23. Juni 2017

Heimat, was ist das?



Ich lese sehr oft die Statements die das Wort »Heimat« hervorheben. Ich denke, dies ist ein Begriff, der schon fast inflationär erscheint und für alles herhalten muss, dass mit der Vergangenheit verbunden ist. Sollte man da nicht erst einmal den Begriff »Heimat« definieren? Was ist für mich Heimat?
Ein Ort? Ein Gefühl? Ein Traum?
Ist Heimat der Ort, an dem die Eltern lebten, die Vorfahren? Ich selbst vielleicht in früheren Jahrzehnten? Wenn Heimat aber so etwas Unbestimmtes ist, wie kann ich dann danach eine Sehnsucht entwickeln?
Eine Bekannte sagte mir:
»Heimat sind Landschaft, Menschen und Stimmung. Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin.«
Wenn das aber so ist, warum habe ich dann eine Sehnsucht nach der Zeit (oder dem Ort?), in der ich einst lebte. Warum?
Heimat ist im Herzen, nicht im Verstand. Und man sollte versuchen, da zu sein, wo Heimat ist. Nicht immer gestattet das Leben einem das.
 Meine Heimat ist dort wo ich meine Kindheit verbracht habe und wo auch die Wurzeln meiner Persönlichkeit entstanden sind. Ich stelle mit meiner Persönlichkeit auch ein Stück meiner Heimat dar, so wie ich in Wirklichkeit bin und nicht wie ich heute sein möchte.
Wenn ich mich nicht ganz diesem Heimatgefühl hingeben kann, bin ich heimatlos, d.h. bindungslos!
Karl Jaspers, der Philosoph (1883 - 1969), sagte einst:
»Heimat ist da, wo ich verstanden werde und verstehe.«
Ich glaube, die Wirklichkeit muss man noch von einer anderen Warte sehen:
Heimat, das ist die endlose Suche des Menschen, nach Rückhalt und Glück, nach Unbekümmertheit und Liebe, nach Geben und Nehmen. Nach dem Leben, der unwiederbringlichen Vergangenheit und der Sehnsucht nach der Kindheit mit ihren fantastischen Möglichkeiten.

Was ist Heimat? Es ist ganz schwer, darauf zu antworten.
Ist Heimat dort, wo ich geboren wurde oder da wo ich lebe, wo es mir gut geht?
Ist Heimat ein Ort, ein Land, eine bestimmte Landschaft? Ist meine Heimat da, wo ich mir etwas geschaffen habe, vielleicht ein Haus gebaut, eine Familie gegründet?
Was ist Heimat, wo ist meine Heimat?

Viele Fragezeichen, viele Fragen überhaupt. Ich kenne das Heimweh nur zur Genüge, oft hatte ich in meinem Leben damit zu tun. Aber wonach hatte ich Heimweh, was war es, das mir dann oft das Herz schwer machte?
Wie zum Beispiel kann ich Heimweh haben nach einem bestimmten Ort oder Haus, wenn dort überhaupt niemand mehr lebt, den ich kenne?
Manchmal kommen in stillen Stunden Gedanken hergeflogen, einfach so durch den blauen Nebel der Vergangenheit in die Jetztzeit hinein.
Sie erzählen von Zeiten und Menschen, von Stätten und Ereignissen und ich träume in diesen Augenblicken von einer Heimat, die ich immer suchte und doch niemals fand.
Ich definiere für mich selbst die Heimat als die Zeit und die Orte meiner Kindheit. Ich benenne es dann immer mit dem Wort "Kinderheimat"!
Ja, ich weiß, es klingt auch ein wenig kindhaft, aber ich meine es wirklich so!

Das kommt sicher daher, dass ich in meinem Leben niemals so richtig bodenständig war! Früh herausgerissen aus einer Kinderzeit mitten in den Wirren und Grausamkeiten des Krieges, plötzlich hineingestellt in den Kampf ums Überleben der Nachkriegszeit.
Wurzellos, bodenlos, heimatlos?

