18.6.24

Lesen ist unverzichtbar!


 






















Lesen ist gut für uns, das beweisen viele Studien. Und junge Menschen lesen auch gern, wenn auch in der Regel auf andere Weise als ältere Menschen. Eine bemerkenswerte US-amerikanische Studie kam zu dem Schluss, dass Menschen, die täglich mindestens 15 Minuten lesen, ein um 36 % geringeres Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. Dies ist vor allem für aktive Senioren von Bedeutung, denn Lesen hilft nicht nur, die kognitiven Funktionen scharf zu halten, sondern bietet auch eine Reihe anderer geistiger Vorteile, die die Lebensqualität insgesamt verbessern können.

       So wie körperliche Bewegung die Muskeln stärkt, bietet die geistige Stimulation durch Lesen ähnliche Vorteile für das Gehirn. Regelmässiges Lesen trägt dazu bei, das Gehirn aktiv und engagiert zu halten, was im Kampf gegen kognitiven Verfall, wie Alzheimer und Demenz, von entscheidender Bedeutung ist. Puzzeln und strategische Spiele wie Schach oder ähnliches können ebenfalls dazu beitragen. Insbesondere das Lesen stimuliert verschiedene Funktionen wie Gedächtnis, Konzentration und kritisches Denken auf einzigartige Weise.

       In einer Welt voller Stressfaktoren bietet das Lesen eine willkommene Abwechslung. Für Senioren kann das Abtauchen in eine andere Welt durch ein gutes Buch ein effektiver Weg sein, die täglichen Sorgen für eine Weile zu vergessen. Dies trägt dann zu einer erheblichen Stressreduzierung bei und zu einer besseren emotionalen und körperlichen Gesundheit. Die Lektüre eines bewegenden Romans oder einer inspirierenden Geschichte kann das Wohlbefinden steigern und eine tiefe persönliche Befriedigung vermitteln.

       Lesen bereichert den Geist mit neuem Wissen und kann im täglichen Leben ungeahnte Vorteile bringen. Es ist ein leistungsfähiges Instrument für lebenslanges Lernen, das besonders für Senioren wertvoll ist, die sich weiterhin aktiv an gesellschaftlichen Aktivitäten beteiligen, mit jüngeren Generationen ins Gespräch kommen oder einfach neue Fähigkeiten und Hobbys entdecken wollen. Außerdem ist Wissen etwas, das nicht verloren geht, selbst wenn andere Vermögenswerte oder Fähigkeiten nachlassen. Je mehr ein Mensch liest, desto reicher und ausdrucksfähiger wird seine Sprache. Das ist nicht nur in sozialen Situationen angenehm, sondern kann auch das eigene Selbstvertrauen stärken.

       Die Fähigkeit, sich gut zu verständigen, ist im Alter oft von entscheidender Bedeutung, vor allem wenn es darum geht, Beziehungen zu Freunden und Familie zu pflegen, sei es persönlich oder digital. Beim Lesen muss man sich eine Vielzahl von Informationen einprägen, von Handlungssträngen und Figuren bis hin zu Themen und Dialogen. Diese Tätigkeit stimuliert das Gehirn und verbessert das Kurzzeitgedächtnis, was für Senioren, die ihr Gedächtnis auf Trab halten wollen, von unschätzbarem Wert ist.

       Die Fähigkeit, Informationen zu analysieren und kritisch zu bewerten, wird durch das Lesen in hohem Maße trainiert. Dies kann nicht nur nützlich sein, wenn es darum geht, komplexe Zusammenhänge zu entschlüsseln, auch im täglichen Leben, wo kritisches Denken erforderlich ist, um Entscheidungen zu treffen oder Nachrichten zu bewerten ist es von unschätzbarem Wert.

       In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit ständig zwischen mehreren digitalen Geräten aufgeteilt ist, bietet das Lesen eine seltene Gelegenheit, sich ganz auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Dies kann dazu beitragen, die geistige Klarheit zu verbessern und die Konzentration zu steigern, was für die Aufrechterhaltung eines aktiven und engagierten Geistes unerlässlich ist. Der Kontakt mit verschiedenen Schreibstilen und literarischen Techniken regt die eigene Kreativität an, sei es beim Schreiben von Briefen, beim Führen eines Tagebuchs oder sogar beim Verfassen eines eigenen Buchs.    Mit einem breiten Spektrum an Themen gibt es immer ein Buch, das den persönlichen Interessen und Bedürfnissen entspricht. So bleiben Neugier und Engagement erhalten, die für ein gesundes Geistesleben unerlässlich sind.

       Diese Vorteile des Lesens machen deutlich, wie wertvoll diese Tätigkeit für Senioren sein kann. Es ist jedoch interessant festzustellen, dass trotz des Rückgangs des traditionellen Lesens unter jungen Menschen, diese sich immer noch voll und ganz mit Textinhalten im Internet beschäftigen. Dies zeigt, dass der grundlegende Wert des Lesens - die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen - sich über die Generationen hinweg entwickelt, aber gleich bleibt. So bildet das Lesen eine Brücke zwischen den Generationen, bei der Jung und Alt die Macht der Worte und des Wissens zu schätzen wissen.

       Obwohl sich die Art und Weise, wie junge Menschen heute lesen, von der älterer Generationen unterscheidet, ist ihre Beschäftigung mit Textinhalten die gleiche geblieben! Soziale Medien, Blogs, E-Books und sogar interaktive Plattformen wie Foren und Wikis sind allesamt moderne Mittel, mit denen junge Menschen Texte konsumieren und produzieren. Diese Plattformen fördern nicht nur das Lesen an sich, sondern auch das kritische Denken und fordern zur Interaktion auf, z. B. durch das Kommentieren oder Bewerten von Inhalten.

       Die digitalen Inhalte, die junge Menschen konsumieren, sind oft dynamisch. Sie enthalten Hyperlinks, die eine weitere Erkundung von Themen ermöglichen, multimediale Elemente, die den Text unterstützen, und interaktive Funktionen, die eine direkte Reaktion des Lesers hervorrufen. Diese Art des Lesens kann als eine Erweiterung der traditionellen Lesefähigkeiten angesehen werden, wobei die junge Generation lernt, sich in einer viel komplexeren Informationslandschaft zurechtzufinden als in den linearen Texten früherer Generationen.

       Darüber hinaus vermittelt die Art und Weise, wie junge Menschen Informationen online verarbeiten - oft kritisch und vergleichend - ihnen Fähigkeiten, die in der heutigen Informationswirtschaft unerlässlich sind. Junge Menschen lernen, Informationen auf ihre Zuverlässigkeit und Relevanz zu prüfen und entwickeln die Fähigkeit, große Datenmengen schnell zu verarbeiten. Dies sind Kompetenzen, die in vielen modernen Berufen von unschätzbarem Wert sind.

        Trotz dieser Unterschiede in Medium und Stil gibt es eine gemeinsame Basis, auf die sich Jung und Alt beziehen können. Der tiefe Wert des Lesens als Mittel zum Wissenserwerb und zur Persönlichkeitsentwicklung bleibt bestehen, unabhängig von der Form, in der der Text präsentiert wird. Dies bietet eine einzigartige Gelegenheit für den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Generationen. Ältere Generationen können von den digitalen Fähigkeiten junger Menschen lernen, während junge Menschen von der tiefen Leseerfahrung und der kritischen Analyse profitieren können, die traditionelle Leser besitzen.

 

12.6.24

Immer nur »Bad News«?

 













Ivan Shishkin, Im Birkenwald

 

Täglich lesen oder sehen wir die neuesten Nachrichten, aus Stadt und Land, von fern und nah. Meist sind es schlechte Fakten, die uns da zugeführt werden, teilweise auch bewusste Fälschungen, die wir uns ansehen, ob wir es wollen oder nicht. Meist sind es schlechte Nachrichten: Kriege, Vertreibung, Mord und Totschlag, blutige Neuigkeiten eben die das Herz des Lesers oder Zuschauers unruhig werden lassen. Es sind immer »bad news«, die uns zuerst über die Medien erreichen.

       Sollte es einmal anders sein, dann ist es Klatsch und Tratsch über die sogenannten V.I.P.s, die glauben, die Welt und was dazugehört, wäre nur für sie geschaffen. Sie werfen dann ihr eisgefrorenes Lächeln in die Kamera zusammen mit einer Reihe von einstudierten Gesten, freuen sich am nächsten Tag über die Einschaltquoten, die irgendwo veröffentlicht werden. Kann aber auch sein, das sie verzweifelt sind, weil ihre Quote mal nicht die des nächsten Konkurrenten erreicht!

