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16.7.24

Nichts war trotzdem Viel!

 















Wie lebten wir Kinder nach dem 2.Weltkrieg? 

Ich weiss nicht, ob es möglich ist, das Leben jener Zeit nachzuempfinden.
Vieles von dem, das heute selbstverständlich ist, war uns überhaupt noch nicht bekannt - weil es das noch nicht gab! Und vieles, das es schon gab, gab es aber
nicht mehr, weil das Benutzen eines Gegenstands doch jeweils von dem Vorhandensein abhängig ist.

       Wie lebten wir also? Wir waren fröhliche Kinder, wenn wir auch viel Leid erfahren hatten, nun aber wieder lachen konnten; wir waren gesunde Kinder, weil wir unser Dasein nicht mit ungesunden Nahrungsmitteln belasten mussten - weil sie nicht vorhanden waren. Wir waren lernbegierige Kinder, weil wir aus dem Zwang der staatlichen Behörden entkommen waren und nun eine freiheitliche Ordnung kennenlernen konnten!

       Und wenn diese wichtigen Anliegen nicht zutrafen, gab es genügend Hilfestellungen, die uns zur Verfügung standen, um hier Ausgleich zu schaffen. (das war wirklich so - wenn es auch unglaubwürdig klingt.) Und mit viel eigener Willenskraft und Übung brachte wir oftmals all das mit unzureichendem Werkzeug und Material aus irgendwelchem Altgeräten das zustande, das heute nur von erfahrenen Fachleuten bewerkstelligt werden kann!

       Das erste Jahrzehnt nach dem Krieg war eine schwere Zeit! Dieses erste Jahrzehnt war jedoch auch eine schöne Zeit! Es brachte das zum Vorschein, das der Krieg lange Zeit verschüttet hatte - das wunderbare Gefühl des »Miteinanders«, in der eigenen Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit. Kannst Du, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Gefühl nachvollziehen, wenn mehrere Laien etwas schaffen, das als Unmöglichkeit galt - und dennoch zu einem wunderbaren Ergebnis geführt hat?

       Uns Kindern erging es nicht anders. Wir hatten nichts! Aber aus diesem Nichts brachte unsere Fantasie und Einbildungskraft so unendlich viel zum Vorschein, das man sich in der Gegenwart nicht mehr vorstellen kann,

       Wir brauchten zur Kommunikation kein Smartphone, wir trafen uns nicht zum »Abhängen«, sondern brauchten unsere knapp bemessene Zeit für sinnvolle Aufgaben! Knapp bemessen deswegen, weil unser Vater entweder noch in Kriegsgefangenschaft war oder im schlimmsten Fall »für Führer, Volk und Vaterland« sein Leben auf dem »Felde der Ehre« gelassen hatte!

       Wir schrieben noch Briefe - auf echtem Papier - und warteten dann sehnsüchtig auf Antwort! Etwas später trafen wir uns mit den Mädchen zum Tanzabend am Wochenende. Der Höllenlärm in den »Diskotheken« war uns fremd, es gab sie halt noch nicht! Ganz ehrlich: Sie haben uns auch noch nicht gefehlt! Lärm und Gefühl war damals noch etwas, das nicht zusammengehörte!

        Und die Schulzeit? Nach den Hausarbeiten, die von den Lehrern aufgegeben wurden, war das Spielen am Nachmittag angesagt. Wir hatten noch die Möglichkeit in der Stadt, auf der Straße zu spielen! So manche beliebten Gemeinschaftsspiele fanden in Ermanglung von großen Spielplätzen eben auf der Straße statt. Man stelle sich das einmal vor, die Zufahrtsstraße zur Bundesstraße YX wäre von einem Haufen Kinder besetzt, die »Völkerball« spielen …

       Rollschuhe wurden noch an den Schuhen angeschnallt, ebenso Schlittschuhe. Wenn wir bei uns Fußball spielten, hatten wir beileibe keine Fußballschuhe, von Turnschuhen bis zum Barfußspiel war da alles vertreten. Spaß hatten wir allemal. Ob Sommer oder Winter, ob Schnee oder Sonnenbrand, das Leben der Kinder war ohne die moderne Technik für uns Kinder lebenswert.

       Bis - ja bis die modernen Geräte uns einholten, bis das Denken an einem Punkt angelangt war, an dem das große Schild angebracht war: From now on, everything is automated!

7.7.24

Anno Juli/´45

 


Ich fand einen Bericht von anno ´45, der mir interessant erschien, vielleicht auch für Euch?

Ich möchte ihn erwähnen, damit die Verhältnisse einmal gerade gerückt werden, die heute oft ins Extreme ausufern. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das jemand als Provokation auffassen sollte - aber es ist dann auch gewollt...

 Donnerstag, 19.Juli 1945

Die Tagesrationen werden in der amerikanischen Zone auf 1550 Kalorien pro Tag festgesetzt, Bergarbeiter erhalten 3400, Kinder 1750 und werdende Mütter 2700 Kalorien. In Frankfurt beträgt die derzeitige Wochenration für Erwachsene: 1500 g Brot, 150 g Fleisch, 75 g Butter, 2500 g Kartoffeln, 1/8l Milch (täglich), 62,5 g Zucker, 62,5 g Nährmittel, 31 g Käse, 31 g Quark und 1/2 Ei.

