17.05.2021

Alles wird besser.

 


Die Bäume verstummen, als ich an ihnen vorbeigehe. Sie sind zu dieser Jahreszeit nicht mehr nackt, doch ich bin mir sicher, dass ihnen die andauernde Hitze der letzten Wochen nicht so gut bekommen ist. Sie flüstern über mich. Wie Frauen, die sich im Café zum Plausch getroffen haben; wie Frauen, die ihre Enkel über den grünen Klee loben, wenn sie über ihren Nachwuchs reden. Ich danke ihnen jedenfalls dafür, dass sie an diesem Tag wie meine Großmutter sind, diese grünen Freunde.

        Sie wissen, dass ich für immer Abschied nehme, Abschied von diesem alten Hause, das so fern von mir ist, wie die Jugendzeit vor endlos langen Jahren. 
Ich war mehrere Stunden unterwegs, um zu spüren, wie das Haus sich schweigend von mir verabschiedet. Wie die Augen des Hauses mir voller Wehmut zuzwinkern wollen, sich dann aber ohne jeden Ausdruck schließen. Das Haus wirkt danach annähernd so ausdruckslos, wie das Bellen eines Schäferhunds, der mich auch nicht dort haben will.

Die Bäume flüstern: »Was will er noch hier? Er ist doch ein Fremder. Er war es schon immer. Wollte es nur nicht wahrhaben.«
Ich höre es, fühle es, aber die Erkenntnis geht an mir vorüber. Berührt mich nicht mehr; so wie der Tau am Morgen auf den Blättern liegt und später spurlos verschwindet.
»Er weiß es«, flüstert einer der Bäume. »Er kommt gewiss zu spät«, meint ein anderer. »Und trotzdem geht er dort hin!« sagt ein dritter. »Um alles zu beweinen? Unverständlich«.

Das alte Haus sieht so abweisend aus. Mich packt ein verzweifelter Versuch, alles zu zerstören. Unwiderruflich. Wie sagte mein Großvater in solchen Fällen dann immer?
»Geh hinaus zu den Bäumen, sie helfen dir!«

 Mein Großvater hat mich nie etwas gefragt. Ich saß an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer und er gab mir ein Stück Kautabak. Ich spuckte es weit von mir aus. Großvater lächelte. »Damit du lernst, alles Böse wegzulassen«, sagte er. Dann bekam ich von Großmutter ein Schüsselchen mit gelbem Pudding!

»Es wird alles wieder besser, du darfst nur nicht ungeduldig sein.«
Von meinen Großeltern habe ich gelernt, dass sie immer wissen, was mit ihren Enkeln los ist, auch wenn sie nichts sagen. Auch die Bäume wissen es. Doch sie haben mir die Entscheidung überlassen. Am Ende erst weiß ich, ob sie richtig sein wird.



Deshalb erinnere ich mich daran, wenn ich an einem Baum vorübergehe, dass er mir mein eigenes Leben erzählt. So wie mein Großvater es tat, ohne etwas dazu zu sagen. Ich verstecke dann heute meinen Blick, damit keiner merkt, wer ich bin!
Ich überlege, wie ich ans andere Ufer des Lebens gelange, berechne dabei den besten Weg, ohne in irgendwelche ölverschmutzten Pfützen zu treten, die die Sonne in mir verdunkeln

Aber ich weiß: »Alles wird besser!«

©by H.C.G.Lux


15.05.2021

Wer sich selbst besiegt

 


Der Berg



 Sakrosankt und in allen roten Farbtönen schwelgend schwebte die Sonne ihrem Tagesziel entgegen. Sie verzauberte mit ihrem karminroten Glühen die schroffen Gipfel der Berge und ließ sie in ganzer Pracht erstrahlen. Die der Sonne abgewandte Nordwand des Berges lag nun im Halbdunkel, zauberte mit den sich immer wieder wandelnden figürlichen Darstellungen die Vorstellung eines gewaltigen Schattentheaters.
              Heute früh war der Mann aufgebrochen, um sein großes Wunschziel zu erreichen. Bei der Bergstation in fast zweitausend Meter Höhe ließ er die Gondel der Seilbahn hinter sich, wagte sich dann, den sich an die Westwand des Berges schmiegenden schmalen Saumpfad vorsichtig zu betreten. Nun ja, einige leise auftretende Furchtgefühle machten sich schon breit. Doch genau deswegen hatte er diese Wanderung schließlich unternommen. Es musste möglich sein, die Erlebnisse der letzten Zeit verarbeiten zu können, ohne gleich in irgendeine Neurose zu verfallen.
              Der schmale Weg bereitete ihm im Grunde keine Schwierigkeiten, rechter Hand die tausend Meter aufragende Wand, links ging es dann ebenso steil tief hinab ins Tal. Er vermied es, seine Blicke dort hinab zu richten. 
Ein leichtes Schwindelgefühl versuchte bei ihm die Oberhand zu gewinnen, schaffte es aber letztlich nicht, in seinem Kopf die Oberhand zu behalten.

             Völlig allein hatte er diese für ihn strapaziöse Wanderung begonnen, völlig allein wollte er sie auch zu Ende bringen. Es war sicherlich keine große Bergtour, die er sich da vorgenommen hatte. Jeder Bergsteiger hätte ihn wohl ausgelacht. Für ihn jedoch war sie ein Akt der Selbstüberwindung, eine Art von interner Krisenbewältigung.

              Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, diesen Höhenweg allein zu bewältigen, obwohl man ihn gewarnt hatte. Eindringlich gewarnt, denn für einen »Flachlandtiroler«, wie man ihn scherzhaft genannt hatte, würde es gefährlich sein, da das Wetter sich innerhalb Minuten verändern könne. 

          »Du schaffst das nicht!«
Diese zweifelnden Worte machten ihn immer stärker.
»Du schaffst das nie!« wie oft war ihm das schon eingetrichtert worden. 
»Abitur? Lächerlich, du bist ein Narr!«
»Du doch nicht!«
»Du träumst von einem Studium?«

Man hatte ihn ausgelacht. Folglich hatte er es auch nicht geschafft - natürlich nicht. Der Besuch des Gymnasiums blieb ihm schon von vornherein verwehrt. 
Wie hätte es auch sein können, dass ein Junge, der in hohem Grade sprachgestört war, sich anmaßte, die Welt des Wissens zu erforschen.

        »Die Heringsfangflotte sucht noch junge Leute«, hatte man gesagt, »das ist doch was für dich. Du suchst doch immer Abenteuer. Da oben vor Island werden dir die Flausen schon vergehen.«
Er hatte dann einen Beruf ergriffen, der für ihn 'geeignet' war. Diesen Beruf füllte er voll aus, ging aber Tag für Tag nur mit Widerwillen in die Firma. 

        Doch nun endlich hatte er sich aufgerafft, wollte ihnen allen zeigen, dass er mehr konnte, als nur seine Stunden zwischen Computer und Kantine zuzubringen. Gut, es waren zwar schon gefühlte Äonen von Jahren her, dass er diese Worte gehört hatte, dennoch hörte und spürte er diese abwertenden Aussprüche fast ständig in seinem Inneren.

Der Pfad


        Die Sonne hatte sich so langsam hinter der Westflanke des Bergrückens versteckt. Ein tiefroter Schein tauchte die umliegenden Gipfel in ein Gewirr von kaleidoskopartigen Farbklecksen. Schattenspiele auf höchster Ebene der Natur tauchten den gewundenen Pfad nach und nach in ein blaugraues Etwas. 

        Eine sternlose Nacht kehrte ein auf diesem einsamen Bergpfad. Tief unten im Tal hatte die Dunkelheit schon den kleinen Ort erreicht. Wie eine leuchtende Perlenkette zog sich eine lange Linie von Lichtpunkten um den Fuß des Berges herum, an dessen steiler Flanke der Mann staunend diesen wundervollen Anblick genoss. Urplötzlich und fast ohne Übergang brach dann die Dunkelheit mit einem Male über die Bergwand herein. Fast ohne weitere Dämmerung lag der Berg nun in voller Dunkelheit. Lediglich die Lichter im Tal zeigten dem einsamen Wanderer, dass die Bergeinsamkeit hier nur partiell wirksam war. Die Stille, die jetzt vollkommen und ohne den geringsten Laut die hereingebrochene Nacht beherrschte, hüllte ihn in ihr naturhaftes Wesen ein. 

