise von dem Seil einer Lastenseilbahn leiten. Es war ein mühsamer Abstieg auf diesem steinigen Wege. Außerdem war ich noch ziemlich geschockt von diesem lang andauernden Gewittersturm.

        Plötzlich und unerwartet sah ich vor mir ein matt erleuchtetes Fenster! Verborgen zwischen Zinnen aus Dolomitgestein und grünen Matten der Alm, lag vor mir ein BerghofEin verwittertes hölzernes Schild mit der kaum noch lesbaren Aufschrift: Oberleitnerhof
Hier war anscheinend die Ruhe zu Hause, die Stille vom Alltag des Lebens zwischen den grauen Bergriesen, denen die Menschen hier seit uralten Zeiten ihr Leben abgerungen haben, täglich aufs Neue. Und dennoch leuchtete aus diesem Fenster ein Stückchen Frieden, ich spürte einen Hauch von Zufriedenheit, die Hetze der Großstadt hatte hier noch keinen Einzug gehalten.

        Auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich an der Seite des Hauses eine schwere eichene Tür. Misstrauisch schaute das faltige Gesicht eines alten Mannes in die Finsternis hinaus.»Joa? Ich erklärte ihm mit leiser Stimme meine Lage nach diesem Gewitter und bat ihn um einen trockenen Platz für den Rest der Nacht. Wortlos öffnete er die Tür weit und zeigte dabei mit einem Daumen in das Innere des Hauses. Dann rief er laut: »Frieder!«

        Wie auf Befehl stand dann noch ein alter Herr vor mir, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, nur einige Jahre jünger. Bekleidet waren die Alten mit Kordhosen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, rotgewürfelten Hemden und den unvermeidlichen blauen Tiroler Schürzen, wie sie fast jeder alte Einwohner der Dörfer trug.  
             Meine anfängliche Unsicherheit legte sich bald, und nachdem sie mich dann mit Brot und Speck bewirtet hatten, dem dann noch ein Viertel Gewürztraminer folgte, waren wir uns schon bedeutend nähergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Beiden hatten großen Nachholbedarf an Erzählungen, so saßen wir noch bis weit in die Nacht hinein und teilten unsere Erlebnisse. Wobei der Großteil davon auf ihr Konto ging und ich voller Interesse gespannt zuhörte. Die Familie Oberleitner lebt hier schon seit vielen Jahrhunderten, ganz genau wussten sie es auch nicht mehr. Nach uralten Unterlagen aber existierte der Oberleitnerhof jedenfalls schon im 14. Jahrhundert, als Gräfin Margarethe von Maultasch Landesherrin von Südtirol war und später dem Habsburger König Rudolf IV. das Land übergab.

              Sie waren zu keiner Zeit reich, die Oberleitner-Familien. Aber sie konnten mit dem Ertrag ihres Hofes einigermaßen leben. Da sie nun stets mit vielen Kindern gesegnet wurden - zehn bis vierzehn Kinder waren keine Seltenheit - waren stets genug Arbeitskräfte auf dem Hof vorhanden.

        Wie es nun aber in alten Zeiten stets an der Tagesordnung war, zahlten auch sie ihren Blutzoll an die jeweils Herrschenden im Lande. Jeder Krieg musste von ihnen, den Bauern und Unfreien des Landes getragen werden und je nach Ausgang des Krieges, wurden sie dann später durch Lehen vom Kaiser mit neuen Ländereien belohnt, im anderen Falle verloren sie wieder alles, oft auch ihr Leben. So manch einer der Bauern musste dann seine Scholle verlassen und verdingte sich bei anderen, die mehr Glück hatten.

        Das Leben auf dem Oberleitnerhof war nie leicht. Manches Mädchen, das dort einheiratete, glaubte am Anfang an das Paradies, wurde aber binnen kurzer Zeit eines Besseren belehrt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde die Arbeit nicht weniger. Selbst bei Krankheiten, die gottlob nur selten auftraten, wurde bis zur Selbstaufgabe weiter gearbeitet, weil man ja sonst den übrigen Familienmitgliedern mehr aufbürden musste.

        Dieses harte Leben hatte die Oberleitnerfamilie aber auch stolz gemacht, auf ihre Leistung, auf ihre Vergangenheit. Stolz aber kann auch unduldsam machen. Diese Intoleranz war dann auch der Grund, dass heute beide Alten völlig allein leben. Die beiden Brüder im hohen Alter von 84 und 86 Jahren sind übrig geblieben von den Angehörigen ihrer Familien.

