8. Januar 2020

"Quare verbis parcam? Gratuita sunt!"


Warum soll ich mit Worten sparen? Sie sind doch umsonst!
 (Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. - 65 n.Chr.)


Schreiben ist ja im Grunde genommen keine schwierige Sache. Nee, wirklich, daran hapert es ja nicht. Das kann der Mensch oder er kann es nicht. Punkt. Wenn ein Mensch es nicht kann, ist es auch kein Thema, vielleicht ist es sogar besser, er muss sich dann keine weiteren Gedanken über den Textablauf machen. Die Freiheit lacht dann sozusagen vom weißen Papier!
Glaube ich nun aber, dass ich schreiben könnte, - die meisten der »Autoren« glauben es natürlich, - dann beginnt erst einmal das Problem, sein Autoren-Gesicht zu zeigen. Schön ist es natürlich, wenn das Hauptthema schon vorhanden ist, dann muss es nur noch in die richtige Abfolge gebracht werden. Was aber nun, wenn ich nicht weiss, worüber ich überhaupt etwas schreiben soll? 

         Da taucht nun zunächst einmal die Frage auf: Muss ich überhaupt schreiben? Was treibt mich denn dazu? Gut, so lange es nicht ausgedruckt wird, entsteht ja noch kein Schaden.
Na ja, vielleicht entsteht da solch eine winzige Spur einer transzendentalen Energie? Kann doch sein. Gut, ich frage ja nur!
        Warum mache ich das, ist es für das Universum wichtig? Lacht der Kontinent oder erbebt die Welt in all ihren Bestandteilen? Wundert sich der Staat über mein Statement, ärgert sich die Gemeinde?  
Oder kann es sein, dass meine Nachbarschaft erbebt? Nee, das glaube ich kaum. Ich würde die Antwort auf diese Frage auch nicht geben, selbst wenn ich sie wüsste. Vielleicht schreibe ich ja aus Rache an der derzeitigen Regierung? Vielleicht aber nur aus Spaß oder um meine philanthropischen Gelüste zu stillen?
        
        Im Grunde ist es ja auch nicht mein Problem. Wenn ich etwas schreibe, gibt es nur wenige Menschen, die ganz sachte gezwungen werden könnten, sich mit meinen Schreibereien zu befassen und mir dann sogar noch ihre sanften Kritiken unterzujubeln! Aber natürlich so vorsichtig, dass ich nicht noch eine Enttäuschungsspur im Universum zurücklassen müsste.

              Also allein mit der Frage nach dem ungewissen »Warum« ließe sich doch schon eine einzige Seite füllen, ohne dass auch nur der Hauch einer Antwort zu ahnen wäre. Das macht doch schon einen ungeheuren Spaß oder etwas nicht? Ihr könnt mir glauben, es ist eine ungeheure Provokation, wenn dieser leere Bildschirm da vor mir steht und mich so höhnisch anblinzelt! Wie, frage ich, soll man da einen konstruktiven weltverbessernden Gedanken fassen? Das ist schier unmöglich. Ja, natürlich, ich kann nun einen farbigen Hintergrund nehmen; ich hätte dann dem weißen Gegenüber den Wind aus den Segeln genommen.

         Aber nein! Hah! Ich stelle mich diesem Konflikt. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht die Oberhand behielte. Man sieht es ja auch: Es kommt etwas dabei heraus, weil Farbe allein nämlich gar nichts über das geistig Verbrochene aussagt. Seien wir doch mal ehrlich mit uns selbst, allein das Wollen ist nicht unbedingt das Nonplusultra des Schreibens, man muss wirklich ein wenig gedankliches Gewürz dazutun.
        Nee, du irrst, ich hab es nicht vergessen: Auch die Rechtschreibung hat noch ihren Stellenwert, wenn wir es nicht schon wussten, hält die PISA-Studie es uns jährlich vor Augen. Es ist schon grausam, den Menschen in einem kulturell hochstehenden Land immer wieder ihre Unzulänglichkeiten vorzuführen, ich fühle mich dann immer so minderwertig.
 
