20. Dezember 2020

Mooin, Opa Akkermann

Wie ein Kind, das von dem Vater
ließ auf einen Gaul sich heben,
also reitest du, o Bruder, also reite ich 
durchs Leben.

Weil des Rosses Zaum wir halten, 
glaubst du, dass wir es regieren?
Sieh, der Vater geht daneben, 
an dem Halfter es zu führen.

( Wilhelm Müller, Epigramme, Menschenfreiheit )


Opa Akkermann war der erste Patient, den ich damals,1948, in der »Heilstätte am Knüll« kennenlernte. Ein echter Ostfriese, den das Schicksal durch lange Gefangenschaft in Sibirien arg gebeutelt hatte. Er freute sich jedes Mal, wenn er mich sah, das spürte ich täglich aufs Neue. Jeden Morgen schaute ich bei ihm im Zimmer vorbei, meist nur kurz, aber ich vergaß diesen Tagesablauf nie. Sein Gesicht mit den eingefallenen Wangen, von gelbbrauner Tönung mit tiefen wettergegerbten Furchen habe ich bis heute, siebzig Jahre später, nicht vergessen. Besonders aber seine leuchtenden hellblauen Augen, die mich immer herzlich anblickten, bleiben in meiner Erinnerung.

Eines Morgens, es war am Tag vor dem Heiligen Abend, war ich wieder auf einer Stippvisite bei ihm. »Moin, Opa Akkermann«, sagte ich wie immer beim Betreten des Zimmers. Er winkte matt mit einer Hand, »Na mien Jung, bliev man beter dor stahn, mi geiht dat vandage nich so good«. 
Ich erschrak, trat aber einen Schritt näher. So hatte ich ihn noch nie reden hören. 
Es klang sonst immer ziemlich optimistisch, wenn er mit mir Gespräche führte.
»Wat prootst du daar, Opa Akkermann, ik will di doch man blots de Hand geven«. 

Er winkte matt mit einer Hand ab. Sein Lächeln erschien mir wie eingefroren, anders als sonst. »Nee, mien Jung, laat dat man, ik will nich, dat du ok de Motten hest. ---Averst, wat ik noch seggn wull, wenn du later weer in Ostfreesland büst, denn bestell man mooie Gröten an mien Eems, deihst du dat?« 
Ich blieb verblüfft stehen. »Och Opa, sowat muss du doch nich prot'n. De kanns du wiss boll sülm gröten!«

Dass ich ziemlich schockiert war, ließ ich ihn nicht merken. Unbewusst spürte ich schon in meinem sechzehnten Lebensjahr, dass Opa Akkermann bereit war, das Irdische hinter sich zu lassen. Ich ging dennoch an sein Bett, streichelte über seine faltigen Hände. Er schloss die Augen, als hielte er innere Einkehr. Dann sah er mich mit einem Ausdruck an, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Ich war verwirrt, meine Gedanken fuhren wie ein Karussell wild herum. Ich übersprang dann intuitiv diesen Moment und fragte:
»Du Opa, kann ik dien Rheiderland-Blattje mol weer hem?« 

»Klaar, fraag doch nich, nehm dat man glieks mit.« Er lächelte wieder ein wenig. Es war die Heimatzeitung, die er wöchentlich bekam und die ich dann ebenfalls immer lesen durfte. Ich bedankte mich, sagte im Hinausgehen noch:
»Ik kiek denn mörgen weer in, nich?« 
Dann - ich hatte den Türdrücker schon in der Hand - hob Opa Akkermann eine Hand und sagte leise: »Ja, un kom good naar Huus, mien Jung!«

Als ich im November hier ankam, lernte ich ihn kennen. Ich fasste sofort Vertrauen zu ihm, er wiederum freute sich, einen Menschen aus Ostfriesland zu sehen, der mit ihm Plattdeutsch sprechen konnte. So fanden wir zueinander. Ich hatte ihn immer nur »Opa Akkermann« genannt. Dabei war er erst 35 Jahre alt, der Krieg und die lange Gefangenschaft in Sibirien im Bleibergwerk hatte ihn so altern lassen. Da war es ihm so ergangen wie fast allen anderen Mitpatienten, mit denen ich auf meiner Station in der Lungenheilstätte Schwarzenborn II in Hessen zusammen war. Zehn Jahre ihres Lebens hatten sie für etwas geopfert, das sie selbst nicht verschuldet hatten.

Am Morgen des Heiligen Abends ging ich zum letzten Zimmer auf dem Flur, dort wo Opa Akkermann »wohnte«. Die Stationsschwester Charlotte lief mir nach. Sie zog mich ins Stationszimmer. »Du«, sie suchte nach Worten, »Du kannst da jetzt nicht rein. Herr Akkermann ist nicht mehr da!«

Ich sah sie verständnislos an. »Er hat uns heute Nacht verlassen«, sagte sie dann. »Ich soll dich noch ganz herzlich grüßen, und diese beiden Zahnpastatuben soll ich Dir geben, er braucht sie nicht mehr. Außerdem sollst du die Rheiderland-Zeitung noch bis Mai weiter bekommen, sie ist schon bezahlt!«

Mir schossen die Tränen in die Augen. Mir war nun klar, was Schwester Charlotte mir beibringen wollte. Ich schlich aus dem Schwesternzimmer, traurig, verstört und ohne eigentlich zu wissen, was ich wollte. Ich schaute dann zum dunklen Tannenwald hinüber. Dort hinten am verschneiten Waldrand stand die Baracke, in der die verstorbenen Patienten bis zur Überführung nach Hause verblieben! 

Opa Akkermanns Weihnachten hatte ihm Frieden gebracht. Er hatte in den letzten Wochen unsäglich gelitten, still und ohne Groll. Das sagte mir am Nachmittag der Stationsarzt, als er mich weinen sah. 
»Du sollst das Weihnachtsfest fröhlich mit allen feiern«, meinte er dann zu mir. »Herr Akkermann hätte das so gewollt«!

Und so wurde es schließlich trotz allem noch ein wunderschöner Heiliger Abend im großen, liebevoll geschmückten Speisesaal der Lungenheilstätte Schwarzenborn II. in Hessen. Opa Akkermann aus dem Rheiderland in Ostfriesland saß mit uns unsichtbar mit am Tisch. Und beim »Stille Nacht, Heilige Nacht« floss so manche heimliche Träne, denn Opa Akkermann war nicht vergessen. Er hatte genau das, wovon viele Menschen damals und auch heute träumen: Friede auf Erden.


©by H.C.G.Lux

8. Dezember 2020

Der Hahn

 

Irgendwo in der Nachbarschaft krähte seit einigen Jahren ein Hahn. Frühmorgens, wie es sich gehört.

