4. September 2018

Mein vergeblicher Roman





Es ist November. Nieselregen, alles grau in grau, nichts mehr erinnert an die herrlichen Sommertage. Eigentlich ein Wetter, um daheim zu träumen. Geht leider nicht, ich muss doch endlich wissen, warum mein Manuskript immer noch keine lang erwartete Begeisterung hervorgerufen hat.
Lessingstraße Nr.72-76, eine hervorragende Adresse, sie passt so richtig zum Verlagshaus, denke ich so beiläufig. Ein gewaltiges und auch Respekt einflössendes Gebäude im äusseren Stil der 19.Jahrhundertwende wartet dort auf mich, ein Fahrstuhl bringt mich in die sechste Etage.
»Lektorat!« Das Schild mit dieser Inschrift in goldgefassten Lettern bringt mein Selbstvertrauen ein wenig ins Wanken. Dann wachse ich über mich hinaus und trete ein. Ein modernes Vorzimmer, nichtssagend wie fast alle modernen Büros heute, aber dennoch zweckmässig eingerichtet.
Eine junge Dame im rostbraunen Pulli und mit ebensolchem Fingernagellack fragt mich ein wenig herablassend, was ich denn möchte. Ich schildere ihr mit kurzen Worten mein Anliegen. Sie schaut mich mitleidig an und haucht mir dann zu:
»Einen Moment bitte. Ich werde sehen, ob der Herr Markmann Zeit für Sie hat!«
       Sie erhebt sich, zupft ein wenig an ihrem Miniröckchen und verschwindet durch die ledergepolsterte Tür neben ihrem Schreibtisch. 
Ich studiere derweil die Bilder und Plakate an den Wänden. Wunderbar, da hängt der große Meister Goethe neben Rilke, auf einem Faksimile eine unleserliche Handschrift, darunter steht, dass dies ein Brief von Goethes Mutter sei. Na ja, in Schönschrift hatte diese Dame sicher auch keine gute Note, denke ich.
Da noch ein Spruch in einem Goldrahmen:
DER GERADE WEG IST DER KÜRZESTE.
ABER ES DAUERT MEIST AM LÄNGSTEN,
BIS MAN AUF IHM ZUM ZIEL GELANGT.
Wenn ich mich nicht täusche, ist das von Lichtenberg, dem Altmeister der aphoristischen »Sudelbücher«. Bevor ich mich nun weiter mit den Lichtenbergschen Sudeleien befasse, erscheint die junge Dame wieder und flötet mir freundlich zu:
»Herr Markmann lässt bitten!«
     Ich bedanke mich freundlich und schreite ins Nebenzimmer. (Genau, ich schreite! Ich bin doch schliesslich ein aufstrebender Autor, nicht wahr?)
Herr Markmann eilt auf mich zu, begrüsst mich herzlich und bittet mich dann, Platz zu nehmen. Ich bin erstaunt, also so viel Freundlichkeit hatte ich nun nicht erwartet.
»Nun, mein Herr«, eröffnet er die Unterhaltung, »was kann ich für Sie tun?«
Auf eine solche Frage bin ich nicht nun wirklich nicht vorbereitet. Hat er meinen Namen von der Dame nicht mitgekriegt? Was der Herr für mich tun kann? Oh, ich wüsste da schon ein paar Sachen.
Ich komme dann auch auf die 21. Einreichung meines Manuskripts zu sprechen, schiebe ihm das letzte Exemplar zu und frage, was ich noch alles tun soll, damit er mir die gebührende Achtung erweist. Er blättert einige Zeit in meinem hervorragenden Werk, nickt ein paar Mal stumm und meint schließlich:
»Ja, ja. Ich erinnere mich. Wir haben viel im Kollegenkreis darüber diskutiert.«
 »Aha, darüber diskutiert«, entgegne ich aufgebracht, »aber es passte wohl nicht ins Konzept des Verlages, oder?«
»Nun ja« - er stockt etwas, »sie schreiben - wie soll ich es sagen - ein wenig ungewöhnlich!«
Also das hätte nun nicht kommen dürfen. Ungewöhnlich. Das ist doch die Höhe.
»Also ich recherchiere alles genauestens. Dass dann auch schon mal ein Tippfehler daherkommt, ist doch normal, oder?«
     Oha, dieser Butzemann sollte mal meine Rohentwürfe lesen, bevor ich sie korrigiert habe. Entwürfe, bei denen ich mitunter selbst nicht mehr erkennen kann, was ich an der einen oder anderen Stelle gemeint haben könnte, weil ich beim raschen Hinschreiben meine eigene Kurzschrift verwendet habe. Dann steht da schon mal: Mt oder SR anstelle von Sahara und Monat. Meine Freunde lesen dann schon mal den Evangelisten als Hauptfigur beim Süddeutschen Rundfunk.
     »Das ist es nicht, wovon ich rede«, meint er dann, »es geht nicht um Schreibfehler. Es sind da andere Dinge, die uns irritieren. Vielleicht kann ich ihnen ja mal ein paar Beispiele nennen, damit sie wissen, was wir kritisieren.«.
So. Kritisieren. Da lässt er mal die Katze aus dem Sack. Er will mich kritisieren. Mich, den angehenden Literaturpreisträger. Wenn er sich da mal nicht zu viel zumutet!
Ich setze mich bequem in meinen Sessel zurück, schlage die Beine übereinander, setze ein blasiertes Gesicht auf.
»Ja, ich habe mir da schon ein paar Anmerkungen gemacht:«, er zieht dann ein Blatt Papier aus seiner Schublade, betrachtet es kurz und vergleicht es dann mit meinem Manuskript. Dann liest er laut vor, indem er mir zwischendurch einen Blick zuwirft:
 »Die Beiden bräunten sich am Strand von Merano, schauten hinaus auf das blaue Meer, zählten die farbenfrohen Luxusjachten, die Sonne spiegelte sich auf ihrer schweißbedeckten nackten Haut.“
     Ich bin ganz verzaubert von dem Text meines Romans. Höre gebannt zum ersten Mal, wie ein Fremder meine Texte liest. Wundervoll. So muss es Mozart ergangen sein, als er seine eigene Musik hörte. Es ist einfach fantastisch. Mein Selbstwertgefühl steigt von Minute zu Minute. Ich bin ganz bezaubert von meinem eigenen Text, hoffentlich liest er weiter.
»Sehen Sie -« er stockt und sucht nach einem passenden Wort, »man bräunt sich auf Mallorca oder auf Teneriffa, die Segeljachten liegen vielleicht in Monaco. Aber doch nicht in Merano! In Ihrer Kurstadt hat man nicht so viel Meer, wie Ihnen da vorschwebt.«
Ich bin enttäuscht von diesem Herrn Markmann. Enthusiastisch verteidige ich meinen Handlungsort!
»Was haben sie gegen Merano? Es ist eine bekannte Kurstadt und auch interessant für viele Menschen. Selbst die Kaiserin Sisi war dort sehr oft zu Besuch!«
Ich bin mir bewusst, dass dies ihm bestimmt den Wind aus den Segeln nimmt, gegen Sisi kommt er nicht an.
     Herr Markmann wischt sich ein paar Schweißtropfen von seiner Stirn: »Das meine ich ja auch nicht. Aber Merano hat nun mal keinen Strand, nicht wahr? Es liegt nicht am Meer! Weil - es liegt halt im Alpenvorland.«
Hm, irgendwie scheint er ja Recht zu haben. Aber wie ist es dann mit der künstlerischen Freiheit? Ha! Jetzt habe ich ihn. Aber vielleicht hätte ich doch auf meine Frau hören sollen, die meinte, ich sollte den Ort der Handlung nach Travemünde verlegen. Kann ich ja noch nachholen. Muss man aber deshalb das ganze Buch in der Schublade liegen lassen?
»Übrigens hieß sie Elisabeth!« Ich sehe ihn verständnislos an. »Die Kaiserin hieß Elisabeth, Sisi wurde sie nur von ihren Freunden genannt.«
»Wieso wurde? Ist sie denn schon tot?«
Er nickt leicht vor sich hin. Ich erschrecke, dann sage ich teilnahmsvoll:
»Das tut mir aber sehr leid. Schade um solch eine schöne Frau.«
»Da kommen Sie aber ein bisschen spät«, meinte Herr Markmann dann. »Sie lebt schon seit über hundert Jahren nicht mehr.«
Ich bin geschockt. Warum weiß ich davon nichts?
»Aber noch mal zu Ihnen. Sie schreiben hier einige Seiten weiter, dass Ihr Romanheld dem König die Audienz verweigert hat.«
»Na und? Er war eben Anti-Royalist! Wann hat ein Schriftsteller es je versucht, einem König eine Audienz zu verweigern? Bei mir ist das eben ein Novum! Und man muss eine gewaltige Portion Selbstvertrauen haben, um so etwas zu Papier zu bringen! Dazu gehört Mut, und den habe ich eben.«
Er gibt sich noch nicht geschlagen. »Es ist der King, der die Audienzen gewährt! Die anderen kommen zu ihm oder sie lassen es.«
Oh Mann, wie kann man nur so kleinlich sein. Ist ja gut, dann eben anders herum.
»Und hier, auf Seite 345 schreiben Sie von >entengroßen Hagelkörnern<, die vom schwarzen Himmel fielen! Also Sie meinten doch sicher enteneigroßen, nicht wahr?«
Ich bin erbost. »Also, ich schreibe so, wie es aus mir entspringt. Das Geniale ist ja eben das Ungewöhnliche, und das will ich auch so lassen! Dann fühle ich so richtig, wie die Muse mich küsst!«
Herr Markmann sieht mich entsetzt an, schüttelt dann unentwegt seinen Kopf. »Und dann hier auf Seite 703, Ihr Held ist 31 Jahre alt und hat einen 19 Jahre alten Sohn. Wie soll das gehen?«
Ich stutze. »Naja, früher waren die Menschen eben früher reif. Ist das nicht einsichtig?«
»Dann hier: Er hob die zentnerschwere Statue hoch über seinen Kopf und warf sie dann hinunter ins Meer.«
     Langsam verliere ich meine Geduld. Warum weiß der alles besser? Warum muss ich jedes Wort erklären? Meine Leser werden schon wissen, was ich meine. Herr Markmann verzieht dann seine Mundwinkel.
»Auf der 3tägigen Eisenbahnfahrt durch Fehmarn kam es ihm vor, als würde er mit dem Glacier-Express über die Berge rasen! Wissen Sie, wo Fehmarn liegt?«
Jetzt will der mich auch noch in Geografie prüfen. Nee, mein Lieber, nicht mit mir! Dem werde ich es jetzt geben:»Ach, mein Lieber, Sie wissen es doch, das muss ich doch nicht erklären, nicht wahr? Sonst schauen Sie doch mal in den Atlas!«
Herr Markmann ist in seinem Bürostuhl zusammengesunken. Dann flüstert er: »Nehmen Sie Ihr Manuskript und heizen damit Ihren Grill an. Und gehen Sie, gehen Sie.« Er hebt seine Arme flehend empor: »Bitte!«
Ja, ich gehe jetzt. Wenn ein großer Autor so verkannt wird, kann es nur einen Grund geben: Er ist zu genial für diese Welt!
Aber nächste Woche habe ich noch einen Termin beim »Hopeless-Verlag ...«