        Atemlos lehnte er sich mit dem Rücken an die Felswand, fasste die dort angebrachte Sicherheitskette mit beiden Händen und stieß dann einen Schrei aus, der weit ins Tal hinunter schallte. Dann atmete er mehrmals tief ein und aus, machte sich sodann auf, um den Pfad zum Abstieg weiter fortzusetzen. Gewiss, es war schon ein waghalsiges Unternehmen, auf das er sich da einließ. Aber es ging nicht anders, auf diesem schmalen Saumpfad so einfach zu übernachten war ein viel größeres Risiko. So tastete er sich den Pfad entlang, behutsam mit jedem Fuß vorfühlend und diesen dann schließlich auch schrittweise zu gehen.

        Die Lichter tief unten im Tal waren nun merklich weniger geworden; es waren sicher nur noch einige Straßenlaternen, die wie Leuchtkäfer versuchten, der Dunkelheit eine Winzigkeit von Licht zu vermitteln. Hier oben am Berg jedoch war es in dieser mondlosen Nacht stockfinster und - trotz der Spätsommernacht - auch bitterkalt. 

        Nachdem der Wanderer über drei Stunden lang immer der Felswand folgend den Weg durch die Nacht unterwegs war, erreichte er endlich einen sanften Abhang, der an der linken Seite des Pfades mehrere hundert Meter hinabreichte. Das niedere Buschwerk, vor allem aus Krüppelkiefern bestehend, gaben den Blick ins Tal noch nicht frei. Er schaute auf seine Armbanduhr, schüttelte ungläubig den Kopf. Vier Uhr zwanzig! Drüben am östlichen Berghang des Tales zeigten sich die ersten Konturen der Berge des Col du Luc mit ihrem Saum aus magentafarbener Helligkeit. Eine ganze Weile betrachtete er die aufgehende Sonne, wie sie langsam hinter den Bergen auftauchte und zaghaft die Gegend diesseits und jenseits des Tales durch grauweiße Nebelschwaden hindurch in einem diffusen Licht erstrahlen ließ. 
        Kurz darauf setzte er seinen Abstieg aus der Bergwelt hinunter ins Tal fort, nachdem er sich noch an einer kleinen Wegzehrung gütlich getan hatte, die er noch in seinem kleinen Rucksack vorfand.

Hinab 

        Der Abstieg war sicher nicht leichter als die Wanderung vorher. Mannshohe Felsbrocken verhinderten immer wieder den geraden Weg, zudem war der Geröllpfad durch den Morgennebel sehr rutschig und glatt. Der Mann war glücklich, er spürte, dass ihm das Unwahrscheinliche gelungen war, an das er nie geglaubt hatte: Er hatte sich selbst und seine Furcht besiegt! Und er fühlte sich gut dabei, so gut wie schon lange vorher nicht mehr.
»Ja«, schrie er in den nebligen Morgen hinaus. »Ich kann es. Ich kann es wirklich, ihr wolltet es mir alle nicht glauben!«

        Er lachte lauthals, sprang enthusiastisch in die Luft, glitt dabei aus, verlor den Boden unter den Füßen; das Gleichgewicht verlierend, ruderte er mit den Armen, stürzte dann über einen Felsen den Abhang hinunter. Ein großer Brocken des Dolomitgesteins hielt seinen Sturz auf. Der stoppte zwar seinen Absturz ins tiefe Tal, beendete aber auch den weiteren Lauf seines Lebens.

        Der letzte Blick des Sterbenden galt der wunderschönen Aussicht auf das Morgenrot des beginnenden Tages. Dieses Tages, der genauso herrlich werden würde, wie der Letzte, an dem er aufgebrochen war, um sich selbst zu besiegen.

©by H.C.G.Lux



13.05.2021

Der Fremde

 

»Guten Abend!« Jonas schreckt aus seinen Gedanken auf, mit denen er sich in diesen regnerischen dunklen Abend verkrochen hatte. Er wartet auf das Ende dieser nassen Episode des Tages. Die Stimme eines Mannes weckt ihn aus seinem Wachtraum. Woher der plötzlich gekommen war? Seltsam, wie er ihn mit seinen dunklen Augen prüfend anschaute.

Jonas betrachtete ihn nun ebenfalls. Der elegante helle Mantel passt irgendwie nicht in diese Straße, gehört einfach nicht in diese graue Welt, deren Farben der Sonnenuntergang mit sich genommen hatte. Jonas schaut zu ihm hinüber, nickt ihm dann grüßend zu, stumm.
Ein blauer Linienbus schleicht fast unhörbar heran und bleibt in der Haltebucht stehen, misstrauisch blickt der Fahrer durch die schmutzverschmierten Scheiben zu den beiden hinüber. Niemand steigt aus. Mit leisem Surren fährt der Elektrobus wieder an.

        Der Fremde hat sich inzwischen in die überdachte Eingangstür einer Herrenboutique gestellt. Durch ein Über-Eck-Schaufenster kann Jonas erkennen, dass der seinen Mantelkragen hochstellt. Wartet er nun auf einen anderen Bus?

        Währenddessen prasselt der Regen unaufhörlich auf das Pflaster des Gehwegs, spritzt an den Hauswänden hoch und überzieht staubgepaart das Ganze mit einem Schleier. Jonas drückt sich dicht an das Schaufenster dieses Ladens, der schmale Überstand gibt ihm ein wenig Schutz, kann aber nicht verhindern, dass Schuhe und Hose triefend nass geworden sind.

        Seine Blicke verlieren sich im dichten Grau des abendlichen Regens, Laternen spiegeln sich im Nass der Straße, der Regen wirft winzig kleine Fontänen vom Asphalt zurück. Fröstelnd versucht er, sich in seine dünne Jacke einzuwickeln. Unangenehm, dieses nasse und kalte Novemberwetter. Besonders für einen Menschen, der kein Zuhause hat und nicht weiß, wo er diese Nacht verbringen soll. Er ist müde, könnte umfallen vor Müdigkeit.

        »Kommt der 32er noch?« Der Mann schreit die Worte fast zu Jonas hinüber. Der fährt zusammen, hatte ihn schon nicht mehr beachtet. Zuckt dann die Achseln, weiß noch nicht einmal, ob dieses unsichere Zeichen in dem Zwielicht überhaupt sichtbar war. Dann überlegt er. Der 32er Linienbus? Der fährt hier überhaupt nicht, hat hier in diesem Stadtteil nie gefahren, ja er weiß mit Gewissheit, dass es in der ganzen Stadt überhaupt keine 32er Linie gibt!
Schon sehr seltsam. 
Der Mann im hellen Trenchcoat sieht auf seine Armbanduhr. Jonas Blick wird starr. Wie er erkennen kann, ist da gar keine Uhr, der Mann schaut nur auf seinen Unterarm!

      »Ist schon fast Mitternacht«, sagt der dann, »wo bleibt denn nur der Bus?« 
Jonas sieht den Fremden nun doch etwas intensiver an; er erkennt, dass der doch nicht so jung ist wie er vorher schien! Ihm fällt ein steinaltes Gesicht auf, mit modernem Hut, eingerahmt von Schal und hellem Trenchcoat. Wieso hatte er diese ledernen Falten seines Antlitzes vorhin nicht bemerkt?

        Der Fremde sieht ihn nun voll an. Der Junge kann seinem Blick nicht ausweichen. Ein Schauer läuft ihm über den ganzen Körper; trotz der unangenehmen Kälte des Abends wird ihm unwirklich heiß! Was ist geschehen? Woher kommt dieses Gefühl unangenehmer Vertrautheit zu diesem Menschen? Er bemüht sich in eine andere Richtung zu sehen, rollt den Kopf hin und her, um einer Verspannung der Halsmuskeln vorzubeugen.
              Irgendwo bellt aufgeregt ein Hund. Jonas mag es nicht, wenn Hunde nachts bellen. 
»Haben Sie Feuer?«
fragt der Mann. Hat ein Zigarettenetui in der Hand, lässt es einladend aufspringen. »Nein«! Jonas Stimme klingt rau, bleibt fast im Halse stecken, »bin Nichtraucher.« Es sind seine ersten Worte, die heute Abend aus seinem Munde kommen.
»Naja, ist ja auch gesünder«, meint der Mann dann mit einem kurzen Blick, dann lacht er trocken auf, lässt das Etui wieder verschwinden, schaut wieder auf seine nicht vorhandene Armbanduhr.