       Es ist immer eine schreckliche Realität, die sich da breitmacht. Wenn wir uns nun von so vielen negativen und elenden Dingen beeinflussen lassen, dann bleibt kein Platz mehr für Freude, Zufriedenheit und Hoffnung. Wir wissen alle, dass diese Nachrichten existieren, dass sie real in unserer Welt herrschen und auch zum Teil frei erfunden werden.

       Warum hängen wir so an diesen Neuigkeiten? Ist es reine Neugier? Die beste Neuigkeit, die wir schon früh am Morgen erfahren können, ist, dass die Sonne für uns wieder aufgegangen ist! Ist uns das wirklich so egal? Oder macht es keinen Unterschied, weil es wieder ein Tag mit neuen Problemen sein wird? Ist es vielleicht ein Tag, an dem wir etwas gewinnen können, an Zuversicht und Hoffnung und Liebe?

       Vielleicht hilft da ja ein kleines Gebet. Um Kraft bitten, um die Stärke, die wir brauchen, um das, was da auf uns zukommt, bewältigen zu können. Wir haben doch die Möglichkeit, um zu prüfen, ob wir genug Festigkeit haben, um Probleme anfassen zu können. Warum es nicht versuchen? Wir können natürlich scheitern. Klar. Aber wenn wir keinen Versuch unternehmen, haben wir doch schon verloren!

       Kämpfen! Immer wieder und wieder versuchen. Dabei werden die Füße schmerzen, die Hände verkrampfen sich immer und immer wieder! Der Kopf scheint nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist! Das aber ist dann der Moment, wo man anfängt zu siegen, wo der Traum wahr werden kann! Es gibt einen Satz, der ist so dumm wie einfach: 


Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum! 

       Aber: Wer seinen Traum leben will, muss aufhören, real zu denken. Doch wer im Leben bestehen will, darf nicht wirklichkeitsfremd sein und utopische Einfälle haben, die illusionär sind. Und dennoch sind es auch die traumhaften Dinge, die uns immer in ihren Bann ziehen. 

       Für viele Menschen auf der Erde ist fast üblich, beispielsweise den Regen als Problem zu betrachten. Das ist dann verständlich, wenn man die Umstände kennt, in dem diese Menschen dort leben. Sie träumen vielleicht davon, in einer warmen und trockeneren Region leben zu dürfen.

       Aber es ist doch nicht alles Sturmflut und Überschwemmung und vernichtende Katastrophe. Wenn wir genau hinsehen: Wie wunderschön ist doch ein einzelner Wassertropfen, wie schön ein Fluss, der durch die Auen dahingleitet. Wir brauchen das alles, den Regen, die Kälte, die Hitze, und all die anderen Dinge auch.

       Es wäre gut, wenn wir unsere Erwartung, unseren Glauben, unsere Hoffnung auf den setzen, der alles gemacht hat, der alles weiss und alles kann, der uns mit einer Liebe liebt, die wir nie werden erklären können, weil unsere gedankliche Beschränkung es nicht erlaubt. Denken wir doch immer an die Schönheit der Schöpfung, es ist keine Welt, die für Trauer und Verzweiflung geschaffen wurde. Wir wollen Hoffnung, Vertrauen und Liebe bewahren, auch in unseren Tagen, weil sie uns gegeben sind. Unsere Welt ist keine Welt, die für unsere Verzweiflung gemacht wurde!

       Vielleicht habe ich damit zu viel gesagt, mag sein, ich weiss aber, dass es ein Grund ist zu wissen, dass Gott existiert und uns allen die Kraft gab zum Leben! Können wir es, allen News und Schreckensmeldungen zum Trotz, nicht versuchen?

***

6.6.24

Wahltag


Der Sonntag, an dem bei uns Wahlen stattfinden, ist immer ein besonderer Abschnitt im Zeitgefüge eines demokratisch denkenden Menschen. Man hat seine Bürgerpflicht erfüllt, die Kreuze dort gesetzt, wo sie geplant waren, und wartet nun auf das abendliche Ergebnis der Abstimmung. Mehr oder weniger gespannt wird nun das Resultat eingehend angeschaut, nicht immer fällt es für den Betrachter so aus, wie er oder sie es sich gewünscht haben! Das aber liegt nun mal in der Natur der Dinge.


   Jene Zeiten, da ein Wahlresultat mit 98,5% für eine einzige Wahlmöglichkeit endete, gehören wohl endgültig der unseligen Vergangenheit an. Es sei denn, eine Mehrheit von eben diesen 98.5% entscheidet sich wiederum für den Einheitsbrei einer Partei, die sich völlig einer hirnlosen Führung unterordnet!

     Es ist schon seltsam, in einem Staat, der von Wahlen nicht unbedingt verwöhnt wird, stehen die Menschen in langen Schlangen oft stundenlang an, um ihre Rechte nutzen zu können. In anderen Staaten, die sich auch demokratisch bezeichnen, wird dieses Recht sehr lasch wahrgenommen. Je mehr Wahlen in einem Jahr abgehalten werden, desto magerer wird die Beteiligung daran. Die Wähler scheinen sich zunehmend von den Wahlurnen und den Kreuzen auf dem Stimmzettel zu entfernen.

     Man ist versucht, dies auf unterschiedliche Weise zu erklären. Die Leute bleiben weg, weil es geregnet hat. Oder weil es heiß war, und sind darum lieber ins Grüne gefahren. Weil ein langes Wochenende war, weil ein Verwandtenbesuch angesagt war oder aus diesen und jenen Gründen. Kurz gesagt: Alle Gründe, nicht wählen zu gehen, scheinen gut ihre Berechtigung zu haben. Es ist ja nicht so, dass die Menschen ihre Bürgerpflicht vernachlässigen, nein! Die Menschen wollten sogar das demokratische Ritual erfüllen, aber es gibt leider immer etwas, das sie ablenkt. Das Problem liegt meiner Meinung nach beim Wähler und nicht bei den entsprechenden Gründen. Ebenso wenig scheint es richtig, Regen oder Sonnenschein für den Mangel an demokratischer Kultur verantwortlich zu machen.

     Ich persönlich hätte da einen phänomenalen Ausdruck des demokratischem Bewusstseins anzumelden! Er würde sofort auf einen Schlag alle Probleme auflösen:

    Es wird ein Internationaler Tag der Wahl eingeführt. Und zwar global alle vier Jahre - am 29.Februar in jedem Schaltjahr! Dieser Tag ist dann von jeglichen Veranstaltungen freizuhalten.

Keine gute Idee? Ok, Ok, ich meinte ja nur, wenn Ihr denn nicht wollt, dann eben nicht …

3.6.24

Thoughts of an old man

 

 



 




Vor einigen Jahren, mir ist der Zeitpunkt entfallen, wann dies war, habe ich aufgehört, jung zu sein! Das ist solch eine Erkenntnis, dass ich höchstpersönlich darüber erstaunt bin. Wie kam ich nur auf diese absurde Idee? Bis zu diesem Zeitpunkt gab ich nämlich stets den gleichen Unsinn von mir, den ich immer wieder und überall las! Was gab es denn schon so Wichtiges, das nicht schon X-mal durchgekaut wurde, im  X und Facebook und sonst irgendwo.

Ich stellte jedenfalls fest, dass es nichts Weltbewegendes gab, das nicht in unzähligen Gazetten wieder und wieder an die Leserschaft kolportiert wurde. Schließlich ist eine Zeitung wohl dafür da, nicht wahr? Wenn danach die diversen Kommentare zu den Artikeln erschienen, durfte man auf eine eigene Meinung verzichten - man musste sich nur für den jeweiligen Kommentar entscheiden, der einem am gelungensten erschien.

Dann jedoch hatte ich diese einmalige blendende Idee! Ich- konnte- auch- selbstständig-  denken! Warum war ich darauf nicht früher gekommen? War ich schon so abhängig von Google & Co. geworden? Sind diese »sozialen Netzwerke« so allumfassend, dass man nur noch mit einem Finger suchen muss? Gewiss - früher stand das 24-bändige Pracht-Lexikon im Bücherschrank; aber bitte, ganz ehrlich: Hat da jemand wirklich einmal - nach dem Erwerb - hineingeschaut?