 Quelle: [Deutsche Geschichte von Tag zu Tag:
19. Juli 1945. S. 13309

6.7.24

Freitag, der 13.

 


 
















Es war in der dritten Woche meiner Radwanderung durch unser schönes deutsches Land. Meppen im Emsland war das letzte Etappenziel des Vortags gewesen. Wohlig ausgeruht und gut gestärkt sattelte ich meinen Drahtesel, verabschiedete mich von der freundlichen Pensionswirtin und mit einem sorgenvollen Blick in den magentaroten Morgenhimmel machte ich mich auf den Weg nach Norden. Es dauerte auch nicht lange, da zeigte der Himmel mir seine unangenehme Seite, Wolken hingen wie nasse Federn über dem Radweg an der alten, kaum befahrenen Bundesstraße.

         Dann kam der Regen! Stundenlang regnete es ununterbrochen wie aus Gießkannen. Ich wusste schließlich nicht mehr, wie lange ich schon unterwegs war, jedes Zeitgefühl schien mir abhanden gekommen zu sein. Die Gegend, in der ich mit meinem Drahtesel unterwegs war, hatte mich beim Morgenrot noch zu lautem Singen animiert. »Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit, wenn die Winde um die Berge singen ...«.

       Leider war mir dieses Hochgefühl dann doch nach einiger Zeit abhanden gekommen. Wer im strömenden Regen auf einem Radweg in einer einsamen Landschaft noch Lust hat, Wanderlieder zu singen - der muss wohl eine besonderer Mensch sein! Oder leicht angeknackt! Ich jedenfalls fluchte - laut und leise - vor mich hin, mir war nach allem zumute, nur nicht nach Gesang. Das Regencape hatte ich zwischendurch aus lauter Frust schon weggeworfen, nun war ich nass wie eine Katze, die in den Bach gefallen war.     Verzweifelt hielt ich Ausschau nach irgendwelchen Unterstellmöglichkeiten, nichts Derartiges war zu sehen. Bäume, gewiss, die gab es zur Genüge. Die jedoch trugen zur Lösung meines Problems nicht das Geringste bei! Ja - und dann - um das Maß der Freude voll zu machen: Das Hinterrad war »platt«! Wie auch immer, ich musste in den sauren Apfel beißen und mit dem zum Glück vorhandenen Flickzeug dem Schaden zu Leibe rücken! Das bedeutete nun: Bei strömendem Regen sämtliches Gepäck abladen, schimpfen, Hinterrad ausbauen, schimpfen, Schlauch flicken, schimpfen, Hinterrad einbauen, schimpfen, Gepäck wieder festzurren. Und dazu weiterhin das weiche Wasser aus Himmelshöhen gratis zum Kühlen.

      Langsam kam dann doch eine stoische Ruhe über mich! Sei es, dass meine Energie von der ganzen Meckerei am unteren Ende der Skala angelangt war; sei es, dass mich der Regen so abgekühlt hatte, dass der Rote Bereich schon nicht mehr erkennbar war: Ich konnte über die ganze Situation lächeln. Nicht nur lächeln, nein - ich lachte aus ganzem Herzen über meine Lage! Ich lachte und lachte, sicherlich war es der ganze Frust vorher, der sich nun in dieser Heiterkeit entlud. Und dieses Gelächter schien nicht enden zu wollen und es dauerte sicher eine Viertelstunde lang, bis ich meine Lachmuskeln wieder unter Kontrolle hatte.         Dann setzte ich mich wieder auf den Sattel und versuchte dem von vorn kommenden Wind - (der Wind kommt auf dem Rad immer von vorn!) - und dem Regen Paroli zu bieten. Seltsamerweise aber störte es mich keineswegs mehr. 

       Stunden später erreichte ich eine kleine Ortschaft. Der Dorfgasthof schien mir das Ziel all meiner Wünsche zu sein. Hier wollte ich übernachten, um danach am nächsten Morgen frohgemut in die Pedalen zu treten. Mein Blick fiel auf mein Äusseren. Ich erschrak. Mein Aussehen glich einem Vagabunden, der drei Wochen weder Bett noch Bad gesehen hatte. Regen und Schmutzspritzer hatten das Ihrige getan, um mich so katastrophal aussehen zu lassen. 

»LINDENHOF«, dieses wundervolle Schild verhieß mir Erholung und Schlaf. Dann jedoch sah ich in Gedanken einen Wirt vor mir, der mich von oben bis unten mustert und dann abschätzig zu mir sagt: »Ich hab kein Zimmer frei!« Ich fasste all meinen Mut zusammen und betrat die Gaststube. Ein anheimelnder Raum, blitzsauber und einladend. Aus den Nebenzimmern erklang Musik, Tanzmusik, lautes Reden und Gelächter. Der Wirt musterte mich zwar auch, als ich meinen Wunsch nach einem Zimmer vorbrachte. Dann aber sagte er: »Ich hab nur ein Doppelzimmer frei, wenn es recht ist?«

       Ich hätte ihn umarmen können. Endlich ausruhen, schlafen. Welch eine paradiesische Aussicht. Natürlich sagte ich sofort zu, holte dann mein Fahrrad und das Gepäck in den Hof um dann als erstes ein ausgiebiges Duschbad zu nehmen und mich umzuziehen. Ein herrliches Abendessen hatte ich mir schon beim Wirt bestellt.