Ein Freund aus dem Internet fragte mich, warum ich mich im
Web Wildgooseman nenne! (die männliche Wildgans)
Ich denke, es kommt daher, dass ich ebenso wie die Wildgänse ständig den Drang verspüre, fortzuziehen. Genau so gern jedoch komme ich wieder nach Hause! Ich möchte unterwegs sein und dennoch einen Fixpunkt haben, an dem ich landen kann.
Ist das ein Heimatgefühl? Sicher ist es das nicht. Auch meine Familie ist nicht meine Heimat, sie ist ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit, aber mit Heimat hat das nichts zu tun.
Man sagt immer: »Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr!«
Ich glaube nicht an solche Aussprüche. Auch im Alter habe ich das Umpflanzen immer gut überstanden, sofern nur der Boden gut vorbereitet war. Jeder Gärtner kennt diesen wichtigen Grundsatz!
Heimat aber wird nicht daraus, ich bin der Meinung, Heimat hat man im Herzen, in der Seele. Heimat ist tief in mir. Aber trotzdem kann und darf immer ein Gefühl von Sehnsucht bleiben, Sehnsucht nach der weiten Ferne.
Heimweh und Fernweh sind Geschwister, waren es schon immer, solange es die Menschheit gibt.
Wer könnte mir das Gegenteil beweisen?

©by Wildgooseman

22. Juni 2017

Omas Notebook



Oma Battermann ist doch immer noch ganz helle. Das habe ich immer schon gewusst. Du musst dazu wissen, dass die alte Battermannsche bereits 87 Jahre alt ist.
Und nun, vor vierzehn Tagen, hat sie so ein Notebook bekommen, du weißt doch, diesen kleinen Computer, den man auch mitnehmen kann, wenn du mal hinter die Tür musst, wo »00« drauf steht.
Was macht man da mit einem Computer? Na klar, eigentlich nichts. Aber wenn du es denn willst, dann kannst du den dort benutzen.
Omas Enkel Hinnerk hat ihr gesagt, sie soll doch mal mit anderen Älteren »chatten«. Oma guckt erst einmal ein bisschen erschrocken, dann fragt sie:
»Was - was ist das denn - schätten?«
Hinnerk erklärt ihr nun alles, und von nun an ist Oma von ihrem »Notebook« gar nicht mehr zu trennen. Wenn sie nun mal eine Erbsensuppe kochen will, dann schaut sie erst mal in solch eine Google-Seite rein, und dann kocht sie die nach dem Rezept.
Ihr Leben lang hat sie Erbsensuppe gekocht und die war immer so lecker - aber in der letzten Zeit schmeckt die Suppe so ein bisschen nach „Google-Suppe“!
Letzte Woche verkündete Oma mit einem Mal, dass sie englisch lernen will! In der Computerwelt kommen so viele englische Wörter vor, dass sie das nun lernen muss.
Die Familie guckt sich gegenseitig an, als wenn die Welt zusammenbrechen würde.
Eike Teerboven, die ja nun die Tochter von Oma ist und auch die Mutter von Hinnerk, kriegt ein paar Augen, so groß wie eine Teetasse.
Un dann stottert sie: »Was, was - willst du? Englisch lernen? - Tja, bist nun noch richtig im Kopf?«
Oma knuddert so vor sich hin:
»Nee, gönnst du mir das nich? Ich bin weit über Achtzehn und kann machen was ich will. Und ich will das nun mal! Punkt!«
Keiner kann darauf noch etwas sagen. Nur ihr Enkel Hinnerk grient vor sich hin und sagt dann:
»Das ist mal eine gute Sache! Unsere Oma schafft das. Gratuläschen, Oma!«
Sein Vater stand noch noch immer mit offenem Mund und guckt so wie ein alter Lanz-Bulldogg! Und Mutter sagt gar nichts mehr.
Am anderen Tag trifft Oma Battermann ihre Freundin Oma Harms und es dauerte gar nicht so lange und beide besuchten ab sofort die Volkshochschule und ließen sich dort einschreiben für den Englisch-Kurs. Die anderen Schüler guckten natürlich ein wenig verdattert, aber mit der Zeit lief sich dann doch alles zurecht.
Und nun sind beide bereits seit drei Wochen dabei, englisch zu lernen, und das klappt wunderbar.
»Neiss to sie ju«, das können sie schon. Das andere käme dann auch noch mit der Zeit, sagen sie.

Oma meint dann ja auch, dafür hätte sie ja wohl das
NOT-BOOK. Anders wäre der Name ja wohl auch sinnlos, nicht?