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, mit eigenem Hirn zu werken! Meine Gedanken, ob sie nun richtig oder falsch, sind meine Gedanken. Sollten sie völlig danebenliegen - auch gut. (Auch Albert Einstein hatte seine schlechten Tage!)

Wobei - mit dieser Relativitätstheorie bin ich ja gar nicht so weit weg von der Realität, denn alles auf der Welt ist relativ zu der Aussage, die man mir vorsetzt! Wobei ich da wieder beim Anfang angelangt bin: Ich habe aufgehört, jung zu sein! Wobei der Ausdruck »Jung« doch auch relativ ist! 
Gemessen am Alter der prä-historischen Knochenfunde…

 

 

1.6.24

75 Jahre GG

 




Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Jedermann, auch die Gegner unserer Demokratie, berufen sich stets auf unsere Verfassung, sie erscheint mir, als die Beste, die Deutschland seit 1870, der Gründung des Deutschen Reiches, hatte. Besonders der Artikel 2, Absatz 1, GG wird oft hervorgehoben, weil er stets auf alle Aussagen passt, die der einzelne Bürger gerade von sich gibt:

»Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit«.

Damit zitiert man diesen Absatz des Grundgesetzartikels jedoch nicht vollständig. Dieser Satz wird erst komplett durch den Zusatz  »soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmässige Ordnung oder das Sittengesetz verstösst.«

    Wenn sich nun jeder an diese Prämisse halten würde, wäre in unserem Land schon eine Menge an abnormen Streitigkeiten der Wind aus den Segeln genommen. Dem aber ist eben nicht so. Jeder beruft sich auf das, was ihm zugute kommt, doch niemand nimmt jenes in Kauf, das ihm nicht behagt!

       Auch der wichtige Artikel 5 des Grundgesetzes nennt in Abs. 1 Grundrechte, die es zu schützen gilt: die Presse-, Meinungs-, Informations-, Rundfunk- und FilmfreiheitBeschränkt werden diese Rechte gemäß Art. 5 Abs. 2 GG durch die allgemeinen Gesetze sowie den Jugendschutz und das Recht der persönlichen Ehre.

    Wieder sind dies Themen, die die Menschen nur dann interessieren, wenn sie den eigenen Umkreis betreffen. Unser Grundgesetz gilt aber für alle Bürger, ob klein, ob groß, die hier in diesem Staat leben! Niemand existiert nebenher, keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft keine autonome Person. Keiner kann sich von unserem Staat einfach absondern und ausschließen. Somit ist das GG auch für die Gesamtheit gültig, ohne jede Ausnahme. Wenn sich dann jemand unbedingt ausschliessen will - wie z.B. die sogenannten »Reichsbürger«, dann steht er eben ausserhalb der Gesetze mit all den Folgen, die daraus erwachsen!

    Nicht immer sind sich alle Teilnehmer unseres demokratischen Landes dessen bewusst. Ich selbst, heute 90 Jahre alt, kann behaupten, dass ich die Gräuel des Nazi-Staates körperlich miterlebt habe und deshalb weiss, wovon ich rede! Jederzeit!

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Vor 31 Jahren sang Wolfgang Petry ein Lied,
das all das ausdrückte, was zeitlos immer noch gilt!
Daraus hier ein Auszug:
   

Es gibt wieder dieses Gestern
Es gibt Zeichen an der Wand
Es gibt Dummheit ohne Grenzen
Und Gewalt in diesem Land
Schon die Kinder lernen hassen
Und der Fremde wird zum Feind
Die Vergangenheit wirft Schatten
Einer wirft den ersten Stein

 Wer die Augen schließt
Wird nie die Wahrheit sehn
Wer noch länger schweigt
Wird schweigend untergehen
Nur bis hierher und nicht weiter
Und nicht alles ist mir gleich
Lieber einmal nein als
tausendmal vielleicht …


 

30.5.24

Real democracies

 



 










Seit einigen Jahren ist jeder Bürger eines jeden Staates der Welt berechtigt, die »Goldene Einreise-Berechtigung« zu erhalten. Er muss lediglich über genügend Geld verfügen, um bestimmte Wirtschaftsteilnehmer umarmen zu können. Schon stehen ihm die Türen Europas weit offen.

     Unterdessen versinken im Mittelmeer weiterhin andere Anwärter im Versuch dabei, diesen tatsächlich demokratischen Raum, mit Namen Europäische Union, zu besiedeln. Es ist alles nur eine Frage der Investitionsfähigkeit. 

   Diejenigen Menschen, die in diesem blauen Postkarten-Meer sterben, investierten alles von ihrem Leben, was sie noch übrig hatten. um ihren elenden Platz auf einem tödlichen Boot aus den Händen skrupelloser Schlepper zu kaufen.

   Diejenigen jedoch, die Luxusimmobilien und ähnliches kaufen und damit weitere Geschäfte machen, verhandeln weiter mit einer anderen Art von Menschenhändlern, die noch gewissenloser sind als andere. Es wird ihnen kinderleicht gemacht, denn die Risiken, die sie dabei eingehen, sind praktisch gleich Null!

     Es kommt auf die Quantität an. Sind sie superreich, werden diejenigen, die einen Platz auf der nördlichen Seite des Meeres anstreben, auf keinerlei Hindernisse stossen. Sind sie jedoch arm, (die Überzahl der Refugees sind es), ist ihnen ein unvergessliches Abenteuer garantiert: Alterskranke Schlauchboote, Wellen und Seekrankheit, Mauern, Wächter und Stacheldraht, Auffanglager, Hunger und Angst.

   Sollten sie dann das Glück haben, zu überleben, finden sie vielleicht eine kleine Möglichkeit, in der sie - unter teils menschenunwürdigen Umständen - ihr weiteres Leben fristen können. Nicht gewollt und verachtet, manchmal möchte man sie zurückschicken auf den Ozean, der sie ans gelobte Land spülte. Sie blieben dann übrig, von ihren Lieben zu Hause getrennt, weil ihnen der Himmel auf Erden versprochen wurde.

    Der Unterschied bei der Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen im europäischen Raum ist das perfekte Porträt dessen, wer wir sind! Ein gemeinsames, soziales und politisches Projekt? Mitnichten. Das Geld die Welt regiert, weiss inzwischen schon das Kind in der KiTa.

     Geld ist allmächtig, Geld rechtfertigt alles, reinigt alles, reinigt sich selbst und reinigt die Verbrechen derer, die es anhäufen! Ich kann es einfach nicht glauben, dass jenes Kapital, das für den Kauf von Luxusartikeln, Immobilien und sonstigen Dingen verwendet wird, aus diesem Handel mit Auswanderern im Mittelmeer stammt. Auch nicht aus dem Waffenhandel in den diversen Kriegen, in dem beide Seiten von den gleichen Herstellern beliefert werden.

     Ist es das, was wir den undemokratischen Ländern oder den weniger echten Demokratien zu bieten haben? Warum wundern wir uns dann, wenn sie uns hassen und mit aller Kraft, die sie haben, gegen uns kämpfen wollen?

     Wir geben doch letztlich den Staaten etwas mit und lehren sie etwas Wichtiges: Alles so zu machen, wie wir es vor vormachen! Demonstration war schon seit jeher ein praktikabler Lehrmeister.

 

29.5.24

Gestern war alles gut?

 




Häufig, und in der letzten Zeit noch mehr als früher, höre und lese ich - oft auch unfreiwillig, negative Reden und Beiträge aus dem nahen und weiteren Umkreis,  die Zukunft betreffend. Obwohl wir uns im Zentrum der Gegenwart befinden, stehen wir mit einem Bein mitten in den kommenden Jahrzehnten. Die Ereignisse unserer Epoche zwingen uns dazu, mehr über die Gegenwart und auch über die kommenden Jahre nachzudenken.

       Früher, so heißt es von älteren Menschen, sei alles unendlich besser gewesen. Und unsere Zukunft nehme einen immer düstereren Ton an, man dürfe gar nicht mehr darüber nachdenken. Die Senioren erinnern sich an die Wohltaten ihrer Kindheit oder an die Pracht ihrer Jugend, als wäre sie total perfekt gewesen. Alles wird in der Erinnerung sehnsüchtig verklärt, was nicht mehr existiert.