         Als ich mich dann später wieder in einen normal aussehenden Menschen verwandelt hatte, betrat ich das Gastzimmer, um mein Abendessen zu genießen. Mein Blick fiel auf die sechs Tische im Gastraum. Es war nirgendwo für mich gedeckt! Ich schaute mich enttäuscht um, der Wirt trat hinzu, sah mein fragendes Gesicht und meinte dann, auf das Nebenzimmer zeigend: »Abendessen gibt es hier nebenan!« Gottlob, doch noch eine Mahlzeit, mein Magen hing schon auf Halbmast. 

     Ich betrat das Nebenzimmer und war plötzlich von einer großen Anzahl lustiger Menschen umringt. Sekt wurde mir angeboten, ein Platz ,an einer langen, festlich gedeckten Tafel freigemacht. Dann saß ich mit einer Vielzahl von gutgelaunten freundlichen Menschen zusammen und nahm an einer Mahlzeit teil, an die ich nicht im Traume hätte denken können! Die Hauptpersonen dieser Feier, ein Hochzeitspaar aus dem Dorf, nahm mich in diesen Kreis auf, integrierte mich in eine Gemeinschaft, von der ich noch Stunden vorher nichts wusste. Es wurde noch ein ausgelassenes Fest, Tanz und Gesang, witzige Reden und gute Gespräche liessen mich meine Müdigkeit vergessen. Als ich mich um Mitternacht schon ziemlich angeheitert, von der Gesellschaft verabschiedete, glaubte ich, in einem Märchen gewesen zu sein.

       Trotz des Lärms, der in den unteren Räumen noch herrschte, fiel ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf, aus dem ich erst spät am Samstagmorgen erwachte. Das Frühstück später in der Gaststube nahm ich mit den Wirtsleuten gemeinsam ein. Wir redeten noch sehr lange über den gestrigen Abend, meine neugierigen Fragen aber wollten sie mir nicht beantworten.

       Am späten Vormittag verabschiedete ich mich, als ich dann jedoch die Rechnung verlangte, schaute der Wirt mich über seine Brille hinweg verwundert an: »Wieso Rechnung? Das ist schon alles bezahlt!« Mein verdutztes, fragendes Gesicht brachten ihn dann doch wohl zum Lachen. »Sie müssten sich jetzt einmal sehen«, sagte er dann, »solch ein Gesichtsausdruck ist einen Preis wert«. Und wie eine Prämie reichte mir dann die Wirtin noch ein gefülltes Körbchen mit den Worten: »Damit Sie unterwegs nicht hungern müssen!«

  Gestern war wieder Freitag, der Dreizehnte! Glückstag - Unglückstag? Aber ich bin nicht abergläubisch. Nein, wirklich nicht, musst Du mir glauben. Bin es auch nie gewesen. Aber seit jenem Freitag schaue ich mir jeden Kalender immer ganz genau an. Darauf kannst Du Dich verlassen! 

26.6.24

Was ist Wahrheit?

 













Drei Wege gibt es in der Philosophie, für die Definition des Begriffs Wahrheit:
a) Wahrheit = Zu sagen, wie es wirklich ist!
b) Wahrheit = Was mit der Realität übereinstimmt!
c) Wahrheit = Was zu ihrem Sinn passt!

In den ersten Jahrhunderten war es für die Kirche angenehm zu glauben, dass Pilatus den Galiläer Jesus nicht hätte verurteilen dürfen und dass er das auch selbst erkannt hatte. Die Geschichte wurde wieder einmal verletzt, wie schon vorher so oft. Wer eigentlich glaubt daran, dass es Wahrheit in der Weltgeschichte gäbe, wenn die Ereignisse jeweils ein Jahrhundert danach aufgezeichnet würden?

Was also ist Wahrheit? Was ist Lüge? Pilatus hat Jesus verurteilt. Das Zitat zu diesem Fakt stammt von einem antiken Geschichtsschreiber, in dem sowohl Richter als auch Verurteilter zu finden sind, es stammt von Tacitus. Er schreibt etwa 70 Jahre später über die Christen, denen Kaiser Nero angeblich den Brand Roms in die Schuhe geschoben hatte:
»Der, von dem dieser Name ausgegangen, Christus, war unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden …«
So kehren sich die Verhältnisse im historischen Gedächtnis um. Denn während die Anhänger Christi das römische Weltreich – und später die halbe Welt – erobern, bleibt für den Statthalter kaum mehr als die Rolle einer Fußnote, die diese Lebenszeit eines Religionsstifters enthält.

 Nichts bleibt von ihm übrig, er wird 37 n.Ch. nach Gallien versetzt und stirbt dort als Randfigur der Geschichte. Wir sollten daher nicht fragen, ob die Wahrheit bereits von dem Mann infrage gestellt wird, der diese bedeutungslose Frage gestellt hat: 
»Quid est veritas?«

 Es geht doch weiter und weiter mit Wahrheit oder Nichtwahrheit. Zu lügen oder nicht die Wahrheit zu sagen, um jemanden nicht zu verletzen, oder eine Realität zu verstecken, ist etwas, was wir alle schon einmal in unserem Leben getan haben.
Wir wollen uns da doch nichts vormachen. Wir fürchten uns davor, anderen wehzutun. Wir schämen uns vielleicht davor, was andere von uns denken könnten und wir weigern uns, unsere Gefühle zu zeigen.
Aber wenn wir nicht die Wahrheit sagen oder auch nur die Hälfte versteckt halten, dann bewirkt das doch etwas in uns. Es erinnert uns daran, dass wir nicht ehrlich mit uns selbst sind! Wir spüren genau, dass dies falsch ist.

