19. Februar 2019

Der Nachmittagsgast


Es kam mir schon ein wenig seltsam vor, weil ich ihn noch nie vorher gesehen hatte. Jeden Nachmittag kam er dann regelmäßig bei schönem Wetter zu mir in den Garten. In den ersten Tagen war ich zwar erstaunt, dennoch fasste ich schnell Vertrauen zu ihm. Er störte mich ja auch nicht bei meiner Arbeit. Jedes Mal, wenn er durch die hintere Gartentür um die Ecke kam, freute ich mich, ihn wieder zu sehen.
              Meist war es gegen 14 Uhr, wenn er bei mir aufkreuzte, es ließ sich nicht leugnen, ich mochte ihn vom Beginn unserer Bekanntschaft an. Es war aber auch ein wunderschönes Tier, dieser braune Cockerspaniel. Dass er schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte, sah man an seinen Barthaaren, die langsam weiß wurden. Jedenfalls verstanden wir uns wortlos und so stellte ich schon vorher immer eine Schale mit frischem Wasser für meinen Gast neben meinen Platz auf die Terrasse. Ich trank meinen Tee und er nahm ab und zu einen Schluck aus der Schale. Meist sah er sehr müde aus, dennoch aber war sein seidiges Fell immer gepflegt. Man konnte daran sehen, dass er ein gutes Zuhause und wahrscheinlich liebevolle Menschen um sich herum hatte.
              Irgendwann, als das Wetter mit einem Regentag aufwartete, kam er zu mir, als ich gerade in der Terrassentür stand und dem Schnürlregen zwischen den bunten Pflanzen zusah. Ich ging ein wenig zur Seite und so drückte er sich an mir vorbei, um dann direkt hinter der Tür stehen zu bleiben. Er ließ sich von mir die Pfoten säubern und legte sich danach auf die Fußmatte an der Tür. »Gut erzogen«, dachte ich so bei mir. Ein anderes Tier wäre gewiss ohne Säumen ins Zimmer gelaufen. Ich tätschelte ihm das Fell, er dehnte sich dann wohlig, drehte sich ein paar Mal und war kurz darauf eingeschlafen!


              Das ging so bis in den Spätsommer hinein. Er kam fast jeden Tag, begrüsste mich, legte sich dann auf die Matte und schlief. Nach etwa einer Stunde streckte er sich wieder, schaute mich mit seinen warmen braunen Augen an und verschwand wieder durch die Gartentür.
Irgendwann war meine Neugier nun doch erwacht. Wo kam er her? Und warum verschwand er nach einiger Zeit wieder? Ich schrieb eine Nachricht auf einen Zettel und steckte ihn hinter sein Halsband.
»Hallo, lieber Hundefreund! Ich würde gern wissen, wem dieser tolle Hund gehört! Und ist Ihnen bekannt, dass er fast jeden Nachmittag zu mir in den Garten kommt und sein Mittagsschläfchen hält?«
Am nächsten Tag war der Hund wieder da! Und er hatte einen blauen Zettel unter seinem Halsband, darauf stand mit zierlicher Schrift:
»Der Hund heißt Niko. Er lebt in einem Haus mit 6 Kindern, von denen vier unter drei Jahren sind. Er versucht, seinen Schlaf nachzuholen. Danke, dass Sie ihm dazu Gelegenheit geben!
Apropos Gelegenheit - darf ich morgen mit ihm kommen?«