        Zwei alte Männer, die nie geheiratet hatten, »weil es sich nie ergab«, wie sie mir erzählten. Ich erfuhr aber auch nebenbei, dass es nie jemand lange auf dem Hof ausgehalten hatte, weder Weiblein noch Männlein. Dazu waren die Oberleitners stets zu selbstbewusst und herrisch in ihrem Auftreten. Sie ließen halt niemand neben sich gelten. Walburga Zehntner beispielsweise hatte noch eine Woche vor ihrer geplanten Trauung mit Frieder alles hingeworfen und fluchtartig den Hof verlassen.

So waren die beiden nach dem Tod ihrer Eltern allein geblieben. »Wir brauchen keinen Menschen«, meinte Jonas, »wir sind uns selbst genug.« Er sagte es mit einer Bestimmtheit, dass ich es eigentlich glauben musste. Und dennoch war mir nicht so ganz wohl bei dieser Aussage. Es sprach doch ein großer Rest von Einsamkeit aus ihren Worten, die sie vergeblich versuchten, vor mir zu verstecken.

        Es war ja auch immer gut gegangen, bis in die Gegenwart, jedenfalls nach außen hin. Heute haben die beiden Brüder genug damit zu tun, ihre beiden Kühe und ein paar Ziegen zu versorgen, die ihnen noch geblieben sind, dann im Sommer an den steilen Hängen der Alm das gehaltvolle Gras mit den Wildkräutern zu Heu zu verarbeiten. Käse und Butter stellen sie noch in eigener Produktion her und beliefern damit den Krämer. Alles Übrige lassen sie sich mit dem Lastenaufzug aus dem Tal heraufschicken. Elektrizität haben sie aber schon seit dem letzten Krieg erhalten, die Kosten für den Leitungsbau dafür mussten sie aber auch damals selbst tragen.

        

Sie leben also in ihrer Abgeschiedenheit zwar ärmlich, aber dennoch autark und selbstbewusst ihren Lebensabend hoch droben in den Bergen auf ihrem Oberleitnerhof. Auf der Höhe von 1200 Metern sind sie im Winterhalbjahr fast vollständig abgeschnitten von der Umwelt. Wie lange das noch so bleiben kann? 

        Frieder meinte: »Irgendwann bleibt noch einer übrig, bis auch der seinen letzten Weg gehen wird. Erben haben wir nicht, was dann hier oben passiert, weiss allein unser Herrgott. Und der wirds schon richten!«

          Ich schlief den Rest der Nacht im alten Zimmer ihrer Eltern, und ich schlief so gut wie lange nicht mehr auf einem frisch gestopften Strohsack! Am Morgen klopfte Frieder an die Kammertür. Mit einer Tabakpfeife im Mundwinkel schaute er mich dann verschmitzt an und meinte, dass ich mich draußen am Wassertrog frisch machen könne.

        Das rustikale Frühstück musste man mir nicht lange aufdrängen, und den Tiroler Räucherspeck esse ich seitdem heute noch gern, auch wenn er nicht so gut schmeckt, wie damals auf dem Oberleitnerhof! Der Abschied war für mich sehr sentimental. Wir wussten, dass wir uns niemals wiedersehen würden. Aber es war ein wundervolles Erlebnis, das ich in meiner Erinnerung gespeichert habe. Seit dieser Begegnung weiß ich, dass es mehr gibt auf unserer Welt, als die Jagd nach immer mehr Geld und Macht!


©by H.C.G.Lux

 

 

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5.3.22

Die Brücke

 

Lebensbrücke

 Als ich die Brücke betrete, ahne ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes. Ich fühle mich durchaus in der Lage, diesen Gefahren zu begegnen, die mich drüben erwarten. Was kann mir denn noch geschehen? Mir, der ich schon durch alle Wüsten und Berge des Lebens gewandert bin, der ich schon so oft abstürzte und doch immer wieder die Höhen erklimmen konnte. Ich kenne die Welt von allen Seiten, sowohl die bösen wie auch die guten. Worüber solle ich mir also Gedanken machen?

       Dann, auf der Hälfte des Wegs, mitten auf der Brücke, kommt in mir doch ein Gefühl von Verlassenheit auf. Diese Gedanken der Unsicherheit beherrschen plötzlich mein Fühlen, dieses Wissen um das Nichtwissen! Was werde ich dort vorfinden? Alles liegt noch im Nebel der Zukunft verborgen, nicht einmal andeutungsweise ist etwas zu erahnen. Ich sehe vorn nichts als schleierhaftem Dunst, hinter mir der weisse Nebel des Daseins. Urplötzlich befinde ich mich im Niemandsland meines Lebens, mitten auf der Brücke in ein neues Leben und noch meilenweit davon entfernt.