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     Hurra, ich hab es geschafft. Doch, wirklich. Ich bin ja so happy! Der Hopeless-Case-Verlag hat sich voller Enthusiasmus meines geschriebenen Manuskriptes angenommen. Als ich die 763 Seiten dort zur Prüfung vorlegte, sprang der Leiter des Verlages voller Begeisterung von seinem Stuhl auf und umarmte mich spontan.
»Sie - Sie, Sie sind ...« Er konnte vor Begeisterung nichts mehr von sich geben, Tränen liefen an seinen Wangen herunter. Ich reichte ihm mein letztes Tempo-Tuch, dann weinten wir gemeinsam vor Rührung eine Runde. Herr Koniecka, der Verlagsleiter, fand endlich seine Worte wieder, die er zwischendurch wohl verlegt hatte. Schließlich war es ja auch ein Verlag, da passiert so etwas sicher des Öfteren.
»Alsooo -«, er hatte sich wieder gefasst, »es ist wirklich phänomenal, die Ausdrucksweise Ihres Romans erinnert mich an Ernest Hemingway. Diese Art, den Augenblick zu beschreiben, das ist Hohe Schreibkunst! Ich kann nicht verstehen-«       Er schüttelte unentwegt seinen Kopf, »ich kann einfach nicht verstehen, wie solch eine Genialität so lange unentdeckt bleiben konnte! Sie sehen mich fassungslos!«
Ich sah den Herrn Koniecka verdutzt an. Einer von uns beiden musste nun wohl übergeschnappt sein. Ich jedenfalls war es nicht, dessen war ich mir bewusst. Ich versuchte nun behutsam, das weitere Vorgehen des Verlags zu erfahren. Nach seiner Eloge musste er sich ja schon ein Konzept vorgestellt haben, dessen war ich mir sicher.
»Und - und wie geht es nun weiter?«
Trotz der Lobreden war ich noch nicht so ganz von seinem Vorhaben überzeugt.»Machen Sie sich nur keine Kopfschmerzen! Sie werden sehen, das läuft alles von selbst. Spätestens zur Buchmesse rangiert Ihr Roman schon auf der Bestenliste hoch droben!«
»Und dann«, Herr Koniecka rieb sich die Hände im Vorgenuss seiner weit voraneilenden Gedanken, »und dann, das kann ich Ihnen versprechen, ist es nicht mehr weit zum Deutschen Literaturpreis!«
     Ich war nun doch ein wenig verstört. Ratlos schaute ich den Herrn am Schreibtisch vor mir an. Sein hochroter Schädel ähnelte einem Luftballon. Hoffentlich platzt der nicht, fuhr mir so durch den Kopf.
     Herr Koniecka tippte nun wie wild auf seinem Laptop herum. Sein Drucker warf kurz darauf eine lange Rechnung aus.
»Sehen Sie«, er zeigte dabei mit seinen dicken Fingern auf eine Kolonne von Zahlen, »Sehen Sie, wenn wir eine Auflage von 10.000 vorsehen bei einem Einzelverkaufspreis von 14,00€ , erreichen Sie eine Marge von 0,17€ pro Buch!«
Er sah mich triumphierend an. »Ist das nichts? Sagen Sie doch selbst: Ist das nichts?«
     Ich stand buchstäblich vor dem Knock-out. Mein Adrenalinspiegel war fast auf Null zurückgegangen. Es war so niederdrückend, den wirtschaftlichen Tatsachen so ins Auge sehen müssen. Wenn ich dann die Einkommensteuer berücksichtige und die Wahrscheinlichkeit, dass nur 10% meines Werks verkauft wird - dann kann ich mich mit Carl Spitzwegs »Armen Poeten« solidarisieren!
Ich versuchte nun nochmals, auf meinen Text zurückzukommen.
»Was, was halten Sie denn nun von dem Inhalt meines Romans?«
Ich fragte es, nachdem ich mich wieder gefasst hatte. Er winkte ab. »Darüber müssen wir nun wirklich nicht streiten. Meine Lektoren werde alles hinbügeln, was voller Falten ist. Lassen Sie uns nur machen.«
     Drei Wochen später bekam ich das Resümee meines Buches mit einem Anschreiben vom Herrn Koniecka zugeschickt, mit der Anfrage, ob es nun »in Druck gehen könnte«.
Ich habe mein Buch nicht wiedererkannt. Nichts war so, wie ich es einst schrieb. Ja, wenn ich es recht betrachte, schien es eher dem »Steppenwolf von Hermann Hesse« zu ähneln als meinem Manuskript.
     Nun liegt das Original wieder in meiner Schublade. Und da, da liegt es gut. Kostet nichts, wird nicht verrissen, ich muss keine Lesungen machen. Muss nicht mehr hinterfragen, ob Fehmarn in den Schweizer Bergen liegt oder hinterm Ural, ob Sisi nun tot ist oder als Nymphe auf Mallorca verehrt wird und ob Merano eine Hafenstadt in Mexico ist oder hinter dem Mond. Alles ist völlig einerlei und interessiert nicht einmal das Murmeltier im Winterschlaf.

