6. Dezember 2016

Brücke zum Leben

Als ich damals die Brücke betrat, ahnte ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes.
Ich fühlte mich durchaus in der Lage, diesen Gefahren zu begegnen, die mich auf der anderen Seite erwarteten. Was konnte mir denn schon noch geschehen? Mir, der ich schon durch alle Wüsten und Berge des Lebens gewandert war, der ich schon so oft abstürzte und doch immer wieder die Höhen erklimmen konnte. Ich kannte die Welt von allen Seiten, sowohl die bösen wie auch die guten. Worüber sollte ich mir Gedanken machen?

Dann, auf der Hälfte des Wegs, mitten auf der Brücke, kam bei mir doch ein Gefühl von Verlassenheit auf. Diese Gedanken der Unsicherheit beherrschten plötzlich mein Fühlen, dieses Wissen um das Nichtwissen! Was würde ich dort vorfinden? Alles lag noch im Nebel der Zukunft verborgen, nicht einmal andeutungsweise war etwas zu erahnen. Ich sah vorn nichts als schleierhaftem Dunst, hinter mir der weisse Nebel des Daseins. Urplötzlich befand ich mich im Niemandsland meines Lebens, mitten auf der Brücke in ein neues Leben und noch meilenweit davon entfernt.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde, aber ich wusste, dass es weiterging! Diese abstrakte Tatsache, so unwirklich sie auch war, trieb mich weiter. Was blieb mir sonst auch übrig?
                                             Vieles erfahren haben, heisst noch nicht, Erfahrungen zu besitzen!                                                                                                                         (Marie v.Ebner-Eschenbach)

Die Gedanken an diesen Aphorismus gaben mir ein Gefühl von Wirklichkeit. Was auch immer geschehen würde, mein Weg würde sich unabänderlich auf der anderen Seite der Brücke fortsetzen! Ein letzter Blick zurück, ein verlorenes Paradies? Nein. Ich ließ weder Himmel noch Hölle hinter mir, es war lediglich ein Abschnitt meines Lebens, der sich irgendwann vom ursprünglichen Pfad abgekoppelt hatte.
Dieser Weg auf der zweiten Hälfte der Brücke war immer noch unwirklich. Schemenhaft schienen ihn Gestalten zu kreuzen, bauten sich wie Figuren eines dionysischen Dramas auf und verschwanden dann wieder in der Versenkung des weissen Nebels. Mehrmals verharrte ich am Rande der Brücke, warf einen Blick in das schemenhafte Etwas, das dort unten brodelte und plätscherte.
Manchmal klang es wie das Flüstern von Stimmen, die geisterhaft verhalten ihre Hintergrundmelodie zum Ablauf des Daseins einbrachten. Wenn ich dann meinen Weg fortsetzte, kam immer ein Gefühl von Befreiung auf. Es war wie ein Abwerfen von Gewichten, die anscheinend tausend Jahre auf mir gelastet hatten und nun in den Tiefen des Wassers unter mir verschwanden!
Vorn hatte sich eine Wolkenwand aufgebaut. Es schien das Ende dieser Brücke zu sein. Einzelne Bäume u nd Büsche bauten sich vor mir auf. Der Pfad zwischen den Baumgruppen wurde zunehmends enger und enger. Schon als ich die Brücke hinter mir gelassen hatte, spürte ich, wie ich liebevoll aufgenommen wurde.
Ich schaute zurück auf das andere Ufer. Nichts mehr da, das mich an die Vergangenheit erinnert hätte. Nichts mehr da, das ich vergessen müsste. Da stand nur noch diese Brücke, fest und standhaft zwischen zwei Welten. Diese geisterhafte Brücke, die ich überschritten hatte im Bewusstsein des Zukünftigen. Es war die Brücke in ein Vorwärts ohne Zurück.

Pantha rei! Welcher Fluss fließt bergauf, welches Menschenleben wird rückwärts gelebt? Ich spürte den Pulsschlag dieser meiner Zeit, der das Schlagen des eigenen Herzens übertönte und deutlich sprach, so wie Gerd Uhlenbruck es ausgedrückt hat:
                                                        Wer nur mit dem Verstand lebt, hat das Leben nicht verstanden!

©by Wildgooseman

26. November 2016

Erwartungen zum Weihnachtsfest



Weihnachten. Zeit der Begegnungen. Familien finden zueinander, Menschen, die sich monatelang nicht sahen, treffen sich endlich mal wieder.
Weihnachten, Fest der großen Erwartungen. Das war schon früher so, als wir noch Kinder waren. Wie fieberten wir doch diesen Tagen entgegen. Wochenlang bereiteten wir uns darauf vor, wir hatten unsere kleinen Geheimnisse, alle anderen taten ebenfalls sehr geheimnisvoll. Schließlich konnten wir es kaum noch aushalten vor lauter Vorfreude.
Auch für viele Erwachsene ist Weihnachten das Fest der großen Erwartungen. Weihnachten - das muss so sein, wie es früher war. Da sind wir wieder alle beisammen, da nehmen wir uns viel Zeit füreinander, da ist alles harmonisch und friedlich.

Das ist dann fast so, als sollte an einem Tag des Jahres all das wieder in Ordnung gebracht werden, was in den vergangenen Jahren kaputtgemacht gemacht wurde. Aber - das war niemals, zu keiner Zeit so, auch früher nicht und noch früher nicht - das hat nie geklappt.
Und so wird Weihnachten meist das Fest der herben Enttäuschungen. Die Erwartungen waren so groß, riesengroß. Dann aber kam alles anders.

Die Kinder sind sauer, weil sie nicht das bekommen haben, was sie sich wünschten.
Onkel und Tante machen ein verkniffenes Gesicht: 
»Bei euch ist es aber auch nicht mehr so wie früher«
»Wir wollten uns doch nichts mehr schenken, nicht wahr?« 

»Davon weiß ich nichts.«
 Onkel Fritz ist beleidigt, als man ihn auf sein schlechtes Gedächtnis aufmerksam macht. »Ich habe euch das Zeitungs-Abo extra ausgesucht.«

Ja, darüber freut man sich auch gefälligst, nicht wahr?
Lena flüstert: 
»Ach guck mal da, der alte Aschenbecher aus grüner Jade, den hatten wir Onkel Hans vor 20 Jahren mal geschenkt.«
Nun fand er wieder den Weg zurück. Dabei rauche ich seit 25 Jahren nicht mehr, das kann ich aber Tante Elise nicht sagen, sie wäre tödlich beleidigt.
Oma erzählt seit 30 Jahren dieselbe Geschichte aus ihrer Kindheit, wie sie dem Schneemann die Möhre aus dem Gesicht geklaut hatte. Alles lacht pflichtgemäß.
Hansi beklagt sich, weil die Rollerblades von ALDI sind, da kann er bei seinen Schulfreunden nicht punkten.
Annette hat sich einen echten Webrahmen gewünscht und keinen kleinen
Schulwebrahmen, »der ist ja ätzend!«

Weihnachten. Zeit der Freude. Wir wollten doch alle fröhlich sein. Reden, singen, spielen. Alle hatten auch die besten Absichten.
Nach der zweiten Strophe von »O du fröhliche ...« singt schon kaum einer mit, nur Oma kennt noch alle drei Strophen.
Dafür weiß sie aber auch nichts von »Rudolph, dem Red-Nosed-Reindeer«.
Und so reden und singen sie alle aneinander vorbei.