         Wenn ich nun meinen inneren Schweinhund überwunden habe, versuche ich zu schreiben! Lach bitte nicht! Ich fasse mich ja immer kurz, zu längeren Ergüssen reicht mein Gedankengut nicht, deshalb bleibe ich auch bei Kurzgeschichten! Ich falle sonst immer zurück in meine als Kind mühsam erlernte Rechtschreibmethode à la Sütterlin. Und die strotzt dann ja wohl in der modernen Zeit vor Fehlern.
          Das macht nichts, meinst Du? Irrtum! Wenn Du mal durch Foren und Chats Deine Streifzüge machst, wirst Du merken, dass Du mit Deiner Rechtschreibung völlig daneben liegst! Da siehst Du vor Kürzeln und Anglizismen überhaupt nicht mehr, in welcher Sprache eigentlich geschrieben wird!

        Entschuldigung, ich bin zu weit vom Thema abgekommen. Also ich war bei den Kurzgeschichten. Und da, Du wirst es kaum glauben, taucht schon die nächste Frage auf: was ist denn kurz?
Was ist denn bei einer Kurzgeschichte kurz genug?
Wo fängt kurz an, vielleicht bei einer Miniaturlänge, wo hört kurz auf? Vielleicht niemals, wie bei der Relativitätstheorie? 
Ja und dann, was ist eine Geschichte?
Also Geschichte hat mich früher immer sehr interessiert, aber diese  war ja auch nicht kurz, sie war stets solch ein kaleidoskopartiges bluttriefendes Monster, das die Sieger stets für sich entschieden.
        Nein, das ist ja auch keine Kurzgeschichte; stell dir vor, unsere Neolithikum-Vorfahren hätten schon auf ihre Steinplatten mit Hammer und Feuerstein Kurzgeschichten geschrieben - dann  könnten wir heute lesen, wie man einen Höhlenbären fängt oder ein Mammut jagt. Wäre uns das heute eine Lebenshilfe?
Sicher nicht. Siehst Du, ebenso hilft es niemand, wenn er meine Schreibversuche lesen muss. Also? Wozu bzw. warum? Altpapier gibt es schon zur Genüge, das muss ich nicht noch erweitern.
So viel bunt bedrucktes Hochglanzpapier gab es noch nie in der »Geschichte«!
        Also lasse ich dieses Problem eben Problem sein und wende mich meinem Privatvergnügen zu: Für mich selbst zu schreiben.
Wer sollte mich da aufhalten wollen? Vielleicht ein Festplattenabsturz ohne Back-up? Auch Humorverlust käme da infrage oder der Besuch meiner Erbtante, auch Alzheimer könnte da eine Rolle spielen.

          Aber so weit ist es noch lange nicht. Und deshalb muss die Welt, muss mein Land und die Gemeinde (auch die Nachbarn, die davon noch nichts wissen) damit leben, dass ich schreibe.
Ob sie es nun gut finden oder nicht, ich weiss es nicht, ist mir aber auch egal, völlig egal ...

©by H.C.G.Lux

29. Dezember 2019

Zum Neuen Jahr


Gleich nebenan, hinter den Wäldern
wartet voll Sehnsucht das Neue Jahr.
Mit vielen guten Wünschen bepackt
hoffen mit ihm blaue Träume.

Doch was in der Ferne als Himmel lacht,
erscheint in der Nähe oft neblig trüb,
der helle Sonnenschein am Morgen
wandelt sich abends zu trübem Schein.

Drum Mensch, bleib bescheiden,
so mancher Wunsch, schnell offenbart,
zeigt sich am Ende als drohendes Unheil,
es wäre dann besser ungesagt geblieben.

Gleich nebenan, über leere Gefilde
nähert sich nun das Neue Jahr.
Mit guten Gedanken voll beladen,
holt unsere Hoffnung es jubelnd herein!


©by Wildgooseman

19. Dezember 2019

Nicht vergessen - es geht dem Ende zu!


Nicht vergessen - es geht dem Ende zu!



Das Ende eines Jahres ist wieder erreicht. Jetzt ziehe ich mal wieder Bilanz. War 2019 das Glücksjahr, das mir unzählige »Horoskope« versprochen haben?
Nööö - es war wie immer: So lalala!
Die Stimmung auch, mal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Meist aber doch ziemlich zufrieden.
Schließlich lebe ich doch ein recht komfortables Leben - ohne Hunger und Not, nicht wahr?