©by Wildgooseman

22. Januar 2019

Recht und richtig

Als Großvater geboren wurde, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. In Potsdam saß der Kaiser auf seinem großdeutschen Thron, alle Ministeriellen machten genau das, was ER wollte. Und der Reichstag machte die Gesetze, Wilhelm II. segnete sie ab und damit war für den kleinen Mann zu Hause alles geregelt.
 Der 
Urgroßvater freute sich über den Stammhalter, der den Namen der alteingesessenen Familie wieder zu neuen Ehren bringen sollte, nachdem einer seiner missratenen Sprösslinge sich als »sozialistischer Revolutionär« vorher mit dem Bismark angelegt hatte und deswegen ein paar Monate im Kittchen verbracht hatte.
          Nun aber war lang erwartet der Großvater da. 1890 war er gerade rechtzeitig geboren, um dem im sogenannten "Drei-Kaiser-Jahr 1888" inthronisierten neuen Kaiser Wilhelm II. mit extrem lauter Stimme ein »Willkommen« entgegenzukrähen! Nach Wilhelm I. und Friedrich III. war der Zweite Wilhelm das Staatsoberhaupt im "Deutschen Reich" geworden.
War das eine große Freude - jedenfalls für den Adel. Dem kleinen Mann nützte das Ganze Theater herzlich wenig, er hatte wie immer, die Zeche zu bezahlen. Und die war niemals gering!
    Rechtzeitig
 zum Weltkrieg 1914 erschien also Großvater in der Weltgeschichte, um dem Deutschen Reich hilfreich bei dem Kampf der Achsenmächte mit der Entente siegen zu helfen. Nun, zu diesem Sieg reichte es zwar nicht, aber immerhin war nach vier harten und für die Bevölkerung entbehrungsreichen Kriegsjahren der Kaiser in einer Nacht- und Nebelaktion nach Holland verschwunden und ließ dort dann den Herrgott einen guten Mann sein. Schließlich musste er ja von seinen Ruhmestaten ausruhen. 