       Und mit ihrer großartigen Argumentation bringen sie auch mich dazu, ihrer genauen Diagnose zuzustimmen. Dabei vergesse ich nur allzu oft, dass jede vergangene Zeit ihre Probleme hatte; die waren beileibe nicht geringer als die heutigen.

       Wir Menschen der Gegenwart neigen dazu, vergangene Fehler zu vergessen. Das hilft uns dann weiterzukommen. In der Erinnerung verbergen die Lichter doch immer die Schatten, besonders wenn man sie mit unserer gegenwärtigen verwirrenden Realität vergleicht. Dieser Realität , die wir morgen mit Nostalgie heraufbeschwören und ihre immensen Tugenden hervorheben, während wir an den unveräusserlichen Vorteilen festhalten, die unsere Zeit bietet.              

Es bleibt ein zeitloses Refugium für unsere Träume!

26.5.24

Inkorrekt

 














 

Als ich jung und unwissend war, als ich noch nicht wusste, dass ich nie perfekt sein würde, versuchte ich, alles so gut wie möglich zu machen. Fehler zu vermeiden und alle meine Schwächen zu verbergen war mir immer wichtig,. Ich war mir dessen sicher nicht bewusst, doch ich erlaubte mir keinen Moment der Schwäche oder des Versagens. In meinen Augen hätte das all meine Pläne zunichte gemacht, die ich vorhatte. Und ich hasste meine Schwächen, meine Zugeständnisse an das Irrationale, denn alles Unvernünftige war nach meiner Ansicht nach nicht zu rechtfertigen.

Ich litt auch oft unter den Widersprüchen zwischen dem, was ich fühlte, und dem, was ich tun sollte oder musste. Ich betrachtete alles als das Ergebnis meiner Unwissenheit und Unbeständigkeit. Es war halt meine unvollkomenes Wissen, das als Antrieb leider nicht ausreichte.

Heute mache ich mir keine Sorgen mehr darüber, ob das, was ich tue oder denke, gegen die Vernunft verstößt. Auch nicht, ob meine Fehler mir schaden oder ob man mich dafür verurteilen kann. Es ist mir auch egal, ob mich das Verlangen beherrscht oder ich die Vernunft an den Rand dränge. Ich habe es satt, für etwas Unwesentliches leiden zu müssen, ich habe es satt, nicht so sein zu können, wie ich sein will. Ich will das sein, was ich sein will und nicht das, was ich sein soll!

Es mag sein, dass ich das alles unbewusst beeinflusst habe. (Möglicherweise sind die Dinge, die wir unbewusst tun, die uns am meisten bestimmen, oft negativ.) Es ist mir aber nicht mehr wichtig, widersprüchlich zu sein oder tausend Fehler zu haben.

Ich sorge mich nicht mehr darum, Irrtümer zu produzieren oder lächerlich zu erscheinen. Wer darf mir vorschreiben, was angemessen ist und was nicht? Heutzutage versuche ich, alles auf die einfachste und schmerzloseste Art und Weise zu machen, und es ist mir völlig egal, wenn es nicht die korrekteste ist. Es stört mich nicht - und andere Menschen hat es nicht zu stören!

 

24.5.24

Ein ganz normaler Morgen

 


 

 













Die Sonne geht drüben hinter dem Wald auf, sie verziert mit einem hellen karminroten Schimmer die alten Fachwerkhäuser der Straße. Lichtgrüne Birken am Straßenrand wedeln sich im sanften morgendlichen Wind gegenseitige Grüße zu. Eine Amsel schmettert ohne Unterlass ihr morgendliches Lied in die Luft, von irgendwoher antwortet ein anderer schwarzberockter Amselmann.

        In der Fußgängerzone sind auch schon die ersten Passanten unterwegs. Die meisten von ihnen schauen dabei nicht auf die Farben des Sonnenaufgangs, hören auch nicht auf die Töne der Amsel. Sie sind wahrscheinlich zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um diese wunderbaren Einzelheiten eines Morgens aufzunehmen.

  Sicher ist dies ein Bild, schon so oft gesehen, dass es niemand mehr reizt, besonders nicht in diesen morgendlichen Stunden. Vielleicht sind sie auch noch in Gedanken bei den Träumen ihrer Nacht?

       Ein Herr im grauen Flanellanzug tritt aus einer Tür auf die Straße, schaut nach links und rechts, nimmt dann seinen hellbraunen Aktenkoffer und schreitet gemessenen Schrittes die Straße hinunter. Wer mag er sein? Ich denke mir, dass er der Besitzer eines Ladens in der Einkaufspassage dort an der Brücke des kleinen Flusses sein mag, der nun seinen Tagesablauf beginnt.

  Die Fußgängerzone der Straße füllt sich allmählich. Das Café dort an der Ecke hat seine Pforten bereits geöffnet, eine Kellnerin macht die Tische auf der kleinen Terrasse für die kommenden Gäste bereit. Die rot-weiss gewürfelten Tischdecken bilden einen angenehmen Kontrast zu dem Grau der Platten des Gehwegs. 

  Ich suche mir einen Platz an einem der Tische, die Sonnenstrahlen verbreiten ein angenehmes Gefühl auf der kleinen Terrasse vor dem Café. Die freundliche Kellnerin kommt, fragt nach meinen Wünschen und bald darauf genieße ich meinen Cappuccino. Ich fühle mich so richtig gut und zufrieden, lasse den Tag an mich herantreten; alle Problemchen sind irgendwo weit hinter mir geblieben.

   Am Nachbartisch hat eine junge, gut gekleidete, junge Frau Platz genommen. Ihr hochsommerliches Outfit lenkt ein wenig von den anderen Passanten ab. Recht verführerisch bringt sie alles zur Geltung, was sie aufzuweisen hat. Anscheinend hat sie Vergnügen daran, ihre Reize so freizügig zur Schau zu stellen. Warum auch nicht?
Auch ältere Herren, wie ich beispielsweise, sind noch nicht so weltfremd, um solche Extravaganzen nicht auch noch mit Vergnügen zu betrachten. 

  Ich schaue dann auf den gegenüberliegenden Marktplatz und sehe mit Erstaunen den Gegenpol zu diesem Mädchen am Nebentisch. Eine alte Frau, weißhaarig und ärmlich gekleidet, mit zwei Plastiktüten in der Hand, sucht in den Papierkörben der Umgebung nach leeren Flaschen. Hastig lässt sie ihre Fundstücke in den Tüten verschwinden, schaut angestrengt nach allen Seiten und setzt sich dann auf den Rand des alten Brunnens, der den Marktplatz ziert. 

  Ich fühle mich auf einmal gar nicht mehr so wohl in meiner Haut, sehe diese divergierenden Gegensätze hautnah neben mir. Warum habe ich ein Gefühl in mir, als wäre ich schuld an diesem Notstand, der so offensichtlich zutage tritt? 

Die junge Dame neben mir schaut ebenfalls zu der alten Frau dort am Brunnen. Leicht verächtlich verzieht sie die Mundwinkel, um sich dann mir zuzuwenden. »Ich finde so etwas furchtbar, das verdirbt einem ja den ganzen Morgen!«
Diese ihre Worte lassen mich bis ins Innerste meines Herzens erschauern. Ich blicke sie an, möchte etwas darauf antworten, schweige dann jedoch und reiche der Kellnerin, die inzwischen hinzugekommen ist, einen Geldschein zum Bezahlen.

  Langsamen Schrittes gehe ich, ohne mich noch einmal umzuwenden, zu diesem Brunnen am Markt. Dort sitzt sie immer noch, in Gedanken versunken, die alte Dame und schaut in den fließenden Strudel des Wassers. Aus meiner Geldbörse nehme ich einen größeren Schein, falte ihn ganz klein zusammen und lege ihn der Frau in den Schoss. Mit einer fast versagenden, heiseren Stimme flüstere ich dabei: »Mehr Flaschen habe ich leider nicht!« 

Sie sieht mich mit einem langen Blick aus ihren hellblauen Augen an und entgegnet mir, kaum verständlich: »Möge Gott sie beschützen ...«

 


23.5.24

Die richtige Seite

 











Nach den schrecklichen Bildern aus der Ukraine und den Kämpfen in Gaza nun Umschaltung zur Hochwasserlage im Saarland und Rheinland-Pfalz. Diese Berichte dauern 4 Minuten. In meinen Gedanken noch das Leid der Opfer und Angehörigen folgt auf dem Fuße ein Bericht von der Preisverleihung für die Filmschaffenden. Schöne Bilder von glitzernden Kleidern und bezaubernden Gesichtern. Ich überlege. Wie lange hat die Verzauberung dieser Gesichter wohl gedauert? Länger als die Veranstaltung?