Punkt 6:10 nahm er seine Tätigkeit auf, (des Krähens natürlich) und weckte damit zugleich auch alle Arbeitnehmer, die auf der Meyer-Werft in Papenburg ihre Brötchen verdienen.

An diesen Wecker hatte ich mich richtig gewöhnt. Anfangs störte er, da ich ja nicht mehr so früh die Welt unsicher machen musste; irgendwann aber wurde er in den täglichen Ablauf des Tages integriert. Zugegeben - so richtig melodisch war seine Stimme nicht unbedingt - sie klang immer ein wenig nach uraltem Flötenkessel, in dem gerade das Wasser kocht, aber man konnte gut damit leben.

Ja - das war bis vor Kurzem so. Nun aber ist damit Schluss. Nachdem durch die vermaledeite Vogelgrippe alles Hausgeflügel gezwungen ist, ihre Auslauftätigkeit zu beenden. (soll es denen denn besser gehen, als uns mit dieser Corona?)

Der gute Weckerhahn gibt aber trotzdem seine Arbeit nicht auf! Nur klingt es aus dem Hühnerstall nicht so ganz original, die Töne hören sich ziemlich brutal und wütend an! Ich weiß zwar nicht, ob sein Besitzer jemand ist, der dieser ominösen »Quer-beet-Bewegung« angehört - es könnte fast so sein!

Jedenfalls nervt mich dieser Weckton von Tag zu Tag mehr! Ich ertappte mich heute dabei, dass ich schon am frühen Morgen an knusprige, superduftende Brathähnchen denken muss ...


©2020 by H.C.G.Lux


4. Dezember 2020

Ein Liebeslied!

Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer,
Wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.
Frei sind wir, da zu wohnen und zu gehen.
Frei sind wir, ja zu sagen oder nein.
 

Myriaden von Liedern und Dichtungen gibt es über die Liebe. Kein Song-Festival, keine wie immer geartete Veranstaltung - (neudeutsch Event genannt)- kommt ohne die Verherrlichung dieser menschlichen Sehnsucht nach Erfüllung des Lebens aus. Ist ja auch klar, die Liebe ist das beherrschende Merkmal unseres Daseins. 
        Die wohl bekannteste Dichtung sind wohl die Worte des Paulus: »… und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.«
Hier können wir gleich zustimmen, das klingt eben gut. Und doch beschleicht mich beim Lesen dieser Texte ein ungutes Gefühl. Es hört sich gut an, sicher – aber zu gut um wahr zu sein.
»Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf«, und dann: »sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.« 

Spätestens hier bin ich raus aus dem Spiel. Eine solche Liebe habe ich nicht und habe sie bisher nie gehabt. Vielleicht würde ich sie gerne haben, vielleicht auch nicht einmal das. Alles ertragen? Alles glauben? Alles hoffen und alles dulden? Ist das nicht zu viel des Guten? Mir fehlt etwas an diesem Text. Er ist mir irgendwie zu dogmatisch. »Hätte der Liebe nicht« – kann ich Liebe überhaupt jemals haben, besitzen? Natürlich: Wenn ich mich aufblähe, ist von Liebe nicht mehr allzu viel zu spüren. Aber gibt es da wirklich keinen anderen Spielraum? 

      Ganz anders geht es mir mit einem anderen Text über die Liebe, der es in unser Gesangbuch geschafft hat. »Herr, deine Liebe«.
Viele Theologen und Kirchenmusiker mögen dieses Lied nicht. In der Tat, es ist auch ungewöhnlich, dieser Text ist vielsagender als andere ›kirchliche Liebeslieder‹ 

        Ich selbst, das bekenne ich ehrlich, ich liebe dieses Lied! Vielleicht liegt es daran, dass ich damit sehr früh religiös verbunden wurde? Kann sein, aber ich glaube es nicht, das ist es nicht wirklich. Ich liebe dieses Lied, weil es so gar nichts Dogmatisches und Korrektes mitbringt. Es ist für mich wie ein Strandspaziergang, wie wehende Haare und grenzenlose Freiheit und Ferien und die rauschenden Wellen und Sonne und Wind auf der Haut und so weiter …

Wie das Land, das ich liebe, so auch dieses Lied »Herr deine Liebe«. Und dabei spüre ich schmerzlich, dass ich in dieser Welt gefangen bin. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis. Klingt ein wenig pathetisch, aber ist doch wahr: Immer wieder treten uns dieselben Menschen in die Hacken!

Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden,
Freiheit, aus der man etwas machen kann.
Freiheit, die auch noch offen ist für Träume,
wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.

Immer wieder werden wir von denselben eigenen Macken ausgebremst. Immer wieder sehen wir das Ende des Regenbogens, und wenn wir knapp davor sind, dann verschwindet er. Wie ungerecht scheint uns das Leben doch zu sein, immer trifft es uns, womit haben wir das denn verdient! Aber wir werden aufgefangen, von Gott, von seinen Händen. In diese Hände befehle ich meinen Geist. Nein, viel mehr: Ich werfe mich in seine Arme, wie ich mich in die Wellen werfe – in der Hoffnung, dass sie mich tragen, dass ich nicht untergehe, sondern lebendig bleibe. Und ob es gelingt, das kann ich nur wissen und erfahren, wenn ich es immer wieder probiere und wage und tue. 

Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen,
Und nur durch Gitter sehen wir uns an.
Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis
Und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.

        Und dann wieder: »Gott, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen.« Mit diesem guten Gefühl wende ich mich wieder dem Hohelied der Liebe zu, und da fängt es für mich an zu leuchten. Es kommt nämlich nicht darauf an, dass ich etwas habe oder mich um etwas bemühe: 

        Dass ich Weisheit erlange und dann auch noch Liebe, dass ich alles Wissen hätte und die Geheimnisse kenne und allen Glauben hätte und dann noch die Liebe dazu. Aber auch das Gegenteil stimmt nicht: Dass ich auf Weisheit und Glauben und all das verzichten könnte und nur die Liebe bräuchte und dann wäre alles gut. Denn die Liebe kann ich nicht erlangen. Ich kann mich ihr nur aussetzen wie dem Wind und den Wellen und der Freiheit des Meeres. Und wenn ich die Liebe nicht spüre, dann kann es durchaus sein, dass ich irgendwo bin, wo sie tatsächlich nicht weht. Man kann sich damit sogar abfinden, kann sich einrichten in einer Welt ohne Liebe, kann sagen: Habe zu viel zu tun und überhaupt – gibt es das überhaupt, den Ort, wo die Liebe weht?

Herr, du bist Richter. Du nur kannst befreien.
Wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da.
Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen,
So weit wie deine Liebe uns ergreift.
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer,
Wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.


