28. März 2019

Gott und das Kamel!

Aus dem Islam wird uns ein wunderschönes Gleichnis überliefert:
 Die Gläubigen kamen in Scharen, um die Worte des Propheten Mohammed zu hören. Ein Mann hörte besonders aufmerksam und andächtig zu, betete mit gläubiger Inbrunst und verabschiedete sich schliesslich vom Propheten, als es Abend wurde. Kaum war er draussen, kam er wieder zurückgerannt und schrie mit sich überschlagender Stimme:
»Oh, Herr! Heute morgen ritt ich auf meinem Kamel zu dir, um dich, den Propheten Allahs, zu hören. Jetzt ist das Kamel nicht mehr da. Weit und breit ist kein Kamel zu sehen. Ich war dir gehorsam, achtete auf jedes Wort deiner Rede und vertraute auf Allahs Allmacht. Jetzt, oh, Herr, ist mein Kamel fort. Ist das die göttliche Gerechtigkeit? Ist das die Belohnung meines Glaubens? Ist das der Dank für meine Gebete?«
Mohammed hörte sich diese verzweifelten Worte an und antwortete mit einem gütigen Lächeln: 
»Glaube an Allah - und binde dein Kamel fest.«

(aus: Der Kaufmann und der Papagei von Nossrat Peseschkin)

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Glaube an Allah, aber bitte, binde zuerst dein Kamel fest!
 Welch eine Aussage des Propheten! Sie weckt Zweifel, obwohl daran nichts Zweifelhaftes ist. Sie weckt Ängste, obwohl diese Worte lediglich darauf hinweisen, dass alles sicher sein wird, wenn wir selbst wach bleiben und damit etwas für diese Sicherheit tun.
Das ist kein Schlagwort der damaligen Zeit. Das ist heute noch genau so gültig, und zwar im Islam genau wie im Christentum!
Vertraue Gott, aber binde erst dein Kamel an, damit es dir nicht verloren geht! Für mich bedeutet das unter anderem, dass man Gott zu jeder Zeit vertrauen kann, dennoch nicht alles, was man selbst tun kann, ihm dann träge zu überlassen!
 Diese kleine Geschichte zeigt uns doch, dass der Glaube uns nicht entbindet vor dem Tun dessen, was uns der gesunde Menschenverstand sagt. An Gott glauben heisst doch nicht einfach, leichtsinnig durchs Leben zu wandern. Es heisst doch nicht, am Schluss Gott für die Folgen unserer Leichtsinnigkeit verantwortlich zu machen.
Gott lässt sich nicht instrumentalisieren. Die Geschichte ermutigt uns, beides zusammen zu bringen: das Vertrauen auf Gottes Hilfe und unser eigenes Dazutun.
Mit Gott im Rücken vermögen wir uns den Herausforderungen des Alltags zu stellen.
 »Glaube an Gott, aber binde dein Kamel fest!«

©by H.C.G.Lux

25. März 2019

Schönheit ist subjektiv!