    Wie kann alles weitergehen? Natürlich, ich weiss, dass es irgendwie weitergeht, alles geht immer weiter! Diese abstrakte Tatsache, so unwirklich sie auch ist, treibt mich vorwärts. Was bleibt mir sonst auch übrig? Leben heisst ja noch lange nicht, Erfahrungen zu besitzen!




       Die Gedanken an diese Irrealität geben mir ein Gefühl von Wirklichkeit. Was auch immer geschieht, mein Weg wird sich unabänderlich auf der anderen Seite der Brücke fortsetzen! Ein letzter Blick zurück, ein verlorenes Paradies? Nein. Ich lasse weder Himmel noch Hölle hinter mir, es ist lediglich ein Abschnitt meines Lebens, der sich irgendwann vom ursprünglichen Pfad abgekoppelt hat.

       Dieser Weg auf der zweiten Hälfte der Brücke ist immer noch unwirklich. Schemenhaft kreuzen ihn Gestalten, bauen sich wie Figuren eines dionysischen Dramas auf und verschwinden dann wieder in der Versenkung des weissen Nebels. Mehrmals verharre ich am Rande der Brücke, werfe einen Blick in das schemenhafte Etwas, das dort unten brodelt und plätschert.

       Manchmal klingt es wie das Flüstern von Stimmen, die geisterhaft verhalten ihre Hintergrundmelodie zum Ablauf des Daseins einbringen. Wenn ich dann meinen Weg fortsetze, kommt doch in mir ein Gefühl von Befreiung auf. Es ist wie ein Abwerfen von Gewichten, die anscheinend tausend Jahre auf mir lasteten und nun in den Tiefen des Wassers unter mir verschwinden!

       Vorn hat sich eine Wolkenwand aufgebaut. Es scheint das Ende dieser Brücke zu sein. Einzelne Bäume und Büsche bauen sich vor mir auf. Der Pfad zwischen den Baumgruppen wird zunehmend enger und enger. Schon als ich die Brücke hinter mir gelassen habe, spüre ich eine Zufriedenheit, die übernatürlich scheint.

       Ich schaue zurück auf das andere Ufer. Nichts ist mehr da, das mich an die Vergangenheit erinnert. Nichts mehr da, das ich vergessen muss. Da steht diese Brücke, fest und standhaft zwischen zwei Welten. Diese geisterhafte Brücke, die ich überschritten habe im Bewusstsein des Zukünftigen. Es ist die Brücke in ein Vorwärts ohne Zurück. Als ich die Brücke betrat, ahnte ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes.

Pantha rei! Welcher Fluss fließt bergauf, welches Menschenleben wird rückwärts gelebt? Ich spüre den Pulsschlag dieser meiner Zeit, der das Schlagen des eigenen Herzens übertönt und deutlich spricht, genauso wie Gerd Uhlenbruck, der Aphoristiker, es ausgedrückt hat:

Wer nur mit dem Verstand lebt,

hat das Leben nicht verstanden!


©by H.C.G.Lux

2.3.22

Mit dem Kopf durch die Wand

 

In jungen Jahren, kurz nach dem letzten Krieg, und nach der Flucht aus dem früheren deutschen Ostpommern war ich in Ostfriesland angekommen. Nach einigen Wochen schickte mir das Leben einen väterlichen Freund, der bedeutend älter als ich war. Klaas war sozusagen für drei Jahre ein Vater-Ersatz, da mein eigener Papa schon 1942 an den Folgen seiner schweren Verwundung sterben musste.

Dieser Mann war vom Leben nicht gerade mit Gütern gesegnet. Außerdem durch einen schweren Unfall im Kindesalter an beiden Beinen gelähmt, konnte er sich seit Jahren nur mit zwei Krücken fortbewegen. Er schien stets gutgelaunt, ich kannte ihn nur mit einem lächelnden Gesicht.

Seinen Unterhalt verdiente er sich mit dem Knüpfen von Fischernetzen, dass er hierbei mit einer Fertigkeit zuwege ging, erstaunte nicht nur mich! Außerdem reparierte er Ledergeschirre für Pferde, die seinerzeit für die Landwirtschaft unerlässlich waren, da die Trecker-Mobilität durch den alles verzehrenden Krieg sehr ins Hintertreffen geraten war.

 

Ich lernte von Klaas für mein späteres Leben unendlich viel, und immer war etwas dabei, das ich anwenden konnte, wenn ich mich darauf besann. Leid ertragen, Ängste minimieren, für andere Menschen stets da zu sein - das waren die realen Standpunkte, die ich immer beherzigen konnte.

