10. Mai 2017

Das Wässerchen

Ein jeder Mensch ist manchmal krank,
doch dafür gibt es Gott sei Dank,
ob es nun Schmerz ob Fieber sei
aus der Apotheke `ne Arznei.

Wenn ich nun auf den Zettel gucke,
was ich zur Besserung dann schlucke,
versuche ich, es auch zu lesen,
denn schließlich will ich ja genesen

vom Übel, dem vermaledeiten
und lasse gern mich davon leiten
was dort geschrieben klitzeklein
zu dem Gesundheitswässerlein.

Entziffern konnt' ich nicht die Schrift,
doch dacht ich mir: Dies ist kein Gift!
Deshalb nahm ich gleich mit Hauruck
aus dem Fläschchen einen Schluck.

Ich habs versucht, ich kanns euch sagen,
jetzt lieg ich hier seit zwei, drei Tagen
kann nicht sterben und nicht leben!
Doch einen Rat kann ich euch geben:

Wenn ihr so krank, wie ich es war,
dann ist bei euch doch eines klar,
ihr müsst drauf achten, was ihr trinkt,
und nicht was jemand euch mitbringt!

Ich habs versäumt, das ist mir peinlich,
ich bin ja wirklich sonst nicht kleinlich,
wollt blind dem Wässerchen vertrauen, -
es war ein Mittel zum Verdauen!



© by wildgooseman

6. Mai 2017

Der Oberleitnerhof

Bei meiner Wanderung in den Bergen hatte ich mich ohne mein Dazutun verspätet, das plötzliche Gewitter überraschte mich mit einer unbändigen Kraft. Ich konnte mich gerade noch unter einen Felsüberstand flüchten. Der bot mir zwar etwas Schutz, konnte mich aber vor den Regengüssen, die wie ein Wasserfall auf mich herniederprasselten, kaum bewahren. So war dann dieses Gewitter am späten Abend über mich hereingebrochen wie ein Ereignis der Urwelt.
Als dann endlich der Himmel heller wurde, waren fern im Westen Reste der Wolkensegmente hinter den Gipfeln sichtbar, übriggeblieben von diesem Gewitter, das mich so unerwartet überrascht hatte.

Inzwischen war aber die Nacht schon hereingebrochen. In der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg ins Tal, liess mich dabei teilweise von dem Seil einer Lastenseilbahn leiten. Es war ein mühsamer Abstieg auf diesem steinigen Wege. Ausserdem war ich noch ziemlich geschockt von diesem lang andauernden Gewittersturm.
Plötzlich und unerwartet sah ich vor mir ein matt erleuchtetes Fenster! Verborgen zwischen Zinnen aus Dolomitgestein und grünen Matten der Alm, lag vor mir ein BerghofEin verwittertes hölzernes Schild mit einer kaum noch lesbaren Aufschrift: Oberleitnerhof.
Hier war anscheinend die Ruhe zu Hause, die Stille vom Alltag des Lebens zwischen den grauen Bergriesen, denen die Menschen hier seit uralten Zeiten ihr Leben abgerungen haben, täglich aufs Neue. Und dennoch leuchtete aus diesem Fenster ein Stückchen Frieden, ich spürte einen Hauch von Zufriedenheit, die Hetze der Großstadt hatte hier noch keinen Einzug gehalten.
Auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich an der Seite des Hauses eine schwere eichene Tür. Misstrauisch schaute das faltige Gesicht eines alten Mannes in die Finsternis hinaus.»Joa?«Ich erklärte ihm mit leiser Stimme meine Lage nach diesem Gewitter und bat ihn um einen trockenen Platz für den Rest der Nacht. Wortlos öffnete er die Tür weit und zeigte dabei mit einem Daumen in das Innere des Hauses. Dann rief er laut: »Hannes!«
Wie auf Befehl stand dann noch ein alter Herr vor mir, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, nur einige Jahre jünger. Bekleidet waren die Alten mit Cordhosen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, rotgewürfelten Hemden und den unvermeidlichen blauen Tiroler Schürzen, wie sie fast jeder alte Einwohner der Dörfer trug.
Meine anfängliche Unsicherheit legte sich bald, und nachdem sie mich dann mit Brot und Speck bewirtet hatten, dem dann noch ein Viertel Gewürztraminer folgte, waren wir uns schon bedeutend nähergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Beiden hatten Nachholbedarf an Erzählungen, so saßen wir noch bis weit in die Nacht hinein und teilten unsere Erlebnisse. Wobei der Großteil davon auf ihr Konto ging und ich voller Interesse gespannt zuhörte.

Die Familie Oberleitner lebt hier schon seit vielen Jahrhunderten, ganz genau wussten sie es auch nicht mehr. Nach uralten Unterlagen aber existierte der Oberleitnerhof jedenfalls schon im 14. Jahrhundert, als Gräfin Margarethe von Maultasch Landesherrin von Südtirol war und später dem Habsburger König Rudolf IV. das Land übergab.
Sie waren zu keiner Zeit reich, die Oberleitner-Familien. Aber sie konnten mit dem Ertrag ihres Hofes einigermaßen leben. Da sie nun stets mit vielen Kindern gesegnet wurden, zehn bis vierzehn Kinder waren keine Seltenheit, waren stets genug Arbeitskräfte auf dem Hof vorhanden.
Wie es nun aber in alten Zeiten stets an der Tagesordnung war, zahlten auch sie ihren Blutzoll an die jeweils Herrschenden im Lande. Jeder Krieg musste von ihnen, den Bauern und Unfreien des Landes getragen werden und je nach Ausgang des Krieges, wurden sie dann später durch Lehen vom Kaiser mit neuen Ländereien belohnt, im anderen Falle verloren sie wieder alles, oft auch ihr Leben. So manch einer der Bauern musste dann seine Scholle verlassen und verdingte sich bei anderen, die mehr Glück hatten.