Vielleicht ist es genauso verwerflich, zu lügen, wie nur die halbe Wahrheit zu sagen? Manchmal verbergen wir unsere Altersangabe, warum eigentlich? Wir verstecken unsere Gefühle, verbergen wichtige Dinge, von denen wir glauben, dass sie nur uns etwas angingen. Dieser Beweggrund kann uns jedoch schnell in eine fremde Realität versetzen. Er kann uns zu jemand anderem werden lassen, als der oder die wir wirklich sind! Ehrlichkeit ist eine der fundamentalsten Eigenschaften, die nötig sind, um mit anderen Menschen positiv zu interagieren. Es ist unabdingbar für uns, darauf zu achten und sie zu respektieren, damit sie uns in all unseren Taten und Worten begleitet.

Bitte, nicht vergessen: Unwahrheit entsteht meist durch Angst, es ist eine Emotion, die uns vor vermeintlicher Gefahr beschützen kann. Aber so wie jede andere Emotion können wir sie auch kontrollieren! Neurowissenschaftler haben sich die Frage gestellt, ob Angst ein einfacher Verteidigungsmechanismus gegen psychosoziale Gefahren ist, der uns dazu bringt, die Tatsachen mit Gewalt zu vergessen oder zu verstecken, von denen wir aber wissen, dass sie wahr sind.

Die Wahrheit zu sagen ist tatsächlich manchmal eine Tat, die großen Mut erfordert. Es heißt, direkt aus dem Herzen heraus sprechen und das zu sagen, was wir wirklich denken. Wir verstecken uns dabei nicht hinter einem falschen Schein. Mutig zu sein heißt, in jemand anderes Augen zu schauen und ihm zu sagen, dass wir ihn lieben, oder dass wir ihn nicht mehr lieben. Es heißt dafür zu sorgen, dass unsere Seele und unser Herz durch Worte, die aus unserem tiefsten Inneren kommen, im Einklang sind.

›Die Wahrheit wird sowohl von Lügen
als auch von Stille gestört, sagt der alte Cicero
 Wenn wir die Wahrheit sagen, dann stehen wir irgendwie nackt vor anderen da. Wir zeigen uns so, wie wir wirklich sind. Das aber kann uns Angst machen. Und deshalb kommt dann die Lüge ins Spiel.

Warum bitten wir nicht um Verzeihung, wenn wir etwas falsch gemacht haben? Was hindert uns daran, dann die Wahrheit zu sagen? Ist es die Selbstdarstellung, die wir von uns machten, und die nun nicht zerstört werden soll? Fällt uns dann ein Zacken aus der Krone, die wir uns selbst aufsetzten? Wir alle machen doch Fehler in unseren Leben, täglich. Wenn wir zum Beispiel versuchen, einen anderen Menschen in Schutz zu nehmen, verstecken wir auch schon die Wahrheit. Aber sie kommt immer ans Licht und der Fehler wird bekannt werden, so oder so.  Um Entschuldigung bitten ist immer hilfreich, ehrlich sein und sich hinterher besser fühlen ohne diesen Druck auf dem Herzen! Fehler zu begehen ist menschlich.

Wir tun es unbewusst und das Einzige, was wir versuchen sollten zu tun, ist, eine Lektion daraus zu ziehen. Wir sollten dann dafür sorgen, dass dieser Fehler nicht noch mal passiert. Es geht doch darum, über das nachzudenken, was geschehen ist und ehrlich mit uns selbst und allen anderen zu sein.

Warum lügen die Menschen in ihrem Leben? Generell aus drei verschiedenen Gründen: Um sich an feindliche Umgebungen anzupassen, um Strafen zu vermeiden oder um Belohnungen oder Gewinne zu erhalten. Manchmal lügen Menschen auch, wenn sie sich angegriffen fühlen, um akzeptiert zu werden.

Und manchmal, um der Verantwortung für irgend eine Tat zu entgehen, oder sie lügen über bestimmte Fähigkeiten, um an einen Job zu kommen. Menschen sagen also die Unwahrheit, um belohnt zu werden! Wir lügen, wenn sich unser Ego bedroht fühlt oder wenn wir einen Vorteil aus der Situation ziehen wollen. Die Lüge ist quasi ein Verteidigungsmechanismus, eine Waffe, um überleben zu können. Wichtig aber ist, dass wir zwischen den Menschen unterscheiden, die sich schuldig fühlen und Reue zeigen, und jenen, die überhaupt nichts fühlen und am Ende wirklich noch ihre eigenen Lügen glauben.

Wir sollten nie vergessen, dass die Dinge, die wir verstecken und dass das, was wir nicht sagen, früh oder spät immer ans Licht kommt. Die Wahrheit findet immer einen Weg, sich selbst zu zeigen, denn die Wahrheit befriedigt unsere Seele und macht sie frei. Die Frage »Quid est veritas«, die damals gestellt wurde, müsste umformuliert werden, damit sie korrekt ist. Denn dieses »Was ist Wahrheit?« übersieht die Tatsache, dass Vieles eine Wahrheit haben kann, aber nur Eines die Wahrheit sein kann.