Wie denkst du darüber, kannst du sagen, was Schönheit wirklich ist? Was macht sie aus, wie empfindet der Einzelne diese Eigenschaft, die nun wirklich kein Allgemeingut ist, sondern nur eine subjektive Einstellung.
Lassen wir uns für einen Moment innehalten und darüber nachdenken. Was ist also wirklich schön? Ist es der Augenblick, wenn ich jemand erkenne, den ich mag und dabei sage: »Der ist schön«?
     Ist es meine eigene Einstellung über Schönheit und Vollkommenheit, die ich von Kindesbeinen an angenommen habe?
Wer bestimmt eigentlich die Maßstäbe von schön oder unschön, von lieblich oder hässlich? Wer will hier so vermessen sein, diese Standards festzusetzen und sie als allgemein gültig ansehen zu lassen? Wer spielt hier mit diesen Begriffen, die im Grunde genommen die Welt beherrschen. Die Komplexität dieser Begriffe ist so umfangreich, dass man dicke Folianten damit füllen könnte.
Schönheit, das ist rein faktisch gesehen, ein relativer Begriff.
Was ich schön finde, kann für einen anderen Menschen genau das Gegenteil bedeuten. Es muss noch lange nicht in die Perspektive des anderen passen, wenn ich etwas »wundervoll« finde. Das ist nur meine eigene Einschätzung.
     Was zum Beispiel gestern schön war, passt möglicherweise überhaupt nicht in die heutige Norm der Ansichten. Dabei denke ich auch an das, was den Frauen beispielsweise seit Jahrtausenden passiert ist, unabhängig von der Kleidung der jeweiligen Zeitabschnitte. 
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Die damaligen skulpturalen Körper waren (auch) ganz anders als die heutigen, von wem auch immer geforderten Schönheitsstandards.
Dazu sage ich ganz einfach: Eine Frau kann schön sein, auch wenn sie nicht dem Standard der von Mode oder Designern deklarierten Geschmacksrichtung entspricht.
Und eine Frau kann auch schön sein, wenn sie nicht das Körpergewichtsideal der Modediktatoren auf ihre Fahnen geschrieben hat!
     Der wichtigste Punkt in der weiblichen Schönheit ist im Grunde ihr Selbstwertgefühl! Wenn eine Frau sich selber mag, wird sie auch der äußeren Umwelt das gleiche Gefühl vermitteln können, ohne dabei überheblich zu wirken. Denn das wiederum würde bei anderen Menschen genau das Gegenteil hervorrufen, nämlich Ablehnung.
     Eine Tatsache darf man dabei nicht unberücksichtigt lassen:
Ein - nach allgemeiner Ansicht - schöner Mensch kann genau so große Nachteile im Leben haben wie ein unattraktiver.
Wobei dann wieder die Frage anfällt: Wer gibt hierbei die Norm vor? 
     Ich hatte vor Jahren eine nähere Bekanntschaft mit einer Schauspielerin (der Name spielt hier keine Rolle) die, obwohl eine Schönheit im landläufigen Sinne, sehr unglücklich und einsam war. Es war einfach für sie nicht möglich, eine feste Bindung einzugehen, da sie stets nur als »die Schauspielerin« und niemals als der Mensch dahinter gesehen wurde und somit zwangsläufig einen Bannkreis um sich zog, den niemand durchbrechen mochte.
     Schönheit ist relativ. Das hatten wir schon festgestellt, es kommt immer auf den Blickwinkel an, aus dem man seine Betrachtung macht. (Manchmal auch auf das Teleobjektiv, das erbarmungslos alles aufzeigt, was vielleicht nicht attraktiv ist.) Man kann Schönheit einfach nicht »messen«, obwohl es dabei an Versuchen nicht mangelt.
     Jeder Mensch hat eben sein eigenes Schönheitsempfinden. Wir können getrost davon ausgehen, dass persönliche Erlebnisse dieses Empfinden ganz individuell prägen.
Vous voulez savoir si vous êtes belle? Je dis: Oui!! “
Dieser Satz Gustave Flauberts (1821-1880) bringt, so glaube ich, alles auf den Punkt:
»Du willst wissen, ob du schön bist? Ich sage: >JA!<

     
     Was bleibt da nun noch zu fragen?
Etwa: Bist DU schön? Eindeutig »JA«. 

Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit ...

©by H.C.G.Lux

20. März 2019

Fernweh



So manches Mal denk ich zurück
in stiller Stunde an die Zeit
von Kindertagen voller Glück;
sie liegt nun schon unendlich weit.

Es war doch eine schöne Zeit!
Zwar hatten wir oft große Sorgen,
doch macht ich mir, trotz manchem Leid,
keine Gedanken um das Morgen.

Es gab ja Bücher voller Abenteuer,
die ich verschlang wie gutes Essen;
das Fernweh brannte heiß wie Feuer
und alles andere schien vergessen.

Da wollte ich in meinen jungen Jahren
- ich war noch lange keine Zehn -
allein zum Amazonas fahren,
und viele fremde Länder sehn.

Ich wollte den Gran Chaco dort erkunden,
auf Humboldts Spuren durch den Urwald gehn
und wenn ich alles dann herausgefunden,
würde auch meine Mutter mich verstehn!

Als meine Lieben noch im Schlafe lagen,
da packt ich meine Siebensachen.
- Ich konnte es doch keinem sagen,
wollt nicht, dass sie sich Sorgen machen -

und zog dann in die weite Ferne,
mit den Klamotten auf dem Rücken
Über mir da blinzelten die Sterne -
der Rucksack fing schon an zu drücken.