Kann man sich einrichten in einer Gegend voller Hass und Angst – mir scheint, dass diese Regionen in Deutschland immer größer werden. Solche Orte gibt es in jeder Stadt. Es lohnt sich zu fragen, wo sie sind. Es lohnt sich, sie zu suchen. Und woran erkenne ich, dass ich an einem solchen Ort bin? Na, ganz einfach: Dort, wo die Menschen geduldig sind und gütig. Wo sie mir ihre Meinung nicht mit Gewalt aufdrängen wollen, wo sie nicht prahlen und sich nicht aufspielen. 
Ja, ja, ich weiß: Diese Orte bekomme ich nicht in Reinkultur. Aber an der Nordsee sieht es auch nicht ständig so aus wie in der Jever-Werbung. Es ist dort mal nass und mal kalt und mal nasskalt. Und das Meer gerade dann weg, wenn man es sehen möchte. Aber das macht nichts. Es ist das Meer, es ist die Freiheit. Es ist das Leben. Man kann es spüren. Und dann, irgendwann, bricht wieder die Sonne durch, und alles ist gut. Und so ist es auch mit der Liebe: Jetzt ist alles nur unvollkommen.

Maria Magdalena

Unser Handeln ist durchwachsen von allen möglichen zweifelhaften Motiven. Unser Erkennen ist stückweise – wir kennen nur wenig vom Anderen, von uns selbst, von Gott. 
Und genau das macht unsere Liebe aus: Dass wir nicht meinen, dass wir schon alles wüssten. Dass wir unseren Nächsten nicht in Schubladen stecken. Dass wir neugierig bleiben und offen für verschiedene Überraschungen. Dass wir Gott suchen. Unsere eigene Liebe ist immer unvollkommen. Aber es gibt eine Liebe, die vollkommen ist. Sie ist immer da, und wir leben von ihr, wie wir von der Sonne leben. Und genauso wenig, wie wir uns nicht ständig der Sonne aussetzen können, würde diese Liebe uns verbrennen, wenn wir ihr ständig ausgesetzt wären.

              Wir brauchen einen Ort, zu dem Menschen kommen können, wenn sie die Liebe suchen. Eigentlich ist es ganz einfach. Und dann doch wieder ganz schwer, unter den Bedingungen dieser Welt. Aber wir sind auf dem Weg. Es ist ein Weg, den wir nicht alleine gehen. Viele Menschen gehen ihn mit – und mit uns geht Gott. Seine Liebe ist wie Gras und Ufer …

Text:"Herr, Deine Liebe ..." von Ernst Hansen 1970
nach dem schwedischen »Guds Kärlek Är Som Stranden Och Som Gräset«
von Anders Frostenson, 
1968 nach
»Die ganze Welt hast du uns überlassen« (Nr.360)

Melodie: Lars Åke Lundberg 1968 

©by H.C.G.Lux

30. November 2020

Wer war denn Angelo?

 Da steht er nun. Schaut mich treuherzig mit wasserblauen Augen an. Sein verwilderter grauer Vollbart lässt ihn nicht unbedingt vertrauenerweckend aussehen. Der uralte schmutzig-graue Wintermantel reicht fast bis auf die Winterstiefel, die anscheinend völlig neu sind. Über die Schulter gehängt, ein abgeschabter Rucksack; Kordeln ersetzen die Riemen, die ursprünglich vorhanden waren. Sicher enthält er die Habseligkeiten des Mannes. Seine Hände mit den schwarzen Rändern unter den Fingernägeln stecken in alten Fahrradhandschuhen.



     Als er heute an diesem regnerischen Abend am Bahnhof schnurgerade auf mich zukommt, will ich eigentlich schnell verschwinden. Hab ich doch selbst genügend Probleme, muss ich mich noch mit denen anderer Menschen befassen? Aber wie auch immer - ich bin wie gelähmt, etwas in mir weigert sich, meinen Gedankengängen zu folgen.
     Unruhig drehen die Finger des alten Mannes an einer Schnur seines Rucksacks. Er schaute mich nur sekundenschnell an, dann irren seine Blicke wieder über den Bahnhofsvorplatz, der im spiegelnden Glanz der bunten Lichter ein werbewirksames Abbild der Vorweihnachtszeit darstellte.
     Der Mann reißt plötzlich seine zerschlissene Baseballkappe vom Kopf und spricht mich leise an.
»Entschuldigen Sie«, sagt er in einer warmen Tonlage, die mich irritiert, »Haben Sie vielleicht eine Maske für mich?«
Ich bin so verwirrt, dass ich zunächst nichts erwidern kann.
»Verzeihen Sie«, sagt er dann, »Ich wollte Sie nicht belästigen.« Damit dreht er sich um und will weitergehen.
»Nein, warten Sie«, rufe ich, »So ist das nicht gemeint. ich bin nur überrascht!« Ich lächle ihn an. »Ich habe solch einen Wunsch natürlich nicht erwartet, normalerweise ... «
»Ja, ich weiß, es käme wohl die uralte Frage eines ›Berbers: ›Haste mal ´nen Euro?‹ - nicht wahr?« Ich nicke beschämt.
»Hm- so ähnlich wohl. Ist ja auch ungewöhnlich, meinen Sie nicht auch?«
Er schmunzelt. »Ich denke, das ist heute schon normal, oder?«
     Ich nicke, krame dann in meiner Umhängetasche, ich muss doch noch einige Einmal-Masken bei mir haben. Tatsächlich, da ist noch solch ein Fünfer-Päckchen, ich reiche sie dem Mann zusammen mit einem 20-Euro-Schein. Er ergreift diese kleine Gabe, meint dann, indem er mich mit einem langen Blick ansieht: »Ich habe nicht um Geld gebeten, aber danke trotzdem! Aber ich muss Ihnen noch sagen, wozu ich die Maske brauche! Ich kann einen Bäckerladen nicht ohne Maske betreten.
Das ist genauso bitter, als wenn ich kein Geld habe!«
Er zuckt mit den Schultern. Dann jedoch strahlt er mich an:
»Angelo wünscht Ihnen und Ihrer Familie frohe Adventstage!«
Er verneigt sich leicht vor mir - ein ungewohntes Bild, wie einem Märchenbuch entsprungen, es fehlt nur das Glitzern der Weihnachtsreklame. Dann fragte er leise, aber eindringlich: »Kann ICH etwas für SIE tun?«

Ich weiß keine Antwort darauf. Dann ein Wink mit seiner freien Hand - und ebenso plötzlich, wie er erschienen ist, taucht er in der Menge der Passanten auf dem Bahnhofsvorplatz unter.