Eines Tages im Januar des ersten Nachkriegsjahres vergnügten wir Jungen meines Jahrgangs uns damit, auf dem kleinen Teich in unserem Dorf »Eishockey« zu spielen. Mit passenden Schlägern, die aus jungen Baum-Ästen geschnitzt wurden, konnten wir diesem heißgeliebten Spiel nachgehen. Einige meiner Mitschüler waren richtig modern: Sie hatten echte Spazierstöcke ihrer Großeltern umfunktioniert! Welch eine Erfindung.

Für mich stand so etwas natürlich ausser Frage, ich hatte ja auch keine Großeltern mehr. (Die schauten aus dem Himmelsgewölbe zu, ich bin mir sicher, sie hätten alles dafür gegeben, mir auch solch einen »Eishockeyschläger« zur Verfügung zu stellen.)

Mein eigenes, kunstvoll geschnitztes Machwerk überstand das erste mit Brachialgewalt geführte Spiel nicht - es löste sich in seine Bestandteile auf!

Nachdem ich die, mit Sand gefüllte Schuhcremedose, die als »Puck« diente, voll ins Gesicht bekommen hatte und damit zwei Zähne ihrer Stellung enthoben waren, packte mich ein unbändiger Zorn! Vor Wut heulend rannte ich die hundert Meter nach Hause, um meine Wunden zu lecken. Am Gartentor unseres kleinen Hauses stand Klaas und sah mich in einer Situation, die kein Junge gern hat.

Streng sah er mich an. »Du hattest einen Unfall?« fragte er mit einer Härte, die ich an ihm gar nicht kannte. Ich konnte nur noch nicken, meine kleine Welt war ja zusammengebrochen. »Und nun?«, fragte er. Ich zuckte mit den Schultern. »Ich hab keinen Schläger mehr!« konnte ich nur flüstern. »Lauter«, sagte Klaas, »ich verstehe nichts!«

Ich wiederholte meine Antwort. »Wie war das? Ich verstehe immer noch nichts!« Klaas brachte mich so richtig in Rage; ich schrie ihn mit meiner Antwort richtig böse an! Darauf lachte er. Dann lief er mit seinen Krücken ins Haus, kam dann mit einem Spazierstock mit schrägem Handgriff - so aus der uralten Zeit - unter dem Arm und reichte ihn mir.

Meine nebulösen Gedanken konnte ich nicht mehr kontrollieren, ich umarmte Klaas, lief dann schnurstracks wieder zurück zu unserem Eishockeyspiel. Es wurde ein grandioser Sieg für meine Klasse! Als Klaas mich am Abend fragte, wie wir denn abgeschnitten hatten, konnte ich unseren Sieg stolz melden.

Ja, sagte Klaas, es gibt immer einen Weg. Warum wollen wir immer mit dem Kopf durch die Wand? Wir haben doch Augen, um die Tür zu sehen!

Alles ist jetzt fast ein Menschenalter her. Kann man so etwas vergessen?

©by H.C.G.Lux

1.3.22

Siebzehn oder Vier ?

 


Siebzehn, eine Zahl, die eigentlich nichts Besonderes aufweist. Siebzehn. Na gut, beim »Black Jack« vielleicht ganz angebracht. Aber hier? Da wäre mir die Drei, oder auch die Vier bedeutend lieber. Aber was soll ich machen, etwa vor mich hin grummeln?

Das ist mir zu dumm, also setze ich mich brav auf einen der beiden freien Stühle. Freie Stühle? Ach, ich vergaß, du weißt ja nicht, wo es mich heute früh hingetrieben hat, nicht? Möchtest du das wissen? Gar kein bisschen neugierig? Doch ich sage dir, wo ich bin, es hätte ja keinen Sinn, es für mich zu behalten, dann wäre ja dieser ganze Schrieb für die Katz!

Also, damit deine Neugier befriedigt wird: ich sitze jetzt im Wartezimmer der Praxis eines Allgemeinmediziners! Warum? Na, du fragst aber, alte Menschen haben nun mal hier und da ihre kleinen Wehwehchen, von denen man doch gern wissen möchte, woher und warum und wieso.

Du nicht? Glücklich ist, wer vergisst, was nun nicht zu ändern ist! Das war, so glaube ich, eine der Operettenmelodien, die mit der Zeit aus der Mode gekommen sind. Heute liebt man ja den »Sprechgesang« als unmelodischer Verballhornung der menschlichen Stimme.