Große Erwartungen?Ich jedenfalls will aufhören mit den großen Erwartungen, ich möchte mich freuen auf ein paar Tage, an denen wir zurückdenken an den bescheidenen Anfang in einer Höhle oder einem armseligen Stall in den Bergen Galiläas. Ich möchte mich freuen auf einen Neuanfang, und sei er noch so winzig, ganz bescheiden und demütig.


©by Wildgooseman

14. November 2016

You don't speak "denglish"?

Früher dachte ich oft, ich müsste mehrere Fremdsprachen lernen. Das wäre doch toll, man kommt sich selbst so gelehrt vor. Gelehrsamkeit ist doch auch etwas anstrebenswertes. Alle meine Kinder und Enkel können mehrere Fremdsprachen. Nur ich nicht.
Also dachte ich, ich müsste lernen, lernen und nochmals lernen.
Aber über »Io sono d´alla Germania« und »il conto, per favore« bin ich in Verona nicht hinausgekommen.

Wenn ich dann in Paris alles mit »très bien« beantworte und mir das Bitten mit »S'il vous plaît« auch leicht gemacht wird, hört bei mir die Fremdsprache schon auf.
Muss ich mehr können?
Ich spreche doch deutsch! Ja - zugegeben, das ist gar nicht so einfach. Heute, wo bei uns jeder »DENGLISH« spricht, kommt man sich ganz komisch vor, wenn man DEUTSCH redet.
Aber ich spreche nun mal deutsch. Und vielleicht auch besser als mancher Deutsche. Es gibt ja leider Deutsche, die von Ausländern, die Deutsche werden wollen, eine Sprachprüfung verlangen, bei der sie selber unweigerlich durchfallen würden. So können sie durchaus froh sein, dass sie in Deutschland geboren sind(!) und damit ihr Recht Deutscher zu sein so erworben haben!



Wir sollten es den Engländern abgucken:
Die machen es nämlich genau anders! Fremdsprachen lernen ist für die meisten unter ihnen völlig unter ihrer Würde. Schließlich sind sie ja eine Großmacht mit ihrem früheren riesigen Commonwealth-Verband. Ihre Sprache ist ja die beherrschende Sprache auf der Welt. Alle sind Untergebene in ihren Augen, die nur ihrer Königin zu dienen haben.
Ich kenne einige Partnerschaften mit Engländern, wo sich kaum einer von ihnen bemüht, die Sprache ihrer Partner wenigstens etwas zu sprechen. Ihre "Partner" haben gefälligst Englisch zu lernen, wenn sie mit ihnen Kontakte pflegen wollen.



Siehst du, und deshalb spreche ich deutsch. 

Ja, ja, ich weiss, manchmal kommt man ohne die übernommenen Wörter aus anderen Sprachen einfach nicht aus. Weil man dann halt nicht verstanden wird. Wenn mein Friseur plötzlich »Haircutter« heisst, und mich fragt jemand nach solch einem - dann kann ich ihm keine Antwort geben, auch wenn ich direkt davor stehe!

Sprachen verändern sich ständig, schon seit Hunderten von Jahren ist das so. Kaum ein Engländer beispielsweise versteht heute noch das »English«, das einst Shakespeare sprach oder schrieb.
Oder anders herum: Wenn ich in meiner Kindheit zu meiner Mutter gesagt hätte: 

»Pah, du siehst ja geil aus!« Was glaubst du, wäre da wohl passiert?

Alles ist im Fluss. Nicht immer zum Vorteil der Sprache. Aber das muss es auch nicht. Trotzdem sehe ich es als vorteilhaft an, wenn ich nicht die Sprache der jugendlichen Mitmenschen von heute ausnahmslos übernehme.

Die deutsche Sprache wird schon seit Langem von einer Unzahl unnötiger und unschöner englischer Ausdrücke überflutet.
Die Werbung bietet Coffee to go oder Joghurt mit weekend feeling. Im Fernsehen gibt es History, Adventure oder History Specials.
Wir schmieren uns Anti-ageing-Creme und After-shave ins Gesicht oder sprühen styling ins Haar.
Bei der Bahn gibt es nur noch tickets, und den service point
und so geht es weiter durch all unsere Interessen
Manche Leute finden das cool.
Andere - die Mehrheit der Menschen in Deutschland - ärgern sich über die überflüssigen englischen Brocken und sehen darin eine verächtliche Behandlung der deutschen Sprache.
Es ist in der Tat albern - und würdelos! -, Wörter wie "Leibwächter", "Karte", "Fahrrad", "Nachrichten" oder "Weihnachten" durch bodyguard, card, bike, news oder X-mas zu ersetzen.
Kinder heissen doch bei uns noch Kinder und es sind keine »Kiddys«!
Aber es würde den Rahmen dieses Themas sprengen, hier noch mehr dazu zu schreiben.
Ich jedenfalls werde mich mit dem Denglish niemals anfreunden. Mir reicht das einfache Deutsch meiner Tage. Damit habe ich mich noch immer verständigen können.
Wem das nicht reicht, der darf gern denglisieren ..

13. November 2016

Ein ganz normaler Morgen

Die Sonne geht drüben hinter dem Wald auf, sie verziert mit einem hellen karminroten Schimmer die alten Fachwerkhäuser der Strasse. Lichtgrüne Birken am Strassenrand wedeln sich im sanften morgendlichen Wind gegenseitige Grüße zu. Eine Amsel schmettert ohne Unterlass ihr morgendliches Lied in die Luft, von irgendwoher antwortet ein anderer schwarzberockter Amselmann.
In der Fussgängerzone sind auch schon die ersten Passanten unterwegs. Die meisten von ihnen schauen dabei nicht auf die Farben des Sonnenaufgangs, hören auch nicht auf die Töne der Amsel. Sie sind wahrscheinlich zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um diese wunderbaren Einzelheiten eines Morgens aufzunehmen.