Beim letzten Haus in unsrer Strasse
machte ich mit dem Rucksack Inventur:
Zwei Hemden von der Leine, ziemlich nasse,
von meinem Vater eine alte Taschenuhr.

Ein Buch: »Im Urwald lebt ich lange Jahre«.
Drei Strümpfe und ein Kanten Brot,
ein Kamm mit siebzehn Zinken - für die Haare,
ein Maikäfer, leider war er schon tot.

Hier noch ein Buch: »Ich überlebe!”
von Ferdinand von Emmerich,
wenn in den Urwald ich mich dann begebe,
da brauche ich es, sicherlich!

Jetzt aus der Wundertüte einen Kompass,
den hatte ich noch irgendwo entdeckt,
und zu diesem wunderbaren Anlass
in den Rucksack noch gesteckt.

Nachdem ich alles reiflich inspizierte,
kam ich am Ende doch zu dem Entschluss:
Bevor mein Leben ich beim Abenteuer so riskierte,
ich noch ein paar Jährchen warten muss!

So schlich ich heim zu Mutters Speisekammer
und allen war es sonnenklar:
Am Ende kam zum Katzenjammer die Erkenntnis,
dass ein großer Forscher für die Welt verloren war.

So kam dann oft nach manchem Wagnis
am Ende die Vernunft zum Tragen!
Und manches spätere Ereignis
würde ich heut wohl nicht mehr wagen!


***

©by H.C.G.Lux
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15. März 2019

Kritikaster


Es ist nicht leicht in unseren Zeiten,
Ein superfein Gedicht zu reimen,
Denn zu der hehren Lyrik Weiten
Führt ein Weg nur im ganz Geheimen.
Der Regeln gilt es viele einzuhalten,
Sie streng befolgen, so ist das Gebot.
So etwa dichteten unsere Alten:
»Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!«
Unantastbar sein, das sei dein Streben,
Denn in der hehren Lyrik Hallen
Wird die falsche Form dir nicht vergeben
Und du bist ganz schnell durchgefallen.
Die heilige Regel steht absolut fest,
Sie kennt schon jeder Gymnasiast,
Sie widersteht auch jedem Härtetest,
Wenn sie nicht in das Schema passt!
Jenseits von Trochäen und der Metrik
Geht dich das Dichten gar nichts an!
Was soll'n dir die Facetten unsrer Lyrik?
Perfektion ist wichtig, streng nach Plan.
Ein Dichter soll sein Werk doch formen,
Und Wortgewalt hat keinerlei Gewicht.
Es geht heut nur noch um die Normen.
Romantische Gefühle zählen nicht!
Ich rate dir, herzlieber Dichter- und -rin,
ob Sonett, Terzett, ob Ballade du gewählt,
ob Paar- oder Kreuzreim du im Sinn:
Schreib so wie du willst - das alleine zählt!
 ©by H.C.G.Lux

11. März 2019

Du bist für mich da!

Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast! Warum?
Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.
Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen.
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Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke!
Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.
Weisst du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen.
Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein.
Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress.
Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann.
Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber für mich vernehmbares Flüstern:
»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«

©by H.C.G.Lux

3. März 2019

Die Zeit, die wir haben!