        Der Regen fällt nun mit einer Intensität, wie es schon lange nicht mehr war, jedenfalls erscheint es ihm so. Dem Jungen ist elend zumute, er friert, ist durchnässt, todmüde und möchte eigentlich schlafen, unentwegt nur schlafen. Angestrengt überlegt er, wo er einigermaßen trocken unterschlüpfen könnte. 
Ihm fällt ein, dass hier irgendwo in dieser Gegend eine Kleingartenkolonie sein müsste. Da würde sich doch ein geschütztes Plätzchen finden lassen. Aber bis dorthin ist er total durchnässt, wie zum Teufel, trocknet das dann wieder?

      Er schaut den Mann gegenüber an. Der hat es gut, irgendwo steht für ihn ein warmes Bett, eine schmackhafte Mahlzeit, vielleicht ein Mensch, der sich Sorgen macht, der auf ihn wartet.
Und wieder fragt Jonas sich, was dieser Mann hier treibt. Warum er hier in dieser kalten regnerischen Nacht an einer Bushaltestelle steht und auf einen Bus wartet, der hier gar nicht fährt? »Kann ich Ihnen behilflich sein?« Jonas schreckt aus seinen Gedanken auf, sieht den Frager verständnislos an. »Es sieht so aus, als wenn Sie meine Hilfe brauchen«, meint der dann, »ich kann sicher etwas für Sie tun!«
»Für mich tun? Sie?« 
Der Junge ringt sich ein kurzes Lachen ab. Ein bitteres Lachen, tief aus der Seele heraus, aus einem Untergrund, der verschüttet ist. »Ganz gewiss nicht Sie! Und - Sie sollten mich in Ruhe lassen.«

      Der Fremde schaut ihn prüfend an, und indem er sich um die Ecke des Schaufensters beugt, sagt er dann eindringlich: »Da bin ich mir nicht so sicher! Meine Möglichkeiten sind unendlich - und meine Beziehungen reichen sehr weit!«


        Er zieht eine Visitenkarte aus der Tasche und reicht sie mit gestrecktem Arm herüber. Mit klammen Fingern ergreife Jonas die Karte, versucht im Halblicht der Schaufensterbeleuchtung den Namen zu entziffern: 
»Lucas- Beratungsdienste«, steht dort, dann noch: 
»Your time is limited!«*
Das steht dort in silbernen Schriftzügen auf dunkelgrauem Grund. Beratungsdienst? Welcher Art - was ist das? Ein Service, der sich nachts an Bushaltestellen herumtreibt und vagabundierende Menschen anspricht? Der auf ausgerechnet auf ihn wartet?

                 Der Regen prasselt weiter auf das Pflaster der Straße. Trotzdem beschließt Jonas, jetzt fortzugehen, diese Sache nimmt nun beklemmende Ausmaße an. Er hat es nicht so gern, wenn er eine Sachlage nicht überschauen kann, das schafft in ihm stets ein ungutes Gefühl, erzeugt einen Ring um die Brust, der den Atem nimmt.

      Als ahne der Fremde seine Gedanken, lächelt er ihn in einer Weise an, und als er ihm dann noch einladend zunickt und dies noch mit einer Bewegung seiner Hände unterstreicht, explodiert Jonas! Mit unnatürlich lauten Worten, die aus seinem tiefsten Inneren hervorbrechen, versucht er dem Anderen klarzumachen, dass er seine wie auch immer geartete Hilfe nicht haben will: 
»Las-sen- Sie -mich- in- Ru-he! Ich- brau-che- Sie- nicht!«

        Er schlägt seine durchnässte Jacke enger um sich, ergreift den am Boden stehenden feuchten Rucksack und rennt wie gehetzt über die Straße. Kein Blick mehr zurück, nein, der soll nicht denken, dass er Furcht vor ihm hat. Er hat keine Angst, er hat bestimmt keine Angst, wäre auch stark genug, um es mit dem Mann aufzunehmen! 
Der ruft ihm etwas hinterher, es klingt ähnlich wie: »Your time is limited!«

     Der Regen peitscht ihm ins Gesicht, weil er mit diesen Auswirkungen des Unwetters zu kämpfen hat, nimmt er ihm auch noch das Denken ab. Er hat vollauf damit zu tun, die böigen Wassergüsse von seinem Gesicht fernzuhalten. Nachdem er in der Dunkelheit mitten in eine gewaltige Pfütze getreten ist, steht er urplötzlich vor dem Tor der Kleingartenanlage. Glücklicherweise ist es nicht verschlossen.

        
In der Dunkelheit tastet er sich an der Hecke des Wegs entlang, findet ein niedriges Gartentor und wirft seinen Rucksack hinüber, klettert dann mühsam über den Zaun hinweg. Irgendwelche Steinplatten weisen den Weg zu einer Laube im hinteren Teil des Gartens. Es riecht stark nach Zwiebeln, nach reifem Grünkohl und nach feuchter Erde. Die Gartenlaube erscheint ihm größer, als sie als Schatten von weitem erschien.

        Die beiden vorderen Fenster sind zwar mit Läden gesichert, aber dennoch offen. Zur Tür führen zwei Stufen hinauf, vorsichtig betritt er diese nassen, schlüpfrigen Holzbohlen. Tastet sich dann vorwärts und ist bass erstaunt! Die Tür ist nicht verschlossen! Die Tür zur Laube ist nur angelehnt, das hatte er nun nicht erwartet, ganz gewiss nicht. Jonas hatte vor, sich unter dem Vorbau ein wenig vor dem Regen zu schützen. Nun aber kann er doch bis zum Morgen ein wenig Trockenheit genießen. Ein winziges Stückchen Glücksgefühl durchströmt sein Herz. Wie wenig ist doch zum Glück nötig, wenn man am Rande der Gesellschaft lebt!

        Mit diesem beglückenden Gefühl betritt er den dunklen Raum der Gartenlaube, schließt die Tür hinter sich, um etwas Wärme zu spüren. Er sieht fast nichts, tastet sich weiter in den Raum hinein. Stößt an einen Stuhl, der polternd umfällt, dann ertastet er einen runden Gartentisch, legt den nassen Rucksack ab, hebt den umgefallenen Stuhl auf und lässt sich mit einem tiefen Seufzer nieder. Springt im selben Augenblick wieder auf, als eine bekannte Stimme im Hintergrund sagt:
» Hallo, your time is limited! « 
 
                                                                              (*Deine Zeit ist begrenzt....)


©2021 by H.C.G .Lux

08.05.2021

Himmel mit Wolken oder ohne ...

 



H
ast du schon einmal Wolkenformationen am Himmel betrachtet? Fantastische Bilder, nicht wahr? Aber was sind schon Wolken? Gebilde aus Stickstoff und Sauerstoff - würde jetzt ein Physiker antworten. Wasser oder Eistropfen, die sich verdichten, um schließlich als lebenswichtiges Element in Form von Nebel, Regen oder Schnee die Erde zu benetzen.

      Ein Poet sieht das aus anderem Blickwinkel. Wolken sind für ihn der Vorhang, der vieles verbirgt, das zunächst unsichtbar bleibt oder vielleicht auch bleiben soll. Hinter einem Wolkenschleier erkennt man erst einmal nichts; später schiebt sich dann geruhsam das Bild in den Vordergrund, das eigentlich die Basis der Fantasie ist: der blaue Himmel. Oft besungen und mit unzähligen Gedichten bejubelt, bleibt der Himmel das unerreichbare Ziel aller Menschen.

      Der Himmel, unser blauer Himmel ist gewiss etwas Beständiges, ja sogar unerschütterliches. Wolken jedoch ziehen in ihrer Unbeständigkeit weiter und weiter, heute hier, morgen schon in unendlicher Ferne. Werden und Vergehen bilden diese Einheit, die das menschliche Dasein seit Jahrtausenden beherrscht und überhaupt erst möglich macht.

         So wie diese weißen bis dunkelgrauen Wolkenbilder ist auch das Leben der Menschen durch viele Zufälle und willkürliche Umständen wandelbar. Nichts bleibt konstant, alles ist ständig Veränderungen unterworfen. Wie eintönig und stumpfsinnig wäre doch ein Himmel ohne Wolken, wie geisttötend ein Leben, das stets berechenbar bleibt. Ich liebe die Wolken, die bizarren Gebilde, die sich ständig und unaufhörlich verändern. Aber ich mag auch das Blau des unendlichen Himmels, das zu jeder Tageszeit eine andere Farbnuance zeigt.