Großvater kam dann auch wieder nach Hause. In der Schlacht an der Somme 1916 verlor er drei Finger einer Hand, ein Maschinengewehr durfte er trotzdem noch bedienen. Diese Schlacht an der Somme zählt bis heute zu den sinnlosesten Schlachten aller Zeiten. Nach vier Monaten schwerster Kämpfe hatte sich die Front fast nicht verändert, die Verluste auf beiden Seiten betrugen die unglaubliche Anzahl von 1,3 Millionen Mann! Keine andere Schlacht in einem Krieg hat so viele Opfer gekostet. Die Helden bekamen im Reich ein Eisernes Kreuz, die Übrigen hatten ein Stück Eisen im Kreuz!
         Ja, wie gesagt, Großvater war dann wieder daheim. Vater, 1910 geboren, war inzwischen acht Jahre alt und schwarz-weiß-rot erzogen worden. In den Hungerjahren des Krieges wurde dieses Nationalbewusstsein so eingetrichtert, dass eine andere Einstellung sofort als »linksrevolutionär« angesehen wurde.
Im berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17 war der Versuch, zu überleben, die einzige Aufgabe, die jede Familie zu realisieren hatte. So manch einer hat es da nicht mehr geschafft. Für sie oder ihn blieb dann kein ehrenvolles »Dankeschön«, sie waren einfach nicht mehr vorhanden!
        Die Zeit nach 1919 mit den Wirren und den diversen politischen Strömungen brachte überhaupt keine Klarheit der Dinge, die man sich erhofft hatte. Reparationszahlungen in gigantischer Milliarden-Goldmark-Höhe waren Deutschland aufgezwungen worden. Dass diese auch mit dazu beitrugen, die unselige Nazi-Diktatur an die Macht zu bringen, wurde - und wird zum Teil heute noch - vehement abgestritten. Jedenfalls kam 1923 dann der wirtschaftliche Niedergang in Deutschland. Es war eine riesengroße Enttäuschung. Der Nominalwert der Mark ging stürmisch und unmissverständlich in die Tiefe. Der Arbeiter, falls er überhaupt noch Arbeit hatte, wusste morgens nicht, ob der Lohn, den er tagsüber verdiente, abends noch dazu reichte, ein Brot zu kaufen! Es ist kein Märchen, dass die Hausfrau abends am Fabriktor stand und auf den Ehemann wartete, um schleunigst mit dem Tageslohn zum Kaufmann zu rennen! Dabei schien es nie sicher, ob Brot oder sonstige Waren noch vorhanden waren oder das Geld für den Kauf noch ausreichte! Es war obligatorisch, dass dann die Kinder daheim auch mal ohne Essen ins Bett mussten.
         Natürlich gab es auch - wie in allen Zeiten - Kriegsgewinnler. Das waren dann die Menschen, die aus der Not Anderer eine Tugend zum Geldverdienen machten.
Großvater jedenfalls gehörte nicht zu diesem Personenkreis, er hatte es aber fertig gebracht, sich mit einem Tischlereibetrieb selbstständig zu machen. Als der Niedergang des Geldes begann, hatte er schon große Mengen an Holz aufgekauft und versuchte nun mit einem
Angestellten, Kleinmöbel zu fertigen. Es reichte jedenfalls zum Unterhalt der Familie. So wurde dann Vater, der Sohn des Hauses, als Lehrling in der Werkstatt des Großvaters eingestellt.
 Bekanntlich hatte Großvater drei Finger der linken Hand im Krieg eingebüßt. Dennoch gab es niemanden, der ihm bei seiner Arbeit überlegen war!
Ein großes Problem aber hatte Großvater: Er plagte sich mit einer Fehlstellung der Füße herum, wahrscheinlich durch unpassendes Schuhwerk in seiner Soldatenzeit hervorgerufen. Er litt an einer Anomalie der Zehenstellung, Hallus Valgus, die ihm sehr große Schmerzen bereitete.
         In der Stadt gab es nun einen Schuhmacher mit orthopädischen Kenntnissen. Dies war ein völlig neuer Handwerkszweig, der durch viele Kriegsverletzungen enorm wichtig geworden war. Dieser Schuster sollte Großvater behilflich seindiese Fehlstellung der Füße und deren schmerzhafte Auswirkungen durch ein Paar passgenaue Stiefel auf ein erträgliches Maß zu senken. Großvater erbot sich dafür, dem Mann ein Beistelltischchen zu bauen, dass zu dessen Mobiliar passte. Zusätzlich sollte Großvater noch 60 Millionen Mark in bar zahlen. Der Handel war perfekt und konnte nun seiner Ausführung entgegensehen. Großvater baute den wunderschönen Mahagonitisch, der Schuhmacher fertigte ein Paar Stiefel an, das wirklich ohne Tadel war. Beides wurde im November 1923 geliefert, alles war Tipp-Top in Ordnung. Die Barzahlung allerdings brachte nun das gute Verhältnis der Beiden in arge Bedrängnis!
       Am 15. November 1923 nämlich wurde die Inflation offiziell gestoppt, die neue »Rentenmark« löste die bisherige Mark im Verhältnis 1:1 Billion ab!
 Nun war guter Rat teuer! Eins zu einer Billion, da blieben dem guten Schuster nur ein paar Pfennige übrig. Mit dieser Abrechnung aber war er gar nicht einverstanden. Großvater andererseits war nicht bereit, mehr auf den Tisch zu legen, als sie vereinbart hatten. Dieser Rechtsstreit zog sich über ein ganzes Jahr hin. Auch als im August 1924 die 
Reichsmark eingeführt wurde und die bis dahin gültige Rentenmark 1:1 ersetzte, stritten die Parteien immer noch um die 60 Millionen Papiermark!

Es gab drei Gerichtsurteile, gegen jedes wurde von der anderen Partei Berufung und Revision eingelegt. Dann fiel das endgültige letzte Urteil: Großvater wurde verurteilt, 20(!) Reichsmark an den Schuhmacher zu zahlen! Die gesamten Kosten wurden halbiert und jedem zu gleichen Teilen zugewiesen. Es ist nicht bekannt, wie hoch diese Kosten jeweils waren!
 Zähneknirschend zahlte der Großvater seine ihm auferlegten Beträge. Daheim schwor er, dass er dem Schuster alles heimzahlen wolle. Dazu kam es dann Gottlob nicht mehr, denn der Schuhmacher verstarb noch im gleichen Jahr an einer Pilzvergiftung.
Das war aber dem Großvater ganz sicher nicht anzulasten!




©2019 by H.C.G.Lux

8. Januar 2019

Frühlingsversprechen


An einem weißen Wintertag
fand ich im stillen Tannenwald 
mich wieder. Auf den Wegen lag
noch tiefer Schnee, und bald
sah hinter mir ich nur
meine eigne Spur.