Das Leben auf dem Berghof war nie leicht. Manches Mädchen, das dort einheiratete, glaubte am Anfang an das Paradies, wurde aber binnen kurzer Zeit eines Besseren belehrt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde die Arbeit nicht weniger. Selbst bei Krankheiten, die gottlob nur selten auftraten, wurde bis zur Selbstaufgabe weiter gearbeitet, weil man ja sonst den übrigen Familienmitgliedern mehr aufbürden musste.
Dieses harte Leben hatte die Oberleitnerfamilie auch stolz gemacht, auf ihre Leistung, auf ihre uralte Vergangenheit. Stolz aber kann auch unduldsam machen. Diese Intoleranz war dann auch der Grund, dass heute beide Alten völlig allein leben. Die beiden Brüder im hohen Alter von 82 und 84 Jahren sind übrig geblieben von der Familienreihe ihrer Familien.
Zwei alte Männer, die nie geheiratet hatten, 
»weil es sich nie ergab«, wie sie mir erzählten. Ich erfuhr aber auch nebenbei, dass es nie jemand lange auf dem Hof ausgehalten hatte, weder Weiblein noch Männlein. Dazu waren die Oberleitners stets zu selbstbewusst und herrisch in ihrem Auftreten. Sie ließen halt niemand neben sich gelten.
Walburga Zehntner beispielsweise hatte noch eine Woche vor ihrer geplanten Trauung mit Frieder alles hingeworfen und fluchtartig den Hof verlassen. So waren die beiden nach dem Tod ihrer Eltern allein geblieben.
»Wir brauchen keinen Menschen«, meinte Jonas, »wir sind uns selbst genug
Er sagte es mit einer Bestimmtheit, dass ich es eigentlich glauben musste. Und dennoch war mir nicht so ganz wohl bei dieser Aussage. Es sprach doch ein großer Rest von Einsamkeit aus ihren Worten, die sie vergeblich versuchten, vor mir zu verstecken.
Es war ja auch immer gut gegangen, bis in die Gegenwart, jedenfalls nach außen hin. Heute haben die beiden Brüder genug damit zu tun, ihre beiden Kühe und ein paar Ziegen zu versorgen, die ihnen noch geblieben sind, dann im Sommer an den steilen Hängen der Alm das gehaltvolle Gras mit den Wildkräutern zu Heu zu verarbeiten. Käse und Butter stellen sie noch in eigener Produktion her und beliefern damit den Krämer. Alles Übrige lassen sie sich mit dem Lastenaufzug aus dem Tal heraufschicken. Elektrizität haben sie aber schon seit dem letzten Krieg erhalten, die Kosten für den Leitungsbau dafür mussten sie aber auch damals selbst tragen.
Sie leben also in ihrer Abgeschiedenheit zwar ärmlich, aber dennoch autark und selbstbewusst ihren Lebensabend hoch droben in den Bergen auf ihrem Oberleitnerhof. Auf der Höhe von 1200 Metern sind sie im Winterhalbjahr fast vollständig abgeschnitten von der Umwelt.
Wie lange das noch so bleiben kann? 

Frieder meinte: »Irgendwann bleibt noch einer übrig, bis auch der seinen letzten Weg gehen wird. Erben haben wir nicht, was dann hier oben passiert, weiss allein unser Herrgott. Und der wirds schon richten!«
Ich schlief den Rest der Nacht im alten Zimmer ihrer Eltern, und ich schlief so gut wie lange nicht mehr auf einem frisch gestopften Strohsack!
Am Morgen klopfte Frieder an die Stubentür. Mit einer Tabakpfeife im Mundwinkel schaute er mich dann verschmitzt an und meinte, dass ich mich draussen am Wassertrog frisch machen könne.
Das rustikale Frühstück musste man mir nicht lange aufdrängen, und den Tiroler Räucherspeck esse ich seitdem heute noch gern, auch wenn er nicht so gut schmeckt, wie damals auf dem Oberleitnerhof!
Der Abschied war für mich unerklärlicherweise sehr sentimental. Wir wussten, dass wir uns niemals wiedersehen würden. Aber es war ein wundervolles Erlebnis, das ich in meiner Erinnerung gespeichert habe. Seit dieser Begegnung weiß ich, dass es mehr gibt auf unserer Welt, als die Jagd nach immer mehr Geld und Macht!




©by Wildgooseman

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26. April 2017

Entsorgung!