        Unser Leben scheint bisweilen solch ein Himmel mit eigenen Wolken zu sein! Ein eigener Himmel, aus der Ferne gesehen ist er wunderschön. Die Nähe erst zeigt die Wirklichkeit, den Alltag, das Leben im täglichen Kreislauf. Es ist dann wie ein Traum: Erwacht man daraus, ist man mitunter desillusioniert. Erst wenn diese menschlichen Ereigniswolken weitergezogen sind, hält auch die Realität wieder Einzug in das eigene Leben.

        Leben und Wolken, Dasein und Himmel, es sind scheinbar völlig andersartige Elemente. Trotzdem haben sie mehr gemeinsam, als man sich vorstellen kann. Beständigkeit verliert ohne ihren Gegenpol den Sinn, woran könnte man sie messen? Genauso ist es mit der Unbeständigkeit, sie gehört ohne Einschränkung in die Sphären der Wolkenschichten mit ihren turbulenten Auswirkungen. Es würde mir niemals in den Sinn kommen, einen Menschen danach zu beurteilen, welch aufwühlendes Leben er bisher durchstehen musste, ob nun gewollt oder auch unfreiwillig. Turbulenzen in einer Biografie sind die Wolken am Horizont des Lebens.               

        Wer wollte von sich selbst behaupten, sein Leben wäre stets in geraden Bahnen verlaufen? Ob nun ein heißer Samum in der Wüste oder ein kräftiger Nordweststurm an der Küste - die Ströme der Luftschichten über uns und ebenso die des Lebens sind selten eindeutig voraussehbar, wenn einmal wirklich eine Ahnung dessen sichtbar ist, dann wird das Resultat immer ein anderes sein, als wir es erwartet haben.

        Wolken am Himmel, bizarre Bilder, die in Sekundenschnelle wieder verschwinden. Wenn wir Menschen uns mit ihnen vergleichen würden, bliebe nichts übrig von allem, worüber wir uns ärgern oder was wir verachten.
Dann aber verblieben von all unserer Liebe im weiten Himmelsblau nur ein paar Wolkenfetzen.
Man darf die Wolken lieben, sollte aber dennoch mit den Beinen auf der Erde bleiben …

©2021 by H.C.G.Lux



Ein Traum am Strand

 


Ich glaube, ich war außergewöhnlich schön. Grün, ein wunderbares Grün, das an die Dünung der Ägäis erinnerte. Mein runder Körper war so ebenmäßig geformt, dass es ein Lustgewinn schien, ihn zu berühren und zu streicheln.
      Irgendwann hatte ich einem fantastischen roten Assyrtiko von der Insel Santorini als Behältnis gedient, einem vollmundigen Getränk, dessen Trauben an den Hängen der Insel wuchsen.

      Die Häuser des ein wenig entfernt liegenden Ortes OIA schimmerten in der abendlichen Sonne wie zartrosa angehauchte Perlen, die flachen hellen Dächer verbreiteten ein anheimelndes Gefühl von Wärme und Zufriedenheit. Dazu stand ich dann als smaragdgrünes Dekorationsstück auf einer Fensterbank - es war einfach nur schön und ich fühlte mich wohl.

      Irgendwann an einem herrlichen Sommertag wurde ich völlig unerwartet von Eleni, der Tochter des Hauses auf die Reise geschickt. Ich war etwas verwirrt, sie schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, rollte ihn zusammen und versenkte ihn dann in mir. Sie verschloss mich dann fest mit einem Korken, lief hinauf zu einer Klippe und warf mich weit hinein in die weiße Gischt des Meeres.

      Da wurde ich nun umhergeworfen, durchgeschüttelt, oftmals schien es mir, als würde ich an einem Felsen zerschellen. Aber es ging alles gut. Nach endlos langer Zeit wurde ich plötzlich auf das offene Meer hinausgezogen. So schwamm ich dann dahin, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich sollte. Es schien eine mir endlos scheinende Reise zu werden. Ich sah unzählige Strände und Küsten von ferne, wurde durch spiegelnde warme tropische Meere getrieben, oftmals über spielerische saphirblaue Wellenberge gehoben.

      Ich sah die hohe See, schaumig und ruhelos in himmelfarbenen Tönen, sah die arktischen Meere, eisig, schwer und azurblau in endlosen Weiten.In den Nächten, wenn der Sternenhimmel über dem Firmament schläft, schlief auch ich. Ich ruhte in der schwankenden Wiege des nachtblauen Meeres. Es kam auch vor, dass ich von dem Duft des Weines träumte, der mich einst erfüllte. Dann dachte ich an die sonnenverwöhnten Gipfel meiner Insel, an die schattigen Täler am Rande des Vulkans. Ich träumte von Ebbe und Flut am Strand und vom nächtlichen Silberglanz der Mondsichel.

      In meinem Inneren bewegt sich ab und zu der geheimnisvolle Brief des Mädchens Eleni. Was mag der Inhalt dieser Botschaft sein? Irgendwo, irgendwann werde ich es erfahren. Bis dahin treibe ich durch die Meere wie einst der »Fliegende Holländer«. Warte auf das Ereignis jenseits aller Träume und Vorstellungen.

***



      Jérôme hatte Semesterferien. Endlich, es war auch höchste Zeit, eine Unterbrechung des Studiums einzulegen. Er fühlte sich regelrecht ausgebrannt. Grand-merè hatte ihm geraten, während der Ferien zu ihr zu kommen und alle Flügel für einige Zeit in der Sonne trocknen zu lassen. So war er nun schon einige Tage hier in Saintes-Maries-de-la-Mer bei seiner Großmutter zu Gast. Er fühlte sich wohl hier. Schon als Kind liebte er die Stunden am Meer ohne Stress und Hetze. Hier am Rande der Camargue war die Welt noch in Ordnung, hier war er noch Mensch.

      Jérôme liebte die morgendlichen Spaziergänge am Strand; die Stille, in der nur das Rauschen des Meeres hörbar war, brachte sein Herz zum Klingen. Der Blick auf die Weite des Meeres ließ die Unendlichkeit der Schöpfung erahnen. Selbst bei grauem wolkenverhangenen Himmel konnte das Charisma dieser Landschaft mit allen tropischen Schönheiten ohne Frage konkurrieren.

      An diesem Morgen war Jéromê schon früh auf den Beinen. Grand-merè wartete erst später mit dem Kaffee auf ihn. So joggte er frohgemut den Strand entlang. Gut gestimmt freute er sich auf den Tag, an dem er später an der Küste mit dem Fahrrad die knapp 15 km zum Phare de la Gacholle fahren wollte. Dieser alte Leuchtturm war das eigentliche Wahrzeichen von Saintes-Maries-de-la-Mer geworden.

      Dann sah er sie. Mitten am Rande des graugrünen Wassers lag sie, schmutziggrün und doch nicht zu übersehen. Jérôme lief die paar Meter zum Wasser hinunter und hob sie auf, drehte sie in der Hand, betrachtete sie von allen Seiten.
Sie war fast undurchsichtig, stark mit Algen bewachsen, dennoch konnte er ahnen, dass diese Flasche einen Inhalt barg. Aufgeregt setzte er sich auf einen großen Stein am Rande des Weges, atmete ein paarmal tief ein und aus, dann versuchte er, den Korken von der Flasche zu lösen. Es war sehr schwierig, da dieser tief in den Flaschenhals hineingepresst war. Dann fiel ihm sein Taschenmesser ein, das er immer bei sich trug. Da war doch ein Flaschenöffner integriert?

      Aufgeregt versuchte er nun die alte Flasche zu öffnen, endlich nach einiger Anstrengung war sein Bemühen von Erfolg gekrönt. Das Fundstück war offen, Jérôme schüttelte den Inhalt heraus - ein blaugrüner Zettel fiel ihm entgegen. Einige Worte waren darauf geschrieben. Da es aber griechische Buchstaben waren, die er nicht lesen konnte, war er zunächst ratlos! Dann fiel ihm sein Freund ein, der die griechische Sprache
beherrschte. Ihn konnte er um Hilfe bitten.