©by Wildgooseman

13. Juni 2017

Ein Wiedersehen

Einige Zeit stand ich nun schon vor dem Gartenzaun, betrachtete die wunderhübschen Rabatte mit verschiedenfarbigen Dahlien und den frühen Herbstastern. Es war wirklich eine geschmackvolle Gestaltung, die diesen Garten auszeichnete. Er war gepflegt, und trotzdem naturnah; die Brennnesseln dort an der entlegensten Hecke ließ auf Bewohner schließen, die das natürliche Wesen eines Gartens liebten.
Dann, ganz plötzlich, vernahm ich ein Flüstern, fast unhörbar, ich musste schon ganz genau hinhören, um diese Stimme zu verstehen.»Hallo«, sagte die Stimme, »da bist du ja endlich. Ich habe lange auf dich gewartet. Unendlich lange.« 

Erstaunt und auch etwas erschrocken sah ich nach rechts in den Garten hinein. Ich hatte ihn ja schon vorher betrachtet, eigentlich müsste ich sagen: wiedergesehen! Ich wusste nur nicht, ob er mich nach zwanzig Jahren noch erkannt hatte.
»Du weißt noch, wer ich bin?«, fragte ich leise.
»Natürlich weiß ich das, wir waren doch damals unzertrennlich. Oder hast du das vergessen?« 
»Ich hab nichts vergessen«, sagte ich, »erinnerst du dich noch, was ich hier alles getan habe?«
Ich unterstrich mit einer weitausholenden Handbewegung meine Worte. Wie ein buntes Kaleidoskop sah ich dabei vor meinen inneren Augen die Zeit vor mir, als wir wirklich eng beieinander lebten. Als ich hier in diesem Haus lebte und wirkte.
Es war eine wunderschöne und lebensbereichernde Zeit, damals vor fast vierzig Jahren. Hier in diesem Garten spielten meine Kinder, ja, und er wuchs ja praktisch mit ihnen auf, es war, als würde er auch zur Familie gehören.
Er sah mich an, es schien mir, als würde er ebenso nachdenkend sein Haupt schütteln und dabei in die Vergangenheit blicken.
»Ja«, flüsterte er dann leise, »es war wunderschön hier bei euch. Erinnerst du dich noch an die Federballspiele an Sommerabenden, als ich euch oft im Wege stand und ihr dann meintet, ich sollte mich doch ein paar Meter weiter hinstellen?«
Ich musste lächeln. Ja, so war es wirklich. Er stand immer im Wege und doch waren wir glücklich, weil er da war!
Wir halfen ihm auch stets, wenn er Schwierigkeiten hatte. Das war ja selbstverständlich. Jeder von uns, auch meine Kinder liebten ihn, weil er eben so einmalig war, weil er gewissermaßen zu uns gehörte.Später dann waren die Kinder alle aus dem Hause, suchten ihr eigenes Glück im eigenen Heim. Danach waren wir beide lange Zeit ganz allein, er und ich. Aber auch meine Partnerin, die dann zu mir kam, mochte ihn sehr, er gehörte eben dazu.

Etwas später kam meine Pensionierung und wir mussten dieses Haus, das meine Dienstwohnung war, verlassen. Ich war unglücklich, von diesem Ort fort zu müssen, und ich glaube, er war ebenfalls traurig! Oft ging ich zu ihm, wenn meine persönlichen Nöte und Sorgen mich bedrückten, bei ihm habe ich mich auch manchmal ausgeweint, wie ich ehrlich zugeben muss.

Aber irgendwann kam es, wie es kommen musste, ich verließ das Haus, den Ort und ich verließ auch ihn!
Heute nun kam ich nach fast zwanzig Jahren wieder zurück. Ich sah ihn und die Erinnerungen stiegen in mir auf. Es war fast so wie damals, als ich ihn verlassen musste!
Er war in den Jahren gewachsen, etwa zwanzig Meter hoch. Als ich ihn pflanzte, den kleinen Weihnachtsbaum mit Wurzeln, maß er gerade einen Meter!

Mein Pflegen, Gießen, Düngen hatte mitgeholfen, ihn zu einem stattlichen Baum werden zu lassen. Und darauf bin ich stolz!

©by Wildgooseman

Es gibt keine Wunder mehr!