Sicher ist dies ein Bild, schon so oft gesehen, dass es niemand mehr reizt, besonders nicht in diesen morgendlichen Stunden. Vielleicht sind sie auch noch in Gedanken bei den Träumen ihrer Nacht?
Ein Herr im grauen Flanellanzug tritt aus einer Tür auf die Straße, schaut nach links und rechts, nimmt dann sein hellbraunen Aktenkoffer und schreitet gemessenen Schrittes die Straße hinunter. Wer mag er sein? 
Ich denke mir, dass er der Besitzer eines Ladens in der Einkaufspassage dort an der Brücke des kleinen Flusses sein mag, der nun seinen Tagesablauf beginnt.
Die Fussgängerzone der Strasse füllt sich allmählich. Das Café dort an der Ecke hat seine Pforten bereits geöffnet, eine Kellnerin macht die Tische auf der kleinen Terrasse für die kommenden Gäste bereit. Die rot-weiss gewürfelten Tischdecken bilden einen angenehmen Kontrast zu dem Grau der Platten des Gehwegs. 
Ich suche mir einen Platz an einem der Tische, die Sonnenstrahlen verbreiten ein angenehmes Gefühl auf der kleinen Terrasse vor dem Café.
Die freundliche Kellnerin kommt, fragt nach meinen Wünschen und bald darauf geniesse ich meinen Capuccino. Ich fühle mich so richtig gut und zufrieden, lasse den Tag an mich herantreten; alle Problemchen sind irgendwo weit hinter mir geblieben.
Am Nachbartisch hat eine junge, spärlich bekleidete, Frau Platz genommen. Ihr hochsommerliches Outfit lenkt ein wenig von den anderen Passanten ab. 
Recht verführerisch bringt sie alles zur Geltung, was sie aufzuweisen hat. Anscheinend hat sie Vergnügen daran, ihre Reize so freizügig zur Schau zu stellen.
Warum auch nicht? Auch ältere Herren, wie ich beispielsweise, sind noch nicht so weltfremd, um solche Extravaganzen nicht auch noch mit Vergnügen zu betrachten. 
Ich schaue dann auf den gegenüberliegenden Marktplatz und sehe mit Erstaunen den Gegenpol zu diesem Mädchen am Nebentisch.
Eine alte Frau, weisshaarig und ärmlich gekleidet, mit zwei Plastiktüten in der Hand, sucht in den Papierkörben der Umgebung nach leeren Flaschen. Hastig lässt sie ihre Fundstücke in den Tüten verschwinden, schaut angestrengt nach allen Seiten und setzt sich dann auf den Rand des alten Brunnens, der den Marktplatz ziert. 
Ich fühle mich auf einmal gar nicht mehr so wohl in meiner Haut, sehe diese divergierenden Gegensätze hautnah neben mir. Warum habe ich ein Gefühl in mir, als wäre ich schuld an diesem Notstand, der so offensichtlich zutage tritt? 
Die junge Dame neben mir schaut ebenfalls zu der alten Frau dort am Brunnen. Leicht verächtlich verzieht sie die Mundwinkel, um sich dann mir zuzuwenden. 
»Ich finde so etwas furchtbar, das verdirbt einem ja den ganzen Morgen!«
Diese ihre Worte lassen mich bis ins Innerste meines Herzens erschrecken. Ich schaue sie an, möchte etwas darauf antworten, schweige dann jedoch und reiche der Kellnerin, die inzwischen hinzugekommen ist, einen Geldschein zum Bezahlen.
Langsamen Schrittes gehe ich dann, ohne mich noch einmal umzuwenden, zu dem Brunnen am Markt.
Dort sitzt sie immer noch, in Gedanken versunken, die alte Dame und schaut in den fliessenden Strudel des Wassers.
Aus meiner Geldbörse nehme ich einen größeren Schein, falte ihn ganz klein zusammen und lege ihn der Frau in den Schoss. Mit einer fast versagenden, heiseren Stimme flüstere ich dabei: 
»Mehr Flaschen habe ich leider nicht!« 
Sie sieht mich mit einem langen Blick aus ihren hellblauen Augen an und sagt nur, kaum verständlich:
»Möge Gott sie beschützen ...«

©by Wildgooseman

31. Oktober 2016

Licht ohne Schatten?


Unsere Sonne ist der Ursprung unseres Seins. Seit der Mensch denken kann, bis in die heutige Zeit gilt sie und mit ihr das Helle und Strahlende, eben das Licht, als Grundlage des Lebens.
Nach endlosen Jahrhunderten voller Energie und lebendiger Fantasie aber ist der Mensch immer noch ein Suchender!
Er schaut über den Äquator seines Lebens hinaus, sieht nirgendwo den Wendepunkt. Weiter, immer weiter treiben ihn die Stürme des Lebens. Wohin? Lichtete sich der Nebel jemals, leuchtete irgendwo die Sonne in der Dunkelheit? Ein Blinder fühlt die Dunkelheit, sagte man.
Es liegt doch alles offen vor ihm und doch sieht er nichts. Wo, so fragt er die dahinziehenden Wolken, wo ist das Licht am Ende der Zeit?

Sie geben ihm keine Antwort auf die drängenden Fragen, durch ihr Schweigen werden nur weitere Rätsel aufgegeben.
Seit Jahren nichts als Rätsel einer dunklen Zeit, die sich nach Licht sehnt. Eine Zeit, die in der Dunkelheit des Lebens keinem mehr eine Heimstatt bieten kann.
Der Mensch versucht dann, auf seine Seele zu hören. Auf die Laute, die ihm die Vergangenheit singt, auf die Melodie seines Daseins. Aber es kommt kein Ton von innen, kein Wort des Erkennens und kein Wort der Liebe. Sucht er vielleicht nach einer Antwort, der keine Frage vorausgeht?
Er findet diese Antwort jedenfalls nicht, natürlich nicht, er findet keinen Sinn und er findet sich selbst nicht. Auch wenn er sich unentwegt weiter bewegt auf der Schiene seines Daseins, wenn er sein offenes Leben hell aufgeblättert vor sich sieht - eigentlich ist es viel mehr als das, was er je erwartet hätte! Es ist mehr als ihm zusteht, denkt er dann.
Müsste er heute wählen, taub oder blind zu sein, würde er vielleicht Taubheit bevorzugen. Man hört oftmals mit den Augen mehr als mit den Ohren. Der Hintergrund aller menschlichen - und damit auch unserer - Gedanken ist der Schattenvorhang des Gewissens!
Geht dieser Vorhang irgendwann hoch, liegen alle Gedanken offen im Licht der Bühne ausgebreitet. Deshalb bleiben die Plätze im Theater des Lebens auch so oft leer, weil die Resonanz aller Besucher ihnen ihre eigenen Fehler und Schwächen aufzeigen würde.
Der Mensch jedoch braucht Licht. Alle Spots an, noch mehr Scheinwerfer. Es werde hell, denn die Dunkelheit zeigt uns nicht die Wahrheit, sie kann es einfach nicht. Sie verdeckt all das, was in allen Menschen steckt und verbirgt wie so oft, die Folgen ihres Tuns.