Leise klopft der Regen gegen das Fenster. Die eigene Einsamkeit zählt ihre Sekunden, langsam klopft auch der Sekundenzeiger die Zeit weg. Tick-Tack-Tick-Tack … Ist  jemand bereit, die Zeit aufzuhalten? Niemand kann sie anhalten. Warum sie nicht einfach stoppen? Halt, und jetzt bitte rückwärts.
Aber die Zeit vergeht. Langsam, schnell, je nachdem, wie man es fühlt. Wie man sich fühlt. Wartest du, werden die Sekunden zu Stunden. Befindest du dich mitten in einem Ablauf, werden Stunden zu Sekunden. Die Zeit vergeht, Zeit, die wir niemals wieder zurückbekommen. Vorbei, vergangen, ausgelöscht? Was bleibt von dieser Zeit? Nur Gedanken, Erinnerungen? Zeit, welch ein wunderbares Wort ist dieser Substantiv! Wie viel Erwartung liegt darin, welche Hoffnung vermittelt dieser Ausdruck für das Leben.Friedhf_003
Viel Zeit haben! Ist das nicht ein gewaltiger Moment des Glücks? Kann das nicht bedeuten: Ich muss mich nicht beeilen, ich kann alles in der Form machen, in der Ruhe fertig bringen, wie ich es für richtig halte? Zeit haben! Ich habe Glück, denn ich habe Zeit, Unmengen von Zeit …
Aber welch eine Drohung kann dieses Wort»Zeit«  in sich tragen. Vier Buchstaben, die Angst machen, die das Herz schneller schlagen lassen:
Ich habe keine Zeit mehr
!
Spürst du die Eiseskälte, die dahinter steckt? Wie eine stählerne Wand steht dieser direkte Ausdruck vor dir, hinter dir. Überall ist sie im Raum vorhanden. Das Schlimmste dabei: Du kannst ihr nicht ausweichen, diese Drohung, lässt dich einfach nicht mehr aus ihren Fängen! »Ich habe keine Zeit mehr«.
Da drängt dich jemand zu etwas, das du im Grunde deines Herzens gar nicht willst. Du möchtest die Hände in den Schoß legen, aber jemand verhindert das. Warum? Weil du keine Zeit mehr hast. Vielleicht hast du sie ja vertrieben, durch irgendeinen »Zeitvertreib«? Und nun ist sie weg, deine Zeit.
Nein, nein, noch ist sie da, du hast noch genügend Platz, hast noch Spielraum, um sie zu würdigen, deine Zeit! Nütze sie. Die Zeit, die wir bekommen  haben, ist unsere Zeit. Unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Alles im Leben wird von unserer Zeit abgezogen. Jede Sekunde, Minute, Stunde. Deshalb ist es so wichtig, diese Augenblicke zurückzubringen, weil sie zu unserer Zeit gehören, diese Gedanken und Erinnerungen.
Sie ist zwar vergangen, kommt niemals mehr zurück, aber wir können uns daran erinnern, an diese unsere Zeit! Mehr als dies ist nicht möglich. Auch wenn ich darüber schreibe, ist dies nur ein Tropfen, der auf einem heißen Stein sofort wieder verdampft.
Und dennoch: Wir sollten behutsam mit unserer Zeit umgehen, denn mehr als wir heute haben, werden wir nie wieder bekommen …
© by H.C.G.Lux

1. März 2019

Ragnarök




Ganz sachte geht nun 
dieser Tag zur Neige.
Durch dunkelgrünes Laub
rauscht leis der Abendwind.

Der unwirklich hohe Dom 
jahrhundertalter Buchen
strahlt mit barocker Pracht
in des Mondes Silberglanz. 

Gebannt schau ich hinauf 
in die stolzen Wipfelhöhen,
die mir von alten Zeiten 
und fernen Welten singen.

Wo ist sie hin, die alte Sage,
in der die Menschen ihre
Sehnsucht und Freude an
den Götterhimmel malten?

Wotan und Frija waren es einst,
die den Himmel beherrschten,
voller Ungeduld warten sie heut
auf das Ende der Welt: Ragnarök.

Wenn Baldur einst aufersteht,
wird das friedvolle Dasein
von Menschen und Göttern
aufs Neue in Eintracht beginnen.

Sachte geht nun der helle Tag 
endgültig dem Ziele entgegen,
in blaue Schatten gehüllt,
wartet die endlose Nacht. 

Seht doch, das Dunkel,
wo in der Höhe im Schatten 
der endlosen Nacht,
das Leben aufs Neue beginnt! 

(Ragnarök heißt der Kampf der Götter
und Riesen, in dessen Folge die ganze Welt untergeht.
Flammen und Rauch werden zum Himmel schießen.
Durch den Ausgleich von Ordnung und Chaos wird ein
Gleichgewicht entstehen, das dem wiedergeborenen
Allvater Odin verhilft, eine neue Welt zu schaffen.
Alles Böse bessert sich.)