Entsorgung ist heute ein allumfassendes Thema. Wir entsorgen heute fast alles. Kunststoffe, Papier, Glas, Essensreste, alte Autoreifen, Metall- und Alteisenschrott, Elektronikteile jeder Art.
Noch niemals in der Geschichte der Menschheit wurde soviel einfach fortgeworfen, entweder in dazu bereitgestellte Abfallbehältnisse oder auch sehr oft einfach mitten hinein in die Landschaft, die Wälder, die Wiesen. Und niemand macht sich ein Bild davon, was mit diesem Abfall geschieht, der unrechtmäßig und verbotenerweise einfach irgendwo abgeladen wird und dann nicht nur die Landschaft verschandelt, sondern oftmals auch mit hochgiftigen Rückständen noch die nachkommenden Generationen beeinflusst.
An den Küsten der Weltmeere und sogar mitten in den Ozeanen sammeln sich die Plastikabfälle zu riesigen Inseln. Fische und viele andere Lebewesen sind von diesen Überresten der Zivilisation aufs tödlichste bedroht.
Was aber kann man denn tun? Entsorgung ist enorm wichtig, wenn wir nicht im Abfall ersticken wollen. Solange wir es noch schaffen, den von uns selbst produzierten Müll irgendwie wieder dem Kreislauf des natürlichen Lebens zuzuführen, ist das Problem sicher zu bannen.
Was aber, wenn nicht? Was geschieht, wenn wir tatsächlich im eigenen Abfall ersticken? In den letzten Jahren haben uns die Müllprobleme diverser Großstädte gezeigt, wohin das führen kann. Wochen-und monatelang lagen die Müllberge z.B. in Neapel auf den Straßen, türmten sich zu riesen Bergen, und niemand war in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen.
Politik und Wirtschaft waren sich nicht einig, wer dafür zuständig war und damit blieb dieses Problem hausgemacht.
Irgendwann kam es dann doch noch zu einer Lösung, die jedoch niemanden zufriedenstellte. Und so schiebt man die Lösung dieser Aufgaben immer weiter vor sich her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
Nicht überall auf der Welt wird der entstehende Müll nach Wertstoffen getrennt um dann jeweils der Wiederverwertung zugeführt zu werden. Und nebenbei gesagt: Nicht alles lässt sich auch wiederaufbereiten, dafür gibt es dann bei uns in Deutschland und vielen anderen Ländern die Müllverbrennungsanlagen.
Auf den aussereuropäischen Kontinenten jedoch sind diese Anlagen noch Mangelware! Eine neue Studie des amerikanischen National Center of Atmospheric Research (NCAR) hat zum ersten Mal versucht, Schätzungen für einzelne Länder hinsichtlich deren wahren Gasausstoß durch Müllverbrennung zu erheben.
Danach werden rund 40 Prozent des globalen Mülls in offenem Feuer verbrannt. Hierbei werden dann große Mengen an giftigen Gasen und gesundheitsschädlichen Schmutzpartikeln in die Luft abgeben. Diese Schadstoffe tauchen in keiner offiziellen Statistik auf, obwohl sie dem Klima und der Gesundheit enormen Schaden zufügen.
In Entwicklungsländern, in denen es nur ein schlecht ausgebautes Müllsammel- und Verwertungssystem gibt, brennen die meisten dieser gefährlichen Feuer. Da mit dem Konsum auch die Müllberge überall auf der Welt ansteigen, ist anzunehmen, dass ebenso die Zahl der privaten Müllverbrennungen in Dörfern, aber auch in Slums und Großstädten zunehmen wird. Eine besondere Gefahr geht von dem Rauch aus, der bei der Vernichtung von Plastik und Elektrogeräten entsteht. Von diesen besonderen Russpartikeln ist ein erhöhter Anteil für diverse Krankheiten verantwortlich, die in zunehmendem Maße zum globalen Problem werden.
Ich stelle damit abschließend fest, dass dieses Wort »Entsorgung« völlig fehlinterpretiert ist. Wenn mein Müll abgeholt wird, (also entsorgt), bleibt die Sorge weiter akut, lokal und global.
Aber der Verursacher eines Schadens ist auch für die Beseitigung zuständig. Das sollte inzwischen jedem Schulkind geläufig sein, wenn es seinen Kaugummi achtlos auf der Straße »entsorgt«.
Die Wirtschaftsunternehmen machen den Umsatz und verdienen an allen Verkäufen. Weniger Verpackung und die Übernahme der Beseitigung muss Standard werden. Wer Waren erzeugt, ist auch für die Beseitigung der Abfallprodukte zuständig, selbst wenn dadurch die Gewinnspanne der Unternehmen um einen Bruchteil gesenkt wird!

Abfallbeseitigung ist ein Thema, das uns alle angeht. Wir haben keine zweite Erde in Reserve, die wir austauschen könnten!


©by Wildgooseman

18. April 2017

Der Farbenspieler


Schon seit Langem störte mich
die blendendweiße Leinwand
auf meiner alten Staffelei.
Drum fasst ich mir ein Herz
und mixte meine Farben
enthusiastisch und voll Fantasie:

Das Chromoxydgrün mischte ich
mit Kassler Braun zu einem
wunderschönen Erdenton.
Ein wenig Gelb mit Grün noch
für die Sonne auf den Wiesen,
mit dunklen Schatten ausgefüllt.

Pariser Blau mit lichtem Ocker
gepaart für dunklen Tannenwald;
magentaroter Abendschein
hinter der braunen Fischerhütte
am kleinen umbragrünen See
vollendete die namenlose Pracht.

Wie von selbst lief da der Pinsel,
über freie Flächen, sie zu füllen,
gestaltete die Farben, Formen
und zum zauberhaften Farbenspiel
verliefen die Gedanken sich
mitten hinein in dieses Bild.

Als ich am Morgen dann erwachte,
rieb ich verwundert mir die Augen.
Nur Horizont, die Leinwand fort,
verschwunden alle Farben, Formen;
vom Bildnis meines Traums blieb nur
ein heller Fleck in den Gedanken.