Wer zieht nun an den Fäden der Dekoration? Wer schaut hinter die Kulissen? Der Zuschauer jedenfalls sieht nur, was er sehen soll - und was er sehen will. Das ist naturgegeben, ein Blick in die Dunkelheit der Versatzstücke ist da nicht vorgesehen.
Wer an seinem eigenen Bild arbeitet, darf keine Konsequenzen scheuen, Menschlichkeit ist hier nicht angesagt. Was kümmert den Betrachter im Museum das Modell des wunderschönen Aktes?
Er möchte nur das Künstlerische bewundern, den Ausdruck, die Impressionen des Malers. Was soll da das Vorbild dieses Gemäldes. Es hat ausgedient, ist nicht mehr nutzbar.
Dunkelheit und Licht streiten ja oft um die Vorherrschaft des Daseins. Der Teufel steckt dabei wie immer im Detail! Beide können nebeneinander existieren, wenn sie nur eine Basis finden, bei der beide die Möglichkeit haben, sich zu zeigen, sich die Hände zu reichen. Warum sagt ihnen niemand, dass beide ohne einander gar nicht existieren können?

Ohne Licht kein Schatten. Doch einen Schatten gibt es nur, wenn die Lichtquelle so stark ist, dass außerhalb des Schattens noch eine Lichtreflexion wahrgenommen werden kann. In der Natur erscheint der Schatten umso dunkler, je heller das Licht ist, das ihn wirft.
Gilt dieser Grundsatz nun auch für Menschen? Das würde bedeuten: Je positiver (oder heiliger) ein Mensch ist, desto negativer (oder unheiliger) ist sein Schatten. Wenn jeder Mensch das erkennt, wird er fassungslos vor diesem Dilemma stehen, das ihn polarisiert, wird dabei seine eigenen Schattenseiten nicht fassen können!
Aber auch die Umkehrung gilt: je finsterer der Schatten, desto mehr Lichtpotenzial ist vorhanden. Hier liegt auch der Grund, warum aus heißer Liebe kalter Hass werden kann! Wie gesagt: Es kann, muss aber nicht sein; wenn die Betroffenen ein Auge immer auf ihrem
Schatten haben, könnten sie das auch steuern. Leider liegt hier auch die Wurzel vieler Konflikte.Goethe lässt seinen Götz von Berlichingen sagen: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.« 
Eine schlichtere Weisheit gibt es im Grunde gar nicht. Dies Wort Goethes - auch in abgewandelter Form - meint aber weniger die physikalische Seite als viel mehr die menschliche. Im Prinzip meint es ja nur: »... wo es das Gute gibt, gibt es auch das Schlechte«. (Obwohl man ja im Sommer weiss, wie wohltuend Schatten sein kann!)
Licht wurde und wird seit jeher immer nur als das Positivum gesehen. Das Helle scheint dabei immer das Gute zu sein. In allen Weltreligionen erscheint die Erlösung - (der Erlöser) - stets als Gestalt, die mit dem Licht aufs Engste verbunden ist.
Schatten aber ist auch unerlässlich für die menschliche Erkenntnis. Wer nur in gleißendes Licht starrt, sieht gar nichts. Dass nicht nur das Licht, sondern auch dessen Abstraktion, der Gebrauch des Schattens, eine grundlegende Rolle im täglichen Dasein wie auch im kulturellen Leben spielt, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Denn so sehr wir das Licht brauchen, wir brauchen auch die Dunkelheit.
Unser Körper, unsere Seele brauchen die Phase der Erholung, sonst ergeht es dem Menschen wie einem Streichholz: Es leuchtet kurz und heftig auf - und erlischt. Zurück bleibt kein Schatten, kein Licht, sondern die völlige Dunkelheit ...

©by Wildgooseman

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24. August 2016

Cheerivie


»Hello,« she said as she sat down on the branch, »May I have a rest here for a little while?«
The old owl parted the green leaves tangle that protected him from the sun. In the harsh backlight he saw almost nothing, but nodded in agreement with his head and muttered to himself:

»If it absolutly must be!«

»You are not very friendly. Did you hav a nice sleep?« 
She looked at him over from his head down to his toes.
»I never sleep at night, you should know it,« he said,
»just now I wanted to sleep, but you wouldn’t let me.«

She rolled her little eyes and then she said reassuringly. 

»Forgive me, I did not mean to offend you.«

She moved a few sprigs closer:
»Are you the old owl and the old wise one?«
The owl turned his head to the side.
»The others say so. Sure, I’m old - but wise? Who could make such a claim for himself? To learn from practical experiences must not mean to be a common experience creature. And wisdom?«
The owl shook his head so that his fluffy feathers flew around.  
»To use any moments, each step of your undertakings or whilst a trip in the morning already to think about the evening how to reach a maximum of happy hours and having no regretts of your doing afterwards - I believe that is wisdom!«

For o long time Cheerivie kept silent. Then she asked:
»And did you never regret anything you've done in your life?«
»You see, that is the reason why I’m not wise! I do regret quite a bit and if it would be possible I would decide differently today, I believe. Well, when I was still young my thinking and life was different to nowadays. But also this is a privilege of the youth.“

The old owl looked at her thoughtfully:
»But what about you? You're still young and having long life ahead of you. What is your dream?«Thoughtfully Cheerivie looked through the branches to the high upstanding sun at the sky where the sunbeams where playing with the white cirrus clouds and a boisterous wind was chasing them. Then she looked at the owl:
»I'm Cheerivie, the dreamer! Until yesterday I was living over there on the other side of the lake. But you're wrong, dear owl, I'm not so young anymore as you think. I already have seen several summers and three times I brought up my youngsters already.«
Then she moved still closer to the old owl.
»But now it is finished! I don’t want it anymore and so I’ve left my companion. From now on I want to be responsible only for myself !«
The old owl looked surprised with his big eyes at her.
»You want to be only yourself? You are really a dreamer. What have you been so far?«
Cheerivies voice grew louder.
»What I have been? I was nothing! A heteronomous nothing, just a functional worker, nothing more. Nobody in the world ever has asked me how I am, how I do feel.«