©by HCG Lux
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19. Februar 2019

Der Nachmittagsgast


Es kam mir schon ein wenig seltsam vor, weil ich ihn noch nie vorher gesehen hatte. Jeden Nachmittag kam er dann regelmäßig bei schönem Wetter zu mir in den Garten. In den ersten Tagen war ich zwar erstaunt, dennoch fasste ich schnell Vertrauen zu ihm. Er störte mich ja auch nicht bei meiner Arbeit. Jedes Mal, wenn er durch die hintere Gartentür um die Ecke kam, freute ich mich, ihn wieder zu sehen.
              Meist war es gegen 14 Uhr, wenn er bei mir aufkreuzte, es ließ sich nicht leugnen, ich mochte ihn vom Beginn unserer Bekanntschaft an. Es war aber auch ein wunderschönes Tier, dieser braune Cockerspaniel. Dass er schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte, sah man an seinen Barthaaren, die langsam weiß wurden. Jedenfalls verstanden wir uns wortlos und so stellte ich schon vorher immer eine Schale mit frischem Wasser für meinen Gast neben meinen Platz auf die Terrasse. Ich trank meinen Tee und er nahm ab und zu einen Schluck aus der Schale. Meist sah er sehr müde aus, dennoch aber war sein seidiges Fell immer gepflegt. Man konnte daran sehen, dass er ein gutes Zuhause und wahrscheinlich liebevolle Menschen um sich herum hatte.
              Irgendwann, als das Wetter mit einem Regentag aufwartete, kam er zu mir, als ich gerade in der Terrassentür stand und dem Schnürlregen zwischen den bunten Pflanzen zusah. Ich ging ein wenig zur Seite und so drückte er sich an mir vorbei, um dann direkt hinter der Tür stehen zu bleiben. Er ließ sich von mir die Pfoten säubern und legte sich danach auf die Fußmatte an der Tür. »Gut erzogen«, dachte ich so bei mir. Ein anderes Tier wäre gewiss ohne Säumen ins Zimmer gelaufen. Ich tätschelte ihm das Fell, er dehnte sich dann wohlig, drehte sich ein paar Mal und war kurz darauf eingeschlafen!


              Das ging so bis in den Spätsommer hinein. Er kam fast jeden Tag, begrüsste mich, legte sich dann auf die Matte und schlief. Nach etwa einer Stunde streckte er sich wieder, schaute mich mit seinen warmen braunen Augen an und verschwand wieder durch die Gartentür.
Irgendwann war meine Neugier nun doch erwacht. Wo kam er her? Und warum verschwand er nach einiger Zeit wieder? Ich schrieb eine Nachricht auf einen Zettel und steckte ihn hinter sein Halsband.
»Hallo, lieber Hundefreund! Ich würde gern wissen, wem dieser tolle Hund gehört! Und ist Ihnen bekannt, dass er fast jeden Nachmittag zu mir in den Garten kommt und sein Mittagsschläfchen hält?«
Am nächsten Tag war der Hund wieder da! Und er hatte einen blauen Zettel unter seinem Halsband, darauf stand mit zierlicher Schrift:
»Der Hund heißt Niko. Er lebt in einem Haus mit 6 Kindern, von denen vier unter drei Jahren sind. Er versucht, seinen Schlaf nachzuholen. Danke, dass Sie ihm dazu Gelegenheit geben!
Apropos Gelegenheit - darf ich morgen mit ihm kommen?«

©by Wildgooseman

22. Januar 2019

Recht und richtig

Als Großvater geboren wurde, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. In Potsdam saß der Kaiser auf seinem großdeutschen Thron, alle Ministeriellen machten genau das, was ER wollte. Und der Reichstag machte die Gesetze, Wilhelm II. segnete sie ab und damit war für den kleinen Mann zu Hause alles geregelt.
 Der 
Urgroßvater freute sich über den Stammhalter, der den Namen der alteingesessenen Familie wieder zu neuen Ehren bringen sollte, nachdem einer seiner missratenen Sprösslinge sich als »sozialistischer Revolutionär« vorher mit dem Bismark angelegt hatte und deswegen ein paar Monate im Kittchen verbracht hatte.
          Nun aber war lang erwartet der Großvater da. 1890 war er gerade rechtzeitig geboren, um dem im sogenannten "Drei-Kaiser-Jahr 1888" inthronisierten neuen Kaiser Wilhelm II. mit extrem lauter Stimme ein »Willkommen« entgegenzukrähen! Nach Wilhelm I. und Friedrich III. war der Zweite Wilhelm das Staatsoberhaupt im "Deutschen Reich" geworden.
War das eine große Freude - jedenfalls für den Adel. Dem kleinen Mann nützte das Ganze Theater herzlich wenig, er hatte wie immer, die Zeche zu bezahlen. Und die war niemals gering!
    Rechtzeitig
 zum Weltkrieg 1914 erschien also Großvater in der Weltgeschichte, um dem Deutschen Reich hilfreich bei dem Kampf der Achsenmächte mit der Entente siegen zu helfen. Nun, zu diesem Sieg reichte es zwar nicht, aber immerhin war nach vier harten und für die Bevölkerung entbehrungsreichen Kriegsjahren der Kaiser in einer Nacht- und Nebelaktion nach Holland verschwunden und ließ dort dann den Herrgott einen guten Mann sein. Schließlich musste er ja von seinen Ruhmestaten ausruhen. 