Eines aber ist de facto sicher: So mancher Autor hat sein Buch später auch nicht wiedererkannt. Und das tröstet mich über meine verkannte Kunst hinweg ...


©2018 byWildgooseman

5. August 2018

Braun ist keine Farbe.






Ist es nicht schön, dieses Blau des Meeres, das sich mit den Farbtönen des azurblauen Himmels paart? Ich liebe diese morgendliche Stimmung, wenn die Möwen die einzigen Gäste sind, die über dem weißen Sandstrand ihre Kreise ziehen. Die dunkelgrünen Föhren über den Dünen bilden einen harten Kontrast zu den filigranen Federwölkchen, die hoch droben dahingleiten. Es ist ein romantischer Anblick, an dem ich mich täglich neu erfreue.
              Jetzt, um sechs Uhr morgens, bin ich noch voll aufnahmefähig für all die schönen Dinge, die mir dieser Urlaubstag aufzeigen möchte. Später dann, wenn die Sonne auf ihrer Bahn fast senkrecht über dem Strand steht, lenkt ihre übermäßige Wärme mein Denken in ziemlich utopische Gefilde von angenehmer Kühle und erfrischenden Winden.
              Mit aufgekrempelten Hosenbeinen, die Sandalen in der Hand und einen zerfledderten Strohhut auf dem Kopf, wandere ich vom Molenkopf des Hafens immer weiter den Strand entlang; ohne bestimmtes Ziel versuche ich der blassblauen Küstenlinie entlang nach Osten zu folgen. Ich mag diese Ziellosigkeit, weil sie einen Kontrast zum Berufsalltag bildet, der eine völlige Gegensätzlichkeit beinhaltet.
All das habe abgehakt. Ich bin der Meinung, wer fünfundvierzig Jahre im Beruf tagtäglich in einem strengen Prozess eingebunden war, darf sich nach der Pensionierung wirklich frei fühlen.
              Die Hafenmole liegt schon weit hinter mir, der wunderschöne weiße Sandstrand ist inzwischen grobem Kiesstrand gewichen. Hier läuft es sich barfuß nicht mehr so gut. Aber wozu habe ich meine Sandalen, schließlich bin ich keine Seeschwalbe, die hier ständig auf- und ablaufen kann, ohne sich die Zehen zu stoßen. Ein Blick zurück - oha, bin doch schon länger unterwegs, als ich eigentlich vorhatte. Ich beschließe, meinen Rückweg nun oben am Rand der Dünen unter den hohen Föhren fortzusetzen.
              Gar nicht so einfach, die Dünen zu erklimmen! Da es ziemlich steil hinaufgeht, brauche ich für drei Schritte aufwärts immer einen, den ich wieder zurückgleite. Aber irgendwann ist dann die Oberkante der Düne erreicht. Welch ein herrlicher Ausblick bietet sich hier! Der breite Kiesstrand umsäumt die tiefblaue Ostsee, deren grenzenlos erscheinende Weite im Sonnenglast des Horizonts versinkt. Man ahnt dort wohl ein Ende, kann es aber mit eigenen Sinnen nicht erreichen.
              Fast eine Viertelstunde widme ich mich diesen Eindrücken, bevor ich mich wieder in Richtung Hafen aufmache. Ein schmaler, aber guter Pfad im Schatten der Föhren erleichtert mir den Weg zurück.
Ich summe ein Liedchen vor mich hin, eine alte Melodie, die ich als Kind schon oft hörte. Wie lange ist das her? Siebzig, fünfundsiebzig Jahre?
»… dazwischen trocknen im Sonnenglanz, die Netze der Fischer am Strande …«          Nun, von Fischernetzen ist hier nichts zu sehen, Fischfang ist wohl nicht mehr der Haupterwerbszweig, denke ich bei mir. Heute ist die Tourismus-Industrie wohl an dessen Stelle getreten. Der Sandstrand auf den zwei Kilometern nahe des Hafens ist in der Hauptsaison gewiss voll mit Menschen. Es gibt dann sicher keinen Quadratmeter des Strandes mehr, der ohne Gäste wäre. Ist wohl überall gleich, denke ich, ob auf Teneriffa, den Balearen oder eben hier an der pommerschen Ostseeküste.
              Ich wandere langsam auf dem schmalen Pfad weiter, mein Blick haftet dabei auf der Ostsee, deren Horizont fern im Blau des Himmels verschwimmt. Meine Gedanken sind dabei rückwärts gerichtet in die eigene Vergangenheit. Wie oft bin ich damals hier mit Eltern und Großeltern entlanggegangen! Ich mochte diesen Weg überhaupt nicht, er war mir zu ›langweilig‹! Viel lieber lief ich unten an der Wasserlinie entlang, dort fand ich immer interessante Dinge, die mich begeisterten. Muscheln, Seetang, Korken von Fischernetzen und oftmals auch kleine Stücke vom Bernstein, die das Meer angespült hatte.
              Leider hatten solche Ausflüge für einen wie mich, den achtjährigen Jungen, Seltenheitswert. Zumal der Weg bis zum Strand ohne Fahrgelegenheit immerhin vier Stunden gedauert hätte. Das aber wurde mir natürlich verboten! Dieses Verbot war natürlich voll in Ordnung. Aber - für einen Jungen mit einer enormen Abenteuerlust im Kopf, ebenso natürlich unverständlich.
              Ich fahre aus meinen Gedanken hoch! Dort vorn - was oder - wer war das? Im Nähergehen sehe ich einen alten Mann auf einem Hocker sitzen, vor sich eine Staffelei. Ich gehe leise näher und grüße:
»Dzień dobry, proszę pana!«Er dreht sich zu mir um, sieht mich mit einem langen Blick an. Sagt zunächst kein Wort, legt dann aber den Pinsel, den er in der Hand hält, an der Staffelei ab und meint schließlich:
»Sie können Deutsch mit mir reden. Es ist meine Muttersprache!«
»Woher wissen Sie, dass ich ...« Er unterbricht mich: »Dreiviertel aller Touristen sind hier Deutsche. Und Sie, Sie sehen so deutsch aus!« Er lächelt dabei, weist mit der Hand auf einen Baumstumpf neben sich, »habe leider keinen besseren Platz für Sie!«