Cheerivie got very much upset and was shivering all over.
»You ask what I'm dreaming? Let me tell you: From the high blue sky up there, from the immeasurable wideness, from the indescribable wonderfull world which I always was longing for. You can believe me, it hasn’t been very difficul to leave!«The old owl looked at her again a bit lost in his thoughts. Such words he knew, those dreams he had dreamed himself. But he also knew the other side of the medal, which is never shining at that moment when not everything is running smoothly.
»I understand you, Cheerivie, I understand you very well. But remember, the great poet Goethe once said:
"To understand that the sky is blue everywhere, you do not need to travel around the world!"
So you want to fly there up in the high blue sky?
Don’t forget, up there you will be very alone. Nobody will accompany or protect you. You'll be very lonely. Who will help you if something will happens to you?«
Impatiently Cheerivie moved to and for on her branch.
»
Until now I always felt lonely as well. Amongst all the others I felt alone.
But I want to make different experiences and finding pleasure in those, though in case I shall be just on my own. «
Her eyes were looking thirsty for action.
»Namely today and not when I'm as old as you are! You can’t change my mind, owl. Neither you could reach to manage it in spite of your clever argumentations.«
»Mm,«
 grumbled the owl, as he shooked his wings, »I know that I can’t stop you. And I think I will not to do so. Perhaps it comforts you, if I shall keep a free place here in my tree for you? This would enable you to come back any time when you feel homesick!!«

»Homesick? Me, never! Certainly not!
«
Cheerivie said it with a special certainty which left no places for contradecisions.  

»What ever homesick means to be. It’s nothing against the feeling of freedom, having the opportunity to fly to everywhere I want to!«
Cheerivie strucked shortly her wings. Then she gave the old owl a long look.
»Farewell, wise owl! I know you mean it well. But I have made my decision!«

In a tender gesture she picked carefully the feathers of the old owl and then she started right up with a strong flapping of her wings into the vasteness of the eternal blue sky.

The old owl sat still long on his shady place within the branches of the tree and looked up through the leaves into the infinite blue of the firmament.
He knew, one day Cheerivie might return to her confident natural home forest. Some time or other the enormous freedom will spite her out again. Than she wouldn’t be the same little Cheerivie with her great colorful dreams anymore at her return.
As the wise old owl fell asleep in the high noon heat, he felt a sadness which was attending him far into his dreams ...

©2016 by wildgooseman

22. August 2016

Licht und Schatten

Wo Licht ist, muss es auch Schatten geben. Wer kennt diese Weisheit nicht? Es gibt stets zu allen Dingen und Erfahrungen des Lebens immer auch den Gegenpol. 
Wenn es in Europa beispielsweise Mitternacht ist, hat Australien Mittagszeit, das weiß jedes Kind. Es gibt kein Minus ohne Plus, kein Ich ohne Du. Wer das verneint, negiert auch sämtliche Gegensätze der Welt.
In der vieltausendjährigen Geschichte der Menschheit gab es stets dieses Auf und Ab, das Kommen und Gehen von Menschen, von Staaten und von Kulturen.
Zu allen Zeiten gab es herausragende Führungsgestalten, große Menschen von Geist und Willen. Sie holten die Menschheit heraus aus den Höhlen und Hütten und brachten sie empor zu den Höhen des kulturellen Olymps. Die Geschichte ist voll von ihren großen Taten.
Ebenso aber gab es auch die Kräfte, die alles daran setzten, solche Menschen in den Abgrund zu stürzen, um selbst die Macht an sich zu reißen. Und sehr oft, sicher viel zu oft gingen diese Pläne dann auch auf. Die Schattengestalten, wie ich sie mal nennen möchte, katapultierten sich einfach an die Spitze der jeweiligen Institutionen, meist aus völlig egoistischen Gründen. Und auch ihre Namen sind in der Geschichte der Menschheit unzählig vertreten.
Von Bertold Brecht, dem großen Dramatiker und Lyriker, stammt folgender Text aus der Dreigroschenoper:
... denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.
Ist es nun möglich, dieses Naturgesetz auch auf das menschliche Leben auszudehnen?
Wir wollen einmal versuchen, dieser Frage nachzugehen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Man sieht also nur die Menschen, die im Licht stehen, all die vielen Menschen auf der Schattenseite sind nicht sichtbar. Eigentlich logisch, nicht wahr?
Dabei taucht aber die Frage bei mir auf: Sind alle, die nicht im Licht stehen, negative Gestalten? Kann es sein, dass man nur deshalb verachtet, ausgestoßen oder gar verfolgt wird, weil man nicht zu den Lichtgestalten gehört? Was ist das denn für eine Welt, in der nur der zählt, der »oben« ist, eine inhumane, fürchterliche Erde wäre das doch.
Aber es scheint ja so oder ähnlich zu sein. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass immer und immer wieder Machtmenschen die Gewalt über andere ausüben können.
Wie anders ist es zu erklären, dass auf der Erde fast 7,5 Milliarden Menschen leben und einer von neun Menschen weltweit jeden Abend hungrig schlafen gehen muss.
Wie kann es sonst sein, dass mehr als 160 Millionen Kinder unter fünf Jahren für ihr Alter zu klein und unterernährt sind, weil sie eben nicht genug zu essen haben. Die Hälfte von diesen Kindern lebt in Asien, ein Drittel in Afrika. Jedes siebte Kleinkind ist stark untergewichtig.
(Quelle: State of Food Insecurity in the World)
Ist das nun alles die Schuld der "Menschen in der Dunkelheit"? Ich denke: Wir alle stehen zum Teil im Licht und teilweise auch mit in der Dunkelheit!
Man stelle sich vor - im Jahre 2050 wird die Erdbevölkerung ca. 9 Milliarden Menschen betragen! Glaubt da noch einer, dass die Spitze des Eisbergs schon erreicht wäre??
Licht und Dunkel sind polare Gegensätze. Genau wie Reich und Arm, Groß und Klein. Das sind unumstössliche Tatsachen.
Warum aber, und das frage ich mich schon seit ewigen Zeiten, warum ist der eine Teil der Negative, während der Andere stets positiv gesehen wird?
Wir stellen uns gegen die, die unsere Freiheit beschränken wollen, das ist auch unser gutes Recht. Schöne Worte, nicht wahr? Wer sind eigentlich diejenigen, die uns den Freiraum beschränken wollen? Sind es diejenigen, die nach Volksmeinung angeblich im Schatten sind? Ja, ganz eindeutig! Aber, und das soll nicht vergessen werden, diese Machthaber, sie sind ja gar nicht im Schatten, sie stehen stets im hellen Licht!
Gegen wen müssen wir denn kämpfen, wer will uns denn unser Besitztum verringern, uns die Lebensgrundlage wegnehmen, etwa die Menschen, die niemand sieht, die auf der Schattenseite des Lebens?
Also - ich habe da meine starken Zweifel! Wir selbst sollten uns da wirklich auch prüfen! Wie viel tragen wir dazu bei? Beispiel: Es wird immer mehr und mehr Mais angebaut, Jedem wird das schon aufgefallen sein. Da geht es nur noch um Gewinnmaximierung!
Wenn nun aber 40% der Maisernten allein bei uns zu Kraftstoff und Energie verarbeitet werden, stehen wir selbst da nicht auch in der Dunkelheit?
Gehören wir alle dann nicht auch zu den Ausbeutern, die so etwas zulassen? So etwas finde ich durchaus beunruhigend. Aber doch nicht für uns, für die dort in der tiefsten Dunkelheit ist es erheblich beunruhigender, da geht es um das Leben, das Überleben!
Da aber stellt sich doch die Frage: Wer ist das da eigentlich im Dunkeln? Das ist nun eine Sache der Relation.
Bertold Brecht sieht das ganz eindeutig: Es sind die seit Jahrhunderten Ausgebeuteten, es sind die Armen, die nicht wissen, was sie ihren Kindern in die verbeulten Blechschüsseln geben sollen. Allein von den Lebensmitteln, die in Europa achtlos weggeworfen werden, könnte man unzählige Menschen ernähren!
(Man schaue doch nur mal in die Hinterhöfe der großen Supermärkte und wird dort mit Entsetzen erfahren, welche Mengen von Nahrung allein dort einfach weggeworfen werden!
Oder: die unzähligen Textil-Sammelbehälter, in denen wir unsere getragene Kleidung entsorgen! Auf den Märkten von Lagos, Mombasa oder Nairobi können wir diese Kleidungstücke wiederfinden, wo sie dann für billiges Geld verramscht werden. Mancher findet das dann auch noch gut! Leider aber wird dadurch der einheimischen Textil - und Bekleidungsindustrie jede Überlebenschance genommen, dieser Umstand wird dabei gern übersehen.)
Die Einen sind im Dunkeln ... Wie wahr! Und diese »Einen« sind es, die diese Misere ertragen müssen, »die sieht man nicht«.
Aber es sind die im Lichte, die dafür sorgen, dass sie selbst immer beachtet werden, hell angestrahlt von allen Scheinwerfern der verschiedenen Medien.
Da helfen auch keine Hundert-Euro-Scheine, die großzügig bei Good-will-actions gespendet werden, sie dienen aber zur Beruhigung des eigenen Gewissens!
Neun Milliarden Menschen im Jahre 2050. Ist ja noch lange hin, nicht wahr? Aber bereitet euch vor, macht schnell alle Grenzen dicht, schließt Türen und Fenster, denn bald kommen sie zu uns, die im Dunkeln sind, weil in ihrer Heimat kein Leben mehr möglich ist.
Zum Schluss noch ein Wort von Bertold Brecht - völlig frei und ohne Zusammenhang mit Hell und Dunkel:
Sie sägten die Äste ab,
auf denen sie saßen
und schrien sich zu
ihre Erfahrungen;
wie man schneller sägen könnte
und fuhren mit Krachen in die Tiefe
und die ihnen zusahen,
schüttelten die Köpfe beim Sägen
und sägten weiter.
- Bertolt Brecht, Exil, III -