©by wildgooseman

27. März 2017

Der Hexenturm

Ein wunderschöner Sommertag,
Hoch ragt in den Himmel
der Hexenturm aus alten Tagen
am Rande zerfallener Mauern.
Aus eines alten Mannes Munde
erfahr ich die Mär  ungeschminkt 
vom Schicksal vieler Hexen
dieser schönen alten Stadt.

Das Grauen sitzt noch tief 
in modrigen Gewölben.
Aus tiefdunklen Verliesen 
geistert noch in vielen Köpfen 
das teuflisch lodernd Feuer.
Und immer noch schürt 
der Henker glühendes Eisen
wie in vergangener Zeit.

Rostbraune Flecke dort
an den Wänden zeugen
von Qualen und Schmerzen,
erlitten in einsamen Nächten,
in denen Verzweiflung
das einzige Brot war 
und Hass das einzige 
Wasser des Lebens.

Als ich die grauenerregenden
Mauern wieder verliess,
verfolgten mich deren Bilder 
noch Nächte lang in Gedanken
der Trauer und des Entsetzens.
Gern würde ich heute 
die damaligen Richter befragen,
warum so Grauenvolles geschah. 

Wie gut nur, dass Gestern und Heute 
so fern voneinander bestehen. 
Wie sonst könnten Menschen 
voller Neugier die Stätten
ruhigen Herzens besuchen,
wissend, dass in diesen Mauern
entsetzliches Unrecht 
an Menschen geschehen.

©by Wildgooseman

21. März 2017

Reigen der Liebe


In der Mitte der Nacht
Erwachen die Sinne,
Gedanken spielen den
Reigen der Liebe.
Was auf der Welt
Ist so schön wie der
Gleichklang der Seelen,
Wenn die Körper
Verschmelzen zur Einheit


©by wildgooseman

Traumbilder

Ich denke zurück an mein achtzehntes Lebensjahr,  Anno 1952, als ich noch an das Schöne in der Welt glaubte. Als ein junges Herz danach strebte, in die Welt zu fliegen. Was fühlte ich damals? 
Graugelbe Quadern, von der Sonne des Tages aufgeheizt. Granitblöcke, die sich langsam wieder für die Nacht vorbereiten. Hoch oben, über den dunklen Wassern des Hafens von Marseille, furchterregend in der ganzen blauschwarzen Schönheit des Abends, ragen die zyklopischen Befestigungen des Forts »Saint Nicolas« in den Nachthimmel empor.

Vor mir die massigen Quadern der uralten Mauern. Es ist, als ob diese zahllose Menschenalter lang nur auf mich gewartet haben, auf mich ganz allein. Und dennoch geben sie keinen einzigen Laut von sich. Oder doch? Ist es mir nicht möglich, diese leisen Stimmen zu hören, dieses Wispern mit dem Ohr aufzunehmen und dann in eine verständliche Sprache zu interpretieren? 
Ich streichle die Poren dieser seit Jahrhunderten blankgewetzten Steine, die schon so unzählige Menschenschicksale gesehen haben. 
Aus der Ferne tönt eine heimliche Stimme in den Abend zu mir hinauf auf die alten Mauern des Forts Saint Nicolas :»Träumst du, mein Freund?”
Ich schaue über das Meer in die Ferne, vorbei an der Steilküste der Einfahrt zum alten Fischereihafen. Draußen, im Dunkelblau des Horizonts fast nicht mehr zu sehen, liegt das »Chateau d’If«, dieses sagenhafte Gefängnis des Grafen von Monte Christo. Mein Blick schweift weiter über die fernen Hügel. 

Hoch oben, hell angestrahlt, grüßt in nebligem Glanz »Notre Dame de la Gardez«, die alte Wallfahrtskirche dieser Region, ein wunderschöner Anblick. Abgesetzt davon das Lichtermeer des Fischerhafens. Wie Perlenketten aufgereiht auf einer Schnur: Rot, Grün, Blau, Orange und Gelb, alle Schattierungen der Regenbogenfarben treffen sich hier zum Rendezvous, Kaskaden von Lichtern spiegeln sich auf dem schattenhaften Wasser, verdoppeln sich in einem unbeschreiblich schönen Schauspiel. 
Ein leises Tuckern aus der Tiefe tönt zu mir herauf, ein altersschwacher Motor hat Mühe, das kleine Fischerboot anzutreiben, es hinauszuschicken in die abendliche Weite des Meeres.
Ich beuge mich über die steinerne Brüstung der Mauer, versuche einen Blick zu erhaschen. Vergebliche Mühe, lediglich eine rote Positionslaterne ist gleich einem Glühwürmchen erkennbar. Zu hoch liegt das alte Fort über dem Wasserspiegel, um Einzelheiten feststellen zu können. Lediglich laute Stimmen und Gelächter sind hörbar, ohne dass etwas verständlich wäre. Langsam entfernt sich das Fischerboot aus dem Bereich des inneren Hafens. 

Schweigen breitet sich aus, schwebt über den buntgesprenkelten Wassern des Hafens, wird zwischendurch unterbrochen von zerhackten Synkopen vielfältiger Tanzmusik, die aus den alten Hafenbars aus der Ferne herüberklingt.
Die Luft riecht nach Teer und Salz und Meer, ein unbestimmbares Konglomerat von Gerüchen, die nur ein Hafen hervorbringen kann. 
Dieses Odeur, das aus den Tiefen der Seele hinaufzusteigen scheint, vermischt sich zu einem unbeschreiblichen Potpourri aus Sehnsucht, Dankbarkeit und Verlangen nach Einheit mit dem Universum.