      Am nächsten Tag war dann die Überraschung perfekt! Dieser Flaschenpostinhalt war über 100 Jahre alt, die Schreiberin schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Es fiel Jérôme ungemein schwer, nicht mit Traurigkeit an dieses Mädchen dort auf der griechischen Insel zu denken. Zu gern hätte er gewusst, wie ihr Leben damals weiter verlaufen war.

 


         Ich bin Eleni, ein Mädchen, 22 Jahre alt. Wenn du mir schreiben willst,
         ich freue mich auf deine Post.
         Meine Adresse ist Oia 24, Santorini             
         2.Juni 1873

            ©by H.C.G.Lux

 

05.05.2021

Zwei Welten

 



Es war schon ungewöhnlich, dass sie sich in jener Stunde trafen. Wann war das schon jemals vorgekommen?
Sicher hätte man in den Annalen sehr weit zurückblättern müssen, um hier eine Übereinstimmung zu finden. Aber nun, heute, gerade in diesem Augenblick war es überraschenderweise doch geschehen. Und es war dabei nicht ersichtlich, was zu diesem außergewöhnlichen Ereignis geführt hatte.
        Keiner der Beiden hatte den Anderen je gesehen, jeder kannte ihn nur vom Hörensagen. Und dieses Wissen war nicht umfassend genug, um sich auch nur in den geringsten Teilen ihres Daseins kennenzulernen. Schließlich lebten sie in verschiedenen Bereichen ihrer Zeit. Dabei ist die Diskrepanz des eigenen Daseins doch die Gewissheit, dass niemand seine Haut so einfach ausziehen kann, wie die Metamorphose einer Raupe es bewerkstelligt.
Als er sie nun traf, konnte er nicht begreifen, wie so etwas Wunderschönes überhaupt existieren konnte. Mühevoll kramte er in den Tiefen seiner Erinnerung, versuchte dabei die Türen zu seinem Ich zu erweitern - vergeblich.

        Die Gedanken wanderten zurück zu den Zeiten seiner Kindheit. Konnte es sein, dass er damals schon einer ähnlichen Frau begegnet war, die ihn so beeindruckt hatte? Die Frage blieb im Raum stehen, scheinbar unlösbar und dennoch immer wieder von Neuem gestellt.

         »Ein interessanter Typ«, dachte sie, als ihr der Mann dort auf dem Kiesweg entgegenkam. Mit einigen kurzen Blicken betrachtete sie ihn, versuchte dabei, es nicht zu auffällig erscheinen zu lassen. Nicht jeder, und auf keinen Fall er selber, musste gleich erkennen, dass sie ihn mit einem Blick voller Staunen betrachtete.

        Anderseits ließ sich diese Aufmerksamkeit nicht so einfach abschütteln wie Regentropfen von einem Schirm. So einen Mann sah man halt nicht jeden Tag, warum also sollte sie nicht intensiver hinschauen? War das schon ein Faux pas? »Sicher nicht«, sagte sie sich und sah sich diesen Mann nun doch intensiver an. 
»Genau mein Wunschkandidat, wenn ich wählen müsste«, dachte sie. »Mit ihm könnte ich schon mein Leben auf einen Nenner bringen. Aber wie soll das gehen?«
Er war nun auf Höhe ihrer Parkbank angelangt, seine intensiv blauen Augen sahen sie mit einer Wärme an, dass sie förmlich dahinschmolz. »Darf ich mich zu ihnen setzen?« fragte er dann leise mit einer Stimme, die wie ein Windhauch im Walde klang. »Ich bin nicht gern allein an solch einem schönen Tag.«
Sie nickte nur, die Worte blieben ihr fast im Hals stecken. Sie spürte, wie eine warme Woge über ihr Gesicht zog.

Dann brachte sie es doch noch fertig zu flüstern: »Ja, gern!« Der Mann bedankte sich; mit einer knappen Verbeugung stellte er sich dann vor. Sie verstand seinen Namen nicht ganz, traute sich aber auch nicht nochmals nachzufragen. »Lenz«, sagte sie dann, »Ulrike Lenz«. Er lachte auf. 
»Das ist ja seltsam«, meinte er dann, »Der Herbst und der Lenz, welch ein wunderbares Zusammentreffen!«
Sie lächelte nun auch, Herbst hiess der symphatische Mann also, hatte sie doch richtig gehört.

        Das anregende Gespräch vertiefte sich schon bald in eine interessante Diskussion. Die Gedanken schweiften dabei in philosophischen Weiten, oft ohne Bezug zum realen Leben. Das Mitteilungsbedürfnis beider Menschen, die in solch unterschiedlicher Weise zusammengetroffen waren, schien unerschöpflich zu sein.
Obwohl der Gegenwartsbezug sich dabei manchmal nur erahnen liess, hatte das Gespräch trotzdem stets einen Zusammenhang mit dem Ablauf ihrer Zeit. Es war diese Zeit, die wahrscheinlich von keinem anderen Menschen erfahrbar war. Einer Zeit, die unabhängig von den vier Jahreszeiten ablief und dennoch ausgefüllt war mit Ereignissen. 

        Die jugendliche Frau und der ältere Mann, die sich noch nie gesehen, nur voneinander gehört hatten, verstanden sich ohne Einschränkung. Es schien wie ein Mirakel zu sein, dieser Gleichklang der Seelen an einem so wunderschönen Tag. 

        Sie schaute ihn von der Seite an. Ein heller Sonnenstrahl hatte zwischen den Blättern der großen Buche einen Weg auf sein leicht gebräuntes Gesicht gefunden, streifte über das Relief seiner Stirn und hinterliess dabei einen Ausdruck von Ferne und Zeitlosigkeit.
»Warum habe ich Sie noch nie getroffen«? Er fragte es leise, als er die Blicke der jungen Frau spürte. Sie merkte, dass er sie ansah, senkte schnell ihren Kopf, zuckte dann mit den Schultern. 
»Ich weiss es auch nicht,« entgegnete sie, »wahrscheinlich sind unsere Tage oder die Freizeiten zu unterschiedlich? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde es auch schade!«
Bei diesen Worten errötete sie. Der Mann, der schließlich vom Alter her ihr Vater sein konnte, berührte mit einem Lächeln ihre Hand. 

      »Das ist schön«, sagte er dann leise, kaum verständlich, »da sind wir schon zwei, die das gleiche Gefühl haben!« 
Ihre klaren Augen leuchteten. In ihnen konnte er lesen wie in einem offenen Buch und was er da las, gefiel ihm so sehr, dass er keinen Blick von ihr lassen konnte. 
»Wir sollten uns viel öfter sehen,« sagte er dann, »ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne Sie gelebt habe!«
Sie lachte hell auf. »Sie Schmeichler, Sie haben doch lange gelebt, ohne mich zu kennen, oder?«
»Sicher«, sagte er daraufhin, »sehr, sehr lange. Gerade deswegen verstehe ich es ja nicht. Ich wusste immer, dass etwas fehlte, nur war mir nie klar, was es denn war. Und nun, seit ich Sie sah, - ja - es ist eben nicht begreiflich.«

      Die Sonne war weiter gewandert, der Abend kündigte sich an. Der kleine Teich drüben jenseits des Weges lag nun im Schatten der hohen Bäume. Einige Blesshühnchen bemühten sich, zwischen dem Blattwerk der Teichrosen Nahrung zu finden. Im Schatten erschienen ihre kleinen Blessen wie weiße Punkte auf dem Wasser. 
Die beiden Menschen auf der Bank schwiegen geraume Zeit. Dann sagte der Mann: 
»Müssen Sie nicht heim? Man wartet sicher auf Sie. Wenn Sie möchten, begleite ich Sie, gleich wird es dunkel und die Gegend scheint mir doch sehr unsicher zu sein.«
          Erstaunt und auch ein wenig spöttisch meinte sie dann: »Hey, Sie trauen mir wohl gar nichts zu? Ich bin schon riesengroß! Ich kann mich auch wehren. Und dann - auf mich wartet schon lange niemand mehr! Ich lebe allein - und ich lebe gern allein. Mir fehlt nichts zu meinem Dasein. Da können Sie ganz beruhigt sein.«
»Entschuldigen Sie«, meinte er dann, »so war das doch nicht gemeint. Ich wollte doch nur behilflich sein. Ist das denn so schlimm? Sind Sie immer so argwöhnisch, ist Hilfe für Sie eine Art von Bevormundung?«
»Ich meinte Sie nicht persönlich. Ich bin es nur nicht gewohnt, bemuttert zu werden. Seit meinen frühesten Tagen bin ich selbständig, habe immer für mich selbst gesorgt. Und dabei,« sie lächelte, dabei waren ihre Grübchen in den Mundwinkeln sichtbar, »bin ich immer gut gefahren.«