Großvater kam dann auch wieder nach Hause. In der Schlacht an der Somme 1916 verlor er drei Finger einer Hand, ein Maschinengewehr durfte er trotzdem noch bedienen. Diese Schlacht an der Somme zählt bis heute zu den sinnlosesten Schlachten aller Zeiten. Nach vier Monaten schwerster Kämpfe hatte sich die Front fast nicht verändert, die Verluste auf beiden Seiten betrugen die unglaubliche Anzahl von 1,3 Millionen Mann! Keine andere Schlacht in einem Krieg hat so viele Opfer gekostet. Die Helden bekamen im Reich ein Eisernes Kreuz, die Übrigen hatten ein Stück Eisen im Kreuz!
         Ja, wie gesagt, Großvater war dann wieder daheim. Vater, 1910 geboren, war inzwischen acht Jahre alt und schwarz-weiß-rot erzogen worden. In den Hungerjahren des Krieges wurde dieses Nationalbewusstsein so eingetrichtert, dass eine andere Einstellung sofort als »linksrevolutionär« angesehen wurde.
Im berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17 war der Versuch, zu überleben, die einzige Aufgabe, die jede Familie zu realisieren hatte. So manch einer hat es da nicht mehr geschafft. Für sie oder ihn blieb dann kein ehrenvolles »Dankeschön«, sie waren einfach nicht mehr vorhanden!
        Die Zeit nach 1919 mit den Wirren und den diversen politischen Strömungen brachte überhaupt keine Klarheit der Dinge, die man sich erhofft hatte. Reparationszahlungen in gigantischer Milliarden-Goldmark-Höhe waren Deutschland aufgezwungen worden. Dass diese auch mit dazu beitrugen, die unselige Nazi-Diktatur an die Macht zu bringen, wurde - und wird zum Teil heute noch - vehement abgestritten. Jedenfalls kam 1923 dann der wirtschaftliche Niedergang in Deutschland. Es war eine riesengroße Enttäuschung. Der Nominalwert der Mark ging stürmisch und unmissverständlich in die Tiefe. Der Arbeiter, falls er überhaupt noch Arbeit hatte, wusste morgens nicht, ob der Lohn, den er tagsüber verdiente, abends noch dazu reichte, ein Brot zu kaufen! Es ist kein Märchen, dass die Hausfrau abends am Fabriktor stand und auf den Ehemann wartete, um schleunigst mit dem Tageslohn zum Kaufmann zu rennen! Dabei schien es nie sicher, ob Brot oder sonstige Waren noch vorhanden waren oder das Geld für den Kauf noch ausreichte! Es war obligatorisch, dass dann die Kinder daheim auch mal ohne Essen ins Bett mussten.
         Natürlich gab es auch - wie in allen Zeiten - Kriegsgewinnler. Das waren dann die Menschen, die aus der Not Anderer eine Tugend zum Geldverdienen machten.
Großvater jedenfalls gehörte nicht zu diesem Personenkreis, er hatte es aber fertig gebracht, sich mit einem Tischlereibetrieb selbstständig zu machen. Als der Niedergang des Geldes begann, hatte er schon große Mengen an Holz aufgekauft und versuchte nun mit einem
Angestellten, Kleinmöbel zu fertigen. Es reichte jedenfalls zum Unterhalt der Familie. So wurde dann Vater, der Sohn des Hauses, als Lehrling in der Werkstatt des Großvaters eingestellt.
 Bekanntlich hatte Großvater drei Finger der linken Hand im Krieg eingebüßt. Dennoch gab es niemanden, der ihm bei seiner Arbeit überlegen war!
Ein großes Problem aber hatte Großvater: Er plagte sich mit einer Fehlstellung der Füße herum, wahrscheinlich durch unpassendes Schuhwerk in seiner Soldatenzeit hervorgerufen. Er litt an einer Anomalie der Zehenstellung, Hallus Valgus, die ihm sehr große Schmerzen bereitete.
         In der Stadt gab es nun einen Schuhmacher mit orthopädischen Kenntnissen. Dies war ein völlig neuer Handwerkszweig, der durch viele Kriegsverletzungen enorm wichtig geworden war. Dieser Schuster sollte Großvater behilflich seindiese Fehlstellung der Füße und deren schmerzhafte Auswirkungen durch ein Paar passgenaue Stiefel auf ein erträgliches Maß zu senken. Großvater erbot sich dafür, dem Mann ein Beistelltischchen zu bauen, dass zu dessen Mobiliar passte. Zusätzlich sollte Großvater noch 60 Millionen Mark in bar zahlen. Der Handel war perfekt und konnte nun seiner Ausführung entgegensehen. Großvater baute den wunderschönen Mahagonitisch, der Schuhmacher fertigte ein Paar Stiefel an, das wirklich ohne Tadel war. Beides wurde im November 1923 geliefert, alles war Tipp-Top in Ordnung. Die Barzahlung allerdings brachte nun das gute Verhältnis der Beiden in arge Bedrängnis!
       Am 15. November 1923 nämlich wurde die Inflation offiziell gestoppt, die neue »Rentenmark« löste die bisherige Mark im Verhältnis 1:1 Billion ab!
 Nun war guter Rat teuer! Eins zu einer Billion, da blieben dem guten Schuster nur ein paar Pfennige übrig. Mit dieser Abrechnung aber war er gar nicht einverstanden. Großvater andererseits war nicht bereit, mehr auf den Tisch zu legen, als sie vereinbart hatten. Dieser Rechtsstreit zog sich über ein ganzes Jahr hin. Auch als im August 1924 die 
Reichsmark eingeführt wurde und die bis dahin gültige Rentenmark 1:1 ersetzte, stritten die Parteien immer noch um die 60 Millionen Papiermark!