Lange sinniere ich noch über diese Begegnung. Wer war bloß dieser Angelo?

©2020 by H.C.G.Lux


23. November 2020

Haas un Voss, Eine plattdeutsche Geschichte


 

Eentlich weer dat een tofällig Tosamenkomen. He harr de Voss all lang an de Waldrand sehn, in’t Schaden van de groode Kiefern was he woll swaar to sehn, man he harr twee scharp Ogen, de sükse Spöl wennt weern.

 »Mol kieken, wat he nu deiht«, docht sük de Haas, »glövt de, he kunn sük anslieken?« He trugg sien Overlipp n’bietje nah boven, daardör keek he nu ut, as wenn he lachen de. Kunn ja wehn, he lacht warachtig, keeneen kunn dat akkeraat seggn.

 De Voss, de dee nu so, as wenn he gornich interesseert wör, keem so slörig dichterbi, snüffelt hier in een Muusgatt un denn weer an ’n poor Grasspieren. Daarbi keek he alltied ut de Oogwinkel na de Haas. Daarbi versök he, sien Interess an sien Tegenover nich anmarken to laten. As de Voss nu so up twintig Stappen ankomen weer, sett sük de Haas up, stellt sien Lepeln hoch un see denn heel bedaart un sinnig: »weetst, ik an dien Stäh wör nich so dicht bi mi bikomen!«

 De Voss bleev verbiestert stahn un schüddelte sien Kopp. Dat rostroode Kopphaar sach so ut, as wenn dat son Strahlenkranz weer, so as de Madonnas dat üm de Kopp harrn. Dat Haar van sien sneeiwitte Bost gev daarbi een mooie Kontrast av to dat roode Fell van de Liev. 
De Voss harr so bernsteingeele Ogen, de keeken de Haas upmarksoom an, he versöökt daarbi, ruttokreegen, wat de Haas woll vörharr.

 »Wullt du mi Vöörschriften maken?« frog he denn, sien Stimmtje sull woll kommood klingen, man kunn abers marken, dat he gor nich so kommood weer.
»Ick hebb dat Geföhl, du glövst, dat du mi beindrücken kunnst, wat?«
De Voss mok de Versöök, hönsk uptolachen, man dat wull nich so ganz henhaun, am end keem daar blots son Gehoost daarbi rut.
 De Haas, de bit dorhen in de Höchte stunn, sett sük nu up sien achterste Been. Dat leet so, as wenn he gornich mehr an de Voss denken dee, de jümmer noch verdattert röverluurte. De Haas dee so, as wenn he alleen weer, plückt hier an een Kleeblattje, weer aber doch vöörsichtig un passt genau up, wat de Voss woll dee.

 »Un nu?« De Haas reep dat röver to ’n Voss. »Wat wullt du nu doon?«
De Jager in de roode Pelz keek de Haas nahdenkelg an. Sien Erfohrung wies em, dat een gauer Erfolg neet so licht wesen de. De Haas weer woll to wiet weg. »Ick«, see he denn, »ick kunn di freeten, to’n Bispeel.«
»Tz, tz,« mook de Haas: »Seker kunnst du dat, wiss. Man daar givt dat denn doch noch völ to bedenken.«

»Hahaha,« see dröög de Voss, dat weer woll een Versöök, höhnsk to klingen, »daar bün ik nu maal neeisgierig. Wullt du dien Kloogheit unner Bewies stell’n? Glieks fang ik an to lachen!«
»Hm«, mok de Haas bedaart, nickkoppte ’n poormal, dat sien lange Lepels hen un her klappten, »Lach du man!« He mok nun’poor Stappjes na de Sied.
»Weest«, see he denn, »daar givt dat twee Punkten, up de du achten muttst. Eenmol: Du mußt mi eerstmaal kriegen. Dat is di doch woll klar, nich?«

»Proot man wieder«, see de Voss, »wat kummt nu noch?« Sien roode Ohren spölten na alle Sieden, dat bewies egentlik, dat he recht kribbelik weer.
De Haas wies nu mit een Pootje up sük sülm un see denn:
»Dat tweede is: I bün denn achteran nich mehr daar, du büst daarna heel alleen!«
De Voss kneep sien Ogen to un keek de Haas denn verdattert an. »Alleen, achteran alleen? Wat protst du denn nu för n Schiet? Wullt du mi Ratsels upgeven?«
He schüddelkoppte, sien roode Haar floog van een Sied up de annere. »Up jeden Fall worr ik maal weer satt!«

 »Ja«, see de Haas na een lange Paus, keek denn de Voss bedrövt an. »Du weerst satt. Vöör een körte Tied weerst du satt! Un denn? Wat is Mörgen?«
»Och Keerlke, wat is Mörgen! De Frag laat di man patenteer’n.« De Voss lachte dröög up. »Wat sall ik denn na Mörgen frogen? Mörgen is wiet, is nich aktuell. Vandage is vandage!« De Voss weer inne Tüskentied ’n bietje dichterbi komen. De Ofstand to de Haas weer all gefarelk minn worrn. Doch de Haas weer nich bang, he wüsst, wo gau he reageern kunn. Sien Groovader harr em dat bebröcht, bit up de lesste Sekund in sien Satte liggentoblieven un eerst denn, wenn dat gor nich mehr ging, in drafft wegtolopen. Bi de Jaggten van de Tweebeeners in Winter harr dat alltied klappt. Man bi de Voss? He wüss dat nich so recht.

 »Mien leeve Fründ«, see de Haas nu frünnelk to de Voss, »bliev doch daar bi de Machandelbusk liggen, ja? Ik mag dat nich so geern, wenn ik as Familienbraden up dien Avendbrotdisch landen do!«
De Voss griente.Würrelk, he sett sük up sien Achterbeen un griente vöör sük hen. »Haas!« see he denn, »du imponeerst mi! Ik weet nicht worüm, man ik hebb Respekt vöör di.«
Nadenkelk leeggt he denn sien Kopp in’n Nacken un keek bovenhen in dat Blau von den Hemel. »Wo weern wi stahnbleven?« frog de Voss denn. »Bi de tokomen Tied? Wat wöör, wenn - hesst du frogt.«

»Ja«, see de Haas, »ik meen, du hesst nich wieder docht. Wenn du mi nu freeten hesst, denn büst du alleen. Du muttst dien heel Levenswies verannern, muttst alln’s ümkehrn, wat to di höör’n deiht. Du büst denn keen Jager mehr, nee, wat wullst du denn jagen? Mi gifft dat denn nich mehr.«
De Voss överleggt nu. He versöök, dorup een Antwoord to finnen. He kunn sük dat nich verkloren, disse 

Unnerscheed tüsken de beid Kreatür’n up de Eer. Jagen, dootmaken, jaggt worrn, dootmakt worrn. Kunn dat de Loop van de heele Welt wesen? Is dat nu de Sinn van dat Leven?
»Ik weer geern dien Fründ, leeve Haas«, see de Voss denn’n bietje later. He was tüskendör bi de Haas ranrückt un seet nu tegenover van em.
»Man dat kann nich wesen, dat Paradies gifft dat nich mehr, wo alltohop in Freeden tosamenleven kunnen.«

 De Haas harr dat tolaten, dat de Voss nahder keem, ohn dat he weglopen wull. »Ja«, see he denn, »ik verstah dat ja woll. Du muttst mi also freeten? Dood maken üm dat Leven willen. Umdat du leven wullt, mutt ik starven. Dat is een heel truurigs Resultat, meenst nich ok? Kansst du dormit so eenfach leven?«
De Voss harr daar nix mehr tegen to proten. He keek de Haas bedaart an, sien Ogen leeten so, as wenn he se bedrövt weer’n.