Aber trotzdem, über dem Ganzen hängt irgendwie doch eine dunkle Wolke, die sich in der Dauer des Jahres mit mieser Politik, Parteigezänk, noch schlechterem Klima und Demonstrationen gegen dieses Klima -( als ob das Klima dafür etwas könne.) Heute demonstriert man ja einfach gegen alles, was Lisa und Hänschen nicht passt.
Diese Stimmung spiegelt sich natürlich auch in unzähligen Publikationen, Traktaten und Weissagungen wider, die da veröffentlicht werden. Da verkündet einer das Ende des Abendlandes, ein anderer sieht den Untergang der Demokratie vor Augen. Dann wiederum verspricht jemand, mittels Selbsthypnose könne Jedermann alles schaffen, was er will!
Dazu gibt es noch Videos und Bücher über die Selbstoptimierung von Körper und Geist!
Als Krönung dann noch die ganzen Heilsbotschaften aus unzähligen religiösen Kreisen.

Oha! Da denke ich bestürzt, wieder nicht gelesen, was wirklich wichtig ist?
Nun, das kann ich ändern: Nächstes Jahr geht es los damit, versprochen! Schließlich muss ich doch wissen, worauf es ankommt, oder? Wie stehe ich sonst da? Vielleicht als böser »Antichrist«, der die Welt nicht retten will?
Ich hab da eine Idee: Ich werde mit solchen Büchern und Videos nächste Woche meine Freunde beschenken!
Dann können wir in den Tagen darauf hervorragend darüber diskutieren und alles beschnacken, was es da zu lesen und zu sehen gab.
Und danach schaue ich dann, ob das Angepriesene bei den Freunden wirkt, dann sehe ich gleich, ob es Sinn hat …

Aber was ist, wenn meine Freunde das gar nicht lesen und die Menge des Altpapiers damit erweitern???
©by H.C.G.Lux

9. Dezember 2019

FRAGE




Verehrung

Wir verseuchen das Wasser

Wir verpesten die Luft
Wir verräuchern die Lungen
Wir verbrauchen das Herz

Wir verjubeln die Stille

Wir vertreiben die Zeit
Wir verscherzen die Liebe
Wir verraten den Traum

Wir verwerten die Werte

Wir verwalten das Heil
Wir verplanen das Morgen

Wir verehren - Gott?



8. Dezember 2019

Das Dorf im Schnee



















Ein wunderschönes Gedicht von
Klaus Groth *1819 ⍏1899
das ich beim Stöbern fand und Euch nicht
vorenthalten möchte, weil es die Realität der
Romantik wiederspiegelt:


Das Dorf im Schnee

Still wie unterm warmen Dach,
liegt das Dorf im Schnee.
Unter Erlen schläft der Bach,
unterm Eis der blanke See.

Weiden stehn in weißem Haar
spiegeln sich in starrer Flut,
alles ruhig, kalt und klar,
wie der Tod, der ewig ruht.

Weiß, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr.
Blau zum blauen Himmel zieht
sacht der Rauch vom Schnee empor.

Möchte schlafen wie der Baum,
ohne Lust und ohne Schmerz.
Doch der Rauch zieht wie im Traum
still nach Haus mein Herz.

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und nun in ostfriesischem Plattdeutsch:



Dat Dörp in Snee
Still as ünnern de warme Deek
Liggt dat Dörp in witten Sneei,
Mank de Ellern slöppt de Beek,
drunner is de blanke See.
Wilgen stahn in witte Haar,
Speegelt slaperi all de Kopp,
All is sinnig kold un klaar,
As de Dood, de alltied slöppt.
Witt, so wied de Ogen reekt,
Nich een Leven, nich en Luud;
Blau na'n blauen Hemel treckt
Sacht de Rook van't Sneei herut.
Ik much slapen, as de Boom,
Sünner Weh un sünner Lust,
Doch daar treckt mi as in Drööm
Still de Rook to Huus.





Illustration von Otto Speckter (1851) zu „Dat Dörp in Snee“:





25. November 2019

Zinsen u.ä.