An einer Weggabelung dann,
vortrefflich gut versteckt,
in einem dunkelgrünen Tann
hab ich ihn dann entdeckt:
Bass erstaunt sah ich ihn an -
Es war ein junger Mann.

Frisch und munter anzuschauen
mit blanken Augen, hellem Haar,
kaum konnte ich den Augen trauen,
dass solch ein Typ im Tannwald war.
Ich redete verdutzt ihn an,
da sprach empört der Mann:

»Was stört Ihr meine Ruhe hier,
ich frage Euch: warum so eilig?
Noch wohnt Herr Winter im Revier -
und meinem Vetter ist die Ruhe heilig.
Geduldet Euch noch ein paar Wochen,
dann komme ich, versprochen!«


©2019 by H.C.G.Lux

3. Januar 2019

31046


Da steht urplötzlich diese Zahl im Raum. Ja, natürlich, nachgerechnet - und naturgemäß nicht von ungefähr, denn es gibt ja einen entsprechenden Anlass! Wunderliche Zahl, finde ich. So völlig aus der Luft gegriffen und bar jeder normalen Bedeutung. »31046«. Eine Jahreszahl? Ein geschichtliches Datum? Ein Ereignis von unermesslicher Bedeutung? Bedeutung: Ja. Unermesslich? Lächerlich, so irrsinnig kann wohl kein Mensch sein, dass er seinen Geburtstag als gigantische Quelle zur Freude ansehen würde.
         Da erblickt irgendwann im Januar des Jahres 1934 weit im Osten Deutschlands, in Hinterpommern, ein Baby das Licht der schnöden Welt, ein Baby mit so wunderschönen blauen Augen (sagte man), dass alle Welt verzückt schien! (Denke ich so im Geheimen!) Und nun? Es waren weder Hirten noch Könige oder sonst wie geadelte Personen anwesend, die hätten in der kleinen Wohnung beileibe auch keinen Platz gehabt. Bei einer Hausgeburt war es in dieser Zeit natürlich üblich und angebracht, Kinder aus der Wohnung fernzuhalten. Ich blieb aber da, denn da half kein Verbot: Ich musste dabei sein!
         Jawohl, als jüngster Mitbürger - damals sagte man »Volksgenosse«, hatte ich die Ehre, meiner Mutter zur Seite zu stehen. (Besser würde man ja »Liegen« sagen, jedoch solch ein Ausdruck wurde meist für andere Gelegenheiten benutzt.) Also: Ich war nun eingetroffen, pünktlich wie man sagte; diese Pünktlichkeit habe ich mein Leben lang immer einhalten können. Was fing man nun mit mir an? Fragend schaute ich meine Mutter an. (Denke ich)       Ich war ziemlich genau ein Jahr jünger als jenes 1000-jährige Deutsche Reich, das noch heute so unmenschliche Erinnerungen wachruft. Erinnerungen an m i c h können jedoch solche Auswirkungen nicht gehabt haben, man erinnerte sich an mich doch mit etwas mehr Freude als an die andere Version!
         Die Jahre gingen dahin. Was sollten sie auch sonst tun? Die Schule beanspruchte mich nicht so, wie sie es hätte sollen. Das Vorhaben meiner Verwandten kam nicht mehr zum Tragen: Die sogenannte »Adolf-Hitler-Schule« sollte/wollte mich aufnehmen. Gottlob scheiterte dies am Vormarsch der Roten Armee im Osten des »Reiches«! Und so musste der kleine Knirps die letzten Monate des Jahres ’45 als »Pimpf« in so einer kackbraunen Uniform verleben.
         Kurz darauf war dann alles vorbei. Und alles was vorher richtig erschien, war nun total falsch. Recht war Unrecht und umgekehrt. Die gesamte Volksmeinung wurde jetzt um 180° gedreht.
Doch das Unrecht der früheren Jahre, die Millionen von Toten in den KL’s und auch das Sterben der Zivilbevölkerung auf der Flucht wurde fein säuberlich versteckt - (teilweise bis heute) und wenn, dann sprach man nur im Geheimen davon. Warum?
Ganz einfach: Viele der alten Nazi-Größen waren plötzlich geläutert zur Demokratie gewechselt. Leider machten sie genau dort weiter, wo sie einst aufgehört hatten ...
         Ich war inzwischen in die Menge der Bevölkerung eingepasst worden. Man hatte nur versäumt, mir das auch mitzuteilen! Und so war ich nicht Einer unter Vielen; ich war Ich und bin es bis zum heutigen Tage! Ich sage nicht, dass es leicht war, es hat viel Herzblut gekostet, um das durchzuhalten. Ich lernte die Welt kennen - in Ermanglung von monetären Einflüssen leider von der anderen Seite - nämlich von ganz unten! Aber auch dort ist diese unsere Welt eine fantastische Welt. (Man muss sich manchmal nur die Menschen wegdenken).
         Später gründete ich dann auch eine Familie, meine Kinder sind das Allerbeste, was daraus hervorging. Alles Andere wanderte so langsam den Weg alles Irdischen. Das alte Wort von Ovid: »Mala sunt vicina bonis!« (Leid und Glück sind Nachbarn) bewahrheitet sich öfter im Leben von uns, als wir es wahrhaben wollen. Wer nie Fehler machte, darf auch kritisieren! Ich bin mir sicher, allzu viele Kritiker werde ich auf meinem Pfad nicht antreffen.
         31046. Diese magische Zahl gibt mir mehr, als ich eigentlich verdient habe. 31046 mal ging bisher die Sonne für mich auf. Gleich viele Male sah ich sie untergehen, mal blutrot, mal im Nebelgrau verschwindend. Hab ich mir früher auch Gedanken darüber gemacht? Ich kann mich daran jedenfalls nicht erinnern. Vielleicht ist das ein Vorrecht des Alters? Neulich las ich: »Wer in der Vergangenheit lesen will, muss in der Zukunft blättern!«
         Warum sollte ich diesen Sinnspruch nicht beherzigen? Ich denke an meine früheren Jahre. Sie sind Geschichte. Ich denke, dass ich jetzt in der Zukunft lebe, einer für mich glücklichen Zukunft, die irgendwann vorbei ist. Sei’s drum. Und wenn ich einst die Zahl 35000 als Glückszahl sehen sollte, werde ich auch »Danke« sagen. Und wenn nicht? Was machts, die Welt wird noch weiter bestehen.