Ich bin also beim lieben Onkel Doc und warte, dass die sechzehn noch vor mir platzierten Mitmenschen ihre unbequemen Stühle freimachen und durch eine der beiden Türen verschwinden, um irgendwann mit einem leisen »Tschüss« durch die Ausgangstür das Weite zu suchen. Aber das kann dauern, denke ich so bei mir.

Ich schaue mich um: Wo gibt es Lesestoff? Der kleine Tisch in der Mitte des Raumes lacht mich an. »Hier«, ruft er mir leise zu, »ich habe einiges für dich!« Hoch erfreut ob des freundlichen Angebots hebe ich meinen edlen Körper vom Stuhl und strebe diesem kleinen Tischchen zu. Wahrlich, eine erkleckliche Anzahl von bunten Blättern streckt sich mir da entgegen. Großformatige Überschriften recken sich empor. Ich bin erstaunt.

»Schlafen Sie schlecht? Ein Ratgeber für gute Nachtruhe!«

Wird da eventuell ein Gute-Nacht-Liedchen geträllert?

»Ihre Wirbelsäule macht Beschwerden? Wir zeigen Ihnen, wie Sie diesen aus dem Wege gehen!«

Donnerwetter was mache ich dann ohne dieselbe?

»Der Darm, Ihr wichtigstes Organ! Nur Mut, es gibt Hilfe! Wir zeigen ihnen wie!«

Aber bitte: Auf’s Klo geh ich schon gern allein!

»Wenn ›ES‹ nicht mehr so richtig klappt! Nicht verzagen, Dr. Chiasis fragen« Der gute Mann gibt Hilfestellung in allen ’Lagen’. Vielleicht mit anschaulichen Beispielen?

Und da liegt noch ein anschauliches Blatt. Besonders dicke rote Lettern: »Was Professor Dr.Majoran zur Krebsdiagnostik anmerkt:

Rauchen Sie nicht, trinken Sie nicht, machen Sie keinerlei ›Spielchen‹, dadurch können Sie versuchen, der Krankheit zu entkommen!«

Na gut, vielleicht klappt es ja, wenn nicht - er ist ja nicht verantwortlich. Nein, also, was tue ich hier? Allein vom Lesen all dieser Gesundheitspostillen spüre ich überall schon gewisse Beschwerden. Rechter Unterbauch, das kann nur der Appendix sein! Falsch, geht ja nicht, ist ja schon 50 Jahre raus!

»Raus« ist ein sehr guter Rat, macht’s gut, Freunde!


©by wildgooseman

12.2.22

In Nachbars Garten ---Plattdeutsches Dööntje


 In Nahbers Tuun

So ’n Siedlung an de Stadtrand is eentlich gor nix Besünners; weest, dat sünd so Eenfamilienhuskes, de een overall un alltied finnen kann. Rasen vöört Huus, un achtern ok maal ’n paar Blömen un Boomen un wat daar noch alln’s so wassen deiht. Kann denn wesen, dat so een Tuun utsücht as so’n neeimodsche Golfplaats und annermol weer as’n Stück van’n Hammerk! Dat is nettso as de Minsken ok. Is n’Mischung van all’s wat un bestimmt keen Einerlei ut so’n Billerbook.

 In Nümmer veerundartig wahnt de Familie Sonnenberg all lang Tieden in een mooi lüttje Huus. Un tegenan harr bit hen to dat Fröhjohr een oll Ehepaar wahnt, so kört vöör Ostern harr de Mann denn dat Leven achter sük laaten. De oll Frau, de daar noch n’kört Tied wahnt harr, is denn nah de Dood van ehrn Mann in so een Wahnstift trukken. Se weer ok woll mit de grode Tuun nich mehr alleen klarkomen. Nu stunn dat Huus all lang Tied leeg. Vöör dat Huus stunn nu so’n grode Schild an de Straat, »HUUS to VERKOOPEN« kunn een daarup lesen.

 De veer Kinner van de Sonnenberg-Familie weern woll alltied n’bietje niedsk up de Tuun in ehr Nahberskupp, se harrn seeker ok geern sükse groode Tuun, de eegen weer alltied to minn. Ik bün seeker, een Footballstadion weer noch nich groot noog vöör disse Rasselbande. Un so keem dat denn so faak, dat se over dat Stakett klautern mussen, um hör Football weertohalen, de av un an fleutengung.


 Nu kann du di dat wall vöörstell’n, in welke Tostand dat Hakelwark tüsken de Tuuns utsach! Un ok de Rhododendronbüsken up de annere Sied in Nahbars Tuun weern wall ramponeert. Moder Sonnenberg harr umdat all faaktieds genoog Stunk mit de Nahbar hatt. Se harr ehr Kinner ok straks verboden, na de annere Sied to gahn! Eenmol weer de Nahbar vergrellt bi de Sonnenbergs henkomen, een Football weer woll lieks up ehrn Kaffedisch lannt! Ik glöv, dat was wall gor ni mehr so lüstig.