Nicht wahr, das sagt sich so leicht und einfach daher. Unsere moderne und aufgeklärte Zeit hat keinen Platz mehr für Wunder, alles wird erklärbar gemacht, die Wissenschaft hat für alles eine einleuchtende Antwort.
Gibt es wirklich keine Wunder mehr? Seit wann ist das denn schon so?
Gestern an diesem heißen Sommertag, als ich dieses Bild »schoss«, gab es aber noch Wunder!
Als ich diesen schattigen Waldweg entlang ging, die Kühle der Blätter buchstäblich spürte, das Schlagen des Buchfinks hörte und das leise durchdringende Zirpen der Zikaden vernahm, da gab es das Wunder noch!
Wer kann das kunstvolle Gebäude eines Waldameisenhaufens betrachten, ohne staunend stillzustehen? Das Vogelnest, irgendwann einmal vom Sturm aus einem Baum herunter geweht, ist es nicht ein Wunderwerk, kunstvoll von den kleinen Baumeistern geschaffen? 
Hebe ich den kleinen Stein auf, von ästhetischer Schönheit in Grau mit wundervoller Maserung, Millionen von Jahren alt – ist das nicht ein Wunder?
Das Reh, das mich aus dem Unterholz heraus mit vorsichtigen Blicken beobachtet, jederzeit zur Flucht bereit, auch das ist ein Wunder.
Christian Morgenstern schrieb einst:
»Nichts ist so klein, dass es nicht Wurzeln hätte bis in den Urgrund des Geheimnisses, und von Rechts wegen dürften wir, wie viel wir auch über die Dinge wissen, das Staunen ihnen gegenüber niemals ganz verlernen.
Das Wunder bleibt immer größer als die Erklärung! «
Es gibt keine Wunder mehr!
Es gibt keine Wunder mehr?
Wer kann so etwas behaupten, ohne sich täglich selbst zu widersprechen? Wir neigen immer dazu, alles mit irgendwelchen Thesen erklären zu wollen. Immer hinter die Dinge zu schauen, zu versuchen der Natur ins Handwerk zu pfuschen. 
Warum nicht einmal alles so hinnehmen, wie es ist, wie es geschaffen wurde, erhalten wurde und noch immer wird, solange sich der Mensch da nicht einmischt.

Ich denke, das Einzige, das mich nicht mehr an Wunder glauben lässt, ist der Mensch, der sich ständig selbst zu reproduzieren versucht und die Natur verdreht und ummodelt, bis sie nicht mehr sie selber ist, sondern nur noch ein Abklatsch des menschlichen Willens! 
Nur gut, dass dies nicht immer klappt. »Gott sei Dank!«


©by Wildgooseman

6. Juni 2017

Tagebuch des Lebens

Blätterst du manchmal auch
in deinem Tagebuch des Lebens?
Nimmst den angefeuchteten Zeigefinger
und wendest eine Seite nach der anderen um?

So ist es nun mal im Menschendasein:
Täglich erfährst du, wie das Leben etwas
in dein Tagebuch schreibt,
ob es dir nun Recht ist oder nicht.

Rückschau halten heißt ja nicht,
an der Vergangenheit hängen bleiben.
Es kann auch bedeuten, dass du aus
Vergangenem Lehren ziehst .

Manchmal sind diese Seiten umfangreich.
Es scheint, dass nicht alles hinein passt
in diesen deinen Tag,
so eng stehen die Zeilen beieinander.

Dann wieder ist es nur eine kleine Notiz,
die du liest, kaum der Rede wert.
Du meinst vielleicht, es lohnt sich gar nicht
weiter zu lesen, so uninteressant ist es.

Wenn du nun aber eines Tages siehst,
dass die Seiten anfangen weiß zu bleiben,
dann ahnst du im innersten Winkel des Herzens,
dass du aufhören wirst zu leben.

Lass dies nicht zu, lass jeden Tag
etwas Neues entstehen
und sei es auch nur Aufgewärmtes
vom Vortag ...


© by wildgooseman

10. Mai 2017

Das Wässerchen

Ein jeder Mensch ist manchmal krank,
doch dafür gibt es Gott sei Dank,
ob es nun Schmerz ob Fieber sei
aus der Apotheke `ne Arznei.

Wenn ich nun auf den Zettel gucke,
was ich zur Besserung dann schlucke,
versuche ich, es auch zu lesen,
denn schließlich will ich ja genesen

vom Übel, dem vermaledeiten
und lasse gern mich davon leiten
was dort geschrieben klitzeklein
zu dem Gesundheitswässerlein.