 ©2019 by H.C.G.Lux











Mit einem meiner Lieblingsworte - von Lothar Zenetti -
möchte ich diese Gedanken beenden: 


Am Ende die Rechnung

Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen, 
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir geatmet haben, 
und den Blick auf die Sterne
und für alle die Tage, die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, 
dass wir aufbrechen und bezahlen.
Bitte die Rechnung!
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht!
”Ich habe euch eingeladen”, 
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
”Es war mir ein Vergnügen!”

1. Januar 2019

Respectus

 Prosit - Alles Gute und ein gesundes Neues Jahr!


So viele tiefe Täler hab ich oft durchschritten,
hohe Berge oft ganz mühevoll bezwungen,
doch oftmals auch, dann in des Tages Mitten
so manches frohe Wanderlied gesungen.

Der heiße Sommerwind im hellen Wüstensand, 
er bleichte mir in manchen Zeiten meine Haare,
der eisig kalte Wintersturm im fremden Land,
er gerbte mir die Haut in vielen Jahren.

Nun laufe ich nach all den Wanderjahren
in einen Hafen ein, den konnte ich erwählen;
ich werde nie mehr in die Fremde fahren,
doch Abenteuer, davon kann ich noch erzählen!

»Adieu«, sage ich allen Menschen, die mich kennen;
die ich in fünfundachtzig Jahren traf in meinem Leben.
Alle Namen könnt ich nicht mehr nennen,
doch haben viele mir ein Stück von sich gegeben.

Wenn ich dann einstmals Abschied nehmen werde,
werden gewiss mir manche Freunde fehlen!
Doch es war schön auf dieser wunderbaren Erde,
ich werde davon auch auf Wolke neun erzählen!