 Averst in’t Groden un Ganzen weren de Sonnenberg-Kinner gor keen »Rabauken«, nich mehr un minner as annere Kinner. De beid Twennels, Lisa un Lena weern twee Wichter, acht Jahr old, de alltieds Minsken helpen deen, so mennigmaal ok vöör öllere Nahbars dit un dat besörgden. Rasen maihen, Straat fegen, dat worr vöör de Beid’n gor keen Problem. Dorüm harrn se ok tegenover ehr Brörkes allemol ’n paar Euros over. Dat kwam denn al maal vöör, dat de Jungs sük een »Minikredit« bi de Wichter haalden.

 Heiko, mit sien twalf Johren de Öllste, weer een rechte Bökerworm! All de Boken over dat Middeloller, de he to faten kriegen kunn, harr he wall all leest.
Wenn een darover Bescheed wüsst, denn he! Sien Bröör, de Henrik, weer daar anners, he maak mit sien tein Jahrn de heele Gegend unseker, dat gav daar leider nix, waar he nich sien Fingers mit in harr!

 Tja, elkeen vöör sük wassen de Sonnenbergkinner heel fixe Minsken. Man - wenn de all veer in ehr Tuun binanner weern, harr de olle Nöötboom in de achterste Hook van de Tuun sien Verdreet, he slackerte denn so recht sien Tacken tegenanner! Un Muschka, de griese Kater leep so gau as se kunn in’t Huus. Ja, de Frau Sonnenberg harr all hör leeve Nood mit de Göör’n. Sied vör fiev Johrn ehr Vader bi’n Unfall to Dood kemen weer, müss de Frau alleen mit all de Kram klaarkomen. Un se mook dat mit Erfolg, dat mutt een all seggen.
        De Familie harr keen Nood, Vaders Levensversekern harr over dat eerste henweghulpen. Frau Sonnenberg was denn ok noch halv Dagen in een Anwaltskanzlei togang.
Man de Vader fehlde doch an all Ecken un Kanten - de leeg Plaats in de Familie kunn keeneen so gau weer vullmaken. Dat kunn jedeen ok sehn, de Kinner deen würrelk allns, dat de Moder mit dat Wark to Huus klaarkeem.


 De achterste Deel van de Sonnenberg-Tuun was nu all so een Art Flüchtbörg warrn. De olle Eek, de daar all over hunnert Jahr stunn, harr Vader mit so’n runde Bank utrüst, de he noch sülm timmert harr. Disse Bank weer nu n’Plaats worrn, wo sük elkeen verhalen kunn, wenn he mit sien Gedanken alleen wesen wull. Dat wurr denn ok van all de Annern respekteert, bit de, de daar sitten dee, to erkennen gav, dat he weer to de Levende torüchkamen wull.

 Dat Huus in de Moorstraat 13 kunn een dat all ansehn, dat hier alln’s up Stee weer, tominnst so van buten kunn keeneen wat anners sehn. Seker wall leet de Tuun achter’t Huus van Natur her neet so schier un mooi, as villicht bi anner Lüd sünner Kinner. Aver Moder Sonnenberg was dat glieks, hör Kinner harrn dat Recht, so vööl to toben,
as se wull’n! Sük een Privileg harrn faaks annere Schoolkinner meist nich.

 Een poor Maant later in’t Vörjohr was up een’s dat Schild »Huus to verkopen« vöör dat Grundstück tegenan verswunnen! Un noch n’poor Weken wiederhen stunn dor so’n groote Möbelwagen.
De Sonnenberg-Kinner weern heel hibbelig, hopentlik geev dat een paar neje Spöölkamraden, de daar henkeemen.
Man - daar weer nix van Kinnern to sehn, gornix, ok keen Spööltüüg so as bi annere Familien. Tja, dat was nu ja ’n Daalslag vöör hör Gemüt. Dar weer nu keen neeie Bekanntskupp to finnen. Blots een Keerl mit so’n »Dree-Daag-Baart« wer door to sehn.

 De Twennels hollen sük torügg, harr’n sük woll n’bietje to vööl utmalt. Dar weer keen Jung in’t Huus, keen Wicht dar to sehn. Un bi’t Avendeeten diskuteerten se denn ok over de neje Nahber. Moder harr ok noch nich een Woord darover höört, se harr de Nahber fründlik mit Krinthstut un Solt een willkom seggt; man alltovöl weer dar woll nich torüggkamen. Se meent to de Kinner, dat se fründlik un nett to de Nahber wesen sull’n.