 ©by wildgooseman
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4. August 2016

Gedenkstätte?


 Wie ein gewaltiges Monstrum ragt das mächtige Dreieck in den blauen Himmel. Als wäre es für die Ewigkeit gebaut, ein Mahnmal gegen Tod und Verderben, gegen den Kampf Bruder gegen Bruder, gegen Gewalt und Hass.
Erinnerungen werden wach beim Anblick dieses Bauwerks, das bereits 1927 geschaffen wurde als Erinnerung an die Toten der Marine des Ersten Weltkriegs. Man wollte erinnern an die Gefallenen der Seeschlachten dieses unseligen Krieges, an die vielen Männer und Söhne, die seinerzeit aufgeputscht und begeistert in den Krieg zogen, der ihnen vom Obrigkeitsstaat aufgezwungen wurde.
Es sollte ein Mahnmal werden, zur steten Erinnerung! Das jedoch ging dann voll daneben. Es wurde eine »Heldengedenkstätte«. Und dann, man hatte nichts aus der Vergangenheit gelernt, reihte sich nach knapp 21 Jahren der Zweite Weltkrieg nach dem gleichen Schema in diese verbrecherische Geschichte ein. Und wieder starben Hunderttausende von Marineangehörigen aller kriegführenden Staaten für ihre Politiker, die sie auf beiden Seiten wieder in den Krieg trieben. Die fadenscheinigen Sprüche, die mit »Vaterland verteidigen« begannen und mit »bis zum letzten Mann« endeten. Niemand der Matrosen und Offiziere wurde gefragt, keiner der Toten, die hier geehrt wurden, konnte seine Meinung dazu äußern!
Marine-Ehrenmal, im Grunde geplant als ein Gedenkort für die Toten des Krieges.
Bei der Einweihung im Jahre 1936 hieß die Widmung (nach Wikipedia)
„Für deutsche Seemannsehr’
Für Deutschlands schwimmende Wehr
Für beider Wiederkehr“

Es war ein eindeutiger Aufruf zur Revanche auf die »Schmach des Versailler Vertrags«, der dann von den Machthabern des Nationalsozialismus sofort umgemünzt wurde.
Ab 1954 trat dann ein Bedeutungswandel auf, der sich auch in einer Umwidmung dieses Mahnmals niederschlug. Und ab 1996 lautet diese neue Widmung nun: (ebenfalls nach Wikipedia)
„Gedenkstätte für die
auf See Gebliebenen
aller Nationen
Mahnmal für eine
friedliche Seefahrt
auf freien Meeren“


Endlich war die verherrlichende Seite dieses Ehrenmals abgeschlossen und die ursprüngliche Form in das Bewusstsein getreten. In der unterirdisch angelegten Gedenkhalle wird man sich dessen bewusst, an welche Geschehnisse hier erinnert und gemahnt werden soll.
Auf einem großen Areal befinden sich viele einzelne Gedenkstätten für unzählige Schiffe und für Menschen, die in den bitteren Kriegen auf allen Seiten und allen Meeren ihr Leben ließen.
Bei einem Gang durch dieses gewaltige Rondell eröffnet sich die Tragik dieser Gedenkstätte mit dem Gedenken an all die Opfer, die diese Seekriege mit sich brachten.