Glaubt mir, ich bin nicht bange vor der letzten
 Reise,
ich brauche dafür auch nicht viel Gepäck.
Nektar und Ambrosia als letzte Speise,
ein paar Gebete - alles andere lass ich weg!


©2019 by H.C.G.Lux


26. Dezember 2018

Zum Altjahrsabend




Ganz leise schwebt das Laub von dürren Bäumen,
es heißt nun Abschied nehmen von den Träumen,
die nicht mehr zu erreichen sind.

Als dieses Jahr noch jung in seiner Wiege lag,
lachte uns voller Morgenröte jeder Tag, 
voll Begeisterung versprach es Glück.

Nun ging das Jahr dahin auf leisen Sohlen.
Oftmals verwirrten seine Kapriolen,
mit denen es uns überraschte.

Auf dem Kalender les ich: Einunddreißig!
Dies Jahr ist nun vorbei, sicher, das weiß ich,
schau trotzdem noch einmal zurück.

Adieu sagen uns des Jahres letzte Tage,
viele Wunden, viele Freuden, manche Klage,
sind fast in Vergessenheit geraten.

Mit Knall, viel Lärm und lautem Krachen, 
begrüssen wir das Kommende! Wir lachen
und schaun voll Neugier aufs Kalenderblatt.

Ein neues Jahr liegt da vor uns in Kindsgestalt.
Ob wir es noch erleben, wenn es alt?
Das weiß niemand. Gott sei Dank! 

Ein guter Wunsch soll uns begleiten,
in das Neue, in die Zukunft leiten:
ein frohes Neues Jahr!


©2018 by H.C.G.Lux

22. Dezember 2018

Weihnacht, was bist du?






Weihnacht, was bist du, 
was kannst du sein?
Kerzenglänzender Stress 
in rubinfarbenem Wein?

Schmerzvolle Erinnerung
an Tage - längst vergangen?
Hoffnung auf Frieden,
voller Angst und Bangen?

Menschen, die sich verstehen,
Familien ohne Streit?
Gesundheit im Leben,
für den Anderen mehr Zeit?


Weihnacht, du bist das,
was wir aus dir machen,
Lieben und Leiden,
Weinen und Lachen.


Mit dem Kind in der Krippe
ist Weihnachten da -
doch nicht weit von Bethlehem
liegt Golgatha!



©2017 by H.C.G.Lux

21. Dezember 2018

Weihnachtsabend


  An die hellen Fenster kommt er gegangen
  Und schaut in des Zimmers Raum;
  Die Kinder alle tanzten und sangen
  Um den brennenden Weihnachtsbaum.

  Da pocht ihm das Herz, daß es will zerspringen;
  »Oh«, ruft er, »laßt mich hinein!
  Was Frommes, was Fröhliches will ich euch singen
  Zu dem hellen Kerzenschein.«

  Und die Kinder kommen, die Kinder ziehen
  Zur Schwelle den nächtlichen Gast;
  Still grüßen die Alten, die Jungen umknien
  Ihn scheu in geschäftiger Hast.

  Und er singt: »Weit glänzen da draußen die Lande
  Und locken den Knaben hinaus;
  Mit klopfender Brust, im Reisegewande
  Verläßt er das Vaterhaus.

  Da trägt ihn des Lebens breitere Welle –
  Wie war so weit die Welt!
  Und es findet sich mancher gute Geselle,
  Der's treulich mit ihm hält.

   Tief bräunt ihm die Sonne die Blüte der Wangen,
   Und der Bart umsprosset das Kinn;
   Den Knaben, der blond in die Welt gegangen,
   Wohl nimmer erkennet ihr ihn.

   Aus goldenen und aus blauen Reben
   Es mundet ihm jeder Wein;
   Und dreister greift er in das Leben
   Und in die Saiten ein.

   Und für manche Dirne mit schwarzen Locken
   Im Herzen findet er Raum; –
   Da klingen durch das Land die Glocken,
   Ihm war's wie ein alter Traum.

   Wohin er kam, die Kinder sangen,
   Die Kinder weit und breit;
   Die Kerzen brannten, die Stimmlein klangen,
   Das war die Weihnachtszeit.