Entziffern konnt' ich nicht die Schrift,
doch dacht ich mir: Dies ist kein Gift!
Deshalb nahm ich gleich mit Hauruck
aus dem Fläschchen einen Schluck.

Ich habs versucht, ich kanns euch sagen,
jetzt lieg ich hier seit zwei, drei Tagen
kann nicht sterben und nicht leben!
Doch einen Rat kann ich euch geben:

Wenn ihr so krank, wie ich es war,
dann ist bei euch doch eines klar,
ihr müsst drauf achten, was ihr trinkt,
und nicht was jemand euch mitbringt!

Ich habs versäumt, das ist mir peinlich,
ich bin ja wirklich sonst nicht kleinlich,
wollt blind dem Wässerchen vertrauen, -
es war ein Mittel zum Verdauen!



© by wildgooseman

6. Mai 2017

Der Oberleitnerhof

Bei meiner Wanderung in den Bergen hatte ich mich ohne mein Dazutun verspätet, das plötzliche Gewitter überraschte mich mit einer unbändigen Kraft. Ich konnte mich gerade noch unter einen Felsüberstand flüchten. Der bot mir zwar etwas Schutz, konnte mich aber vor den Regengüssen, die wie ein Wasserfall auf mich herniederprasselten, kaum bewahren. So war dann dieses Gewitter am späten Abend über mich hereingebrochen wie ein Ereignis der Urwelt.
Als dann endlich der Himmel heller wurde, waren fern im Westen Reste der Wolkensegmente hinter den Gipfeln sichtbar, übriggeblieben von diesem Gewitter, das mich so unerwartet überrascht hatte.

Inzwischen war aber die Nacht schon hereingebrochen. In der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg ins Tal, liess mich dabei teilweise von dem Seil einer Lastenseilbahn leiten. Es war ein mühsamer Abstieg auf diesem steinigen Wege. Ausserdem war ich noch ziemlich geschockt von diesem lang andauernden Gewittersturm.
Plötzlich und unerwartet sah ich vor mir ein matt erleuchtetes Fenster! Verborgen zwischen Zinnen aus Dolomitgestein und grünen Matten der Alm, lag vor mir ein BerghofEin verwittertes hölzernes Schild mit einer kaum noch lesbaren Aufschrift: Oberleitnerhof.
Hier war anscheinend die Ruhe zu Hause, die Stille vom Alltag des Lebens zwischen den grauen Bergriesen, denen die Menschen hier seit uralten Zeiten ihr Leben abgerungen haben, täglich aufs Neue. Und dennoch leuchtete aus diesem Fenster ein Stückchen Frieden, ich spürte einen Hauch von Zufriedenheit, die Hetze der Großstadt hatte hier noch keinen Einzug gehalten.
Auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich an der Seite des Hauses eine schwere eichene Tür. Misstrauisch schaute das faltige Gesicht eines alten Mannes in die Finsternis hinaus.»Joa?«Ich erklärte ihm mit leiser Stimme meine Lage nach diesem Gewitter und bat ihn um einen trockenen Platz für den Rest der Nacht. Wortlos öffnete er die Tür weit und zeigte dabei mit einem Daumen in das Innere des Hauses. Dann rief er laut: »Hannes!«
Wie auf Befehl stand dann noch ein alter Herr vor mir, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, nur einige Jahre jünger. Bekleidet waren die Alten mit Cordhosen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, rotgewürfelten Hemden und den unvermeidlichen blauen Tiroler Schürzen, wie sie fast jeder alte Einwohner der Dörfer trug.
Meine anfängliche Unsicherheit legte sich bald, und nachdem sie mich dann mit Brot und Speck bewirtet hatten, dem dann noch ein Viertel Gewürztraminer folgte, waren wir uns schon bedeutend nähergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Beiden hatten Nachholbedarf an Erzählungen, so saßen wir noch bis weit in die Nacht hinein und teilten unsere Erlebnisse. Wobei der Großteil davon auf ihr Konto ging und ich voller Interesse gespannt zuhörte.