»Kann ja ok wesen, wenn du mi nich fangen deihst, muttst du versmachten!« De Haas schüttelt sien lange Lepels un kunn nu gor nix mehr segg’n.
»Oh Mann«, see denn de Voss na een lang Tied, »meenst du, ik do dat geern? Dat deiht mi doch ok leid üm di. Ik mag di doch, ik wull heel geern dien Fründ wesen. Kann dat denn gornich angahn?

 De Haas un de Voss seeten noch lang binanner un keeken in de lila Sünnünnergang. Een laate Amsel sung noch boven in een Boom ehr Avendmelodie.
»Ik mutt nu gahn«, see de Voss, »dat warrt Tied, ik wünsk di noch n’heel Bült Glück vöör dien Tokunft!«

 As he nu gung, dreihte he noch mennigmaal sien Kopp torügg und keek de Haas lang an. Mit een Pootje wunk he denn nochmaal so’n Tschüss na de Haas.
»Dat is jammerschad«, lüstert de Haas noch, sien groode Ogen keeken truurig achter de Voss her, »Ik kann di vöör de Tokunft keen Glück wünsken. Dien Glück is denn mien Dood!« 

 © by H.C.G.Lux

Hase und Fuchs, --- in Normal-Deutsch

 

      Eigentlich war es mehr ein zufälliges Zusammentreffen. Er hatte den Fuchs schon längst am Waldrand entdeckt, im Schatten der großen Kiefern war der zwar kaum auszumachen, aber er hatte scharfe Augen, die solche Schattenspiele gewohnt waren und kaum eine Täuschung zuließen.

»Mal sehen, was er jetzt macht«, dachte der Hase, »glaubt der vielleicht, er könne sich heranschleichen?« 
              Der Hase zog seine gespaltene Oberlippe etwas nach oben, es sah dadurch aus, als lächelte er. Nun, vielleicht lächelte er ja auch wirklich. Wer will das schon so genau sagen können?

      Der Fuchs tat völlig uninteressiert, schlenderte langsam näher und näher, schnüffelte hier an einem Mauseloch und dort an einem Stängel der Schafgarbe. Dabei beäugte er den Hasen aus seinen Augenwinkeln und versuchte dabei, sich sein Interesse an dem Gegenüber nicht anmerken zu lassen. Als er dem Hasen nun bis auf zwanzig Schritte nähergekommen war, setzte der sich auf, richtete seine Löffel dem Fuchs entgegen und sagte dann ganz gelassen, aber dennoch laut und deutlich:

      »Ich an deiner Stelle würde nicht näher herankommen!« Der Fuchs blieb verblüfft stehen, schüttelte verwirrt seinen rostroten Kopf, sein Kopfhaar zerzauste sich dabei so sehr, dass es schien, als trüge er einen Strahlenkranz zwischen seinen Ohren. Die Haare seiner schneeweißen Brust bildeten dabei einen wunderschönen Kontrast zum übrigen rotbraunen Fell. Bernsteinfarbene Augen musterten dann aufmerksam den Hasen, versuchten zu ergründen, warum der ihn angesprochen hatte und vor allem, was der vorhatte.

     »Möchtest du mir Vorschriften machen?« meinte er dann mit einer Stimme, die ruhig klingen sollte, der aber doch eine gewaltige Anspannung anzumerken war. 
»Glaubst du wirklich, du würdest es schaffen, mich zu beeindrucken?«
Der Fuchs versuchte höhnisch aufzulachen, es gelang ihm aber nur ein heiseres Gekrächze, das schließlich mit einem kurzen Reizhusten endete.

      Der Hase, der bis dahin hoch aufgerichtet dastand, die langen Löffel nach vorn gerichtet, setzte sich nun auf seine Hinterläufe. Es schien, als nähme er überhaupt keine Notiz mehr von seinem Gegenüber, der immer noch verwirrt herüberblickte. Zupfte genüsslich an einem Kleeblättchen, beobachtete aber trotzdem den Fuchs mit vorsichtigen Blicken.

      »Und nun?« Der Hase rief es zum Fuchs hinüber: »Was willst du nun tun?«
Der Jäger im roten Fell sah den Hasen aufmerksam und nachdenklich an, seine Erfahrung mahnte ihn, dass ein schneller Jagderfolg auf diese Entfernung wohl nicht zu erwarten war.
»Ich«, sagte er dann, - er stockte, »ich könnte dich fressen, zum Beispiel!«
»Tz, tz«, machte der Hase, »könntest du. Natürlich könntest du das.«
Er hob die rechte Vorderpfote. 
»Da gibt es nur zwei Schwierigkeiten!«
»Haha«, meinte der Fuchs und versuchte, höhnisch zu klingen, »da bin ich aber gespannt. Willst du klüger sein als ich, der ich der Schlaue genannt werde? Schwierigkeiten? Gleich lache ich!«

»Hm«, sagte der Hase gleichmütig, nickte darauf mehrfach mit dem Kopf, dass seine langen Löffel nur so klapperten. »Lach du nur. Ad eins: Du musst mich erst einmal haben! Das ist dir doch wohl klar, oder?«
»Red nur weiter«, sagte der Fuchs, »ich bin gespannt, was das andere Gegenargument sein soll!«
»Ganz einfach, lieber Fuchs!« Der Hase machte mit der Pfote eine kreisende Bewegung, erhob dann seine Stimme: »Ad zwei: Du wärst dann später ganz allein!« 
»Allein! Später! Was soll das?« Der Fuchs fragte es verwundert. »Sprichst du jetzt in Rätseln? Allein! Jedenfalls werde ich mal wieder satt!«

»Sicher«, sagte der Hase, »du wärst satt. Für kurze Zeit wär dein Verlangen gestillt. Und dann? Was wäre dann?«
»Was wäre dann? Diese Frage lass dir patentieren«, sagte der Fuchs, »warum soll ich nach Morgen fragen? Morgen ist gar nicht aktuell!«

      Der Fuchs war inzwischen näher gerückt, der Sicherheitsabstand zum Hasen war schon gefährlich zusammengeschrumpft. Trotzdem hielt sich die Ängstlichkeit des Hasen in Grenzen. Er wusste, wie schnell er reagieren konnte, er verließ sich auf seine Schnelligkeit. Sein Großvater hatte ihm eingebläut, bis fast zur letzten Sekunde in seiner Sasse liegenzubleiben und erst dann, wenn es gar nicht anders mehr ging, in rasendem Zickzacklauf das Weite zu suchen. 