              Ich setze mich neben ihn. Er scheint etwa in meinem Alter zu sein, sein zerfurchtes Gesicht aber lässt ihn älter erscheinen. Er trägt helle Bermudas und ein kariertes Hemd, dazu einen alten Hut mit breitem Rand.
So ähnlich hatte ich mir früher immer den großen Maler "Vincent van Gogh" vorgestellt.
»Na«, sagt er dann, »haben Sie mich nun eintaxiert? Ist Ihnen der Herr Heymann koscher genug?« Er lacht auf.
»Entschuldigen Sie, das Wort kennen Sie in Deutschland wohl nicht mehr, nicht?
          Mir ist zunächst etwas unbehaglich zumute, doch das vergeht dann schnell. »Sie irren sich«, sage ich, »ich habe nichts gegen jüdische oder jiddische Ausdrücke. Und ich kenne viele davon. Meine Großmutter hatte mir die in meiner Kinderzeit beigebracht. Obwohl die damals verboten waren und streng bestraft wurden!«
          Er mustert mich plötzlich aufmerksam von der Seite. Ich scheine in seinen wachen hellen Augen bestanden zu haben.
»W ürden Sie mir sagen, welcher Jahrgang Sie sind?« Er fragt es mit einem leisen Unterton.
Ich lache kurz auf. »Guilty or not guilty?« Ich schüttle meinen Kopf, »Nein, Herr Heymann, Sie irren sich. Ich war bei Kriegsende gerade Elf!«Er nickt. »Genau wie ich!« sagt er dann. Dann wird seine Stimme, die bisher nur halblaut gesprochen hatte, lauter: »Nein, nein, Sie missverstehen mich. So war es nicht gemeint. Wie käme ich dazu, Sie anklagen zu wollen. Wir waren Kinder. Ich wurde ›weggeführt‹ und Sie wurden ›verführt‹. So hatte jeder sein Schicksal!«
              Wir schweigen lange Zeit. Er nimmt seinen Pinsel und setzt wieder ein paar Striche und Farbtupfer auf seine Leinwand, die ein fast fertiges Seestück darstellt.
»Ein wunderschönes Bild«, sage ich ein wenig beklommen, »es zeigt die Natur in all ihrer Schönheit.« Er sieht mich an, sein Blick scheint in die Ferne zu wandern und gleichzeitig bei mir zu sein.
          »Ich kann die Natur nur so darstellen, wie ich sie sehe. Ich sehe sie so. Ich sah sie schon immer so. Fällt Ihnen etwas auf an diesem Bild?«Ich stutze. Was sollte das sein? Ich bin kein Kunstkenner. Dann dreht er die Staffelei ein wenig zu mir herum, ich kann nun sein Werk besser betrachten. Es dauert eine ganze Weile, bis ich dahinter komme, was er meint!
Alle natürlichen Farbtöne haben ihren Platz auf diesem Gemälde erhalten, es ist wirklich ein Genuss, dieses Bild anzuschauen. Dann jedoch sehe ich, was er mir zeigen will: Nicht der geringste Ton einer ›braunen‹ Farbe ist dort vorhanden. Es scheint, als wenn diese Farbe auf seiner Palette überhaupt nicht existiert!
          Verwirrt schaue ich ihn an. Er lächelt, auf eine geheimnisvolle Art, die mich voll in ihren Bann zieht. Er legt den Pinsel wieder weg, nimmt seinen Hut ab und wischt sich mit einem Tuch über das schüttere weiße Haar. »Sie haben es entdeckt, nicht wahr? Es sind nicht viele Menschen, die das sehen! Warum? Weil Braun keine Farbe ist!«
          »Wissen Sie«, sagt er dann, indem er den Kopf wieder bedeckt, »ich weiss nicht warum, aber ich mag Sie! Vielleicht, weil wir gleichen Alters sind?
Oder weil wir beide Erfahrungen hatten, die zwar diametral gegenüberliegen, die uns aber doch verbinden!«
Ich lächle und nicke zustimmend, hebe aber dann zweifelnd einen Finger: »Lieber Herr Heymann, da müssen Sie aber scharf aufpassen, dass Sie Rot und Grün nicht mischen!«
Heymann lacht, er lacht lauthals, und ich kann nicht anders, ich lache mit! Wir wischen uns die Lachtränen vom Gesicht. Welch ein wundervolles Erlebnis, ein Jude und ein Goj sitzen am Ostseestrand und lachen über einen Witz, der im Grund kein Witz ist, sondern eine kleine Episode des wirklichen Lebens.
          Dann erzählt er mir aus seinem Leben, einem Leben, das so völlig anders verlief als mein eigenes. Ich glaubte immer, meine Kindheitserlebnisse waren schwer, die Flucht und Vertreibung vom pommerschen Ostseestrand; nun musste ich mit Erschrecken feststellen, dass dies Murmeln waren im Vergleich zur Größe eines Medizinballes.
          Er erzählt mir vom Vernichtungslager Bełżec in der Nähe von Lublin, in das er aus seiner Heimatstadt Danzig verschleppt wurde.
Viel höre ich nicht von ihm, muss ich auch nicht, dieses Elend ist einfach nicht beschreibbar. Wir schweigen lange, dann erzähle ich ihm, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die diese millionenfachen Morde in den Konzentrationslagern des Hitler-Regimes einfach leugnen.
          Er nickt. Dann sagt er leise: »Glauben Sie, dass es hier in Polen anders ist? Hier wird nur von den Opfern gesprochen, die Polen waren! Von der Vernichtung der jüdischen Aschkenasim erfährt man höchstens nur am Rande. Es ist eine verkehrte Welt. Erst hatte ich vor, nach Israel auszuwandern. Aber was soll ich da noch? Das hätte früher geschehen müssen, aber ich habe gedacht, es würde hier alles besser werden.«
Er lachte verbittert auf. »Also bleibt alles, wie es war. Ich mische mich nicht in die Politik ein - und die lassen mich in Ruhe«.
          Als ich den Mund aufmache, um etwas zu erwidern, meint er: »Ja, ich weiß, wer nichts tut, ist auch schuldig! So sind wir schließlich alle eine Generation der schuldigen Schuldlosen! Lassen wir es dabei.«
              Wir verabschieden uns schließlich mit einer Umarmung. Er bittet um die Angabe meiner Anschrift, er will mir das Seebild zusenden, wenn es fertig ist. Ich gebe ihm meine Karte. Ich bekomme also dieses Bild von ihm, ein Bild, das keinerlei Brauntöne aufweist.
***