   Da fühlte er, daß er ein Mann geworden;
   Hier gehörte er nicht dazu.
   Hinter den blauen Bergen im Norden
   Ließ ihm die Heimat nicht Ruh.

   An die hellen Fenster kam er gegangen
  Und schaut' in des Zimmers Raum;
  Die Schwestern und Brüder tanzten und sangen
  Um den brennenden Weihnachtsbaum.« –

  Da war es, als würden lebendig die Lieder
  Und nahe, der eben noch fern;
  Sie blicken ihn an und blicken wieder;
  Schon haben ihn alle so gern.

  Nicht länger kann er das Herz bezwingen,
  Er breitet die Arme aus:
  »Oh, schließet mich ein in das Preisen und Singen,
  Ich bin ja der Sohn vom Haus!«
Theodor Storm, (1817-1888)

©by Wildgooseman

14. Dezember 2018

Das Jesuskind



Wieder ist Weihnachten. Ist es wirklich wieder so weit? Waren die Krippenfiguren nicht erst gestern verpackt worden? Also gut, auf ein Neues!
»Heinzi, holst du bitte die Krippenfiguren aus dem Keller?«
»Welche Kartons sind das?«

Mutter räumt gerade den großen Tisch frei.
»Na, du weisst es doch noch, die drei großen Gelben!«
Heinz, der elfjährige Spross der Familie, läuft die Kellertreppe hinunter. Marleneken, die sechsjährige Schwester, stapft hinterher. Mutter ruft ihnen noch nach: »Aber vorsichtig! Nicht fallen lassen!«
       Ja, da stehen nun die drei Kartons. Alle machen sich daran, die Figuren auszupacken. Das große Krippengebäude entnehmen sie dem dritten Karton. Es ist wunderschön, als Stall gebaut, mit Reetdach und der Futterkrippe in der Mitte, in der einen Ecke eine ›Feuerstelle‹, in die ein Teelicht hinein passt. Der Platz für die Krippe ist schon traditionell vorgegeben: Neben dem großen Fenster, der riesige Philodendron muss halt für diese Zeit in die Diele ausweichen.
       Die wunderschönen Figuren aus Olivenholz, handgeschnitzt, ein Geschenk von Tante Marlies, sie hatte die damals aus Israel mitgebracht, stehen in Zeitungspapier noch gut verpackt, auf dem Wohnzimmertisch. Und nun beginnt der spannende Teil: Das Auspacken der Figuren! Nach dem letzten Weihnachtsfest hatte Papa noch alles gut in alte Zeitungen eingewickelt, vorsichtig in den Kartons verstaut, damit auch nichts beschädigt werden konnte. Dieses Jahr ist Papa noch mit dem Truck unterwegs, er wird erst übermorgen, am Tag vor dem Heiligen Abend wieder bei der Familie sein.
       Eine nach der anderen Figur wird nun vom Papier befreit. Da stehen sie nun, bereit, ihren Platz an der Krippe einzunehmen. Da ist zunächst Maria, die Gottesmutter, wunderschön im blauen Gewand, dann kommt Josef, mit einem Vollbart im Gesicht und braunem Umhang bekleidet. Nach und nach erscheinen dann die Hirten, mit langen Stöcken und weitausladenden Hüten. Es folgen die drei Weisen aus dem Morgenland in prächtigen Gewändern und mit Geschenken in den Händen.
Diese geschnitzten Figuren sehen wunderschön aus, es war wirklich ein Künstler, der sie aus dem Holz des Olivenbaums geschnitzt hatte.
Sieh da, es kommen noch eine Reihe von Figuren ans Tageslicht. Schafe und Ziegen und noch zwei Kamele! Dann ist da noch der weiß gekleidete Engel, der seinen Platz vor dem Stall erhält, damit er seine bekannte Botschaft den Menschen übermitteln kann. Es sieht alles wunderschön aus, alles hat seinen Platz bekommen, jeder steht an der Stelle, die ihm zugedacht ist.
       Mutter kramt noch in den Kartons herum, wühlt im Papier der Verpackung, wirft dann alles aus den Kartons heraus. Sie schüttelt fortwährend ihren Kopf und ruft dabei ganz aufgeregt: »Ich verstehe das nicht. Das kann doch nicht sein!«
Mutter scheint verwirrt zu sein. Erschöpft sitzt sie auf dem Boden neben den leeren Kartons. Auf Heinzis Frage: »Was ist denn los?« antwortet sie mit ratlosem Achselzucken.
       Und dann kommt von Marleneken die Antwort auf alle Fragen, die plötzlich aufgetreten sind.
»Aber Mama, wo ist denn das Jesuskind? Wir haben das Jesuskind vergessen…«