Aus Fernweh geboren, in endlose Wunschträume verwoben und dann zur Wirklichkeit geworden, welches Gefühl könnte diesen Sinneseindruck noch übertreffen?
Es ist eine Empfindung, die ich danach nie wieder  erlebt habe, eine Impression des »Seins« von unerreichtem Glücksgefühl! Ich erinnere mich liebend gern an diese Eindrücke, sie sind mir gegenwärtig, als wäre es gestern erst gewesen. 
Und ich weiß: Diese Momente bleiben mir für die Zukunft unvergesslich, sie begleiten mein weiteres Leben und alles, was danach geschehen ist und wird, kann nur an diesem Maßstab des Schönen gemessen werden. 
Natürlich, noch unzählige wunderschöne Momente habe ich in meinem Leben erlebt, das ist unbestritten. Ich habe in einem dreiviertel Jahrhundert gelebt, geliebt, gelacht und geweint. Freud und Leid, Küsse und Tränen wohnten oft dicht beieinander. 
An diese wundervollen Stunden hoch über dem Hafen von Marseille, in den Mauern dieses alten Forts,  denke ich heute noch immer zurück. 
Als ich mit der Unendlichkeit verwoben war, erkannte ich die Größe, die Schönheit und die Liebe des Gottes, dessen Geschöpf ich bin und der mir bis heute die Treue gehalten hat! Das und nur das ganz allein ist die Quintessenz meines Lebens. Ohne diese Einsicht müsste ich sagen: Es war ein vergebliches Leben. So aber gehöre ich mit hinein in die Natur, in die Schöpfung, deren unendliche Größe ich heute anerkenne.
Dafür bin ich dankbar. 
Und noch eines ist wichtig: Meine Träume, die ich bis zum  heutigen Tage weiter vergegenwärtige,  sind unbezahlbar ...

©by wildgooseman

7. März 2017

Vor dem Tor


Mit einem dumpf hallenden Ton fällt das Tor plötzlich und unerwartet zu! Ein weithin durch die Nacht durchdringender Ton. Der Schlüssel wird im Schloss herumgedreht, einmal, zweimal, dann das Rasseln einer Kette.
Er steht draußen. Vor dem Tor. Noch vor Kurzem, ja eben noch, gehörte er dazu. Und nun, Sekundenbruchteile später ist das alles vorbei. Er kann es nicht fassen, mit tränenden Augen starrt er auf das schwere Tor, das sich hinter ihm schloss.
Verzweifelt hämmert er mit seinen Fäusten gegen das harte Holz. Der Schmerz zwingt ihn aufzuhören. In ihm breitet sich eine Leere aus, die eine ohnmächtige Wut nach sich zieht.

Gestern hat er noch gelacht, mit den Anderen gescherzt, dumme Sprüche vom Stapel gelassen, fröhlich in die Welt geschaut. Die Sorgen? Die betrafen ihn doch nicht. Das war dort draußen, das war vor der Tür. Hörte er das Weinen, das leise Wimmern nicht, das laute Klagen dort draußen vor der Tür? Doch. Sicherlich. Er hörte es. Aber warum sollte er sich darum kümmern, was konnte er da schon tun?
Er schlägt noch einige Male an das schwer bewehrte Holz. Vergebens, niemand hört es; sollte es doch jemand hören, nimmt er keine Notiz davon, warum auch.
Das ist nun wirklich kein Scherz mehr, kein beschwingtes Lachen klingt durch die weiten Räume dort drinnen. Jedenfalls hört er nichts. Er steht außerhalb von all dem, was ihm bisher das Leben lebenswert machte. Schemenhaftes Ahnen gibt ihm ein Gefühl von Unsicherheit, Angst vor etwas Unbestimmten macht sich breit.

Dann irgendwo ein hohles Lachen, Geräusche aus einer anderen Welt. Stimmen, unverständliche Töne erfüllen die Nacht. Graue, diffuse Gestalten auf leisen Sohlen bedrängen ihn mit einem Netz aus wirren Gedanken. Seine Gedanken, fremde Gedanken? Gedankenwelten mit genau dem gleichen Muster und denselben Interferenzen?
Ratlosigkeit macht sich bei ihm breit. Er schreit, schreit in das schemenhafte Etwas hinein, das ihn mit Daseinslosigkeit bestraft.
Er ist doch hier, hört das niemand, sieht ihn keiner? Er steht hier vor dem Tor und begehrt Einlass! Er möchte dazugehören, zur Freude, zur Helligkeit, zum inneren Kreis der Daseinsberechtigten. Doch es ist dunkel und es ist totenstill.

Plötzlich ein hallender Ton einer scheinbar riesenhaften Glocke, die Dunkelheit der Nacht wird mit einem zweigestrichenen ‚e‘ gefüllt. Ein Zeichen für ihn? Ein finales Signal?


Er versucht ständig, sich zu erinnern. Das ist ein Manko bei ihm. Wenn die Erinnerung sich breitmacht, verdrängt sie die Realität. Er weiss, dass er dann nicht mehr er selbst ist .
Er ist dann nur noch der, der er einmal war. Vielleicht auch der, der er sein möchte?