Es ist jetzt drei Jahre her. Das Bild ist leider nicht angekommen. Vielleicht, weil Braun überall wieder Mode wird?

©by wildgooseman

10. Mai 2018

Schwalben, die Mauersegler waren.



Manchmal geschieht es, dass wir durch einen Zufall auf etwas aufmerksam werden, das wir vorher nie richtig beachteten. Davon möchte ich kurz einmal etwas erzählen.
       Ich wohnte früher in einem kleinen Städtchen an der Elbe, genauer gesagt in Lauenburg. Eines Tages machte ich mich auf, um auf dem Speicher meines Hauses mal wieder so richtig ›Klar-Schiff‹ zu machen. Jeder weiss wie es ist, wenn man das Jahr über all das ablagert, was sich so ansammelt, irgendwann aber muss es ja auch mal entsorgt werden.
       Ich hatte am Tag zuvor schon ein Giebelfenster geöffnet - es später aber vergessen zu schließen. Da erschrak ich unwillkürlich durch einen Laut, der vom Fenster kam. In der Scheibengardine des Fensters zappelte etwas, von dem ich am Anfang nicht wusste, was es sein könnte. Es war eine Schwalbe, die sich dort wohl bei ihrer Insektenjagd verfangen hatte und nun nicht mehr loskam.
       Ich betrachtete das Tierchen nun etwas genauer. Nein, das war doch keine Schwalbe? Sie hatte zwar Ähnlichkeit mit diesen Vögelchen, doch bei genauerer Betrachtung konnte ich feststellen, das es exakt keine Schwalbe war! Nun wusste ich auch, dass es hier in der Umgebung gar keine Schwalben gab, weder Rauchschwalben noch Mehlschwalben, auch Uferschwalben wurden hier noch nicht gesichtet. In den Dörfern abseits des Elbstroms waren noch sehr viele Schwalben anzutreffen, eine wahre Augenfreude. Aber bei uns - nein, da gab es nur Mauersegler.
Junger Mauersegler



       Was heißt jetzt ›nur‹, es war einfach wunderschön, wenn diese pfeilschnellen Luftbewohner in elegantem Flug durch die Lüfte segelten. Und nun hatte ich ein Exemplar von ihnen leibhaftig vor mir. Ich löste die winzigen Krallen von der Gardine und nahm das kleine Wesen in die Hand. Die schwarzen Äuglein sahen mich an, als wenn sie um Hilfe bitten wollten. Ich weiß, es ist dumm - aber ich sprach beruhigend auf dieses kleine Tierchen ein, öffnete dann das Fenster weit und warf es in die Luft. Das Vögelchen entfaltete sofort seine Schwingen und stieg in den blauen Himmel empor.