Die Realität ist, dass Pilatus vor über 2000 Jahren direkt vor der ursprünglichen Wahrheit stand. Denn bevor Jesus festgenommen wurde und zu ihm gebracht wurde, machte der schon eine einfache Aussage: »Ich bin die Wahrheit«. Das war schon bemerkenswert. Wie kann ein einfacher Mensch die Wahrheit sein? Das ist unmöglich, ausser er ist mehr als ein einfacher Mensch. Jesus Behauptung wurde in dem Moment validiert, als er von den Toten auferstand! Pilatus erkannte wahrscheinlich nie die Wahrheit. Eusebius, der Historiker und Bischof von Cäsarea, hält fest, dass Pilatus letztendlich - während der Herrschaft des Kaisers Caligula - Selbstmord beging, ein wahrhaft trauriges Ende.-

Was also ist Wahrheit? Ein Wort von Søren Kierkegaard zum Schluss: Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist! Menschen, die recht haben, stehen meistens allein.

10.5.24

Recht haben, oder doch nicht?

 


 


In jungen Jahren war ich fest davon überzeugt, immer Recht zu haben. Es war sozusagen meine zweite Natur, und ich fühlte mich wohl in dieser Rolle. Heute weiß ich es besser und es freut mich tatsächlich, zugeben zu können, nicht immer Recht zu haben!

Es ist gar nicht so einfach, diese Erkenntnis zu akzeptieren, das steht fest. Ich beanspruche nicht mehr, immer Recht zu haben. Ich zweifle an dem, was ich glaube, und bin mir meiner eigenen Ideen nicht immer sicher. Ich bin auch bereit, mich überzeugen zu lassen.

Es geht nicht darum, Recht oder Unrecht zu haben, es geht nicht um Stolz oder darum, zu sehen, wer am längeren Hebel sitzt, obwohl manche Menschen nur darauf aus sind, über anderen zu stehen.

Und um dieses Ziel zu erreichen, greifen sie sogar zu kindischen Mitteln. Strategien wie lautes Schreien oder das Verspotten von Personen, die anderer Meinung sind, scheinen für manche das Nonplusultra zu sein!

Ich habe kein Problem damit, jemandem zuzustimmen, der solche Methoden schätzt, wenn es ihn glücklich macht, auch wenn er später nicht weiss, wohin damit. Es kostet nichts, einem Narren zu gefallen und so zu vermeiden, in einem sinnlosen Streit verwickelt zu werden.

Es bringt nichts, ständig Recht zu haben, es ist ein dummer Fetisch, den manche wie Trophäen aus einem Machtkampf tragen, und ihn zu leugnen ist, als würde man einem Kind Süssigkeiten wegnehmen. Niemand muss mir beweisen, wenn ich Recht habe, ich misstraue denen, die es versuchen. Ich bevorzuge ein gutes Gegenargument, das mich zum Nachdenken anregt, anstatt herablassende Unterstützung.

Seit ich mir keine Gedanken mehr darüber mache, ob ich Recht habe, ist mir klar geworden, dass ich viel glücklicher bin! Ich bin nicht mehr verunsichert, wenn andere anders denken als ich, und ich bin auch nicht frustriert, wenn sie das Offensichtliche nicht erkennen können. Ich bin zufrieden damit, zu tun, was ich für richtig halte, auch wenn ich manchmal Unrecht habe. Obwohl ich mich dabei natürlich auch irren könnte, oder?

 

9.4.24

Braun ist keine Farbe.

 


 










Ist es nicht schön, dieses Blau des Meeres, das sich mit den Farbtönen des azurblauen Himmels paart? Ich liebe diese morgendliche Stimmung, wenn die Möwen die einzigen Gäste sind, die über dem weißen Sandstrand ihre Kreise ziehen. Die dunkelgrünen Föhren über den Dünen bilden einen harten Kontrast zu den filigranen Federwölkchen, die hoch droben dahingleiten. Es ist ein romantischer Anblick, an dem ich mich täglich neu erfreue.

        Jetzt, um sechs Uhr morgens, bin ich noch voll aufnahmefähig für all die schönen Dinge, die mir dieser Urlaubstag aufzeigen möchte. Später dann, wenn die Sonne auf ihrer Bahn fast senkrecht über dem Strand steht, lenkt ihre übermäßige Wärme mein Denken in ziemlich utopische Gefilde von angenehmer Kühle und erfrischenden Winden.

        Mit aufgekrempelten Hosenbeinen, die Sandalen in der Hand und einen zerfledderten Strohhut auf dem Kopf, wandere ich vom Molenkopf des Hafens immer weiter den Strand entlang; ohne bestimmtes Ziel versuche ich der blassblauen Küstenlinie entlang nach Osten zu folgen. Ich mag diese Ziellosigkeit, weil sie einen Kontrast zum Berufsalltag bildet, der eine völlige Gegensätzlichkeit beinhaltet. All das habe abgehakt. Ich bin der Meinung, wer fünfundvierzig Jahre im Beruf tagtäglich in einem strengen Prozess eingebunden war, darf sich nach der Pensionierung wirklich frei fühlen.