Es liegt an uns, den Nachfahren jener Toten, dass dies ein Gedenk- und Mahnort ist und bleibt und nicht zu einer Wallfahrtsstätte der Ewiggestrigen wird. Denn das wäre diesem Ehrenmal - man mag es gelungen finden oder nicht - nicht zu wünschen.

©by Wildgooseman

13. Juli 2016

Morgens um halb Acht

Sieben Uhr dreißig. Meine Gedanken schwirren wie kleine Mücken durch den Morgen. Dabei vergisst man schon die Alltäglichkeiten des Tages. Sie sind ganz einfach unwichtig. So wie der Tag an sich, ist heute Montag oder Donnerstag? Was bitte macht das schon aus? Jahre und Monate sind doch nur eine Aneinanderreihung von Tagen, erfunden nur, weil man sonst nicht wüsste, wie alt man ist. Sonst wüsste ja niemand, wann er Geburtstag hat! Das wäre ja eine gewaltige Katastrophe, es gäbe keine Geburtstagsgäste und vor allem keine Geschenke. Nicht auszudenken, so etwas. Und erst der Handel - ganze Warengruppen würden einbrechen, die Blumenläden als Erste.
Wenn heute der sechste September wäre, hätte ich ja eigentlich Geburtstag. Aber es ist nicht der sechste September. Ein Blick auf den Kalender zeigt mir: vierter Juli. Habe also noch zwei Monate Zeit bis zu meinem - wievielten? - Geburtstag. Was bitte mache ich jetzt bis dahin? Ich warte auf irgendetwas, das kommen soll, wie in jedem Jahr. Ich habe auch die anderen Jahre gewartet, aber es kam nichts. Es wird auch dieses Jahr nichts kommen, woher auch. Jemand sagte mir, ich müsste meine Erwartungen zurückschrauben. Leicht gesagt, nicht? Wer hat keine Erwartungen, meist sogar übersteigerte, Du doch auch, oder?
Heute habe ich mich aufgerafft, in der Frühe eine kleine Wanderung zu unternehmen. Durch >Feld und Flur<, wie es im alten Volkslied heisst. Als ich aus dem Haus ging, war der Himmel noch bedeckt. Graue Wolken, blaue Lücken dazwischen. Inzwischen hat sich das Bild verändert. Vorsichtig schaut die Sonne hinter einer Wolkenwand hervor. Was mag sie wohl sehen, den kleinen Menschen hier auf dem Waldweg, der vergessen hat, welcher Wochentag heute ist? Gewiss nicht. Sie - die Sonne - hat andere Sorgen. Oder geniesst sie nur den Tag?
Ich wüsste gern, was die Sonne auf den bunten Kinderbildern mit dem Strahlenkranz denkt! Dort auf dem Feld die Sonnenblumen jedenfalls begrüßen mich mit strahlendem Lächeln. Sie scheinen ihr Ebenbild aus genau diesen Kinderbildern heraus kopiert zu haben. Oder ist es umgekehrt? Wie schön.
Die Natur zeigt mir, dass ich noch da bin.
Der »kleine Fuchs«, der da vor mir hergaukelt, zeigt mir den Weg zwischen zwei Hecken von wilden Rosen, ihr Duft nimmt mir fast den Atem. Zwischen den blühenden Röschen haben schon einige Hagebutten ihre roten Köpfchen inmitten der tiefgrünen Blättchen hinausgestreckt. Die Natur hat eben ihren eigenen Kreislauf. Bald werden auch die Rosen nicht mehr da sein, verblüht und ohne jede Anziehungskraft für alle Insekten.
Wer denkt denn im Sommer schon an den Herbst? Ist das nicht unnormal? Vielleicht. Jedenfalls weiss ich auch keine Antworten auf alle nebensächlichen Fragen des Lebens. Muss ich doch auch nicht, wozu gibt es denn Google? Ist doch viel bequemer. Und wenn dort jemand seine Weisheit an den Mann oder Frau bringt - wer kontrolliert eigentlich, ob das auch richtig ist?
Eine These, aufgestellt und oft genug kolportiert, erscheint in der Folgezeit als unumstössliche Wahrheit.
»Ich hab da nachgegoogelt, es ist alles richtig!!« 
Alles nur irgendwie offiziell dargestellte wird ohne Beanstandung übernommen - weil alle es so richtig befinden!
Der Weg führt mich weiter zwischen saftig-grünen Wiesen hindurch. Ein Grünfink knabbert an einer Hagebutte, sein Schnabel ist rundherum rot gefärbt von diesem süßen Frühstück. Er lebt, ohne nach dem Sinn seines Lebens zu fragen? Warum leben wir nicht so unbeschwert?
Oder dort an der Distel die kleine schwarzbraune Raupe mit den tausend Härchen. Sie erklimmt mit all ihren Füßchen unbeirrt den hundertmal so hohen Stängel, ohne danach zu fragen, ob sie überhaupt oben ankommt. Und irgendwann - in einigen Tagen - wird aus der Raupe ein wunderschöner Schmetterling. Fragt er danach, ob er früher so unansehlich war?