        Der Mann schaute in der einsetzenden Dunkelheit hinaus auf den kleinen See. »Ja«, sagte er dann nach einer kurzen Pause, »das Wörtchen ›immer‹ hört sich so einfach an. Ich kenne das ebenfalls aus meiner Jugend her.«
Er lächelte nun auch, dabei schien sein Blick in die Vergangenheit zurückzureichen. 
»Das ist das Vorrecht der jungen Generation: Ich weiss immer, was ich tue. Ich passe immer auf mich auf. Ich bin immer vorsichtig. Diese Aussagen haben stets nur die eine Beweiskraft: Ich bin Ich!«
Sie nickte mehrmals bestätigend. »Genau so ist es. Warum soll ich denn etwas tun, nur weil andere Menschen meinen, es wäre gut? Was im Mai hervorragend ist, kann doch im Oktober eine völlig andere Perspektive bieten. Denken Sie doch mal selbst, Herr Herbst: Was Sie in ihrer Jugend erlebten, hat heute keinerlei Bedeutung mehr. Die Zeit hat sich geändert, wir mit ihr!« 

        »Natürlich.« Der Mann dachte bei diesen Worten an seine eigene Jugendzeit. »Ja, ich kann das schon nachvollziehen. Ich denke, dass ich früher genauso gedacht habe. Aber ich habe gelernt. Ich habe aus dem Leben gelernt, und diese Lehre war gewiss nicht immer schmerzlos!«
Sie spürte die Zwischentöne in seinen Bemerkungen, ohne ihn zu unterbrechen, hörte sie weiter aufmerksam zu.
»Sie sind noch jung, Ulrike. Es ist schön, wenn man dieses Leben mit seinen unzähligen Spielarten noch vor sich hat. Dazu braucht es auch keine rosarote Brille. Diese Einsicht ist ganz allein da, praktisch von selbst. Meinen Sie, ich dachte damals anders? Alles, was mir nicht gefiel, klammerte ich einfach aus. Es betraf mich nicht und ich musste mich auch nicht darum kümmern. 
Alles andere ringsherum schien mir richtig so, wie es war. Ich liess alle anderen Menschen für mich denken! Fast alle anderen machten es genau so und das - genau das - war eben falsch. 
Dann war plötzlich alles vorbei. Und die Quintessenz davon: Alles, woran wir glaubten, was wir Jungen als richtig empfunden hatten, war plötzlich falsch! Wissen Sie, was eine solche Kehrtwendung um 180 Grad für einen jungen Menschen bedeutet?«
          Der Mann schwieg, die Erinnerung übermannte ihn machtvoll. Die junge Frau nahm behutsam seine Hand, sagte nichts zu seinen Worten und so schwiegen sie.
Der Abend hatte sich inzwischen über die Parklandschaft gelegt. Die Laternen an den Parkwegen streuten ein mattes Licht auf die Wege. Alles war still, die Tiere am See waren wohl auch alle zur Ruhe gegangen.
Nach langen Minuten erhob sie sich schließlich, schaute ihn lange an.
»Ich - ich glaube, ich muss nun doch langsam nach Hause«, sagte sie dann. 
»Ich begleite Sie«, meinte der Mann und erhob sich ebenfalls. 
»Nur bis drüben«. Die Frau wies zur anderen Seite des kleinen Sees, wo eine Reihe von Häusern standen. »Na gut«, er lächelte schelmisch, »wenigstens lassen Sie das zu.« 
Beide lachten laut auf. Dann hakte sich die Frau ganz freundschaftlich bei ihm ein. »Oh«, meinte sie lachend, »Sie können stolz darauf sein, das ist schon sehr viel ...«

        Am frühen Nachmittag des nächsten Tages saß der Mann auf der gleichen Bank im Park. Ein Schwanenpaar zog langsam seine Kreise auf dem klaren Wasserspiegel des Sees. Einer der Schwäne hatte seine Schwingen hochgestellt und verbreitete so eine majestätische Ruhe. Es war ein wunderschönes Bild, passte jedoch irgendwie nicht zu der Unruhe, die der Mann dort auf der Bank ausstrahlte. Wiederholt sah er auf seine Armbanduhr, um dann wieder zum Weg zu schauen, der um den See herum führte.

      Kurz darauf wurde seine Ungeduld belohnt. Sie kam leicht und beschwingt den Weg entlang, ein leichtes bunt geblümtes Sommerkleid passte vorzüglich zu ihrem jugendlichen Aussehen. Sie deutete einen leichten Knicks an, reichte ihm dann ihre Hand zum Gruß.
»Ich bin aber nicht zu spät? Es sieht fast so aus, als warteten Sie schon lange auf mich!«
»Natürlich nicht, ich war nur viel zu früh da,« sagte er. »Verzeihen Sie mir bitte meine Ungeduld. Es ist schon so lange her, dass ich auf eine junge Dame gewartet habe. Bin eben doch aus der Übung.«
Sie lachte. »Nun«, meinte sie, »dafür haben Sie das aber hervorragend gemeistert!«
Dann sah sie gedankenverloren auf den See hinaus. 
»Also, wenn ich das so sagen darf, ich habe mich auch auf dieses Treffen gefreut. Man hat nicht so oft das Vergnügen, sich so gut unterhalten zu können. Meist geht es bei Gleichaltrigen über ein belangloses Gespräch doch nicht hinaus, ich jedenfalls finde das schade.«

      Herbst sah sie versonnen an. »Sie sind schon etwas Besonderes, Ulrike. Wenn Sie nicht so jung wären, könnte man meinen, Sie gehörten zu meiner Generation.«
»Och nee«, meinte sie dann, »ich hab schon meine eigenen Ansichten, die sich bestimmt von den Ihrigen unterscheiden. Und sicher nicht zu knapp. Meine Eltern jedenfalls hatten schon ihre liebe Not mit mir.« 

      Sie lachte auf. »Und jeder Baum der Generationen trägt eben seine Früchte, denke ich. Die sollte dann aber auch nur der pflücken, der sie zu verwerten weiss, meinen Sie nicht auch?«
Sie bewegte ihre Handflächen hin und her, um damit ihre Unsicherheit anzuzeigen. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei diese fragende Aussage.
Der Mann nickte bestätigend mit dem Kopf. 
»Doch. Das mag durchaus richtig sein. Aber ein Baum der Erkenntnis der Generationen bringt auch noch andere Dinge hervor. Die Suche nach der Wahrheit. Da taucht dann ganz schnell die bewusste alte Frage auf: Was ist Wahrheit? Und von dort bis zu den bewussten Früchten, die Sie jetzt meinen, ist es noch ein langer Weg.
Sind Ihre Früchte auch meine Früchte? Ist Ihre Wahrheit auch die meine? Oder sind das völlig verschiedene Dinge, die niemals ganz äquivalent verlaufen können?  Wenn Sie beispielsweise von Liebe reden würden, ist es dann dasselbe Gefühl, die gleiche Emotion, die mir dann vorschwebt? Meinen wir das Gleiche, wenn wir lieben?«



        Sie schaute ihn nachdenklich an. Ihr Blick wanderte schließlich weiter zu den Schwänen auf dem See, zum schilfbewachsenen Saum des jenseitigen Ufers. Eine grandiose weiße Wolkenwand mit herrlich gezackten Rändern schob sich unmerklich langsam vom Horizont auf den See zu. Es war ein Bild, das nur die Natur selbst hervorbringen konnte.
Zwischen den beiden Menschen war es still geworden. Beide genossen diesen Anblick, der sich so gewiss nicht täglich vor ihren Augen abspielen würde. 
»So etwas Schönes sieht man nicht oft«, sagte sie dann. »Ich liebe diese Wolkenbilder!«
»Und ich ebenfalls. Vielleicht ist es eine Belohnung nur für uns? Für zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, wie Menschen nur sein können und doch von einer Seelenverwandtschaft, die unglaublich ist.« 

Die junge Frau schaute dem Mann in die Augen. In diesem Blick lag etwas von dem Wissen, das seit Äonen von Zeiten immer wieder neu die Menschheit belebte, sie reifen liess und das Rad des Lebens ständig neu drehte. 
»Es ist der Zauber der Gegenwart, der so etwas schafft. Ein Teil vom ›Gestern‹ und ein Stückchen ›Heute‹, ohne dass man beides festhalten kann. Man kann nur still geniessen. Und das ist auch das Fazit!«
          Herbst schwieg, auch das Mädchen schaute schweigend und gedankenverloren hinüber zu den großen Weiden am Seeufer. Wenn auch ihre Jugend und sein Alter etwas anderes aussagen mochten - sie kannten beide das Rätsel, das sie nicht freigab. Und sie wussten, dass diese Emotion, die beide verband, schon das Ende in sich selbst mit sich trug!