Es gab drei Gerichtsurteile, gegen jedes wurde von der anderen Partei Berufung und Revision eingelegt. Dann fiel das endgültige letzte Urteil: Großvater wurde verurteilt, 20(!) Reichsmark an den Schuhmacher zu zahlen! Die gesamten Kosten wurden halbiert und jedem zu gleichen Teilen zugewiesen. Es ist nicht bekannt, wie hoch diese Kosten jeweils waren!
 Zähneknirschend zahlte der Großvater seine ihm auferlegten Beträge. Daheim schwor er, dass er dem Schuster alles heimzahlen wolle. Dazu kam es dann Gottlob nicht mehr, denn der Schuhmacher verstarb noch im gleichen Jahr an einer Pilzvergiftung.
Das war aber dem Großvater ganz sicher nicht anzulasten!




©2019 by H.C.G.Lux

8. Januar 2019

Frühlingsversprechen


An einem weißen Wintertag
fand ich im stillen Tannenwald 
mich wieder. Auf den Wegen lag
noch tiefer Schnee, und bald
sah hinter mir ich nur
meine eigne Spur.

An einer Weggabelung dann,
vortrefflich gut versteckt,
in einem dunkelgrünen Tann
hab ich ihn dann entdeckt:
Bass erstaunt sah ich ihn an -
Es war ein junger Mann.

Frisch und munter anzuschauen
mit blanken Augen, hellem Haar,
kaum konnte ich den Augen trauen,
dass solch ein Typ im Tannwald war.
Ich redete verdutzt ihn an,
da sprach empört der Mann:

»Was stört Ihr meine Ruhe hier,
ich frage Euch: warum so eilig?
Noch wohnt Herr Winter im Revier -
und meinem Vetter ist die Ruhe heilig.
Geduldet Euch noch ein paar Wochen,
dann komme ich, versprochen!«


©2019 by H.C.G.Lux