***


Mauersegler, die zu keiner Schwalbenart gehören, sind seltsame Vögel, die ab Mitte Mai - nach einer Reise von rund 7000 km - bei uns für etwa 100 Tage leben und dann Mitte August schon wieder den Rückflug nach Afrika antreten. Bei uns in Lauenburg konnte man die Uhr danach stellen: Ab 15.Juli sammelten sich viele Hunderte von ihnen oben am Schlossberg!
 Ihr ganzes Leben verbringen die Mauersegler Tag und Nacht in der Luft. Essen, Schlafen, ja selbst die Paarung wird im Fliegen vollbracht.
Ihre Fluggeschwindigkeit kann bis zu 120 km/h betragen. Am Abend steigen sie 3000 -5000 m in die Lüfte zu einer Art Halbschlaf.
Natürlich können sie nicht in der Luft brüten, aber sie suchen ein Nest in alten Gebäuden (Mauerlücken, Dachüberstände). Sie kommen nie an den Boden, wenn sie sich vom Brutnest entfernen wollen, lassen sie sich einfach fallen und breiten dann ihre Schwingen aus. Die Jungen werden mit Bällchen gefüttert, die bis zu 500 Insekten enthalten. Zusammen mit ihrer eigenen Nahrung fangen sie 20.000 Insekten pro Tag. Die Jungen bleiben viel länger im Nest als andere Jungvögel, bis zu 40 Tage. Für sie ist es auch kein Problem, einige Tage ohne Nahrung zu bleiben. Sie üben mit ihren Flügeln im Nest, denn wenn sie etwa Mitte Juli ihr Nest verlassen, müssen sie ohne Unterbrechung fliegen können.
Ich wusste es damals noch nicht, als ich diesen Mauersegler bei uns in der Gardine fand: aber ich tat das einzig Richtige, indem ich ihn einfach hoch aus dem Fenster warf! So konnte er seine Jahre des ununterbrochenen Fliegens beginnen.
Mauersegler im eleganten Flug
Selbst einfache Dinge, die wir ohne großes Nachdenken tun, können in unserer Welt ein Wunder sein. Eines ihrer großen Wunder aber ist das Leben dieser kleinen Mauersegler!

3. Mai 2018

DER NARR, von Gottfried Hanisch


Ein Mann hatte einen großen Terminkalender
und sagte zu sich selbst:
"Nun sind alle Termine eingeschrieben,
aber noch sind die Tagung 'X' und die Tagung 'Y',
die Sitzungen der Synode und des Gemeinderates
nicht eingeplant."


Und er kaufte sich einen größeren Terminkalender
mit Einteilungsmöglichkeiten der Nachtstunden,
disponierte noch einmal, schrieb
alle Tagungen und Sitzungen ein
und sagte zu sich selbst:
"Nun sei ruhig, liebe Seele,

du hast alles gut eingeplant.
Versäume nur nichts."


Aber je weniger er versäumte,
umso mehr stieg er im Ansehen
und wurde in den
Ausschuss 'Q'
und in den Ausschuss 'K' gewählt,
zweiter und erster Vorsitzender,

Präsident,
und eines Tages war es dann so weit,
und Gott sagte:


"Du Narr,
diese Nacht stehst du
auf meinem Terminkalender!"



27. April 2018

Wenn der Wald stirbt







By H.C.G.Lux

Wenn der Wald stirbt,
schweigen die Tiere.
Sie können nicht klagen,
sich auch nicht wehren,
Asphalt und Beton
sind stärker als sie.

Wenn der Wald stirbt,
weinen die Vögel.
Sie können nicht singen
nicht im Lenz jubilieren,
in kahlen Zweigen
gibt es kein Nest

Wenn der Wald stirbt,
erschrecken die Menschen;
sie könnten schreien,
doch es hört keiner mehr,
denn ohne Wälder
stirbt auch das Leben.

©by Wildgooseman

25. April 2018

Flohmarkt

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Magst Du Flohmärkte? Ich gestehe unumwunden, Flohmärkte sind meine geheime Leidenschaft. Hier brauche ich meiner Fantasie keine Zügel anlegen, ich schaue sozusagen hinter die Dinge und versuche, ihre Geschichte nachzuempfinden.
Mag ja manchem vielleicht etwas seltsam vorkommen, ich jedenfalls finde es toll, in alten Sachen zu kramen aber es geschieht nicht selten, dass ich dabei kleine Überraschungen finde und mit nach Haus bringe.
Da sind es vor allem Bücher, die auf mich eine Anziehungskraft haben, vor allem alte und vielleicht zerschlissenen Bücher. Und so kann es schon leicht geschehen, dass ich dabei die Zeit vergesse, manche Verkäufer schauen dann schon misstrauisch zu mir hinüber, fragen auch schon, ob sie mir helfen könnten. Das allerdings mag ich nicht, wandere dann schnurstracks weiter zum nächsten Objekt meiner Begierde.
So war es dann auch vor einigen Tagen erst. Der Flohmarkt in unserer Stadt war gut beschickt und bei hervorragendem Wetter auch gut besucht. Ich schlenderte durch die Reihen, schaute hier, staunte dort, kramte in Bücherkartons, wobei ich es immer vermeide, die professionellen Anbieter aufzusuchen. Ich mag die kleinen Stände am liebsten, wo Hausfrauen ihre überflüssigen Sachen loswerden wollen oder wo der Speicher der verstorbenen Oma ausgeräumt wurde, um Platz zu schaffen. Dort vor allem finde ich die Schätze, auf die es mir ankommt.

Mein suchender Blick fiel auf einen alten Karton mit vielen alten Büchern. Donnerwetter, das waren Schätzchen, davon träume ich immer. Ich stöberte in diesem Karton und fand dort einige Bücher, auf die es mir ankam. Der Anbieter, ein junger Mann bemerkte mein Interesse und bot mir den ganzen Krempel, wie er sagte, für einen annehmbaren Preis an.
Nun, es war schon verlockend, dies anzunehmen, aber es waren dann doch eine Menge Bücher dabei, die nicht in mein Weltbild passten.
»Heideggers« Schriften, dem nationalen Philosophen, kann ich nun gar nichts abgewinnen. Ebensowenig hat Gustav Freytags »Soll und Haben« mit seinem antisemitischen Touch etwas bei mir zu suchen!
Dann aber fand ich doch einige Werke, die noch in Fraktur gesetzt waren. Und so ging ich dann später mit einigen Bänden fort, die mir gefielen.
Clara Viebig, »Das tägliche Brot« suchte ich schon lange.
Und dann waren da noch einige andere, für mich wertvolle Bände, die ich erwarb, darunter sämtliche Gedichte von »Hermann Allmers«, die schon selten geworden sind und die für meine Website: »Klassikerpark« unverzichtbar sind und die ich auch schon übertragen habe.
Ja, und dabei geschah es dann auch. Ich durchblätterte diesen Gedichteband und plötzlich fiel mir ein kleines Faltkärtchen in die Hand. Ein Strauß Vergissmeinicht auf der Vorderseite, innen dann die Überraschung!
In Sütterlinschrift las ich dort folgende Worte:
Breslau, den 12.Dezember 1908zettel