***

Beide Menschen hatten kurzzeitig ein naturhafte Verständnis füreinander. Aber sie wussten auch um die Grenzen der Generationen. Wo anders können sich ›Gestern‹ und ›Morgen‹ begegnen als im ›Heute‹? Dieses Heute aber verbietet jede Liebe, jede Vereinigung zwischen diesen beiden Polen ausnahmslos und von Vornherein! Weil sie unreal ist, ohne ein ›Vormals‹ und ein ›Nachher‹. Es ist nicht anders möglich. Wo das ›Gestern‹ eine Heimat war, ist das ›Morgen‹ noch längst keine Heimstatt für die Gegenwart! 
Liebe kann wirklich nur im Heute leben. Wo sie in der Vergangenheit lebt, ist sie tot und nur vom ›Damals‹ und der Trauer durchzogen.

Sie wird dann nur von bildhaften Träumen begleitet, die unerfüllt bleiben müssen. Eben weil sie nicht mehr ist, sondern war! 
Liebe der Vergangenheit kann immer nur der nostalgische Rückblick auf wunderbare Zeitabläufe sein!

Dabei geschieht es aber auch sehr oft, dass manche Geschehnisse unterdrückt oder ausgeklammert werden, weil diese Zeit längst nicht immer so schön war, wie sie im Gedächtnis gespeichert wurde!

Liebe der Vergangenheit ist immer nur Erinnerung. Sie ist es ganz gewiss wert, behalten und auch gepflegt zu werden. Aber sie darf niemals in die Gegenwart hineinreichen! Dann nämlich ist dieses ›Jetzt‹ zum Scheitern verurteilt!

Aber wo Liebe nur in der Zukunft lebt, ist sie nur ein Abklatsch von Sehnsucht und Verlangen, ist sie lediglich eine Szene unstillbarer Leidenschaft, die das Herz der Betroffenen beschwert, dabei Wünsche und auch Reaktionen anderer Art meist völlig einengt.
Wie viele Freundschaften wurden schon zerstört, weil einer der Beteiligten plötzlich die Liebe entdeckte und somit die frühere Gemeinsamkeit vernachlässigte, ohne dass dann die Liebe wirklich einen Platz im Leben einnahm. Liebe in der Zukunft ist irreal. Sie wird vielfach von Wünschen begleitet, von Vorstellungen, die dann mehr oder weniger in Enttäuschungen ihr Ende finden. So manches Mal kann es dann geschehen, dass der enttäuschte Partner sich für lange Zeit selbst von all diesen Möglichkeiten des menschlichen Miteinanders ausschließt, frei nach dem Motto: Für mich gibt es keinen Partner, der zu mir passt!
Was also bleibt dann von allem zurück? Hoffnungslose Tage, Nächte voll absonderlichster Wünsche, wehmütige Träume, die sich des Öfteren auch in Depressionen verwandeln. Liebe ist. Liebe ist Heute. Liebe ist das, von dem Erich Fried sagt: »... ist, was es ist!«

Die junge Frau und der ältere Mann gehen zurück in ihr eigenes Leben, jeder für sich allein. Zurück bleiben Träume vom gegenseitigen Verständnis der Generationen. Ihre Träume. Unsere Träume?
 Gestern war! Natürlich, mit all unseren Träumen, Leiden und Freuden. Morgen wird sein! Mit den gleichen Voraussetzungen, den gleichen Wünschen.
Aber: Heute ist! Das muss, nein das ist der Trost für alle Menschen, die stets nur noch warten. Dann aber ist es irgendwann zu spät. 
Übrig bleibt hier bleibt nur noch das ›war‹ ...



04.05.2021

Die Schublade

 



Da steht er nun. Ein alter Sekretär, relativ antik, Buchenlook, mehrfach aufgearbeitet. Ein ganz tolles Möbelstück, bestimmt älter als ich selbst. Ich sah ihn damals einsam an der Straße stehen, auf den Sperrmüll wartend. Es ließ mir keine Ruhe, ich musste ihn einfach haben und nun steht er bei mir in der Diele. Jeden Morgen strahlt er mich an, es ist einfach eine Freude, diese alte Kommode zu sehen, ich vermute manches Mal, dass dieser Sekretär sich genau so freut, wenn er mich sieht.

Das Interessanteste an ihm sind die vielen Schubladen. Es sind zwölf an der Zahl, acht kleine und vier große. Anfangs dachte ich im Stillen daran, dass dort irgendwelche Fundstücke zu entdecken wären, leider wurde ich da enttäuscht. Außer einigen alten Zeitungen von 1934, die dort als Bodenbelag dienten, gab es nichts zu entdecken. Aber auch diese erzählten mir sehr viel über die Zeit, als ich noch als Baby in der buchstäblichen Wiege auf meine Zukunft wartete.

Schubladen wecken stets in mir ein kindliches Bedürfnis, irgendwelche Geheimnisse zu erforschen. Wo aber fange ich hier an? Welche Schublade öffne ich zuerst? Sie sehen alle so ähnlich aus. Nehme ich die erste oder die letzte? Nehme ich die letzte, wird sie die erste sein. Wenn ich aber die erste nehme, bleibt alles beim alten. Ich könnte natürlich auch die vierte oder sechste nehmen - aber, wie zähle ich jetzt, von links oder von rechts? Ist das jetzt ein Schritt zur Weisheit? Gibt es die weise Erkenntnis in der Mitte oder eher an den Seiten? Es ist schon so, eine unbekannte Schublade zu öffnen bleibt schon ein Erlebnis.

Ich könnte die kleine dort ganz am Ende zuerst öffnen. Ist das vielleicht die Schublade der Vergangenheit? Die wollte ich eigentlich gar nicht. Dort die zweite, das könnte die der Freude sein. Gut. Wenn ich das so bedenke, sie könnte aber auch die Traurigkeit beinhalten. Also ich muss mich endlich mal entscheiden. Ich nehme einfach die grösste Schublade dort unten, fertig. Das ist die, in dem die alte Zeitung den Boden bedeckt. Ich lese auf diesem altersgebräunten Papier



Das steht also in der »Ostpommerschen Zeitung« in der Ausgabe des 28.Januar 1934. Ich staune. Da war die SPD noch eine Partei, die gegen die braunen Horden auftrat - auch wenn das nicht mehr viel nützte.

Da, die kleine Eckschublade ganz links ziehe ich ganz leise und behutsam heraus. Auch dort eine Papiereinlage auf dem Boden. Ein Bild in groben Rastern aus einer Zeitung, dann ein Text von 1934



Soso, denke ich, es gab sie also auch in anderen Ländern, diese KZs. Ja, solch alte Schubladen bringen doch manches zutage, von dem man nichts wusste.

Noch einige Schubladen ziehe ich auf, manche leer, in einer eine alte Blechdose mit dem Aufdruck »Ich hab’s, URBIN!«. War damals die Schuhcrememarke in Deutschland.

Nachdenklich schaue ich mir das alte Möbelstück an. Wie viel persönliche Schicksale waren wohl schon mit ihm verknüpft, wer alles hat diese Schubfächer tausend und mehr Male geöffnet. Ich komme ins Grübeln, aber all das Denken bringt mich nicht weiter, weil mir die Verbindung zu den speziellen Menschen halt fehlt. So werde ich diesen alten Sekretär auch weiterhin als ein exotisches Stück Vergangenheit betrachten, der mir zwar einige Anhaltspunkte gab, dann jedoch nur noch ein wissendes Lächeln für mich übrig hatte!


©by H.C.G.Lux

21.04.2021

Sagt uns der Name etwas?

 

Ihr Sohn hat den Namen Thomas bekommen. Abgekürzt - alle Welt kürzt heute ab - »Tom«! Warum?