 Na, dat gung nu ok een poor Weeken good. Tüsken de Nahbars weer dat woll recht still worrn up disse Sied un ok up de annere. De neje Nahbar was nich so faak to sehn, over de Dag harr he ja ok woll ’n Wark un an’n Avend satt he alleen up sien Terrasse mit ’n Book in de Hannen.

 Un denn keem uplest dat Weekend van de Ferien, dat weer een Dag mit Sünnschien, so recht wat för de Kinner to’n spölen. Un de grote Tuun weer daför heel mooi. Natürlik harr daar denn ok de Football de Overhand kreegn. Un sünner grooten Spektakel gung dat denn wahrachtig nich av. Dat was denn ja ok wall ’n Wunner west!
        De neje Nahber, in Tüskentied harrn se rutkreegen, dat sien Name Meinke weer, de satt Sünndagnahmiddag up sien Terrass un was an’t lesen. Tüsken de Rhododendren weer wall nich so vööl to sehn, man av un to kunn een denn doch wat höör’n.

 Un denn keem, wat fröher faakens passeerde: De Ball suuste bi so’n Torschööt wiet over de Heeg in de Tuun van de Nahber. De Schrick van de Kinner harrn ji maal hörrn könen! Moder Sonnenberg harr dat sogaar in’ne Köken höört. Se leep nu gau na’n Tuun, üm nahtokieken, wat dar wall löss weer. Up hör Fraag, wat dat dar geev, versöökten de Kinner nu all döörnanner to proten.

 Ja, dar weer nu gode Raad düür! Moder verlangde, dat de Jungs nah de Nahber röver gahn schullen, üm sük to entschulligen un frag’n, of se hör Ball weerkrieg’n kunn. Oh Mann, wat was dat nu een Theater! Keeneen wull dat nu doon. Un nah de verscheeden Grünnen kwammen se nu all övereen, dat Moder - wat kunn dat ok anners weesen - partout mitgahn schull!

 Moder leet sük breedslaan. Se keek sachtjes mank de Busken röver in Nahbers Tuun. Würrelk - de Nahber harr de Ball wall ut de Busken ruthaald un brocht de nu in sien Sömmerhüske, dat achter de Bomen in de leste Hook van de Tuun stunn.

 Moder snappte sük nu de tegenkrabbdende Hendrik, hüm wöör wall doodsbenaut, denk ik mi. Un nu gung dat nah dat Nahberhuus. Glieks nah dat eerste Klingeln wurr de Döör openmaakt. De Mann stunn nu vöör hör, een Foot in’ne Döör; he lood denn gau de Beid in’t Huus.
Nah een kört Begröten wies he Moder sien Huus. Un de versöchde, dat Malöör van de kinner to entschulligen.



 Heer Meinke aver wull darvan nix weeten. »Dat weer doch keen Probleem«, meent he, un »dar muss sük doch keen Minsk een Gedanken üm maken«.
Frau Sonnenberg was doch baff. So harr se sük dat nich vöörstellt. Un ok Hendrik straalde, as de Mann em sien Ball torügg gav. Un denn haalt de noch een heel neein Ball ut een Schapp, de mit een heel Bült Autogramms beschreven weer.
        Dat se nich so faak röverkamen mutt’n, harr he denn meent, schoons dat ja schaad weer, umdat he sien Nahbers nich so faak sehn kunn! Moder kreeg een roode Kopp un keek daruphen döör’t Finster n’n Tuun. Un as se denn mit Hendrik torüggkeem in ehr Huus, keeken de annere Kinner hör verdattert an. So bliede harr’n se hör Mama all lang nich mehr sehn.

 Sied de Tied sünn nu all dree Maant over hengahn. De Naberskupp hett sük up dat best entwickelt. Heel anners, as sük dat an’n Anfang anfung. Ja, wat ik noch seggen wull: Dat groode Schild, waarup stunn »HUUS TO VERKOPEN« steiht nu all weer in’n Tuun van’t Huus.
Man dit Maal vöör dat Huus van de Sonnenbergs!


©by H.C.G.Lux

4.2.22

Verwunschene Gedanken II.

 

Dieses Gedicht schrieb Anfang des 19.Jh.
Johann Peter Eckermann,

(*1792, Winsen/Luhe - ϯ 1854 Weimar)

Heimat - (die beiden letzten Verse)

Mich trieb mein Stern voll Unruh weit umher,
Von Weisen lernt' ich, war am Fürstenthrone;
Ich stand am Po, am mittelländ'schen Meer,
Am See Venedigs, trank die Flut der Rhone;
Ich sah den Rhein, die Maas, der Nordsee Welle,

Du flossest ruhig fort an kleiner Stelle.*)
Wie zu beneiden scheinet mir dein Los!
Was hab' ich denn erreicht? –
Doch laß mich schweigen.