Mein liebes Mütterlein, ich schicke Dir diesen Band Gedichte von Allmers, Du liebst ihn ja sehr.
Leider werde ich dieses Jahr zum Weihnachtsfeste nicht bei Dir sein können. Meine Herrschaft fährt mit der ganzen Familie nach Arosa in die Schweiz. Es wurde mir aufgetragen, mitzukommen und die Kleinen zu beaufsichtigen. Ich bin sehr traurig, liebe Mutti, aber es geht nicht anders. Wir sehen uns dann im Januar. Bleib gesund,
Du weißt, ich habe Dich sehr lieb!
Dein Mäuschen!

Siehst Du, solche Fundsachen sind für mich Glücksfälle.
Und dann fange ich an zu träumen. Wer war dieses Mädchen? Anscheinend als Kindermädchen in einem vornehmen Haushalt, weit weg von ihrer Mutti.
Was waren ihre Träume? War sie glücklich? Vielleicht verliebt? Oder war es der berufliche Zwang, der sie in die Ferne getrieben hatte?
Wir können es nicht wissen, aber ich weiß nur eines: Sie war ein Mensch, genau so wie wir heute, mit Wünschen und Hoffnungen! Vielleicht wurden sie erfüllt, vielleicht aber erlebte sie die Erfüllung nicht mehr?
Wer will dies nach über hundert Jahren noch wissen?
Ich finde, solch ein kleines Kärtchen ist genau so wertvoll wie irgendeine Hinterlassenschaft aus der »Titanic«!
Jedenfalls habe ich mir meine Gedanken dazu gemacht, mir ist dieses unbekannte Mädchen, das von der Mutter »Mäuschen« genannt wurde, ans Herz gewachsen.
©by wildgooseman

12. April 2018

Zwei Tyrannen


(frei nach Joh. Gottfr. Herder)



Die ZEIT, diese Tyrannin,

nimmt jeden Tag ein Stück 
von dir und deinem Leben; 
von dem, das vorher sie gegeben,
glaubst du, sie gibt’s dir je zurück?

Du irrst, mein Freund
du musst es akzeptieren,
neue Wege nun beschreiten,
und in allen Schwierigkeiten
dich stets aufs Neue motivieren!

Der kleine Bruder dieser Zeit 
wird »Zufall« nur genannt;
ist unbeständig wie der Wind,
dabei launisch wie ein Kind
reicht er lächelnd dir die Hand.

Du lebst mit vielen Zweifeln,
oft noch in der Vergangenheit!
Lass doch die Hoffnung blühen,
die Trauer weiterziehen -
hierbei hilft dir die ZEIT.

Nichts auf der Welt ist ewig,
alles kommt, alles verweht.
Loslassen und Empfangen,
zur Einsicht dann gelangen,
dass dein Leben weitergeht.


©by Wildgooseman

10. April 2018

Warten

Seit Jahren schon saß sie Nachmittag für Nachmittag an einem bestimmten Fenster des Hauses.
Der Blick schweifte von hier weit über den Eingangsbereich des Seniorenheimes über den Deich hinüber zur unendlichen blaugrauen Weite der Nordsee.
Es war sozusagen der Stammplatz der alten Dame, sie ließ ihn sich auch von niemand streitig machen; richtig giftig konnte sie dann werden, die kleine sonst so hilflos wirkende Frau mit dem silberhellen Haar.

Und sie war wirklich hilflos, im 94.Lebensjahr, gesundheitlich sehr angeschlagen und auf ihren Rollstuhl angewiesen, die Sehkraft ihrer Augen betrug nur noch knapp 10%, wie ich vom Pflegedienst hörte.
Wartende
Aber ihr Geist war noch sehr wach, man konnte richtiggehend mit ihr diskutieren. Dann blühte sie regelrecht auf, man spürte förmlich die Energie ihrer Gedanken und es war oft sehr schwer, ihrem Esprit und ihrer Wortgewaltigkeit zu folgen.

Bei den Mitarbeitern des Pflegeheims galt sie eher als schwierig, sie nörgelte an vielem herum und war nur schwer zufrieden zu stellen. Wenn sie bei ihrem Nachdenken am Fenster gestört wurde, schaute sie den Störenfried mit ihren hellblauen Augen strafend an und war dann für lange Zeit nicht mehr ansprechbar. Das alles erzählte mir eine der Pflegerinnen und zwar in einem respektvollen Ton, der mich doch aufhorchen ließ.
Ich sah diese alte Dame erstmals bei einem der monatlichen Gottesdienste in dem Seniorenheim, zu dem ich aushilfsweise gebeten wurde. Irgendwie beeindruckte sie mich. Später fragte ich dann den alten Pastor, der dort normalerweise die Betreuung der alten Menschen übernommen hatte, nach der Lebensgeschichte dieser alten Frau.
Sie entstammte einem alten schlesischen Landadel, wie so viele andere Menschen verschlug es sie bei Kriegsende in den Westen Deutschlands. Der Ehemann und drei Söhne waren im Krieg gefallen, lediglich der jüngste Sohn war von ihrer gesamten Familie übrig geblieben. Er lebte jetzt irgendwo in Süddeutschland, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Als Chefredakteur einer großen Zeitung stand er mitten im Leben.
Auf meine Frage nach Kontakten zwischen Mutter und Sohn wich mir der Pastor aus, er meinte, dass der Sohn wohl seit acht Jahren die Mutter nicht mehr besucht hatte. Es gäbe auch keinen telefonischen Kontakt.
Auf meine fragenden Blicke hin meinte er dann:
»Na ja, das Verhältnis ist wohl ein wenig gestört, er zahlt den Heimaufenthalt für seine Mutter, es fehlt ihr wirklich an nichts. Leider hat er auf meine wiederholten vorsichtigen Anfragen nie geantwortet!
Doch sie wartet immer noch auf ihn, Tag für Tag, Monat für Monat!«

Und mit einer fahrigen Geste meinte er dann: »Aber sie hat Verständnis für ihn, er hätte ja so viel zu tun und seine Arbeit wäre doch außerordentlich wichtig!« 