Ich komme zu keinem Ergebnis, weil inzwischen im neuen Thema der Abgeordnete Sch. völlig atemlos mit einem Bericht von seiner gestörten Wahlkampfveranstaltung zu Gehör kommen möchte. Er ist wirklich zu bedauern, kam er dabei doch nicht dazu, seinen Gegner der Verbreitung von Unwahrheit zu bezichtigen.

Ich schalte einen Kanal weiter. Siegmund B. erzählt gerade, wie er sich täglich über seine gesunde Ernährung freut. Aha, Werbung, seniorengerecht natürlich. Ich sollte eigentlich auch gesünder leben, schießt es mir durch den Kopf! Der Gedanke ist jedoch schnell wieder entflohen.

Auf NDR läuft eine Sendung über den Sudan. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich lebe ja auf der richtigen Seite des Zauns! Ein bisschen schäme ich mich, aber ich kann nichts dafür, dass ich weiss und nicht dunkelhäutig bin. Ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht mich. Was kann ich aber direkt tun beim Anblick dieses Elends? Ich schalte einfach um.

Gibt es nicht immer einen Ausweg? Da, WDR, endlich eine interessante Reportage. Es geht um eine Hauptschule in Berlin. Ich bin ganz bei der Sache. Habe mir nebenbei ein Bier eingeschenkt. Ich will gerade einen Schluck nehmen, da sehe ich ein etwa 15 Jahre altes Mädchen.

»Hast Du Träume?« fragt die Stimme einer Reporterin. »Meine Träume kann niemand erfüllen!« Die Antwort kam zielgenau. »Deshalb muss die auch keiner erfahren! Vielleicht irgendwann einmal, wenn ich wieder in den Iran kommen kann?« Charakterstark, denke ich bei mir. Doch schaut sie sehr verloren in die Welt, sie wirkt dabei so zerbrechlich.

Ich schalte das Gerät aus. Ich ahne, was aus ihr wird, und sie weiss es auch. Mir schleicht eine Träne ins Auge. Das ist mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert. Warum eigentlich? Ich lebe doch auf der richtigen Seite des Zauns!

Die Illusion von vermeintlicher Sicherheit ist mir zur zweiten Haut geworden. Ich bin hier Zuschauer und Voyeur, weit weg von Opfern und Tätern. Geborgen in der anonymen Masse der betroffenen Gesellschaft. Die Realität wird mir portioniert nach Hause geliefert, in appetitlichen Dosen. Und wenn es zu viel wird, schalte ich einfach ab.

Ich höre und sehe täglich aufs Neue viele grauenvolle Dinge. Aber da muss doch irgendwo noch die Welt intakt sein? Solange »Gefragt, Gejagt« über die Bildschirme rauscht, solange »Bauer Fritz noch seine Frau sucht«, da kann doch alles nicht so schlimm sein, wie man immer tut. Oder, was denkst du?

 So ganz sicher kann ich mir aber nicht sein. Einen Trost habe ich aber gewiss: Solange ich die Fernbedienung in der Hand halten kann, habe ich die volle Kontrolle!

 

 

21.5.24

Strandcafé

 

















Wartende runde Tische. 
Wer sagte neulich,
hier wäre es gut?
es raunt ganz sachte
die Jalousie im Wind.

Ein kleines Schwätzchen,
Antje, blauäugig und blond.
Theaterdonner, Weltgeschehen,
Oder das Wetter -
unverbindlich, bedeutsam!

Was sagt der Kalender?
Sturmflut, Vollmondnacht,
vertrautes Schweigen danach.
Ständig unruhige Ruhe.
Es lebt sich so dahin.

Möwen am Himmel.
Grauweißes Watt,
Schafe ernten das Grün
von schützenden Deichen.
Zeitlose Realität.

©2000 H.Lux

20.5.24

Vom Singen

 


 












Es gibt Tage, die wirklich richtig Freude machen. Als ich meinen Morgenspaziergang entlang der Wieke machte, (so heißen hier in Ostfriesland die vielen Kanäle, die der Entwässerung dienen), vernahm ich einige Töne, die immer seltener geworden sind:Vogelgezwitscher!

       Gewiss gibt es noch viele Gegenden, da die Vogelwelt noch in Ordnung scheint. Und doch, wer aufmerksam durch die Landschaft geht, vor allem ausserhalb der Städte, bemerkt im Gegensatz zu früheren Zeiten schon einen Unterschied, der nicht zu »überhören« ist. In Feld, Wiese und Garten macht es sich gewaltig bemerkbar, die Feldlerche beispielsweise ist fast nicht mehr zu hören, die in früheren Zeiten unüberhörbar die Tonlagen der Natur beherrschte, Die Anzahl der Sperlinge (Spatzen) hat sich halbiert! Niemand muss noch Ratespiele veranstalten, um zu erfahren, woher die Gründe dafür kommen.

       Aber zurück zur Thematik: Der Tag war noch recht grau, doch die Vögel tirilierten. Es ist eine Freude die unterschiedlichen Sprachen der Vögel zu unterscheiden. Wundervolle Tonfolgen erweichen das Herz! Die Amsel, die Kohlmeise, die Singdrossel, die Bachstelze, das Rotschwänzchen, der unscheinbaren Spatz?

       So früh früh am Morgen waren die Autos noch nicht wie gewohnt in den Lebensraum vorgedrungen, da tanzte das Zwitschern deutlich in der Luft, fast musikalisch anzuhören.  Zwei Stunden später jedoch gewann die Sonne mit Licht und Wärme an Stärke. Mittlerweile waren überall Autos zu sehen und hören, der Lärm hatte Einzug gehalten und übertönte nun alles in einem pastösen Geräusch, das alles wie Watte bedeckte.

       In solch einem Spektakel haben Vögel draussen zu bleiben. Sie werden sicher ihren »üblichen Geschäften« nachgehen, aber ich höre sie nicht mehr. Auch wenn ich meine Ohren anstrenge und versuche, ein Zwitschern zu isolieren, ist es fast unmöglich.

       Dann bin ich voller Traurigkeit, dass solch eine Sinfonie der Natur in der modernen Geräuschkulisse einfach untergeht …


18.5.24

Ich weiss es nicht

 



 






Geht es dir wie mir, wenn du dies liest? Ich weiss es nicht, aber ich könnte es mir vorstellen. Oft habe ich das Gefühl, dass ich, obwohl die Zeit vergangen ist und sich mein Äusseres verändert hat, in dem, was ich so leichtfertig »meine Seele« nenne, keine so grossen Veränderungen wahrnehme wie in den Falten, die mein Gesicht jetzt prägen.

       Tief in meinem Innern habe ich immer noch die Wünsche und Träume, die ich immer hatte, seit mein Gedächtnis zu leben begann. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so weit von dem entfernt bin, was ich als Kind war. Ist es möglich, dass wir alle alternde Kinder sind, grosse Kinder, aber Kinder?

Wir alle sind dabei, Wege zu erfinden, um unsere Vorstellungskraft zu beleben und uns vorzustellen, dass mit dem Wachstum unseres Körpers auch unsere Seele wächst. Erschwerend kommt hinzu, dass wir noch kindliche Wünsche und Impulse in uns tragen, obwohl wir längst erwachsen sind. Freie Zeit zum Spielen haben wir nicht so oft, wie wir es uns wünschen. Deshalb tun wir alles, um den Geist unserer Kindheitsspiele auf die Arbeitsbeziehungen und den tristen Alltag zu übertragen.

Ist das der Grund für so viel Unordnung auf der Oberfläche unseres Planeten? Es könnte die ganze Verwirrung und das Missmanagement in den Nationen erklären. Es würde das Scheitern dieser patriarchalischen Gesellschaft ebenfalls erklären, in der wir allmählich versinken. Die grossen Staatsoberhäupter wären nichts anderes als traurige und gequälte Kinder. Und die Chefs der multinationalen Konzerne seien wie bösartige und listige Teenager; sie alle - und wir alle mit ihnen - sehnen sich nach mütterlicher Liebe und Geborgenheit, einer Erinnerung, die für immer verloren ist.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Lösung für alle Übel der Welt darin besteht, die Macht ein für allemal in die Hände der Frauen zu legen. Nur eine Mutter kann die Köpfe unserer verwirrten Kinder - und damit auch unsere eigenen - wieder in Ordnung bringen.