      Bei den Treibjagden der Zweibeiner im letzten Herbst hatte er immer bewiesen, dass diese Haken-Schlag-Methode stets die effektivste war. Ob sie aber auch beim Fuchs wirkte? Verdrängte da der Optimismus nicht doch ein wenig die Realität? 
              
»Mein Freund«, sagte der Hase dann freundlich, »bleib bitte dort bei dem Holunderbusch liegen, ja? Ich hab nämlich noch keine Lust, als Familienbraten zu enden!«
Der Fuchs lächelte. Tatsächlich, er setzte sich auf seine Hinterläufe und lächelte. 

»Du imponierst mir«, sagte er, und seine weißen Barthaare zitterten nervös, »ich weiß nicht warum, aber ich habe Respekt vor dir.«

      Nachdenklich legte er den Kopf in den Nacken und schaute in das Cölinblau des unendlichen Himmels. »Wo waren wir stehengeblieben?« fragte er dann, »bei der Zukunft, nicht wahr? Was würde dann sein, fragtest du!«

»Richtig«, entgegnete der Hase, »denn du hast nicht weiter gedacht. Wenn du mich gefressen hast, dann bist du allein, du musst deinen Lebensstil verleugnen. Du bist dann kein Fuchs mehr, kein Jäger, denn was wolltest du jagen?«

      Der Fuchs überlegte. Er versuchte, eine Antwort zu finden, eine Erklärung für die Diskrepanz zwischen den Auffassungen der beiden Geschöpfe. Jäger, Gejagte, töten und getötet werden, konnte das der Lauf der Welt, der Sinn des Lebens sein?

»Ich wäre gern dein Freund, Hase«, sagte der Fuchs leise. Er war inzwischen auf zwei Körperlängen herangekommen und saß nun dem Hasen gegenüber. 
»Aber es kann nicht sein. Das Paradies gibt es nicht mehr, in dem alles friedlich beieinander leben konnte.«

      Der Hase hatte die Annäherung zugelassen, ohne eine Flucht zu versuchen. »Also musst du mich fressen? Töten um des Lebens willen? Ich sterbe dann also, damit du leben kannst. Das ist ein trauriges Endergebnis. Kannst du damit so ohne weiteres leben?«
Der Fuchs schwieg und schaute den Hasen nachdenklich an. »Oder«, fuhr der Hase fort, »wenn du mich nicht fängst, stirbst du vor Hunger!«
»Es tut mir doch auch leid um dich«, sagte der Fuchs, »es tut mir wirklich leid, ich mag dich, ich wäre gern dein Freund! Kann es denn gar nicht sein?«

      Der Hase zuckte zweifelnd mit seinen langen Ohren. Die Beiden saßen noch lange beieinander und blickten in den violetten Sonnenuntergang. Eine späte Amsel sang irgendwo ihr melodiöses Abendlied.
»Ich werde jetzt gehen«, meinte der Fuchs dann nach langem Schweigen, »man wartet auf mich. Ich wünsche dir für die Zukunft noch viel Glück!« 
Im Fortgehen drehte er den Kopf noch einmal zurück und sah dabei den Hasen lange an, während er eine Pfote wie grüßend hob.
»Es ist wirklich schade.« 

      Die großen Augen des Hasen blickten traurig dem Fuchs hinterher. 

»Ich bedaure es auch, wirklich, aber ich kann dir kein Glück wünschen! Denn wenn DU nächstes Mal Glück hast, habe ICH Pech!«

©by H.C.G.Lux



6. November 2020

Friede und andere Kleinigkeiten.

 


»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!«

So kann man es bei Friedrich Schiller (1759-1805) in seiner Tragödie Wilhelm Tell nachlesen.
Ist es denn nur der »böse Nachbar«? Manchmal kann man dieses Gerede vom fried- und liebevollen Miteinander wirklich nicht mehr hören. Wird da nicht etwas künstlich erzeugt, das seit Menschengedenken nur in Fragmenten bestand? Gewiss, in näherer Verwandtschaft gibt und gab es so etwas noch häufiger.

Zweifelsfrei ist jedoch auch, dass es nirgendwo mehr Streit und Hass gibt, als im Umkreis von Familien! Und je größer diese familiären Kreise sind, desto weitreichender sind auch die Streitfälle, die oftmals bis aufs Blut ausgetragen werden.
Es müssen nicht unbedingt Dynastien sein, die schon in früheren Zeiten Kriege zu oftmals geringen Anlässen führten; auch der Nachbar von »gegenüber« führt seine Kriege, nur eben auf geringerem Level. 
Jeder auf dieser Welt will - und könnte auch in Frieden leben, das ist unbestritten. Was also steht dem entgegen?


Dort, genau dort liegt der wunde Punkt, der uns wieder an den Anfang zurückführt: Jeder will Frieden - aber bitte nur nach seinem eigenen Konzept! Der »Andere« ist immer willkommen, sofern er sich den eigenen Regeln anpasst und sich auch danach verhält! Wenn es nun aber differierende Meinungen gibt, wird die Sache schon unangenehmer. Oftmals gibt es kein Halten mehr, die Fronten verhärten sich und es kommt teilweise zu Zerwürfnissen, die lebenslang anhalten.

Als unchristliches Beispiel schaue ich mir die kirchlichen Institutionen an. In der Frage der Zusammenführung der beiden großen Kirchen (katholisch/evangelisch) gab es schon seit über 100 Jahren Versuche, dies irgendwie zu bewerkstelligen. Es scheiterte hauptsächlich immer daran, dass es kein »Zusammenschluss« sein sollte, sondern ein »Anschluss« angeboten wurde! Im Islam sind ja die gleichen Paradigmen vorhanden - Sunniten vs. Schiiten.