Ich geriet ins Nachdenken. Was war das? Was muss geschehen, das es so weit kommt? Das wollte ich wissen. Ich musste diese Dame einfach kennen lernen. Ich fragte dann den Pastor, ob er das ermöglichen könne und er sagte mir zu, mich anzumelden.Sonntagnachmittag. Ich spürte eine sonderbare Aufgeregtheit in mir. Warum? Ich war pünktlich da, sechzehn Uhr, wie verabredet. Der Pastor begrüßte mich lächelnd mit einem Händedruck. Die Dame an der Rezeption wusste Bescheid, winkte uns durch.Er führte mich dann in die erste Etage, zum Zimmer der alten Dame. Nach unserem Klopfen ein zaghaftes “Herein", wir betraten das geschmackvoll individuell eingerichtete Zimmer.
Die Begrüßung zunächst sehr förmlich. Dann eine erläuternde Erklärung meines Begleiters, es war jedoch eher ein Versuch dessen, was er eigentlich sagen wollte.

»Frau Pajonk, ich habe Ihnen hier jemand mitgebracht. Es ist ein Herr, der Ihnen ...« 
Weiter kam der Pastor nicht.
Ein heller Aufschrei, einige schluchzende Worte, dann zog sie mich zu ihrem Rollstuhl herunter, betastete mein Gesicht, die wenigen Haare, die mir geblieben waren, umfasste dann meinen Nacken, küsste mich auf die Stirn und flüsterte immer wieder:
»Ich wusste doch, dass du kommst, Eberhard, ich wusste es, ich wusste es!«
Immer wieder diese Worte. Mehrfach wiederholte sich diese Begrüßung, als könne sie nicht genug davon bekommen, ich kam nicht dazu, auch nur irgendeine Antwort zu geben.
Als ich endlich einmal zu Atem kam, wollte ich das Ganze richtig stellen. Der Pastor legte einen Finger auf seine Lippen und schüttelte sachte seinen Kopf.
»Er hat nicht all zu viel Zeit, Frau Pajonk,« sagte er dann zu der Dame, »es soll nur eine kleine Stippvisite sein. Bitte haben Sie Verständnis dafür, ja?«

Auch ich versuchte dann, einige Worte zu sagen. Aber sie unterbrach mich sofort: »Du brauchst dich nicht entschuldigen, Eberhard, ich weiß doch, das du im Stress bist! Und deine Artikel in der Zeitung lasse ich mir immer noch vorlesen, da hab ich keinen einzigen versäumt!«
Und dann leise: »Vielleicht hast du ja nächstes Mal mehr Zeit?«

Ich konnte keinen Ton mehr herausbringen. Meine Augen wurden nass, ich holte verstohlen mein Taschentuch heraus. Der Pastor hatte sich ans Fenster gestellt, ich spürte, wie es in ihm arbeitete.
Dann erzählte die alte Dame von ihrem Alltag im Seniorenheim. Es sprudelte förmlich aus ihr heraus und man spürte, dass ein ungeheurer Druck von ihr genommen war.

Der Abschied war dann eine herzzerreißende Angelegenheit. Als ich nach der letzten Umarmung ganz leise die Türe schloss, schaute ich noch einmal zu dem kleinen Persönchen zurück. Ein fast mädchenhaftes Lächeln umspielte ihr Gesicht, ihre Hände winkten ganz zaghaft hinter uns her. Ich denke, länger hätte ich diese Situation sicher nicht ausgehalten.
~~~
Vier Wochen später, nach meinem Urlaub, machte ich mich noch einmal auf, um der kleinen alten Dame abermals einen Besuch abzustatten. Ich fand sie nicht mehr. Zwei Wochen vorher wurde sie auf dem Waldfriedhof zu Grabe getragen.
Mich hat das sehr berührt und traurig gemacht, aber auch ein bisschen zufrieden. Für zehn Minuten hatte sie einen Sohn! Ich denke im Nachhinein, das war so in Ordnung!

©by Wildgooseman

26. März 2018

Mein Vater



Im Jahr ’42 schrieb er noch kein Gedicht.
einen Reim dafür finden konnte er nicht.
Vorwärts voran! und Kommißbrot,
reimte sich nicht auf Heldentod,

Dann kam er heim, matt und elendig,
mit einem Körper, unvollständig,
auf einem Feld bei Belgorod,
eins seiner Beine liess er dort.

Später zog er in Walhalla ein -
das klappte auch mit einem Bein!
Die Ehrenkompanie, mit Salut.
Mutter weinte - vor Leid und vor Wut!

Mein Vater begraben, wir blieben zurück.
Vorbei alle Träume vom großen Glück.
Fürs Vaterland hätte er das Leben gelassen?
Kann jemand solch einen Unsinn fassen?

Am Hindukusch steht heut die Bundeswehr,
in Mali und dann noch am Mittelmeer,
verteidigt die Freiheit, wie hiess das noch gleich?
Ach nein. Das war damals: für Führer und Reich!

Doch wir liefern heut Waffen nach allen Seiten!
Panzer und Minen, das kann niemand bestreiten.
Jetzt wir sind human, das gab es noch nie:
Die Medizin liefert: Die Pharmaindustrie!

©by wildgooseman

18. März 2018

Poesie





Unüberhörbar und doch leise
ist Poesie auf ihre Weise;
bringt ihr machtvolles Wort
in jeden winzig kleinen Ort
unserer grossen Welt hinein,
um stets bei uns präsent zu sein.



Jeder Vers und jede Prosa hüllen 
mit dem Sinn, den sie erfüllen,
Gedanken in feste Formen ein,
lassen ein wenig Glück herein,
verstreuen dabei schicksalhaft 
Freude und auch Leidenschaft.



Ists denn Poesie, wenn ich reime?
Ich ersticke es doch schon im Keime,
wenn ich nur so etwas denke,
mir dabei den Geist verrenke
und glaube, ich wär ein Poet,
nur weil ich weiss, wie das geht?



Dichter gibt es doch genug, und
wenn wir aus besonderem Grund
selbst auch ein paar Reime bauen,
mit den Themen Liebe und Vertrauen,
Hoffnung oder Abschiedsschmerz -
spricht im Grunde unser Herz.



Manche Verse, das muss ich gestehen,
kann ich wirklich nicht mehr sehen!
Und zu lesen in meinen Elaboraten
möchte ich keinem anderen raten.
Denn ich betrachte die Poesie
als anwendungstechnische Psychologie.


©by Wildgooseman