Die Frage ist nur: Wird das jemals geschehen? 

Wahrscheinlich bleibt es beim Versuch Nr 238

 

 

16.5.24

Olympia-Wahn

 












Die Zeiten, in denen die Olympischen Spiele etwas Magisches und Erfreuliches waren, sind lange vorbei! Was von ihnen übrig geblieben ist, ist nichts als "Kommerz" und nochmals "Kommerz". Die Skandale im Zusammenhang mit diesem ehemaligen, immer herbeigesehnten, Sportereignis haben sich vervielfacht! Alles, was heute noch zählt, dient nur noch der "vox populi"!

Schade um das alte Gefühl des "Dabei sein ist alles"! Das ist längst passé! Das Unangenehme daran ist dann noch, dass jeder Sportler, der an diesem Ereignis teilnehmen möchte, zwangsmässig zum »nachhelfen« gezwungen ist, ob er es nun will oder nicht.

Niemand wird mir erzählen können, dass der moderne Sport nur mit legalen Mitteln arbeiten kann! Jeder weiss es - doch niemand wird es jemals zugeben …

12.5.24

Treffen

 







Gestern traf ich ihn. Zum allerersten Mal. Noch nie hatte ich ihn vorher jemals gesehen, wie sollte ich auch? Ich kannte niemand, der ihn hätte beschreiben können, ich wüsste auch nicht, wer ihn jemals beschrieben hätte. Es sei denn, die Fantasie könnte ein völlig überzeichnetes Bild von ihm in die Welt setzen.

       Dennoch erkannte ich ihn sofort. Woran ich es festmachen konnte, ist mir bis heute nicht eingefallen. Vielleicht waren es die Blicke, die mich in einer intensiven Weise beeindruckten? Solch einen markanten Augenausdruck sah ich noch niemals in meiner  langen Lebenszeit.

       »Hallo«! Eine ausdrucksvoll klingende Baritonstimme verwandelte die Abendstunden in Erlebnisse besonderer Art. Goethes Worte in »Wanderers Nachtlied«, von Franz Schubert vertont, klang leise durch die blaue Nähe. »Hallo!«, Wie kann solch ein Wort klingen als traumhaft?

       Dann stand er vor mir, sagte ganz einfach nur »Hallo!«. Ich blieb einen Moment unruhig stehen und zweifelte ob er es war oder nur eine seltsame ähnliche Erscheinung. Ich überwand meine Scheu, fragte wer er sei und was er hier wollte. Erstaunt schaute er mich daraufhin an; es waren Blicke die bis das Innerste meiner Seele reichten. Ich war verwirrt, wollte noch etwas sagen und konnte es einfach nicht. Ganz sacht schüttelte er seinen Kopf, blickte mich dabei unentwegt an!

       Dann geschah es. Ich verstand plötzlich! Ja! Es war, als öffnete sich dabei ein Fenster der großen Unendlichkeit. Wozu war noch weiteres Wissen nötig? Alles war erklärt, in der Endlosigkeit der himmlischen Weite blieb nichts mehr offen für eine Erklärung. Mir blieb nichts mehr zu tun, als mich zu verabschieden, ich ließ ihn einfach gehen. Warum? Es gibt nichts, was ein Mensch sich selbst sagen kann, was er nicht schon vorher wissen könnte.

 

10.5.24

Recht haben, oder doch nicht?

 


 


In jungen Jahren war ich fest davon überzeugt, immer Recht zu haben. Es war sozusagen meine zweite Natur, und ich fühlte mich wohl in dieser Rolle. Heute weiß ich es besser und es freut mich tatsächlich, zugeben zu können, nicht immer Recht zu haben!

Es ist gar nicht so einfach, diese Erkenntnis zu akzeptieren, das steht fest. Ich beanspruche nicht mehr, immer Recht zu haben. Ich zweifle an dem, was ich glaube, und bin mir meiner eigenen Ideen nicht immer sicher. Ich bin auch bereit, mich überzeugen zu lassen.

Es geht nicht darum, Recht oder Unrecht zu haben, es geht nicht um Stolz oder darum, zu sehen, wer am längeren Hebel sitzt, obwohl manche Menschen nur darauf aus sind, über anderen zu stehen.

Und um dieses Ziel zu erreichen, greifen sie sogar zu kindischen Mitteln. Strategien wie lautes Schreien oder das Verspotten von Personen, die anderer Meinung sind, scheinen für manche das Nonplusultra zu sein!

Ich habe kein Problem damit, jemandem zuzustimmen, der solche Methoden schätzt, wenn es ihn glücklich macht, auch wenn er später nicht weiss, wohin damit. Es kostet nichts, einem Narren zu gefallen und so zu vermeiden, in einem sinnlosen Streit verwickelt zu werden.

Es bringt nichts, ständig Recht zu haben, es ist ein dummer Fetisch, den manche wie Trophäen aus einem Machtkampf tragen, und ihn zu leugnen ist, als würde man einem Kind Süssigkeiten wegnehmen. Niemand muss mir beweisen, wenn ich Recht habe, ich misstraue denen, die es versuchen. Ich bevorzuge ein gutes Gegenargument, das mich zum Nachdenken anregt, anstatt herablassende Unterstützung.

Seit ich mir keine Gedanken mehr darüber mache, ob ich Recht habe, ist mir klar geworden, dass ich viel glücklicher bin! Ich bin nicht mehr verunsichert, wenn andere anders denken als ich, und ich bin auch nicht frustriert, wenn sie das Offensichtliche nicht erkennen können. Ich bin zufrieden damit, zu tun, was ich für richtig halte, auch wenn ich manchmal Unrecht habe. Obwohl ich mich dabei natürlich auch irren könnte, oder?

 

9.5.24

News oder tägliche Nachrichten

 

















 

Wer weiß es nicht - die Liste der instabilen Länder auf unserer Erde ist lang;  

Ägypten, Afghanistan, Nordkorea, Israel, Iran, Irak, Katar, Palästina, Pakistan, Russland, Saudi-Arabien, Ukraine, Sudan,Taiwan, Kolumbien, Venezuela.

Meine Erinnerung reicht nicht aus, um alle aufzuzählen. Es ist nur eine grobe Skizze der Weltkarte, auf der alle fragilen Länder in roter Farbe markiert sind. Die Welt scheint zu brodeln, als stünde sie in Flammen. Die Köche, die das Menü vorbereiten, wählen sorgfältig die Zutaten aus, um die Geschmäcker ihrer Zwangsgäste zu befriedigen.

Beim Lesen der Zeitung habe ich das Gefühl, dass der Globus in einem Schnellkochtopf auf dem Herd steht und die Temperatur kontinuierlich steigt.

Von den 195 Ländern auf der Erde sind nur 66 Demokratien - kaum zu glauben, nicht wahr? Aber dennoch wahre Tatsache.

Hier bei uns läuft noch alles relativ normal, oder? Die Geburtenrate in Deutschland erreicht zwar ein historisches Tief, nun, das ist ein Fakt, der zum Nachdenken anregt. Aber die Schlagzeilen in den Medien: Das sind die täglichen Schreckensnachrichten aus den unzähligen Kriegsgebieten und dem üblichen nationalen parteipolitischen Gerangel.

Manchmal erinnere ich mich vage an die 80er Jahre, an den Kalten Krieg - ist das die Zukunft? Es fehlt mir sogar die Lust zu lächeln. Die Menschheit ist eine ständige Bedrohung für sich selbst, aber auch ihre einzige Hoffnung.

Gott wird hier nicht erwähnt, obwohl er aus einer bestimmten Perspektive bestimmt sehr vermisst wird.

 

 

7.5.24

8.Mai 1945 und die weiteren Tage

 


 










Flüchtlinge - Elend und Verzweiflung unserer Zeiten! Zu allen Zeiten wurden die Menschen durch Ereignisse wie Krieg, Hungersnöte oder Wetterkatastrophen aus ihrer Heimat, ihrem angestammten Wohnsitz vertrieben. Das war schon in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges so. und später in den zahllosen Kriegen, die diese Menschheit über sich selbst brachte.