Die Familie Oberleitner lebt hier schon seit vielen Jahrhunderten, ganz genau wussten sie es auch nicht mehr. Nach uralten Unterlagen aber existierte der Oberleitnerhof jedenfalls schon im 14. Jahrhundert, als Gräfin Margarethe von Maultasch Landesherrin von Südtirol war und später dem Habsburger König Rudolf IV. das Land übergab.
Sie waren zu keiner Zeit reich, die Oberleitner-Familien. Aber sie konnten mit dem Ertrag ihres Hofes einigermaßen leben. Da sie nun stets mit vielen Kindern gesegnet wurden, zehn bis vierzehn Kinder waren keine Seltenheit, waren stets genug Arbeitskräfte auf dem Hof vorhanden.
Wie es nun aber in alten Zeiten stets an der Tagesordnung war, zahlten auch sie ihren Blutzoll an die jeweils Herrschenden im Lande. Jeder Krieg musste von ihnen, den Bauern und Unfreien des Landes getragen werden und je nach Ausgang des Krieges, wurden sie dann später durch Lehen vom Kaiser mit neuen Ländereien belohnt, im anderen Falle verloren sie wieder alles, oft auch ihr Leben. So manch einer der Bauern musste dann seine Scholle verlassen und verdingte sich bei anderen, die mehr Glück hatten.

Das Leben auf dem Berghof war nie leicht. Manches Mädchen, das dort einheiratete, glaubte am Anfang an das Paradies, wurde aber binnen kurzer Zeit eines Besseren belehrt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde die Arbeit nicht weniger. Selbst bei Krankheiten, die gottlob nur selten auftraten, wurde bis zur Selbstaufgabe weiter gearbeitet, weil man ja sonst den übrigen Familienmitgliedern mehr aufbürden musste.
Dieses harte Leben hatte die Oberleitnerfamilie auch stolz gemacht, auf ihre Leistung, auf ihre uralte Vergangenheit. Stolz aber kann auch unduldsam machen. Diese Intoleranz war dann auch der Grund, dass heute beide Alten völlig allein leben. Die beiden Brüder im hohen Alter von 82 und 84 Jahren sind übrig geblieben von der Familienreihe ihrer Familien.
Zwei alte Männer, die nie geheiratet hatten, 
»weil es sich nie ergab«, wie sie mir erzählten. Ich erfuhr aber auch nebenbei, dass es nie jemand lange auf dem Hof ausgehalten hatte, weder Weiblein noch Männlein. Dazu waren die Oberleitners stets zu selbstbewusst und herrisch in ihrem Auftreten. Sie ließen halt niemand neben sich gelten.
Walburga Zehntner beispielsweise hatte noch eine Woche vor ihrer geplanten Trauung mit Frieder alles hingeworfen und fluchtartig den Hof verlassen. So waren die beiden nach dem Tod ihrer Eltern allein geblieben.
»Wir brauchen keinen Menschen«, meinte Jonas, »wir sind uns selbst genug
Er sagte es mit einer Bestimmtheit, dass ich es eigentlich glauben musste. Und dennoch war mir nicht so ganz wohl bei dieser Aussage. Es sprach doch ein großer Rest von Einsamkeit aus ihren Worten, die sie vergeblich versuchten, vor mir zu verstecken.
Es war ja auch immer gut gegangen, bis in die Gegenwart, jedenfalls nach außen hin. Heute haben die beiden Brüder genug damit zu tun, ihre beiden Kühe und ein paar Ziegen zu versorgen, die ihnen noch geblieben sind, dann im Sommer an den steilen Hängen der Alm das gehaltvolle Gras mit den Wildkräutern zu Heu zu verarbeiten. Käse und Butter stellen sie noch in eigener Produktion her und beliefern damit den Krämer. Alles Übrige lassen sie sich mit dem Lastenaufzug aus dem Tal heraufschicken. Elektrizität haben sie aber schon seit dem letzten Krieg erhalten, die Kosten für den Leitungsbau dafür mussten sie aber auch damals selbst tragen.
Sie leben also in ihrer Abgeschiedenheit zwar ärmlich, aber dennoch autark und selbstbewusst ihren Lebensabend hoch droben in den Bergen auf ihrem Oberleitnerhof. Auf der Höhe von 1200 Metern sind sie im Winterhalbjahr fast vollständig abgeschnitten von der Umwelt.
Wie lange das noch so bleiben kann? 