Wenn die Wirklichkeit es nicht wert ist, wirklich zu sein, dann versinkt sie nur noch im grauen Schatten des Nichts! Was macht er, wenn nichts mehr da ist, woran er sich halten kann, wenn alles, was früher richtig war, auf einmal falsch ist? Wenn alles, was er gestern, vorgestern, letztes Jahr gesagt und getan hat, ein Irrtum gewesen ist – welch eine grausame Erkenntnis tut sich da auf!

Etwas ist geschehen. Etwas muss mit ihm geschehen sein. Er steht plötzlich jenseits aller Türen. Weiß er denn, ob das, was er heute sagt, tut oder unterlässt, nicht morgen schon falsch und überholt ist?
Sein "Alter Ego" will nicht zulassen, dass er das Farbenspiel der Vergangenheit noch einmal ablaufen lässt, dieses ICH wehrt sich gegen die Wiederholung des Lebensablaufs.

Die Glocke ist nun verklungen. Alles nimmt seinen Lauf, unablässig weiter und weiter. Zeit hat keinen eingebauten Rückwärtsgang!
Pantha Rhei«, das wussten schon die alten Griechen, alles fließt. Jeder Moment im Leben ist eine Veränderung des Bestehenden.
Gestern stand er auf der anderen Seite des Tores. Gestern war er ein anderer als er heute ist. Er ist noch derselbe Mensch, aber er ist nicht mehr der gleiche Geist! Gestern gehörte er dazu. Heute aussortiert, ein Mensch, der sich nicht mehr verbiegen lässt. Schwer zu begreifen. Wirklich nicht zu verstehen? Wenn er nicht mehr weiss, wer er ist, versinkt die Realität im Nebel des Gewesenen!

Kann ja sein, er hat vergessen, mit den Wölfen zu heulen. Manches rächt sich eben doch im Ablauf der Zeit ...

 ©by Wildgooseman
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6. März 2017

Zwischen Gestern und Heute


Ich verstehe eigentlich nichts mehr von dem, was ich früher tat. Es ist aber auch möglich, dass ich nicht mehr weiss, wie ich seinerzeit dachte und warum ich so und nicht anders reagierte. Weil ich heute anders denke und auch fühle, ist mir all das fremd geworden, für das ich früher gekämpft habe.
Ist das nun ein Widerspruch? Ich glaube nicht. Denn wenn ich auch nicht mehr die gleiche Empfindung habe, bin ich dennoch für mein damaliges Denken und Handeln verantwortlich. Stehe ich deshalb in meiner eigenen Schuld?
Damals war es für mich richtig. Wenn Fehler gemacht wurden, wurde früher oder später die Vergeltung dafür im eigenen Lebensablauf spürbar. Ist es nun möglich, den gleichen Fehler zweimal zu machen? Ich sage: nein! Wenn es das zweite Mal geschieht, ist es die eigene Wahl! Mit dieser zweiten Wahl allerdings gibt man dann jedoch selbst zu, nichts daraus gelernt zu haben.
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Nun gibt es aber auch Fehler im Leben, die von aussen verursacht werden, die man nicht verhindern kann, auch wenn man sie erkannt hat. Solche Zwänge können ein Leben aus dem Gleichgewicht bringen, lassen es Wege einschlagen, die völlig an der Normalität vorübergehen. Wenn man dabei von »Höherer Gewalt« spricht, ist dies doch nur ein Bruchteil der Ursachen. Auch dieser Begriff zeigt die Unzulänglichkeit des Menschen, gewisse Schwierigkeiten einfach in den Griff zu bekommen.
Solche Probleme beeinflussen häufig das Erleben und Leben zweier Menschen, die als Paar zusammen sind. Paarbildung des Menschen hat ja zum überwiegenden Teil mit Liebe und Sexualität zu tun.
Die Liebe spielt hierbei eine überragende Rolle, da sie die Triebkraft zum Zusammenleben zweier Menschen darstellt. Ohne die Liebe wären wir Menschen auf der Schwelle zum Menschsein stehen geblieben. Das Gefühl, zusammenzugehören allein würde nicht ausreichen, den Bestand der Menschheit zu gewähren.
Ich liebe dich! Welch eine Gewalt steckt darin, welch ein Gefühl erschliesst sich bei diesen Worten, vieltausendfach bedichtet und besungen und immer wieder neu erfunden.
Da kommen wir unausbleiblich zu der Frage: Was ist wichtiger, lieben oder geliebt zu werden?
Meine Antwort darauf: Was ist wichtiger für einen Vogel, der rechte oder der linke Flügel?
Beides gehört zusammen wie der Himmel zur Erde, wie Feuer und Wasser, wie Leben und Tod! Wie ICH und DU.Vor Kurzem las ich diese Sätze eines französischen Poeten:
»Manchmal sehe ich dich und ich sehe nichts! Ein anderes Mal sehe ich in mich selbst hinein und was sehe ich? Dich.«