       So war es auch zu jener Zeit, 1945, als die grösste Katastrophe unseres Landes beendet werden konnte. Wenige Wochen vorher wurden noch Tausende von Zivilisten durch anglo-amerikanische Fliegerangriffe getötet! Es ist keine Erfindung der Neuzeit!
Ich erinnere mich an diese Zeit vor genau 79 Jahren so, als wäre es gestern gewesen!

Vergessen lassen solche dramatischen Zustände sich wahrscheinlich niemals. Damals strömten 14 Millionen »Rucksackdeutsche, Polacken und verlaustes Gesindel« aus den abgetrennten deutschen Gebieten in den Rest des Landes. Diese Menschen wurden im Westen zwar aufgenommen, aber niemals wirklich willkommen geheissen. Viele hätten sie am liebsten sofort zurückgeschickt.

       Im Jahr 1945 mussten auch wir unsere Heimat verlassen, nicht aus freien Stücken, und nur mit dem Nötigsten im Gepäck. Meine kleine Familie hatte nur das, was sie am Leib trug, dazu drei Löffel, ein Handtuch und ein Stück Seife. Das war der bescheidene Beginn eines neuen Lebens, das heute oft als "Neuanfang" bezeichnet wird.

      Leider herrscht immer noch weitgehende Unkenntnis über die Bedeutung und das Ausmass dessen, was sich nach 1945 ereignet hat. Es fehlt auch das Bewusstsein dafür, welchen Platz diese Erfahrungen in unserem kollektiven Gedächtnis einnehmen sollten.       Man fragt sich manchmal, wo die Erlebnisse der Menschen von damals geblieben sind. Finden sie Eingang in Schulbücher? Vielleicht in Romanen, geschrieben von Menschen, die die damaligen Dramen nur vom Hörensagen kennen? Doch all das kann nur eine oberflächliche Darstellung dessen sein, was damals wirklich geschah. Ignoranz und Feindseligkeit waren nur ein Teil des Leids, dem die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge damals ausgesetzt waren. Woher kam diese Ablehnung?

   Die Gesellschaft der Nachkriegszeit war eine »Zusammenbruchgesellschaft«. Das Einzige, was die Menschen einte, war die Erfahrung einer totalen Niederlage. Die Bereitschaft, denen zu helfen, denen es noch schlechter ging, war daher sehr gering. Nicht zu vergessen, dass zwölf Jahre Nazi-Propaganda ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Menschen waren immer wieder mit dem Negativbild des »slawischen Untermenschen« aus dem Osten konfrontiert worden.

    Diese Vorstellungen verschwanden ja nicht einfach nach Kriegsende! Im Jahr 1946 äusserte der Landrat von Flensburg: »Der Niederdeutsche sei gegen die Mulattenzucht, die der Ostpreusse nun einmal im Völkergemisch betrieben hat.«

       Es ist offensichtlich, dass die Flüchtlinge auch nach dem Zweiten Weltkrieg Opfer der Naziideologie wurden. Es herrschte zweifellos ein handfester Rassismus! Die Aufnahme der Flüchtlinge verlief nirgendwo reibungslos, selbst wenn es sich um Deutsche handelte. Für die Einheimischen fühlte es sich gefühlsmässig wirklich anders an.

       Die Flüchtlinge und Vertriebenen kamen oft aus Lagern, hatten Gewalt erlebt und waren in einem erbärmlichen Zustand, als sie ankamen. Damit entsprachen sie vielfach dem Klischee, das der einheimischen Bevölkerung früher vermittelt worden war. Fremdenfeindlichkeit war definitiv vorhanden.

     Erinnert uns das nicht an viele Ereignisse jüngerer Vergangenheit? Zum Beispiel ein Herr Fischbacher, Mitbegründer der Bayern-Partei, der Ostermontag 1947 in Traunstein erklärte: »Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen.« Er bezeichnete es als »Blutschande«, wenn ein »Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heiratet«!

     Solche hässlichen Äusserungen fanden sich auch in der Redaktion des »Spiegels«, dessen erste Ausgabe gerade erschienen war. Leider blieb diese Hassrede kein Einzelfall. Landtagspräsident Michael Horlacher, Mitbegründer der CSU, betonte, dass Bayern den Bayern gehören müsse. Andreas Schachner von der Bayernpartei beschwerte sich darüber, dass sich so viele Fremde an den bayerischen Futterkrippen bedienten, »dass Pogrome nötig wären, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen«.

       Es mag so aussehen, als würde ich hier nur negative Beispiele anführen wollen, aber mein Ziel ist es, zu verdeutlichen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht nur ein Phänomen unserer Zeit sind, sondern schon immer präsent waren. Unsere »Geschwister« aus den neuen Bundesländern wissen davon ein Lied zu singen. Zum Glück ist es heute nicht mehr so offensichtlich wie 1945, als Schilder mit der Aufschrift »Flüchtlinge unerwünscht« an den Strassen standen.

Es ist nun mal so: »Willkommen« gilt immer nur für eine relativ kurze Zeit, dann schlägt die Stimmung oft genau in die entgegengesetzte Richtung um.

 

6.5.24

Der Fremde

 

Eine Kurzgeschichte von H.C.G.Lux

 










»Guten Abend!« Richard schreckt aus seinen Gedanken auf, hatte sich doch regelrecht in diesen regnerischen dunklen Abend verkrochen und wartete auf das Ende dieser nassen Tagesepisode. Die sonore Stimme eines Mannes reisst ihn urplötzlich aus seinem Wachtraum. Wie? Was? Woher kam der Mann plötzlich? Meint er etwa ihn? Er schaut mit seinen dunklen Augen prüfend zu ihm herüber. Sein auffallend eleganter Mantel passt irgendwie nicht in diese Straße, gehört einfach nicht in diese graue Welt, deren Farben der Sonnenuntergang mit sich genommen hat. 

   Er schaut zu dem Fremden hinüber, der auch unter dem kleinen Vorbau des Hauses Schutz vor dem Regen gesucht hat. Nickt ihm dann zu, stumm und fast regungslos,

  Ein blauer Linienbus schleicht fast unhörbar heran und bleibt in der Haltebucht stehen, misstrauisch blickt der Fahrer durch die schmutzverschmierten Scheiben herüber. Niemand steigt aus. Mit leisem Surren fährt der Elektrobus wieder an. Der Fremde hat sich inzwischen in die überdachte Eingangstür der Herrenboutique gestellt. Durch das Eck-Schaufenster erkennt Richie, dass er seinen Mantelkragen hochstellt. Wartet der nun auf einen anderen Bus?

  Währenddessen prasselt der Regen unaufhörlich auf das Pflaster des Gehwegs, spritzt an den Hauswänden hoch und überzieht staubgepaart das Ganze mit einem Schleier. Richie drückt sich dicht an das Schaufenster dieses Ladens, der schmale Überstand gibt ihm wenig Schutz, kann auch nicht verhindern, dass Schuhe und Hose triefend nass sind. Seine Blicke verlieren sich im dichten Grau des nächtlichen Regens, Laternen spiegeln sich im Nass der Straße, der Regen wirft winzig kleine Fontänen vom Asphalt zurück.

  Fröstelnd versucht er sich in seine dünne Jacke zu verkriechen. Unangenehm, dieses nasse und kalte Märzwetter. Besonders für einen Menschen, der kein Zuhause hat und nicht weiß, wo er diese Nacht verbringen soll. Todmüde, könnte er vor Müdigkeit umfallen.

    »Kommt der 32er noch?« Der Fremde schreit die Worte fast zu ihm herüber. Richie fährt zusammen, hatte den Mann schon nicht mehr beachtet. Zuckt dann mit den Achseln; er weiß noch nicht einmal, ob dieses unsichere Zeichen in dem Zwielicht überhaupt sichtbar ist.

       Er überlegt. Der 32er Linienbus? Der fährt hier überhaupt nicht, hat hier in diesem Stadtteil nie gefahren, ja, er weiß mit Gewissheit, dass es in der ganzen Stadt überhaupt keine 32er Linie gibt! Schon sehr seltsam. Der Mann im Trenchcoat schaut auf seine Armbanduhr.