Frieder meinte: »Irgendwann bleibt noch einer übrig, bis auch der seinen letzten Weg gehen wird. Erben haben wir nicht, was dann hier oben passiert, weiss allein unser Herrgott. Und der wirds schon richten!«
Ich schlief den Rest der Nacht im alten Zimmer ihrer Eltern, und ich schlief so gut wie lange nicht mehr auf einem frisch gestopften Strohsack!
Am Morgen klopfte Frieder an die Stubentür. Mit einer Tabakpfeife im Mundwinkel schaute er mich dann verschmitzt an und meinte, dass ich mich draussen am Wassertrog frisch machen könne.
Das rustikale Frühstück musste man mir nicht lange aufdrängen, und den Tiroler Räucherspeck esse ich seitdem heute noch gern, auch wenn er nicht so gut schmeckt, wie damals auf dem Oberleitnerhof!
Der Abschied war für mich unerklärlicherweise sehr sentimental. Wir wussten, dass wir uns niemals wiedersehen würden. Aber es war ein wundervolles Erlebnis, das ich in meiner Erinnerung gespeichert habe. Seit dieser Begegnung weiß ich, dass es mehr gibt auf unserer Welt, als die Jagd nach immer mehr Geld und Macht!




©by Wildgooseman

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26. April 2017

Entsorgung!


Entsorgung ist heute ein allumfassendes Thema. Wir entsorgen heute fast alles. Kunststoffe, Papier, Glas, Essensreste, alte Autoreifen, Metall- und Alteisenschrott, Elektronikteile jeder Art.
Noch niemals in der Geschichte der Menschheit wurde soviel einfach fortgeworfen, entweder in dazu bereitgestellte Abfallbehältnisse oder auch sehr oft einfach mitten hinein in die Landschaft, die Wälder, die Wiesen. Und niemand macht sich ein Bild davon, was mit diesem Abfall geschieht, der unrechtmäßig und verbotenerweise einfach irgendwo abgeladen wird und dann nicht nur die Landschaft verschandelt, sondern oftmals auch mit hochgiftigen Rückständen noch die nachkommenden Generationen beeinflusst.
An den Küsten der Weltmeere und sogar mitten in den Ozeanen sammeln sich die Plastikabfälle zu riesigen Inseln. Fische und viele andere Lebewesen sind von diesen Überresten der Zivilisation aufs tödlichste bedroht.
Was aber kann man denn tun? Entsorgung ist enorm wichtig, wenn wir nicht im Abfall ersticken wollen. Solange wir es noch schaffen, den von uns selbst produzierten Müll irgendwie wieder dem Kreislauf des natürlichen Lebens zuzuführen, ist das Problem sicher zu bannen.
Was aber, wenn nicht? Was geschieht, wenn wir tatsächlich im eigenen Abfall ersticken? In den letzten Jahren haben uns die Müllprobleme diverser Großstädte gezeigt, wohin das führen kann. Wochen-und monatelang lagen die Müllberge z.B. in Neapel auf den Straßen, türmten sich zu riesen Bergen, und niemand war in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen.
Politik und Wirtschaft waren sich nicht einig, wer dafür zuständig war und damit blieb dieses Problem hausgemacht.
Irgendwann kam es dann doch noch zu einer Lösung, die jedoch niemanden zufriedenstellte. Und so schiebt man die Lösung dieser Aufgaben immer weiter vor sich her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
Nicht überall auf der Welt wird der entstehende Müll nach Wertstoffen getrennt um dann jeweils der Wiederverwertung zugeführt zu werden. Und nebenbei gesagt: Nicht alles lässt sich auch wiederaufbereiten, dafür gibt es dann bei uns in Deutschland und vielen anderen Ländern die Müllverbrennungsanlagen.
Auf den aussereuropäischen Kontinenten jedoch sind diese Anlagen noch Mangelware! Eine neue Studie des amerikanischen National Center of Atmospheric Research (NCAR) hat zum ersten Mal versucht, Schätzungen für einzelne Länder hinsichtlich deren wahren Gasausstoß durch Müllverbrennung zu erheben.
Danach werden rund 40 Prozent des globalen Mülls in offenem Feuer verbrannt. Hierbei werden dann große Mengen an giftigen Gasen und gesundheitsschädlichen Schmutzpartikeln in die Luft abgeben. Diese Schadstoffe tauchen in keiner offiziellen Statistik auf, obwohl sie dem Klima und der Gesundheit enormen Schaden zufügen.
In Entwicklungsländern, in denen es nur ein schlecht ausgebautes Müllsammel- und Verwertungssystem gibt, brennen die meisten dieser gefährlichen Feuer. Da mit dem Konsum auch die Müllberge überall auf der Welt ansteigen, ist anzunehmen, dass ebenso die Zahl der privaten Müllverbrennungen in Dörfern, aber auch in Slums und Großstädten zunehmen wird. Eine besondere Gefahr geht von dem Rauch aus, der bei der Vernichtung von Plastik und Elektrogeräten entsteht. Von diesen besonderen Russpartikeln ist ein erhöhter Anteil für diverse Krankheiten verantwortlich, die in zunehmendem Maße zum globalen Problem werden.
Ich stelle damit abschließend fest, dass dieses Wort »Entsorgung« völlig fehlinterpretiert ist. Wenn mein Müll abgeholt wird, (also entsorgt), bleibt die Sorge weiter akut, lokal und global.
Aber der Verursacher eines Schadens ist auch für die Beseitigung zuständig. Das sollte inzwischen jedem Schulkind geläufig sein, wenn es seinen Kaugummi achtlos auf der Straße »entsorgt«.
Die Wirtschaftsunternehmen machen den Umsatz und verdienen an allen Verkäufen. Weniger Verpackung und die Übernahme der Beseitigung muss Standard werden. Wer Waren erzeugt, ist auch für die Beseitigung der Abfallprodukte zuständig, selbst wenn dadurch die Gewinnspanne der Unternehmen um einen Bruchteil gesenkt wird!