Buchhandlungen haben es mir angetan, ich stöbere gern durch die Regale. Letzten Samstag hatte ich mal wieder das Bedürfnis. Ich nahm mir ein Sachbuch zur Hand, vielleicht gab es da etwas Neues.

Da - sieh mal an:
Mathewissen in geballter Form für die Schuljahre 6-9.
Interessant, wollte nun doch mal schauen, ob ich da noch etwas wüsste? War ja schließlich schon etliche Jahrzehnte her! Ich schlug mal einfach eine Seite auf: 
Seite 86.
»Du zahlst auf Dein Sparbuch 500 € ein,
du erhältst dafür 5% Zinsen. Wie hoch ist
Dein Sparguthaben nach 3 Jahren?«
Ich überlegte kurz. Nach drei Jahren? Hm, mal rechnen.
Und dann geht mir plötzlich ein Leuchtfeuer auf. Das ist doch eine Fangfrage?
Fünf Prozent auf Guthaben!
~~~



Ich habe das Buch bei den Comics und Märchenbüchern abgelegt. Die Buchhändlerin muss sich da ganz gewiss vertan haben! GUTHABENZINSEN. 
Wo gibts das denn, in Fantasialand? Aber der Witz ist gut, den muss ich mir merken. 
5%! Ist das nicht super?

©by H.C.G.Lux


22. November 2019

Wo auch immer ...


Wo immer es auch sei: Irgendein Ortsname auf unserer (noch) schönen Erde. Es muss nicht Bethlehem sein, dem »Weihnachtsort« schlechthin. Nenne es Fukushima oder Homs in Syrien, gib ihm den Namen Buchenwald, New York oder Dresden, auch Guernica oder Oradour kämen dafür in Frage.


        Überall, wo Menschen wohnen, sind deren Wohnorte sehr oft mit Ereignissen belastet, auf die man nicht stolz sein kann. Das müssen nicht unbedingt Gräueltaten sein, die dann nach oben gespült werden. Wenn du jemanden erzählst, dass du eine Tante in Dachau hast, klicken aber gleich die Signale auf »KZ-Vergangenheit«. Gemeint ist natürlich der heutige Ort, sei er nun wunderschön oder gerade noch zu ertragen. Wenn der Name Hiroshima bei einem Erdbeben fällt, denkt jeder sofort und automatisch an die Atombombe, klar.
        Dann gibt es noch Orte, bei denen man gleich an zweifelhafte Aussagen denkt. Flensburg! Da stoße ich mich sofort an der Verkehrssünderkartei. Gut, mittlerweile hat sich das abgeschwächt, man denkt nun vielleicht mehr an das leckere Pils oder an den Handballverein.
      Jedes Dorf, jede Stadt bemüht sich, ihren Namen von misslichen Bedeutungen freizuhalten. Allerdings gibt es auch Städte, die Ereignisse oder Namen mit Gewalt in ihre Annalen einzupressen versuchen. Irgendein großer Sohn, irgend eine außergewöhnliche Dame wird doch wohl zu finden sein?
        Ich wüsste gern, wie viele Einwohner Weimars Werke von Goethe überhaupt gelesen haben? Ist es vermessen zu sagen, dass die meisten Menschen in Mainz mit dem Gutenberg nix am Hut haben? Unsere Gedanken transportieren Erinnerungen an »Traumorte«, die irgendwann mal in unserem Leben eine Rolle gespielt haben.
        Das war schon in der Bibel so. Auch da wurden und werden »Traumorte« als überragend angepriesen. Zum Beispiel Jerusalem! Dieser Ort wird so anormal überhöht, bis hin zum »himmlischen Königreich Jerusalem«, kein einziger Ort der Welt aus Beton und Glas kommt dann dagegen an. Welch ein Quatsch!
      Aber gleich danach kommt Bethlehem! Es ist heute eine Stadt etwa so groß wie Rottweil oder Salzwedel und liegt in den sogenannten palästinensischen Autonomiegebieten, in denen die Hamas regiert. Ein mehrere Meter hoher Zaun grenzt den Ort von Israel ab.
          Du kommst dort an einen Ort, an dem du nicht viel vom Frieden auf Erden antreffen wirst. Wenn der Name dieses Ortes nicht unter die negativen unserer Welt eingereiht wird wie Hiroshima oder Stalingrad (Wolgograd), dann hat das nur religiöse Gründe!