     Richies Blick wird starr. Wie er erkennen kann, ist da gar keine Uhr, der blickt nur auf seinen Unterarm! »Ist schon fast Mitternacht«, meint der Mann danach, »wo bleibt denn nur der Bus?« Da Ritchie den Fremden nun doch etwas intensiver ansieht, erkennt er, dass der doch nicht so jung ist, wie er vorher schien! Ihm fällt ein steinaltes Gesicht auf, mit modernem Hut, eingerahmt von Schal und dem modernen Trenchcoat. Wieso hatte er diese ledernen Falten seines Antlitzes vorhin nicht bemerkt?

    Der Mann schaut ihn nun voll an. Seinem Blick auszuweichen scheint fast unmöglich. Ein Schauer läuft Richie über den ganzen Körper; trotz der unangenehmen Kälte des Abends wird ihm unwirklich heiß! Was geschieht hier? Woher kommt dieses Gefühl unangenehmer Vertrautheit zu diesem Menschen? Er bemüht sich, in eine andere Richtung zu sehen, rollt seinen Kopf hin und her, um einer Verspannung der Halsmuskeln vorzubeugen. Irgendwo bellt aufgeregt ein Hund. Er mag es nicht, wenn Hunde nachts bellen. 

    »Haben Sie Feuer?« fragt der Mann. Hat nun ein Zigarettenetui in der Hand, lässt es einladend aufspringen. »Nein«! Die Stimme Richards klingt rau, bleibt fast im Halse stecken, »bin Nichtraucher.« Es sind seine ersten Worte, die heute Abend aus seinem Munde kommen. »Naja, ist ja auch gesünder«, meint der Andere dann mit einem kurzen Blick zu ihm, dann lacht er trocken auf, lässt das Etui wieder verschwinden, schaut wieder auf seine nicht vorhandene Armbanduhr!

  Der Regen fällt mit einer Intensität, wie Richie es lange nicht mehr erlebt hat, es erscheint jedenfalls so. Ihm ist elend zu Mute, er friert, ist durchnässt, todmüde und möchte eigentlich schlafen, unentwegt nur schlafen. Angestrengt überlegt er, wo er einigermaßen trocken unterschlüpfen könnte, ihm fällt ein, dass hier irgendwo in dieser Gegend eine Kleingartenkolonie sein müsste. Da könnte sich doch ein geschütztes Plätzchen finden lassen? Aber bis dorthin wäre er total durchnässt, wie zum Teufel, trocknet das dann wieder?

  Richie schaut den Mann gegenüber an. Der hat es gut, irgendwo steht für ihn ein warmes Bett, eine schmackhafte Mahlzeit, vielleicht ein Mensch, der sich Sorgen macht, der auf ihn wartet. Und wieder fragt er sich, was dieser Mann hier treibt. Warum er hier in dieser kalten regnerischen Nacht an einer Bushaltestelle steht und auf einen Bus wartet, der hier gar nicht fährt? »Kann ich Ihnen behilflich sein?«  Richie schreckt aus seinen Gedanken auf, sieht den Frager verständnislos an. »Es sieht so aus, als wenn Sie meine Hilfe brauchen«, meint der Fremde dann, »ich kann sicher etwas für Sie tun!«

    »Für mich tun? Sie?« Er ringt sich ein kurzes Lachen ab. Ein bitteres Lachen, tief aus der Seele heraus, aus einem Untergrund, der verschüttet ist. »Ganz gewiss nicht Sie! Sie sollten mich in Ruhe lassen.«

    Indem er sich um die Ecke des Schaufensters beugt, schaut der Mann ihn prüfend an, sagt er dann eindringlich: »Da bin ich mir nicht so sicher! Meine Möglichkeiten sind unendlich - und meine Beziehungen reichen sehr weit!«

    








Er zieht eine Visitenkarte aus seiner Manteltasche und reicht sie dem jungen Mann mit gestrecktem Arm herüber. Mit klammen Fingern ergreift der die Karte, versucht im Halblicht der Schaufensterbeleuchtung den Namen zu entziffern: 

»Lucas- Beratungsdienste«, steht dort, dann noch: »Your time is limited!«¹

      Das steht dort in silbernen Schriftzügen. Beratungsdienst? Welcher Art - was ist das? Ein Service, der sich nachts an Bushaltestellen herumtreibt und vagabundierende Menschen anspricht? Der auf ihn, auf den Gesichtslosen, den vom Leben Geprügelten wartet?

  Der Regen prasselt weiter auf das Pflaster der Straße. »Trotzdem werde ich jetzt fortgehen«, denkt Richie, »Die Sache nimmt beklemmende Ausmaße an. Ich habe es nicht so gern, wenn ich eine Sachlage nicht überschauen kann, das schafft in mir stets ein ungutes Gefühl, erzeugt einen Ring um die Brust, der mir den Atem nimmt«.

    Als ahne der Fremde seine Gedanken, lächelt er ihn in einer Weise an, die Richie richtiggehend aggressiv macht, als er ihm dann noch einladend zunickt und dies noch mit einer Bewegung seiner Hände unterstreicht, explodiert er! Mit unnatürlich lauten Worten, die aus seinem tiefsten Inneren hervorbrechen, versucht er ihm klarzumachen, dass er seine wie auch immer geartete Hilfe nicht haben will: »Las-sen- Sie -mich- in- Ru-he! Ich- brau-che- Sie- nicht!« Darauf antwortet der Andere nicht mehr.

  Richie schlägt seine durchnässte Jacke enger um sich, ergreift den am Boden stehenden feuchten Rucksack und rennt wie gehetzt über die Straße. Kein Blick mehr zurück, nein, der soll nicht denken, dass er Furcht vor ihm hätte. Er hat keine Angst, er hat bestimmt keine Angst, wäre auch stark genug gewesen, um es mit ihm aufzunehmen! Der Fremde ruft Richie etwas hinterher, es klingt ähnlich wie:  »Your time is limited!«
    Der Regen peitscht Richard ins Gesicht, und weil er mit diesen Auswirkungen des Unwetters zu kämpfen hat, nimmt er ihm auch noch das Denken ab. Er hat vollauf damit zu tun, die böigen Wassergüsse von seinem Gesicht fernzuhalten. Nachdem er in der Dunkelheit mitten in eine gewaltige Pfütze tritt, steht er urplötzlich vor dem Tor der Kleingartenanlage. Glücklicherweise ist es nicht verschlossen.

    In der Dunkelheit tastet er sich an der Hecke des Wegs entlang, findet ein niedriges Gartentor und klettert mühsam darüber hinweg, irgendwelche Steinplatten weisen den Weg zu einer Laube im hinteren Teil des Gartens. Es riecht stark nach Zwiebeln, nach reifem Grünkohl und nach feuchter Erde.

     Die Gartenlaube erscheint ihm größer, als sie von weitem schien. Die beiden vorderen Fenster sind mit Läden gesichert, zur dazwischen liegenden Tür führen zwei Stufen hinauf, vorsichtig betritt er diese nassen, schlüpfrigen Holzbohlen. Tastet sich dann vorwärts und ist dann bass erstaunt! Die Tür ist nicht verschlossen! Die Tür zur Laube ist nur angelehnt, das war sicher nicht zu erwarten, ganz gewiss nicht.

     Richie hatte vor, sich unter dem Vorbau ein wenig vor dem Regen zu schützen. Nun aber kann er doch bis zum Morgen ein wenig Trockenheit genießen. Ein winziges Stückchen Glücksgefühl durchströmt sein Herz. Wie wenig ist doch zum Glück nötig, wenn man am Rande der Gesellschaft lebt!

    Mit einem beglückenden Gefühl betritt er den dunklen Raum der Gartenlaube, schließt die Tür hinter sich, um etwas Wärme zu spüren. Er sieht fast nichts, tastet sich weiter in den Raum hinein. Stösst an einen Stuhl, der polternd umfällt, dann ertastet er einen runden Gartentisch, legt seinen Rucksack ab, hebt den umgestürzten Stuhl auf und lässt sich mit einem tiefen Seufzer nieder. Springt im gleichen Augenblick wieder auf, als eine bekannte Stimme im Hintergrund sagt:

»Hallo, your time is limited!«

 (¹Deine Zeit ist begrenzt....)

Lesen ist unverzichtbar!

  Lesen ist gut für uns, das beweisen viele Studien. Und junge Menschen lesen auch gern, wenn auch in der Regel auf andere Weise als ältere...