Gibt es etwas Bedeutsameres als diese Aussage? Da dürfen dann auch ruhig Fehler auftreten, wenn ein Paar zusammenhält, wird ein jeder dieser Fehler aus dem Weg geräumt werden können, solange er nicht an die Wurzeln des Zusammenlebens heranreicht.
Liebe kann im Grunde niemand verletzen, denn jeder von uns ist selbst verantwortlich für das, was er fühlt und was er tut. Wie könnte ich einem Anderen die Schuld geben, wenn meine Partnerschaft nicht gelingt? Da ist schnell ein Schuldspruch zur Hand, nicht wahr?
Wie oft hörte ich die Aussprüche: »... dann ist er in meine Ehe eingebrochen.« Oder auch: »... ich habe ihn an sie verloren.«
Ich bin überzeugt, dass niemals jemand einen Anderen verlieren kann, weil niemals jemand einen Anderen besitzt!
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Früher als ich jung war, glaubte ich, dass ich durch mein Tun mein ganzes Leben verändern könne. Alle Dinge hatten ihren Sinn dadurch, dass ich ihnen den Sinn gab. Das machte mir Mut, das gab mir Kraft, um alle Schwierigkeiten zu bewältigen. So konnte ich stets den Kopf hochtragen, konnte immer frei atmen. Alles in meinem Leben war nach meiner Ansicht in Ordnung.
Heute nach vielen Jahrzehnten habe ich in meinem Herzen die Gewissheit, dass dieses Denken falsch war. Ich kann mein Leben nicht verändern; ich kann ihm wohl eine neue Richtung geben, gewiss. Aber nur die Zeit ganz allein kann mein Leben verändern!
Und weisst du was, liebe Leserin, lieber Leser? 
Ich liebe diesen Gedanken. Weil er mir die Schuld nimmt an Abläufen, die ich vielleicht hätte beeinflussen können. Gut, dass ich nicht weiss, was durch mein Zögern oder durch unüberlegtes Handeln alles geschehen ist!

Ich verstehe heute manches nicht mehr, was ich früher tat, das sagte ich im Eingang schon. Gutes und Schlechtes, Erfolge und Fehler halten sich eben im Menschenleben stets die Waage. Und nebenbei habe ich auch gelernt: Man liebt nicht nur einmal! Aber ich weiss mit Gewissheit: Die wahre Erfahrung meiner Freiheit ist: Lieben heisst auch, etwas zu haben, ohne es zu besitzen!

©by Wildgooseman

3. März 2017

Sie sind fort ...

Greta hält den Atem an, als die Straße nach dem letzten Waldstück den Blick auf das Forsthaus freigibt. Eine Menge von Erinnerungen stürzt auf sie ein, Kindheitsträume materialisieren sich hinter halb geschlossenen Augen.Das alte Forsthaus liegt auf der Waldlichtung im hellen Sonnenschein, viele kleine Schattenspielereien der hohen Buchen zaubern ständig wechselnde Silhouetten auf die alten Mauern.
Die strahlende Sonne zeigt aber auch erbarmungslos all das auf, was in den letzten Jahren dem Niedergang ausgesetzt war, der Zerfall  liess sich nun mal nicht leugnen.
Die Mauern und Teile des Daches von Efeu übervoll bedeckt, das rostige Gartentor mit Hunderten Rosen überwuchert und mit dem Dornengestrüpp von Brombeeren fast zugewachsen. Dahinter die aus den Angeln gehobene Haustür, weit offen stehend, wie zum Empfang hergerichtet.
Der heiße Sommerwind weht durch die Räume, beim Betreten dieses alten Hauses spürt sie diesen modrigen Geruch, der Staub von Jahrzehnten wirbelt durch die hohen Räume wie Schwärme von Mücken im Sonnenlicht. Dieses alte Försterhaus war einst aufgegeben worden, als die Planstelle des Försters nicht mehr neu besetzt wurde.
Zerbrochene Fensterläden mit abgeblätterten Farbresten, grau, ramponiert und voller Geruch nach alten Zeiten. Sie klappern schon beim leisesten Windhauch. Mannshohes Kraut bedeckt weite Teile des Gartens, dazwischen größere Flächen mit wilden Margeriten. Es ist einfach ein trostloser Anblick!
Reglos steht die Frau in der Eingangstür, lässt diesen Anblick auf sich wirken, vergleicht sie dann mit den Bildern, die sie lange Jahre in ihrem Kopf bewahrt hat.

Traurigkeit erfasst sie. Auf der Türschwelle sitzend, denkt sie über all das nach, das sie hier in Kinder- und Jugendjahren erlebt hatte. Es ist ihr unbegreiflich. Niemand ist mehr hier, alle sind fort. So einfach weggezogen, ihre Familie hat die eigene Vergangenheit  hinter sich gelassen. Der alte Briefkasten dort neben der Tür ist ein Relikt aus alter Zeit, einstmals war er schwarz lackiert und hatte die ersten Liebesbriefe ihres Freundes in sich aufbewahrt. Nun war der Briefkasten unansehlich und rostig. Fast wie ein alter Mensch, mit Lebensspuren und Beulen!
Greta versucht, das Türchen des Briefkastens zu öffnen. Sie ist überrascht, wie leicht das geht. Drin liegt ein Briefumschlag, braun, vergilbt, mit einem Namen darauf in verblichener Handschrift: Für Grit!