          Wie ist es möglich, dass wir besondere Orte mit einem solchen Glanz umgeben, der mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat? Eine Möglichkeit ist, dass dieser Glanz den inneren Reichtum ausdrücken soll. Wie zum Beispiel bei den Ikonen der Ostkirche. Alles ist vergoldet, wie praktisch, da fragt dann niemand mehr nach dem wahren Wert.
        Geht es uns mit den eigenen Erinnerungen nicht ähnlich? Sie werden eingefärbt und manchmal vergoldet! Unser Kopf bastelt sich seine eigene Vergangenheit zurecht, so wie er sie haben will. Lässt dabei alles Unangenehme nach Möglichkeit weg.
        Deshalb wird die Vergangenheit meist besser angesehen als die Gegenwart es ist, obwohl sie es niemals war! Vielleicht aber stärkt das auch unsere Hoffnung? Diese Überhöhungen von Ort und Zeit wollen uns helfen, Hoffnung zu haben, wenn alles grau in grau aussieht.
      Auch wenn unsere großen Orte, die Plätze, die für uns bedeutsam sind, sicher nicht Jerusalem oder Bethlehem heißen, so sind sie doch Punkte, an denen wir unsere Richtung festlegen könnten!
          Jesus Christus benötigt keine goldene Erhöhungspunkte. Er kam damals zu denen, die ganz weit unten, im Niemandsland waren.
Ein Theaterstück von Rudolf Otto Wiemer trägt einen bezeichnenden Titel: Jesus wohnt in unserer Straße!
Weißt du vielleicht, in welchem Haus?



©2019 by H.C.G.Lux

16. November 2019

Einkaufstour



Bei uns auf dem Land ist das Leben angeblich einfacher als in der Stadt. Meint man. Doch wer das denkt, kennt unser Landleben nicht. Ein Leben zwischen Laptop, Güllegeruch und Stau auf der Bundesstraße. Es ist schrecklich schön. auch davon einmal zu erzählen.
        Vieles wird ja einfacher, dachte man, als die Gören noch klein waren. Als sie dann langsam größer wurden, relativierte sich so manches. Einiges wurde viel komplizierter. Dazu gehört auch das Einkaufen, beispielsweise von Kleidung. Für Eltern ist das oft frustrierend, jeder kennt das wahrscheinlich auch. Besonders dann, wenn wie nebenan bei Familie Haaken zwei heranwachsende Gestalten eingekleidet werden sollen. Magdalena, meine Nachbarin, bat mich, sie doch mit ihren beiden Lieblingen zum Kaufhaus zu fahren, der Papa hatte leider keine Zeit. Da ich ein guter Nachbar bin, tue ich ihr auch gern den Gefallen.
        Der Sohnemann, knapp 13, verhält sich im Laden so, wie es vielleicht war, als seine Mutter ihn morgens noch anziehen musste, willenlos wie sich ein Wurstbrot schmieren lässt, lässt er sich Pullover und und Hemd überstreifen. Teilnahmslos steht er dann in der Abteilung »Größe 176«, während die Mama sich nach passenden Hosen umsieht, ihn schließlich mit einigen Beinkleidern ihn die Kabine schickt. Er kommt wieder hervor - die Hose, die er probiert, passt wie ein Handschuh als Unterhose. Am Oberschenkel sitzt das Ding viel zu stramm, während der Hintern irgendwo in den Kniekehlen hängt. »Passt doch«, meint der Erbprinz leidenschaftslos wie ein Kater, der soeben seine edelsten Teile verloren hat. Mit Mühe überreden wir zwei Erwachsenen ihn zu einer Alternative!
»Sind wir jetzt fertig?« Na ja, ich beglückwünsche Magdalena, dass sie es geschafft hatte, dieses Kapitel doch noch zu beenden.