(Wie kommen meine Gedanken da auf die »Wiedervereinigung Deutschlands«? Ist doch seltsam, dass ich da ins Grübeln gerate, nicht wahr?«)

Der böse, böse Nachbar! Er ist immer derjenige, der schuld ist an der ganzen Misere. Vielleicht sind WIR ja manchmal auch »der Böse«?

Ich versuche (!), möglichst über den Tellerrand zu schauen. Oft bleibt es beim Versuch, gebe ich zu. Aber es ist schon mal ein Anfang …

 ©by H.C.G.Lux

3. November 2020

Ich kann doch nichts dafür!

 

Wer sich über mich ärgert, sollte immer bedenken, welch schlimme Kindheit ich hatte:

Ich hatte kein Handy und kein Internet. Zur Schule und zurück musste ich zu Fuß. Ich wurde nicht tagtäglich mit dem Auto zur Schule gefahren und dort wieder abgeholt. Doch mit viel Glück habe ich das überlebt.

Zum Spielen stand mir kein zehnfach TÜV-geprüfter Spielplatz zur Verfügung, wo unter der Schaukel eine Gummidämmmatte war, damit ich mich auch ja nicht zu Tode stürzte, wenn ich zu blöd zum Schaukeln war.

Ich musste im Feld und auf der Straße spielen, zwischen Kühen, Stacheldrähten und Pferdeäpfeln, kletterte auf ungesicherte Bäume und ich lief durch Morast und den Bach. Und wenn ich dabei auf die Schnauze flog, dann heilte das von selbst, ohne dass man mich in Sagrotan oder sonst was badete und sofort zum Arzt schleppte oder sogar die Lehrer vor Gericht verklagte.



Stellt Euch vor: Meine Familie war so arm, wir konnten uns nicht mal eine Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit leisten. Und so moderne Namen wie Pascal, Kevin oder Falco kamen doch überhaupt nicht infrage. Die wurden nur für Auto- oder für Zigarettenmarken benutzt!

Es ist wirklich wahr: Meine Eltern mussten mich mit einem normalen Namen ansprechen. Doch, das ging tatsächlich, sie sahen mich ja auch häufig genug, weil es bei uns keine Ganztagsbetreuung in der Schule gab und ich nicht nur zum Abendessen und Schlafen zu Hause war.

Und dann, stellt Euch das mal vor, meine Ernährung übernahmen meine Eltern noch selbst. Ja! Damals gab es tatsächlich Mütter - ich versichere, dass es stimmt - die das historische Ritual des Kochens noch beherrschten - und auch durchführten!

Ich glaube, dass ich dies alles einigermaßen überstanden habe, grenzt schon an ein Wunder. Heute ist das alles glücklicherweise gar nicht mehr vorstellbar! Die Kinder haben es sehr viel besser, nicht wahr?

Deshalb bitte ich um Nachsicht - wer so aufgewachsen ist wie ich, der muss ja zwangsläufig einen  Dachschaden davongetragen haben, es kann gar nicht anders sein.

Also bitte ich Euch um Euer Wohlwollen für einen so Zurückgebliebenen …

Horst

 

18. Oktober 2020

Sebastian Haffner?

                     

                           Wer war das noch gleich? - Haffner, Haffner?




Sebastian Haffner, der Name ist wohl nur noch wenigen unter uns bekannt. Er war seit seiner Rückkehr aus der Emigration in England ein sehr bekannter Journalist, Publizist und Schriftsteller. Gestorben ist er 1999 im Alter von 92 Jahren. Ich lernte seine Veröffentlichungen schon sehr früh kennen und schätzen, sein 1973 erschienenes Buch »Von Bismarck zu Hitler« zog mich damals schon in seinen Bann. Bis heute hat dieses Buch nichts von seiner Bedeutung verloren. Wie keine zweite Darstellung über den Nationalsozialismus leisteten die «Anmerkungen zu Hitler» für mich einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis deutscher Vergangenheit – und damit auch unserer Gegenwart.

 Ich lernte diesen Mann unter seltsamen Bedingungen persönlich kennen, nachdem ich schon einige seiner Veröffentlichungen gelesen hatte, ihn auch schon mehrfach im TV sah, z.B. beim damals beliebten »Frühschoppen mit Werner Höfer« in der ARD.

 Eines Morgens stand ich auf dem Bahnsteig in Hamburg-Bergedorf, als ich in die Innenstadt von Hamburg fahren wollte. Beim Warten auf die nächste S-Bahn fiel er mir auf, sein ausdrucksvolles Gesicht war unverwechselbar. Von seinem Outfit konnte man nicht unbedingt ablesen, welch eine Koryphäe zufällig neben mir stand. Ein unscheinbarer »Staubmantel«, (wie man diese Form damals nannte) zu einem grauen Anzug, eine nachlässig gebundene Krawatte, zeigte mir an, dass Mode nicht unbedingt ein überaus wichtiges Accessoire für ihn zu sein schien.

 Als wir so einige Zeit nebeneinander auf den Zug aus Richtung Aumühle warteten, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn immer wieder anzuschauen. Ich weiß natürlich heute, nach 40 Jahren, dass dies ein völlig ungehöriges Benehmen war; damals jedoch war ich so beeindruckt von ihm, dass es mir anscheinend gleich war. Jedenfalls sah Herr Haffner mich plötzlich an.
»Gefällt Ihnen meine Nase nicht? Oder ist es der Bart, der Sie stört?«

Ich war in dem Augenblick völlig konsterniert und stotterte irgendetwas vor mich hin.

 Dann lachte er herzlich auf, wahrscheinlich, weil er mein verdattertes Gesicht sah. Ich entschuldigte mich für mein unmanierliches Verhalten, doch mit einer kleinen Handbewegung, so als wische er ein paar Krümel vom Tisch, meinte er dann »Papperlapapp, da bin ganz anderes gewöhnt«, ging er darüber hinweg. Wir schauten beide in die Richtung, aus der unser Zug kommen sollte. Eine Lautsprecherdurchsage informierte dann aber die Wartenden, dass der Fahrplan etwas durcheinander gekommen sei und wir noch zehn Minuten Geduld haben müssten.

 Herr Haffner wendete sich mir wieder zu:
»Was soll’s. Die Zeit läuft so und so weiter. Vielleicht muss es so sein? Ist es nicht möglich, dass das Schicksal es so fügt? Oder wissen Sie es genau, warum Sie mich so fragend anschauten?«

      Ich schüttelte den Kopf. Was hätte ich auch sagen können? Allmählich war meine Befangenheit aus meinen Gedanken gewichen. Urplötzlich befanden wir uns in einem interessanten Gespräch, wie ich es bisher selten geführt hatte. Wir teilten unsere Ansichten über unser Dasein und die unendlichen Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, die wir jedoch selten nutzen, weil sie nicht rechtzeitig erkannt werden. Es war für mich, den bisher stets auf dem realen Hintergrund des Lebens stehenden Menschen, eine interessante Erfahrung, meine eigenen Ansichten von einer ganz neuen Denkweise aus zu betrachten. All das spielte plötzlich eine völlig andere Rolle in meinem Gedankengang, als ich es zuvor sah.