***


       Wir feiern wieder Weihnachten. Wie jedes Jahr aufs Neue. Alles strahlt im Glanz von Millionen Kerzen. Glitzernde Girlanden weit und breit in allen Straßen, die Schaufenster übertreffen sich mit prächtigem Outfit, alles ist hell, freundlich, einladend. Menschenmassen erobern die Weihnachtsmärkte, werden immer wieder angelockt von wundersamen Gerüchen, die appetitanregend wirken und alle in eine gute Stimmung bringen.
»Dieses Weihnachtsfest ist doch eine hervorragende Erfindung«, sagt ein Verkäufer am Glühweinstand. »Wenn es das nicht schon gäbe, müsste man es erfinden!«

       Ja, wenn es das nicht schon gäbe! Wir dürfen uns ja auf das Weihnachtsfest freuen. Wir dürfen es wirklich, auch auf den ganzen Zauber der Weihnachtsmärkte, alles dürfen wir genießen, die Gerüche, den Glanz und das Kerzenlicht. Aber wir dürfen nicht aufhören, dabei zu fragen: »Wo ist das Jesuskind?«

Ohne dieses Kind in der Krippe ist jedes Weihnachtsfest nichts, aber auch rein gar nichts wert!

©2018 by Wildgooseman

13. Dezember 2018

Der Weg nach Bethlehem



 Dunkle Tage, wolkenverhangen, es wird nicht so richtig hell um uns herum. Ich mag eigentlich die dunklen Tage, die zum Jahresende so manchen Menschen schwer zu schaffen machen. Warum?  Das ist eigentlich nicht recht erklärbar. Vielleicht sind es die Spaziergänge, dick eingemummt in warme Kleidung? Oder der heiße Tee in der warmen Stube, gute Gespräche am Kamin? Ist das nicht schön? Die vielen Lichter, die an diesen Tagen tausendfach die Welt erleuchten. Die uns auch den Weg nach Bethlehem erhellen, ihn aufzeigen als Hoffnungsweg!
Wartest Du auch auf die Weihnachtsfreude? Sie wird sich auch in diesem Jahr nicht von selbst einstellen. Wie schnell, rasend schnell, geht sie unter in dem ganzen Trubel um die Weihnachtszeit. Meist wird sie überdeckt von einem bitteren Beigeschmack, so manches Mal sogar ganz übersehen.
Solch eine Weihnachtsfreude kann niemals das Ergebnis von Stillstand und Unbeweglichkeit sein, denn sie steht immer am Ende eines Weges! Es ist der Weg zu uns selbst in die eigene Einsamkeit, es ist der Weg in die Armut dieser Welt und dem besonderen Reichtum, den eben diese Welt nicht bieten kann, den nur das Herz zu finden vermag.
Es ist ein schwerer und weiter Weg nach Bethlehem. Auch ein einsamer Weg, denn sehr oft ist niemand da, der ihn mit uns geht. Erst wenn wir dort ankommen, wenn wir diesen langen Weg hinter uns haben, werden wir feststellen: Bethlehem ist eigentlich doch sehr, sehr nah!
Und an dieser Krippe - dieser winzigen, nun durch tausende von Kerzen er
leuchteten Krippe im Stall von Bethlehem werden wir auf andere Menschen treffen!  Sie sind, wie wir selbst, den weitesten Weg dieser Welt gegangen, den es gibt: Den Weg aus den eigenen, engen Mauern hinaus in das helle Leben. Schließen wir uns ihnen an und rufen mit allen Menschen auf dieser Erde:
      »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«




©by Wildgooseman