        Bei dem Töchterchen jedoch liegt die Problematik dann etwas anders! Da hakt es dann eher an zu viel Modebewusstsein als an zu wenig! Heute geht es konkret um ein Paar Schuhe, für den Winter. Bis wir gemeinsam zu der Schuhabteilung vordringen, werden erst einmal ausgiebig Handtaschen und Gürtel nach allen Richtungen betrachtet. Die sind sicher hübsch, aber eben nicht so notwendig wie Schuhe, meint Magdalena. Und außerdem würde die Parkuhr bald ablaufen, - auch ein Argument!

        »Was suchst du denn nun spezielles?« frage ich Magdas Tochter. »Na Schuhe!« Kurze knappe Antworten sind immer angebracht, denke ich bei mir. Aber nicht mit solch einem gelangweilten Blick wie Kerzenlicht hinter heruntergelassenen Jalousien. So viel Ignoranz halte ich nicht mehr aus, mein Nachwuchs ist Gottlob aus dieser Phase heraus. Ich muss erst mal draußen eine Zigarette rauchen. Als ich wieder in den Laden zurückkomme, hat Mama der kleinen Großen ein paar Schuhe ausgesucht, die ihr geeignet erscheinen.
        Die aber kommen auf keinen Fall in Frage! Sie hat sich für weiße Markenturnschuhe entschieden, mit aufgeschäumter Sohle. Nun, weiße Schuhe in der matschigen Winterzeit sind nicht unbedingt die große Nummer, denke ich. Aber die Fünfzehnjährige hat sich entschieden - da hat eine Widerrede so wenig Sinn wie ein Maikäfer im Weihnachtsbaum.
        Aber Weiß ist jedenfalls nicht auf der Tagesordnung! Letztlich hat die Mama dann doch entschieden! So verlassen wir also gemeinsam den Laden ohne neue Schuhe aber mit einem trotzigen Teenager. Und gleichzeitig haben wir eine neue Erkenntnis gewonnen, dass Mode und Erziehung nicht unbedingt ein Paar sind!
        Aber ich versichere Euch, die ihr dies gelesen habt, dass ein Update dieser Einkaufstour gewiss folgen wird. Diese Neuauflage droht der renitenten jungen Dame schon am nächsten Tag: Barfuß wird das Mädchen sicher nicht durch den Winter marschieren! Dafür wird Magdalena schon sorgen …

 ©by H.C.G.Lux

26. Oktober 2019

Viel zu viel!

Zu viel!
Unser Leben wird immer rasanter. Alles spielt sich heute in einem Tempo ab, das kaum Zeit zum Nachdenken lässt. Selbst Gespräche verlaufen oft in einer Geschwindigkeit, dass man kaum noch das Wesentliche der Mitteilungen erfassen kann. Ich möchte hierzu eine kleine Geschichte erzählen, die sich vor etwa 120 Jahren abgepielt haben kann:
Zwei Bauern, Hinnerk und Harm aus einem Dorf im ostfriesischen Rheiderland, auf der westlichen Seite der Ems gelegen, machten sich an einem schönen Sommertag mit ihrem Ackerwagen auf den Weg zum Viehmarkt. Sie hatten sich verabredet, einige Kälber nach Leer zum Markt zu bringen. Sie trafen sich früh am Morgen, grüßten sich wortlos mit einem Handschlag, spannten Hinnerks Füchse vor den Wagen und ab ging die Fahrt zur fünf Kilometer entfernten Kreisstadt.
An der Fährpünte an der Ems bei Leerort hatten sie Aufenthalt, da die Fähre nur zwei, drei Fahrzeuge transportieren konnte. Harm betrachtete die Ems, die gemächlich der Nordsee entgegenzog. Dann meinte er mit einem Blick auf das blaugraue Wasser:
»Wi hebb’n Hoogwater!«
Hinnerk sah ihn an, nickte kurz mit dem Kopf. »Jo!«
Einige Zeit später kamen sie in Leer auf dem Markt an, tätigten ihre Geschäfte mit Erfolg, tranken in der ›Waage‹ ein Bier und einen Genever, machten sich dann wieder auf den Heimweg. Bei Leerort an der Fährpünte wieder angekommen, meinte Harm: »Dat Water geiht all weer hendaal!«
Hinnerk sah seinen Mitfahrer etwas länger an, lenkte dann das Gespann auf die Fähre und meinte dann mit einem Blick auf die Ems: »Hm!«