     Die Hafenmole liegt schon weit hinter mir, der wunderschöne weiße Sandstrand ist inzwischen grobem Kiesstrand gewichen. Hier läuft es sich barfuß nicht mehr so gut. Aber wozu habe ich meine Sandalen, schließlich bin ich keine Seeschwalbe, die hier ständig auf- und ablaufen kann, ohne sich die Zehen zu stoßen. Ein Blick zurück - oha, bin doch schon länger unterwegs, als ich eigentlich vorhatte. Ich beschließe, meinen Rückweg nun oben am Rand der Dünen unter den hohen Föhren fortzusetzen.

     Gar nicht so einfach, die Dünen zu erklimmen! Da es ziemlich steil hinaufgeht, brauche ich für drei Schritte aufwärts immer einen, den ich wieder zurückgleite. Aber irgendwann ist dann die Oberkante der Düne erreicht. Welch ein herrlicher Ausblick bietet sich hier! Der breite Kiesstrand umsäumt die tiefblaue Ostsee, deren grenzenlos erscheinende Weite im Sonnenglast des Horizonts versinkt. Man ahnt dort wohl ein Ende, kann es aber mit eigenen Sinnen nicht erreichen. Fast eine Viertelstunde widme ich mich diesen Eindrücken, bevor ich mich wieder in Richtung Hafen aufmache. Ein schmaler, aber guter Pfad im Schatten der Föhren erleichtert mir den Weg zurück.Ich summe ein Liedchen vor mich hin, eine alte Melodie, die ich als Kind schon oft hörte. Wie lange ist das her? Siebzig, fünfundsiebzig Jahre?
»… dazwischen trocknen im Sonnenglanz, die Netze der Fischer am Strande …«

  Nun, von Fischernetzen ist hier nichts zu sehen, Fischfang ist wohl nicht mehr der Haupterwerbszweig, denke ich bei mir. Heute ist die Tourismus-Industrie wohl an dessen Stelle getreten. Der Sandstrand auf den zwei Kilometern nahe des Hafens ist in der Hauptsaison gewiss voll mit Menschen. Es gibt dann sicher keinen Quadratmeter des Strandes mehr, der ohne Gäste wäre. Ist wohl überall gleich, denke ich, ob auf Teneriffa, den Balearen oder eben hier an der pommerschen Ostseeküste.

      Ich wandere langsam auf dem schmalen Pfad weiter, mein Blick haftet dabei auf der Ostsee, deren Horizont fern im Blau des Himmels verschwimmt. Meine Gedanken sind dabei rückwärts gerichtet in die eigene Vergangenheit. Wie oft bin ich damals hier mit Eltern und Großeltern entlanggegangen! Ich mochte diesen Weg überhaupt nicht, er war mir zu ›langweilig‹! Viel lieber lief ich unten an der Wasserlinie entlang, dort fand ich immer interessante Dinge, die mich begeisterten. Muscheln, Seetang, Korken von Fischernetzen und oftmals auch kleine Stücke vom Bernstein, die das Meer angespült hatte.

    Leider hatten solche Ausflüge für einen wie mich, den achtjährigen Jungen, Seltenheitswert. Zumal der Weg bis zum Strand ohne Fahrgelegenheit immerhin vier Stunden gedauert hätte. Das aber wurde mir natürlich verboten! Dieses Verbot war natürlich voll in Ordnung. Aber - für einen Jungen mit einer enormen Abenteuerlust im Kopf, ebenso natürlich unverständlich.

     Ich fahre aus meinen Gedanken hoch! Dort vorn - was oder - wer war das? Im Näher gehen sehe ich einen alten Mann auf einem Hocker sitzen, vor sich eine Staffelei. Ich gehe leise näher und grüße: »Dzień dobry, proszę pana!« Er dreht sich zu mir um, sieht mich mit einem langen Blick an. Sagt zunächst kein Wort, legt dann aber den Pinsel, den er in der Hand hält, an der Staffelei ab und meint schließlich: »Sie können Deutsch mit mir reden. Es ist meine Muttersprache!«

     »Woher wissen Sie, dass ich ...« Er unterbricht mich: »Dreiviertel aller Touristen sind hier Deutsche. Und Sie, Sie sehen so deutsch aus!« Er lächelt dabei, weist mit der Hand auf einen Baumstumpf neben sich, »habe leider keinen besseren Platz für Sie!«

      Ich setze mich neben ihn. Er scheint etwa in meinem Alter zu sein, sein zerfurchtes Gesicht aber lässt ihn älter erscheinen. Er trägt helle Bermudas und ein kariertes Hemd, dazu einen alten Hut mit breitem Rand. So ähnlich hatte ich mir früher immer den großen Maler ›van Gogh vorgestellt‹. »Na«, sagt er dann, »haben Sie mich nun eintaxiert? Ist Ihnen der Herr Heymann koscher genug?« Er lacht auf. »Entschuldigen Sie, das Wort kennen Sie in Deutschland wohl nicht mehr, nicht?

  Mir ist zunächst etwas unbehaglich zumute, doch das vergeht dann schnell. »Sie irren sich«, sage ich, »ich habe nichts gegen jüdische oder jiddische Ausdrücke. Und ich kenne viele davon. Meine Großmutter hatte mir die in meiner Kinderzeit beigebracht. Obwohl die damals verboten waren und streng bestraft wurden!«

        Er mustert mich plötzlich aufmerksam von der Seite. Ich scheine in seinen wachen hellen Augen bestanden zu haben. »Würden Sie mir sagen, welcher Jahrgang Sie sind?« Er fragt es mit einem leisen Unterton.