Die Sonne sinkt hinunter still und groß,
Der Tag mit seinem Leben will sich neigen.
Der müde Wandrer, lang' umhergetrieben,
Ruht bald erquickt am Herzen seiner Lieben.

*) (Gemeint ist die Luhe, der kleine Nebenfluss
der Ilmenau, die dann danach in die Elbe mündet.)

 




 

Johann Peter Eckermann, ein Name, der stets in einem Atemzug mit J.W.v.Goethe genannt wird. Eckermann, wer war er, wie haben wir ihn uns vorzustellen? Nur ein Adlatus, der dem großen Dichter stets zur Hand ging? Oder war er ein Mensch, der durch seine Stellung auch dazu beitrug, dass der große Meister in seiner eigenen stets gestärkt wurde? Als treuester Mitarbeiter trug er mit seinem Redigieren der Texte viel dazu bei, dass Goethe in Europa einen beeindruckenden und entscheidenden Einfluss auf das europäische Geistesleben bekam.
Er war ein enger Vertrauter und Bewunderer  Goethes. Um ihn zu treffen, reiste er 1823 erstmals nach Weimar, Goethe war damals bereits 73 Jahre alt, Eckermann 31


Eckermanns Lebenslauf

liest sich wie ein Abenteuerroman. Er wird in Winsen/Luhe geboren, zieht mit seinem Vater, der hausierender Händler ist, durch die Lande, geht nur unregelmäßig zur Schule und wird dennoch nach seiner Konfirmation Amtsschreiber in Lüneburg, Uelzen und Bevensen. 1813 hat er als Kriegsfreiwilliger in den Niederlanden Kontakt zur niederländischen Malerei. 1815 beginnt er eine Ausbildung als Kunstmaler, besucht dann kurzzeitig das Gymnasium und beschäftigt sich erstmalig mit der Literatur.

Veröffentlicht seinen ersten Gedichtband, übersendet 1821 Goethe ein persönliches Exemplar! Eckermann arbeitet an einem Drama »Graf Eduard« - das jedoch unvollendet bleibt und auch nie veröffentlicht wird. Er lebt dann in Empelde (bei Hannover), wo er als freier Schriftsteller tätig ist. Er übersendet Goethe sein Manuskript »Beiträge zur Poesie«; es wird 1823 auf dem Buchmarkt erscheinen.

1831 folgt die Eheschließung mit seiner langjährigen Verlobten Johanne Bertram. (Sie stirbt bereits 1834 mit 32 Jahren)

Es folgen viele Reisen innerhalb Deutschlands und Europas. Auf Betreiben Goethes erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Jena.
1832 stirbt Goethe, vorher hatte er ihn 1831 als Herausgeber seines literarischen Nachlasses eingesetzt.

Bis zu seinem Tode 1854 bedrückte ihn stets quälende Armut und ein schlechter Gesundheitszustand, zeitweilig gelindert durch diverse Mäzene, die ihm verschiedene Kur-Aufenthalte ermöglichten.
Er wurde in seinem Leben mit vielen Ämtern bedacht - die aber keinerlei finanzielle Auswirkungen hatten. Eckermann stirbt bitterarm im Alter von 62 Jahren. Er wird neben der Fürstengruft in Weimar auf dem Historischen Friedhof beigesetzt.

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Es ist ein Bild eines sehr begabten Menschen, der durch missgünstige Verhältnisse nie das werden konnte, was er wollte. Eine sehr große Rolle spielte dabei aber auch die frühe Hinwendung zu Goethe, die seine Talente fest banden, zu Lebzeiten des großen Dichters brachte das zwar erhebliche Vorteile für ihn, dafür war er aber sehr an ihn gebunden. Eckermann störte das nicht, weil er Goethe verehrte; dennoch schränkte ihn die persönliche Entscheidungsfreiheit in jenen Jahren doch unbewusst ein.

Gleichartige Verhaltensweisen lassen sich bis in die heutige Zeit mannigfaltig finden. Vielleicht brauche große Geister auch ebensolche, damit sie an ihnen wachsen können?

©by H.C.G.Lux

Gestern und Morgen

Der Tag kommt, irgendwann. Die roten Rosen lassen stumm die Köpfe hängen. Der weiße Schleier der Vergessenheit trennt messerscharf das Geste...