Wieder zu Haus angekommen,verabschiedeten sich beide mit einem Händedruck. Hinnerks Frau Gesa kam aus der Tür und als Hinnerk die Pferde ausspannte, fragte sie ihren Mann: »Na? Wo weer’t? All up Stee?«
Hinnerk nickte. »Jo, man mit Harm gah ik dor nich mehr hen!« Gesa fragte erstaunt: »Woso dat denn?«
»Woso? De proot mi allto vööl!«

 
Für Nicht-Ostfriesen:
Hoogwater        Hochwasser
hendaal              herunter,zurück
wo weer’t?          wie war es?              
up Stee               in Ordnung
woso?                 wieso?
proot                  redet, spricht
allto vööl            viel zu viel



©by H.C.G.Lux

26. September 2019

Mord in Deutschland!



Ein Bericht.

In Deutschland wird wieder mehr gemordet! Die Anzahl der blutrünstigen Tötungen steigt täglich mehr und mehr und niemand gebietet da Einhalt. Zwar gibt es Gegenden in unserem Land, wo der statistische Anstieg besorgniserregend hoch ist, andererseits sind aber auch in bestimmten Regionen relativ seltene Mordfälle zu beklagen. Und das lässt doch hoffen!
         Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Gegenden mit den häufigsten Mordfällen herauszusuchen:
Eifel und Taunus, Spreewald und Bodensee, München und Berlin, Hamburg und Leipzig gehören zu den bevorzugten Gebieten, in denen Mörder ihr Unwesen treiben. Und seit Neuestem scheint auch Ostfriesland zu diesen auserwählten Regionen zu zählen!
        
 Es ist wirklich erschreckend, in welchem Ausmaß diese kriminellen Schandtaten zu immer neuen Höhepunkten gelangen. Es ist für die Zukunft zu befürchten, das auch weniger frequentierte Bereiche, wie zum Beispiel der Bayrische Wald oder das Münsterland zu Mordgebieten erklärt werden müssen. (Münster selber ist ja auch schon in den Einflussbereich dieser Kriminalität geraten, ebenso wie auch die schleswig-holsteinische Seenplatte.)
         Sicher, ich bin mir bewusst, dass meine Erhebung nur die Spitze des Eisbergs sein kann, aber irgendwo muss doch ein Anfang gemacht werden! Kritiker meinen nun, ich hätte das alles nur erfunden, um ihre Region zu schädigen. Das aber ist unwahr, denn im Gegenteil, je mehr Morde geschehen, desto mehr wird eine Region bekannt!
         Vielleicht bin ich nun in meinem kleinen Heimatdorf auch nicht mehr sicher? Ganz gleich, ich bin ein risikobereiter Mensch.
Ach so, Du meinst nun, ich hätte das alles nur erfunden? Du irrst! Schau nur mal in das Programm unserer TV-Sender hinein!
Es beginnt im Süden mit den Toten vom Bodensee und endet noch lange nicht bei Nord-Nord-Mord! Und dazwischen liegen serienweise die übrigen Bluttaten.
          Und dann erst die Literaturlandschaft! Unsere Autoren geben sich alle Mühe, diese Art von Unterhaltung am Leben zu halten - im Gegensatz zu ihren eigenen Favoriten, die möglichst rätselhaft unsere Erde verlassen müssen. In diesem Genre tut sich ständig etwas Abgründig-mystisches, das jeden Leser begeistert! Wo anders als in der Feld-, Wald und Wiesen - Literaturlandschaft wird so viel gefoltert, gelitten und gestorben?
         Ja, Deutschland ist da neben den USA führend in den Mordthemen! Es gibt halt nichts, was dieser tollen Thematik entgegengesetzt werden könnte. Es ist eine Sphäre der Rätselhaftigkeit, die uns da aufgebürdet wurde und die schwer zu verlassen ist.
         Ein einziger Punkt bleibt dann schließlich noch, der zur Hoffnung Anlass gibt: Alle Taten werden zu 99,9% am Ende aufgeklärt!
Und das ist doch ein Grund zur Freude - oder etwa nicht?

©by H.C.G.Lux