Ja, ich weiss das doch auch, blöd bin ich nicht, diese Fragen sind natürlich irreal, weil die Insekten ja nicht denken können.
Moment - wissen wir das nun wirklich oder verlassen wir uns da auch auf Google? Hmm - ich weiss, das sind lächerliche Fragen, aber warum dürfen wir das nicht ausdrücken? Nur weil wir keine Kinder mehr sind, dürfen wir doch einfach ins Blaue hinein solche Fragen stellen. Oder siehst du da irgend einen Verbotsparagrafen?
Vielleicht wird man ja gleich weggesperrt, weil man nicht in das Schema passt, dass manch anderer sich von einem alten Menschen macht. Wäre wahrscheinlich gar nicht so selten. Fragen, die ausserhalb der allgemeinen Denkweise angesiedelt sind, könnten an der Substanz der Realität zehren. Das jedoch rüttelt dann an der festen Übereinstimmung mit den Schulwissenschaften. Welch eine Katastrophe!
Wenn sich immer alle an die allgemeinen Denkweisen gehalten hätten, würden wir heute noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist! Jeder Teilnehmer einer Kreuzfahrt müsste vorher eine Erklärung unterschreiben, dass er alle Risiken eines Absturzes in vollem Umfang auf sich nimmt. Das wären dann tolle Aussichten, alle Reedereien wären alsbald insolvent! Und die Meyerwerft in Papenburg könnte Papierschiffchen falten ...
Die große Erdhummel dort auf dem Margeritenstrauch sucht für ihr kleines Völkchen nach Nahrung. Fleissig und ohne sich stören zu lassen, fliegt sie von Blüte zu Blüte, unermüdlich. Welch ein kleines Wunder ist sie doch. Ich frage mich, was der Schöpfer sich dabei gedacht hat. Wenn ich mir diese Hummel in Großaufnahme betrachte, sehe ich erst richtig dieses Wunderwerk der Schöpfung! Und als ich sie mir auf die Hand setze - sie tut mir nichts, gar nichts. Ich darf sie mir anschauen, sie hat nichts dagegen. Woher weiß sie, dass ich sie mag?
Haben wir etwas anstelle der Natur einzusetzen? Gewiss, wir benutzen Technik, Elektronik, Erfahrung, Geist und Wissen. Dabei vergessen wir oft, dass so manche Bauart beispielsweise aus der Natur übernommen wurde, nur eben in größerer Form. Und die hat sich allemal bewährt. Wie oft wird diese Natur vergewaltigt, bis zur Unkenntlichkeit verändert. Und irgendwann, bei einer Katastrophe, schlägt sie zurück. Dann wundert sich der Mensch, warum dies geschieht!
Ja, nun hat mich mein Weg zurückgeführt, nach Hause, zu meinem Domizil. Dorthin, wo Ameisen und Mücken mir wieder beweisen, dass nichts vollkommen ist. Auch sie haben ihre Daseinsberechtigung. Genauso, wie die Schnecken, die meinen Salat als Leibspeise auserkoren haben!
Jedenfalls war es ein ereignisreicher Morgen, auch wenn er vielleicht sinnlos war. Für mich nicht. Ich liebe die Natur, mit allen Einschränkungen, die sie mir auferlegt. Ich muss nicht alles tun, was mir richtig erscheint; schließlich habe ich meinen Kopf nicht nur für den Friseur ...

©by Wildgooseman

5. Juni 2016

Wo ist Heimat?


Neunundvierzig Jahre war es jetzt her. Eine unendlich lange Zeit. Die Soldaten in den erdbraunen Uniformen hatten die Jungen geholt. Mitten aus der Schule. Ein halbes Jahr nach Kriegsende gab es das noch immer. Menschen verschwanden, waren plötzlich nicht mehr da! Einfach weg, ohne eine Spur zu hinterlassen. So wie von Jan auch keine Spur zu finden war. Die Kommandantur hüllte sich in Schweigen.
»Ich nix wissen, du raus, dawai.«
Alles wartete auf seine Rückkehr. Vergeblich alle Nachforschungen. Keinerlei Ergebnisse über viele Wochen hinweg.Misstrauen machte sich breit in der Nachbarschaft. Es blieben offene Fragen in der Familie, die nie geklärt werden konnten.

Mutter war die Letzte, die immer noch hoffte. Nächtelanges Warten, Grübeln. Wo ist Jan? Es gab keinen Anhaltspunkt, an dem man sich festbeissen konnte, kein Ziel, das anzustreben war.
Die anderen beiden Kinder, die Schwestern des Jungen, waren noch zu klein, um dieses Ereignis wirklich richtig einordnen zu können.
Neunundvierzig Jahre vergebliches Hoffen, wie hält man das durch? Wie übersteht man diese qualvolle Erkenntnis, dass der Sohn fort ist, ohne dass man weiss, wo er letztlich geblieben ist? Wie überlebt man die Gewissheit, dass dieses Kind vielleicht nie mehr in die Arme der Mutter zurückkommt?
Neunundvierzig Jahre. Die Mutter ist längst verstorben, sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihren Jan noch einmal sehen zu dürfen. Es war vergeblich. Die beiden Schwestern haben ihn längst vergessen, erinnern sich nur noch dunkel an den großen Bruder. Die Zeit ist über die Familie hinweggegangen.
***
Iwan Melnikow steht vor der Tür des Rathauses. Seinen deutschen Personalausweis hält er in den Händen, versucht die Worte zu entziffern, die ihm eine Heimat in einem Land versprechen, das er seit seiner Kindheit niemals mehr gesehen hat.
Die wenigen Deutschkenntnisse reichen beileibe nicht aus, alles zu entziffern. Er spricht zwar gebrochen Deutsch, mit stark russischem Akzent, aber zum Lesen bedarf es noch gewaltiger Anstrengung.
Eine fremde Heimat, seine Heimat. Als er seinen Ausreiseantrag in Kasachstan stellte, hatte er noch Träume. Träume von seiner alten Familie, von der er getrennt wurde, seinen Schwestern, seiner Mutter. Träume von einem Land, das er einst seine Heimat nannte, wunderschöne Landschaften, die in seiner Seele verankert waren. Diese Bilder hat er sich in den Jahren immer wieder vor Augen geführt und seine Sehnsucht hatte ihn dann dazu gebracht, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Nun hält er den Personalausweis in der Hand. 
Jan Müller heisst er nun ! So hieß er ja auch, als er im Alter von dreizehn Jahren nach Kasachstan kam. Dann wurde aus ihm der Melnikow und aus Jan wurde Iwan. Deutschland hat ihn nun wieder. Ist er nun glücklich?

Oftmals hat er darüber nachgedacht. Was ist schon Glück?
Seine Frau, eine liebenswerte Kasachin, starb vor drei Jahren an einem Schlaganfall, erst danach hat er die Ausreise beantragt. Glücklich hier in Deutschland? Wenn er lang genug darüber sinniert, kann er eigentlich nichts dazu sagen. Deutschland ist ein kaltes Land, es hat keine Seele mehr, meint er. Die Menschen hier sehen hauptsächlich nur sich selbst, das Geld und den Luxus, den jeder glaubt, beanspruchen zu müssen.
Die Menschlichkeit ist oftmals auf der Strecke geblieben, wenn er, wie oftmals, von Jugendlichen angepöbelt und als »Russki« beschimpft wird, möchte er am liebsten wieder zurück in die Steppe Kasachstans.
Dort war er Mensch. Hier ist er nur ein drittklassiger Aussiedler.

»Meine Heimat ist Deutschland!« Das sagt er jedenfalls, wenn man ihn fragt.
Was in seinem Herzen vorgeht, darüber schweigt er sich aus ...

©by Wildgooseman----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------