 Es war eine Art der Prädestination, der ich bisher den Vorrang gab für alles, das meinen eigenen Lebenslauf bestimmte. Unverhofft, völlig ohne Vorwarnung, war bei mir eine Veränderung eingetreten, die ich so schnell nicht begreifen konnte. Ich entwickelte einen Sinn für das »Lesen zwischen den Zeilen«, das für mich etwas Neues war.

 Ich verstand nach unserem Dialog, warum einige Historiker nach Haffners Rückkehr nach Deutschland geradezu manisch versucht hatten, ihn von dem Sockel zu stoßen, auf den er sich ganz bestimmt nie gestellt hatte! Was machte seine »Geschichte eines Deutschen« beispielsweise so unbequem, dass man Angst vor den Aussagen hatte?

 Ich fragte ihn damals genau nach diesem Punkt, weil der mir besonders aufgefallen war. »Ja«, meinte er dazu, »Vielleicht war es der unbequeme Beweis, dass man alles, was geschah, schon früher hätte wissen müssen? Wissen Sie«, sagte er dann, »ich war kein Engländer in der Zeit, als ich dort lebte, ich sprach ein schauderhaftes Englisch, jeder erkannte gleich, dass ich Deutscher war.« Er lächelte verschmitzt.

 Bei unserem lebhaften Gespräch hatten wir beide vollkommen übersehen, dass wir inzwischen an der
S-Bahn-Station Krupunder angekommen waren!
Und Krupunder liegt etwa so weit vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, wie unser Einsteigbahnhof Bergedorf! Was war geschehen? Wir hatten während unseres äußerst lebhaften Gesprächs vergessen, am Ziel, dem Hauptbahnhof, auszusteigen!

 Das Gute daran: Nachdem wir ausgiebig über dieses Versäumnis gelacht hatten, blieb uns nochmals etwas Zeit, das Gespräch zu verlängern. Der Abschied danach war herzlich, fast freundschaftlich. Ich sah Herrn Haffner nie wieder, aber er wird mir immer in Erinnerung bleiben!

 ©2020 by H.C.G.Lux

3. Oktober 2020

Es ist still geworden

 (Rekonstruktion von 2017)

Als er in der Frühe wieder zu ihr kommt, hat der morgendliche Ablauf schon seinen Anfang genommen. Wie jeden Morgen singt Maria mit ihrer wunderschönen glockenhellen Stimme ihr Lied und die Menschen im Speisesaal hören ihr begeistert zu. 

 Alle Schwestern und Patienten kennen dieses eintönige, unharmonische Lied, es beginnt und endet immer mit dem gleichen Ton. Dieser Ton verklingt zwar schnell, ist jedoch unterschwellig immer hörbar, ohne dass ein Nachhall die Resonanz stört. Irgendwann wird der letzte Ton zum Schweigen gebracht, ist nun nach zahllosen Wiederholungen unhörbar geworden. Dann tritt für lange Zeit eine Stille ein. Es ist eine erbarmungslose Stille, sie eroberte den Raum sehr schnell wieder zurück. Maria verbeugt sich nach allen Seiten, wirft hier und da eine Kusshand in den Saal und setzt sich dann an ihren Frühstückstisch.

Dann schweigt sie. Es ist, als wäre der Stundenschlag der Glocke verhallt und ruhte sich nun aus für den nächsten Auftritt. Die wunderschönen blauen Augen der Frau leuchteten früher stets in leidenschaftlichem Glanz, jetzt sind sie stumpf geworden, blicken rastlos im Raum umher. Ihre ziellosen Blicke verursachen ein Chaos in seinen Gedanken. 
Sie schaut ihn an, aber sie sieht ihn nicht. Sie erzählt etwas und weiß doch nicht, was sie sagt. Sitzt dann vor ihrem Teller und kann allein nichts damit anfangen. »Mutti« nennt sie die Nachtschwester und erzählt ihr, dass ihr Bruder sie geschlagen hätte. Ihre Worte sind keine Sätze mehr, nur halb verständliches Kauderwelsch.
Jeder dieser emotionale Momente bringt seine Gedanken ins Ungleichgewicht, baut sich zeitweilig auf zur Aggression, um kurz darauf in eine tiefe Mitleidsphase zu versinken. Er will mit ihr zusammen sein, ja, aber er kann sie nicht mehr erreichen.
Sie lächelt ihn an, ein leeres Lächeln, das nichts weiter bedeutet. Er versucht daraufhin, ihr etwas Liebes zu sagen, sie versteht es nicht, nickt nur mehrmals heftig mit dem Kopf. Ihr Blick verrät ihm, dass sie nichts verstanden hat.
Trauer macht sich in seinem Gemüt breit, wie stets in solchen Situationen drückt sie sein eigenes Ego völlig an den Rand des Daseins. Maria ist nicht mehr seine Maria und doch ist sie seine Frau, die er so sehr geliebt hat und immer noch liebt. Er wünscht sich nichts mehr, als in ihre Welt eindringen zu können, sie zu verstehen, wie er sie in all den Jahren ihres Zusammenseins immer verstanden hat.
Doch sie ist ihm entglitten, ist nur mehr eine leere Hülle, ihre Seele hat sie schon längst verlassen. Er muss einfach akzeptieren, dass ihrer beider Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen, sondern getrennt voneinander in verschiedenen Existenzen leben.
Welch eine Wahrheit, welch eine unselige Gewissheit wird hier offenbar. Wie weit reicht Liebe? Kann sie den Tod überdauern? 
Ja, vielleicht. 
Kann sie aber einem Leben so viel Energie schenken, dass sie auch weiterhin, trotz einseitiger Zuwendung, bestehen bleibt? Fragen, die kaum jemand beantworten kann.
Maria ist seine Frau. Gewiss. Aber sie ist ein anderer Mensch. 
Er liebt sie auch weiterhin, aber er liebt einen Menschen, der einmal war und nun nicht mehr der Gleiche ist, nie mehr sein wird. 
Um diese Diskrepanz zu begreifen, wird er noch lange Zeit brauchen. Diese frühere Zeit ist auch nicht mehr rückholbar, damit muss er leben. Dieses Leben, sein eigenes Leben in der Zukunft aber wird bedeutend schwerer sein als das Leben seiner Frau, deren Gedanken im Nirgendwo ihre Heimat gefunden haben! 


©by H.C.G.Lux