       Ich lache kurz auf. »Guilty or not guilty?«
Ich schüttle meinen Kopf, »Nein, Herr Heymann, Sie irren sich. Ich war bei Kriegsende gerade Elf!« Er nickt. »Genau wie ich!« sagt er dann. Dann wird seine Stimme, die bisher nur halblaut gesprochen hatte, lauter: »Nein, nein, Sie missverstehen mich. So war es nicht gemeint. Wie käme ich dazu, Sie anklagen zu wollen. Wir waren Kinder. Ich wurde ›weggeführt‹ und Sie wurden ›verführt‹. So hatte jeder sein Schicksal!«

        Wir schweigen lange Zeit. Er nimmt seinen Pinsel und setzt wieder ein paar Striche und Farbtupfer auf seine Leinwand, die ein fast fertiges Seestück darstellt. 
»Ein wunderschönes Bild«, sage ich ein wenig beklommen, »es zeigt die Natur in all ihrer Schönheit.« Er sieht mich an, sein Blick scheint in die Ferne zu wandern und gleichzeitig bei mir zu sein. »Ich kann die Natur nur so darstellen, wie ich sie sehe. Ich sehe sie so. Ich sah sie schon immer so. Fällt Ihnen etwas auf an diesem Bild?«

Ich stutze. Was sollte das sein? Ich bin kein Kunstkenner. Dann dreht er die Staffelei ein wenig zu mir herum, ich kann nun sein Werk besser betrachten. Es dauert eine ganze Weile, bis ich dahinter komme, was er meint!

    Alle natürlichen Farbtöne haben ihren Platz auf diesem Gemälde erhalten, es ist wirklich ein Genuss, dieses Bild anzuschauen. Dann jedoch sehe ich, was er mir zeigen will: Nicht der geringste Ton einer ›braunen‹ Farbe ist dort vorhanden. Es scheint, als wenn diese Farbe auf seiner Palette überhaupt nicht existiert!

   Verwirrt schaue ich ihn an. Er lächelt, auf eine geheimnisvolle Art, die mich voll in ihren Bann zieht. Er legt den Pinsel wieder weg, nimmt seinen Hut ab und wischt sich mit einem Tuch über das schüttere weiße Haar. »Sie haben es entdeckt, nicht wahr? Es sind nicht viele Menschen, die das sehen! Warum? Weil Braun keine Farbe ist!«
    »Wissen Sie«, sagt er dann, indem er den Kopf wieder bedeckt, »ich weiss nicht warum, aber ich mag Sie! Vielleicht, weil wir gleichen Alters sind? Oder weil wir beide Erfahrungen hatten, die zwar diametral gegenüberliegen, die uns aber doch verbinden!«  Ich lächle und nicke zustimmend, hebe aber dann zweifelnd einen Finger: »Lieber Herr Heymann, da müssen Sie aber scharf aufpassen, dass Sie Rot und Grün nicht mischen!«
     Heymann lacht, er lacht lauthals, und ich kann nicht anders, ich lache mit! Wir wischen uns die Lachtränen vom Gesicht. Welch ein wundervolles Erlebnis, ein Jude und ein Goj sitzen am Ostseestrand und lachen über einen Witz, der im Grund kein Witz ist, sondern eine kleine Episode des wirklichen Lebens.

  Dann erzählt er mir aus seinem Leben, einem Leben, das so völlig anders verlief als mein eigenes. Ich glaubte immer, meine Kindheitserlebnisse waren schwer, die Flucht und Vertreibung vom pommerschen Ostseestrand; nun musste ich mit Erschrecken feststellen, dass dies Murmeln waren im Vergleich zur Größe eines Medizinballes.

    Er erzählt mir vom Vernichtungslager Bełżec in der Nähe von Lublin, in das er aus seiner Heimatstadt Danzig verschleppt wurde. Viel höre ich nicht von ihm, muss ich auch nicht, dieses Elend ist einfach nicht beschreibbar.

  Wir schweigen lange, dann erzähle ich ihm, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die diese millionenfachen Morde in den Konzentrationslagern des Hitler-Regimes einfach leugnen. Er nickt. Dann sagt er leise: »Glauben Sie, dass es hier in Polen anders ist? Hier wird nur von den Opfern gesprochen, die Polen waren! Von der Vernichtung der jüdischen Aschkenasim erfährt man höchstens nur am Rande. Es ist eine verkehrte Welt. Erst hatte ich vor, nach Israel auszuwandern. Aber was soll ich da noch? Das hätte früher geschehen müssen, aber ich habe gedacht, es würde hier alles besser werden.«

     Er lachte verbittert auf. »Also bleibt alles, wie es war. Ich mische mich nicht in die Politik ein - und die lassen mich in Ruhe«. Als ich den Mund aufmache, um etwas zu erwidern, meint er: »Ja, ich weiß, wer nichts tut, ist auch schuldig! So sind wir schließlich alle eine Generation der schuldigen Schuldlosen! Lassen wir es dabei.«
Wir verabschieden uns schließlich mit einer Umarmung. Er bittet um die Angabe meiner Anschrift, er will mir das Seebild zusenden, wenn es fertig ist. Ich gebe ihm meine Karte. Ich bekomme also dieses Bild von ihm, ein Bild, das keinerlei Brauntöne aufweist.