Das ist nun mal die Gretchen-Frage! Warum - weil es vielleicht der Name des Jahres war? Oder weil es so viele Vorbilder dieses Namens gab, die entsprechend gute und schlechte Taten verübt haben?
Oder hatte sie im Sinn, dass der ungläubige Thomas aus dem Neuen Testament mal ein neues Vorbild werden sollte?

        Nein, ihr lieben Leute, sie fand ihn eben schön. Ganz einfach. Was sie ihrem Filius damit angetan hat, ist natürlich schleierhaft. Aber Thomas ist doch eigentlich nicht so schlecht, oder?

        Wie viel Eltern gibt es, die ihrem Nachwuchs Namen angedeihen lassen, dass sich diese ihr Leben lang mit Grausen abwenden. Ob sich die Eltern wohl einmal Gedanken gemacht haben, wie ihre Sprösslinge damit zurecht kommen?
Wie fühlt sich da an, wenn die Namen »Siegfried« oder »Adolf« genannt werden. Man stelle sich vor, dass »Baldur«, der germanische Gott, schon einmal zu den beliebtesten Namen der Deutschen gehörte!
Ja, wir Deutschen waren schon immer geschichtsträchtige Menschen!

        Und in der Neuzeit? Wer erinnert sich nicht an die vielen Witze, die über«Chantale« »Dustin« oder »Kevin« gemacht wurden? Ich kenne einige dieser Kinder, die diese Namen aufgepropft bekamen, sie waren todunglücklich darüber.

        Es ist natürlich schon Sache der Eltern, welche Namen sie ihren Kindern geben, selbstverständlich. Aber ohne Zweifel sollten sie sich auch Gedanken machen, wie diese damit zurecht kommen.

        Der Sohn heißt nun also Thomas. Ob er damit klarkommt? Die Mutter hat seinerzeit nicht danach gefragt. Wie hätte sie das tun sollen?

      Vielleicht gibt es ja einige Menschen, denen er nachfolgen kann? Thomas Müntzer? Nee, bloss nicht! Thomas von Aquin? Um Himmels Willen, so einen gelehrten Philosophen wünscht sie sich sicher nicht.

      Halt, Thomas Mann wäre da noch im Angebot, der großartige Schriftsteller wäre doch ein gutes Pendant zum Namen Thomas. Oder vielleicht Thomas Alpha Edison? Auch nicht schlecht, der große Erfinder.

        Anzubieten wäre noch jemand aus der moderneren Generation: Taylor? Gottschalk? - der Himmel möge es verhüten … 


             
 Egal, was immer aus diesem Namen werden wird, es ist ein eigenständiger Mensch! Und das ist gut so.

Und wenn Thomas wirklich einmal die Kirche verlassen wollte um als Atheist durch die Lande zu ziehen - nun, dann wäre der Kreis wieder geschlossen und der »Ungläubige Thomas« hätte das Rennen gemacht.

        Was doch Väter und Mütter alles ihren Kindern antun können, nicht wahr? Die alten Römer machten sich die Angelegenheit etwas einfacher: »Primus bis Quintus oder Oktavius«! - das waren noch Zeiten, als man seine Kinder einfach nach der Reihe benannte, nicht wahr? Aber da hörten die Kinder auch noch nicht beim »Primus« auf, man zählte einfach weiter.
              Heute wäre das nicht möglich, denn da hießen fast alle nur noch
»Meyer Primus«. Auch nicht unbedingt empfehlenswert, oder?

©byH.C.G.Lux 

05.04.2021

Sprache und Moral

Es gibt wohl niemand in unserer Generation, der dies negieren würde: Unsere Sprache, unsere Ausdrucksweise und auch die Bedeutung der Worte verändert sich ständig. Fast unmerklich, (seit Jahrhunderten schon), modifiziert und korrigiert sich unsere Ausdrucksweise, viele Begriffe und Worte aus anderen Kulturkreisen werden assimiliert. Es ist eine äußerst spannende Sache, dies zu beobachten!

        Mir fällt da beispielsweise die tausend Jahre alte »Jiddische Sprache« der osteuropäischen Juden ein. Aus deren reichem Wortschatz wurden in den Zeitaltern vor 1933 unzählige Worte in die deutsche Sprache integriert, ohne dass die Menschen, die sie gebrauchten, überhaupt wussten, woher sie stammte!
Aus meiner Kindheit kenne ich noch viele dieser Ausdrücke, die mir in Fleisch und Blut übergegangen sind. (Mag sein, dass meine Zuneigung zum Judentum dort ihre Wurzeln hat, ich weiß es nicht!)
        Aber auch andere Sprachen hinterließen in unserem Kulturkreis ihre Prägung. Ob nun Latein oder Griechisch in den gebildeteren Kreisen, ob später im 18. und 19. Jahrhundert französisch als das Vornehmste galt, so ist es heute »in«, amerikanischen Slang im Sinne von »denglish« von sich zu geben.
Und es ist eine Tatsache, dass moderne Gesangsstücke bei uns nur noch in englischer Sprache zu hören sind - von »Evergreens« einmal ausgenommen.
Vielleicht sind wir ja damit auf dem Wege zu einer Weltsprache, der dem ESPERANTO nicht geglückt ist?
        Und dann - man mag es bedauern oder nicht - es ist eine Tatsache: Es gibt eine Reihe von Ausdrücken, - wenn wir die einst ausgesprochen hätten, unsere Eltern wären uns sicher nicht unbedingt freundlich begegnet! 
        Sprache jedoch hat nur am Rande etwas mit unserer Moral zu tun! Ich meinte im Wesentlichen die psychologische Seite der Medaille! Und die, so sehe ich es, ändert nicht nur das Resultat der menschlichen Erziehung, sondern den Menschen überhaupt! Und das ist bedenklich, weil alte Werte verloren gehen, die Hunderte von Jahren Bestand hatten.
Seit einigen Jahrzehnten verändert sich peu á peu das Wesen der Humanität!
Die Brutalität wächst; was einstmals nobel und exzellent war, gehört heute vielfach in die Gosse.
        Es ist schade um eine Kultur, die damit auch unwiderruflich verlorengeht. Ein Beispiel sei dafür genannt:

Auch in meiner Schulzeit gab es Streit und auch Schlägereien z.B. auf dem Schulhof. Da wurde der »Hahn vom anderen Misthaufen« erbarmungslos zu Boden gezwungen unter Anfeuerungsrufen der gegnerischen Parteien! Dann jedoch - wenn der Unterlegene am Boden war, stand der Sieger fest und der »Machtkampf« war beendet.
Das aber ist heute anders. Die Machtgelüste unter Schülern (auch *innen !) werden ebenfalls noch ausgetragen. Aber - und das ist der Unterschied - der Unterlegene wird danach noch ausgiebig mit Füßen traktiert, bis er kaum noch aufstehen kann und fast krankenhausreif liegenbleibt, sofern nicht jemand dazwischen tritt!
Wer dies nicht glaubt, betrachte einmal ausgiebig einen Pausenhof, er wird sein blaues Wunder erleben!

        Das sind manchmal die Ansätze einer Kultur, die man so freundlich aufgeklärtes Zeitalter nennt!
Aus Worten werden Taten! Kommt uns das nicht bekannt vor? Erst kürzlich noch gelesen!
      »Denkmal der Schande«, »Vogelschiss der Geschichte«, »wir werden sie jagen«, »in Anatolien entsorgen« – so sprachen Spitzenpolitiker in unserem Land! In beispielloser Weise haben diese Menschen in den vergangenen Jahren menschenfeindliches Gedankengut durch die Sprache in die Mitte unserer Gesellschaft getragen.
Da kann sich niemand mit einem Beileids-Posting auf Facebook seiner eigenen Verantwortung entziehen!

        Wir alle tragen Verantwortung – nicht nur für das viel beschworene Klima, sondern für das Miteinander in unserem Land. Kritisieren wir konstruktiv oder zeigen wir mit dem Finger auf andere?
Kommen wir wirklich ins Gespräch oder tauschen wir altbekannte Floskeln aus? Nehmen wir den anderen als Menschen wahr oder als Gegner und Feind?
Antworten wir auf den Hass mit Hass?
        Wie ist es denn in den Foren des Internets? Sind wir da nicht auch ratlos?
Ich jedenfalls habe oft keine Sprache, keine Worte dafür, denn in keiner Sprache unserer Erde finde ich eine Antwort auf den Hass in der Sprache …


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