Ihr Herz machte einen gewaltigen Sprung in die Vergangenheit, sie spürt förmlich die Worte ihrer Mutter körperlich, als sie diesen Umschlag öffnet und dann den kurzen Brief liest.
Das Datum auf dem Bogen ist schon achtzehn Jahre alt!
Meine liebe kleine Grit,
Vielleicht kommt doch noch mal die Zeit, dass du diese Worte liest. Du bist gegangen, wir konnten dich nicht halten. Dieses Haus war immer zu klein für Dich. Dich lockte die weite Welt.
Bist Du nun ein Star geworden? Wir haben niemals wieder etwas von Dir gehört.
Ja, liebe Grit, wir können hier im Forsthaus nicht mehr wohnen bleiben, wir müssen heute umziehen. Eine kleine Wohnung für uns beide reicht nun aus. Dein Bruder ist ja auch nicht mehr da, er lebt jetzt in Australien.
Wir konnten Dich ja leider nicht erreichen; Du hast uns keine Adresse geschickt. Ob wir noch leben, wenn Du mal wieder kommst, wissen wir nicht. Alles, alles Gute wünschen wir Dir, mein Kind!
Deine Mutter und Dein Vate
r

Greta hält diesen alten Brief krampfhaft in der Hand. Ihre Schultern zucken, sie lässt ihren Tränen freien Lauf. Sie kommt sich so erbärmlich vor,  sieht förmlich das Gesicht ihrer Mutter vor sich, diese abgearbeiteten Hände, die zerfurchten Gesichtszüge.
Und dann die Gestalt ihres Vaters, wie er morgens seine Büchse umhängte, mit zwei Pfiffen Bertha, die Münsterländer Hündin zu sich rief. Er drehte sich immer noch einmal um und winkte den Zurückbleibenden lächelnd zu, bevor er dann im Wald verschwand.
~~~
Greta hat noch immer die Zeilen der Mutter in der Hand, als sie noch einmal durch das Haus geht. Sie versucht, die Gerüche ihrer Kindheit wiederzufinden, das Odeur, dass hier einmal zu Hause war, als Greta hier noch als Kind lebte. -
Vergeblich! Hier riecht es nach Einsamkeit und Flucht. Die Dielenböden sind durch Feuchtigkeit aufgequollen. Vom Treppenabsatz aus kann die Frau durch das Obergeschoss und zwischen herabgefallenen Dachziegeln bis in die Wolken schauen.
Abgerissene Tapeten, einige uralte Möbelstücke, ein alter Teppich, von Mäusen angenagt, zeugen davon, dass hier alles sich selbst überlassen worden war. Dort auf einem Stuhl noch ein halb zerfledderter Roman, vergilbt und von den Jahren zerfressen. Sie versucht neugierig, den Titel zu erkennen: Die Flusspiraten vom Mississippi, von Friedrich Gerstäcker.
Ein Buch, dass einst ihrem Bruder Jens gehörte. Greta kommt wieder ins Grübeln. Sie hat schon über drei Jahrzehnte nichts mehr von ihm gehört, weiss nur, dass er seinerzeit nach Tasmanien ausgewandert ist.
Siebenunddreissig Jahre, eine unendlich lange Zeit. Eine Zeit, in der sie berühmt geworden war, in der sie als Star der Musikszene der Liebling aller Teenies wurde.
Eine Zeit, in der die Eltern in ihren Gedanken nicht mehr vorkamen. Eine Zeit, die zwei Ehen mit sich brachte und auch zwei Scheidungen.
»Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden!«
Wo hatte sie das nur gelesen? Ach ja, irgendwo im Alten Testament der Bibel steht das wohl, denkt sie mit einem kurzen Auflachen.
Als sie damals nach einer Auseinandersetzung alles hinter sich ließ, hatte sie alle Bedenken des Vaters mit einem Achselzucken weggewischt.
»Ich brauche euch nicht, ich gehe meinen Weg. Und wenn ihr mir den nicht gönnt, dann geht es eben auch ohne euch!«
Es war ohne sie gegangen. Aber welche Mühen, Anstrengungen und Schmerzen hatte es gekostet! Gewiss, so manches Mal hatte Greta mit dem Gedanken gespielt, sich bei den Eltern zu melden. Aber ihr elender falscher Stolz hatte es nicht zugelassen. Und so war es stets beim Vorsatz geblieben.
Und heute, fast vier Jahrzehnte später? Sie hatte beim Einwohnermeldeamt erfahren, dass beide nicht mehr leben. Vater starb vor zehn Jahren, Mutter lebte bis vor drei Jahren in einem Altenheim in Neustadt.
Der große Star Greta war längst kein Star mehr, der Niedergang ihrer Karriere fing in dem Moment an, als ihre Auftritte nur noch bei Supermarkt-Eröffnungen gefragt waren oder mit irgendwelchen Bäderreisen unter »ferner liefen« im Nebenprogramm erfolgten.
Sie lacht voller Bitterkeit auf.
Vater meinte damals: »Das ist eine Kunst, die nur solange gefragt ist, wie du jung und knackig bist.
Und morgen, Grit? Was ist morgen?«

Sie hatte abgewunken. 
»Na und? Was heisst schon morgen. Ich kann etwas, und das zählt!«
»Was kannst du denn schon wirklich?«
hatte ihr Vater gesagt und Mutter hatte nur ihren Kopf geschüttelt.
Gretas Karriere in den Staaten brachte zwar eine Menge Geld ein. Glücklich aber war sie nicht einen einzigen Tag gewesen  und die Dollar waren schneller wieder fort, als sie verdient wurden.
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Ein paar  Tränen fallen in den Staub des alten Hauses. Es gibt kein Heim mehr,  keine Menschen, die zu ihr gehören. Es gibt nur noch eine alternde Künstlerin, die liebend gern wieder zurückkehren würde in das Nest ihrer Kindheit.
Dort im alten Haus auf der Waldlichtung hatte einmal das Glück gewohnt. Es war wohl auch ausgewandert, mit unbekanntem Ziel.
Nun ist alles leer, das Haus, ihr Herz, ihr Leben ...
©by Wildgooseman