Abfallbeseitigung ist ein Thema, das uns alle angeht. Wir haben keine zweite Erde in Reserve, die wir austauschen könnten!


©by Wildgooseman

18. April 2017

Der Farbenspieler


Schon seit Langem störte mich
die blendendweiße Leinwand
auf meiner alten Staffelei.
Drum fasst ich mir ein Herz
und mixte meine Farben
enthusiastisch und voll Fantasie:

Das Chromoxydgrün mischte ich
mit Kassler Braun zu einem
wunderschönen Erdenton.
Ein wenig Gelb mit Grün noch
für die Sonne auf den Wiesen,
mit dunklen Schatten ausgefüllt.

Pariser Blau mit lichtem Ocker
gepaart für dunklen Tannenwald;
magentaroter Abendschein
hinter der braunen Fischerhütte
am kleinen umbragrünen See
vollendete die namenlose Pracht.

Wie von selbst lief da der Pinsel,
über freie Flächen, sie zu füllen,
gestaltete die Farben, Formen
und zum zauberhaften Farbenspiel
verliefen die Gedanken sich
mitten hinein in dieses Bild.

Als ich am Morgen dann erwachte,
rieb ich verwundert mir die Augen.
Nur Horizont, die Leinwand fort,
verschwunden alle Farben, Formen;
vom Bildnis meines Traums blieb nur
ein heller Fleck in den Gedanken.









©by wildgooseman

27. März 2017

Der Hexenturm

Ein wunderschöner Sommertag,
Hoch ragt in den Himmel
der Hexenturm aus alten Tagen
am Rande zerfallener Mauern.
Aus eines alten Mannes Munde
erfahr ich die Mär  ungeschminkt 
vom Schicksal vieler Hexen
dieser schönen alten Stadt.

Das Grauen sitzt noch tief 
in modrigen Gewölben.
Aus tiefdunklen Verliesen 
geistert noch in vielen Köpfen 
das teuflisch lodernd Feuer.
Und immer noch schürt 
der Henker glühendes Eisen
wie in vergangener Zeit.

Rostbraune Flecke dort
an den Wänden zeugen
von Qualen und Schmerzen,
erlitten in einsamen Nächten,
in denen Verzweiflung
das einzige Brot war 
und Hass das einzige 
Wasser des Lebens.

Als ich die grauenerregenden
Mauern wieder verliess,
verfolgten mich deren Bilder 
noch Nächte lang in Gedanken
der Trauer und des Entsetzens.
Gern würde ich heute 
die damaligen Richter befragen,
warum so Grauenvolles geschah. 

Wie gut nur, dass Gestern und Heute 
so fern voneinander bestehen. 
Wie sonst könnten Menschen 
voller Neugier die Stätten
ruhigen Herzens besuchen,
wissend, dass in diesen Mauern
entsetzliches Unrecht 
an Menschen geschehen.

©by Wildgooseman