  Es ist jetzt drei Jahre her. Das Bild ist leider nicht angekommen. Vielleicht, weil Braun überall wieder Mode wird?

3.4.24

Leben, oder was?

 


 















Die Tür geht auf. Warum eigentlich? Sein Bewusstsein hat sich verändert, er weiß nicht, warum die Tür plötzlich offen steht. Doch Dietmar ist sicher, dass diese Tür sonst geschlossen ist. »Tür zu!«
Er schreit es hinaus auf den Flur, er brüllt es geradezu. »Ganz ruhig, Herr Michels, ich mache sie ja gleich zu, aber sie wollen doch ihren Kaffee, nicht wahr?«

       Aha, Schwester Anne, das ist okay, sie darf ihm immer etwas bringen, sogar diese gelben und rosa Pillen. Wenn sie ihm dann dazu das Wasserglas reicht, ist er von ihren Augen entzückt. Sie strahlen in einem wunderschönen Veilchenblau, es wäre wahrscheinlich eine Sünde, davon nicht hochgestimmt zu sein.

       Diese feste Regel, dass Schwester Anne den Kaffee zu den Bewohnern in die Zimmer bringt, hat sich fest in den Tagesablauf eingegliedert. Dietmar wartet meist den ganzen Nachmittag auf diese drei Minuten, wenn Schwester Anne den Kaffee bringt. Diese Zeit um Fünfzehnuhrdreissig scheint wie ein fester Block in seinen Gedanken zu liegen.

       Vielleicht ist es, weil ihre Freundlichkeit ein Höhepunkt seines Lebens ist? Viel mehr Freuden hat er eigentlich nicht. Seine Erinnerungen treiben ziellos im Fluss des Vergessens dahin, es ist ein stetes Fließen ohne jede Möglichkeit, diesen Strom zu steuern.
 Die Synapsen haben sich miteinander verknotet und so werden aus den Bruchstücken der Vergangenheit stets neue Fragmente der kurzzeitigen Zukunft. Dietmar fragt sich schon lange nicht mehr, wer er eigentlich ist. Er weiß es einfach nicht mehr! Gedankenverloren starrt er auf ein Bild, das auf dem Tisch liegt. Wer diese Menschen wohl sind, die er dort sieht, - und warum liegt das Bild da überhaupt?

       Schwester Anne reicht ihm seinen Kaffee. »Muss eine wunderschöne Reise gewesen sein«, sagt Anne. »Sie waren damals wohl auf Hochzeitsreise? Ihre Frau sieht auf dem Foto aus wie eine Schauspielerin! Das war sicher in Venedig, nicht wahr? Übrigens, sie möchte sie gern heute besuchen!«

       Dietmar sieht sie verstört an. Dann schüttelt er mit Vehemenz den Kopf. »Unmöglich. Ich war nie in Venedig. Und das ist auch nicht meine Frau. Wer soll das sein? Ich habe keine Frau! Und die da soll bleiben, wo sie ist, ich - will - sie - nicht - sehen!«

       Er nimmt das Foto noch einmal in die Hände, führt es ganz dicht vor seine Augen. Dann wirft er es zornig auf den Boden und stampft mit einem Fuß darauf herum. »Ich bin es leid, dass ihr mich immer mit fremden Frauen verkuppeln wollt. Ich brauche keine Frau. Ich kenne die überhaupt nicht und den Kerl daneben schon gar nicht«.

    »Aber nicht doch, lieber Herr Michels, das sind doch sie selbst!« Schwester Anne bleibt die Ruhe selbst, auch als Dietmars Ton harscher wird. Sie ist so etwas gewohnt. Da hilft nur stoische Ruhe. Dietmar steht nun vor ihr, wutentbrannt, zeigt dann mit der Hand auf den Flur: »Verlassen Sie mein Haus! Sofort!« Schwester Anne geht zur Tür, dann sagt sie ganz freundlich, indem sie die Tür schließt: »Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend, Herr Michels.«

       Auf dem Flur steht Marlene Michels an einem Fenster und schaut gedankenverloren hinab in den Hof. Die heftigen Worte im Zimmer bei der halb geöffneten Tür hat sie mitgehört, mit verweinten Augen sieht sie die Schwester an. Anne legt ihr die Hand auf die Schulter, schüttelt dann traurig ihren Kopf. »Es hat keinen Sinn«, sagt sie dann, »Ihr Mann ist weit weg, ganz weit. Er erkennt sich selbst nicht, lebt in seiner Welt, die es so gar nicht gibt. Sie müssen lernen, es zu akzeptieren. Unbedingt! Sonst zerstören Sie ihr eigenes Leben. Und das wollte ihr Mann ganz bestimmt nicht!«

Marlene schaut die Schwester an, nickt lethargisch. Ihre Schritte werden sodann unsäglich schwer, als sie zum Ausgang geht. Aber sie weiß, sie wird wiederkommen, immer und immer wieder ...

Krieg ist kein Spiel

    Ich bin eigentlich in einer Familie groß geworden, die den Krieg gehasst hat. Dazu haben die Jahre 1914-18 und 1939-45 zu viele Opfer ...