11. November 2018

Sonntagmorgen in der Großstadt


In der Stadt am Sonntagmorgen,
Der Balkon umrahmt von gelbem Grün.
Mitten zwischen grauen Sorgen,
Geranien dort noch oben blühn.

Ein paar Reisetauben bringen
Traumwelten von ferne her;
Die ersten Glockenklänge schwingen
Hellweit übers Häusermeer.

Unten im Haus erwacht das Leben;
Ein Säugling schreit, ein Dackel bellt.
In der Sonntagszeitung steht soeben,
Das grausige Geschehen in der Welt.

Durch Flure schleichen Kaffeedüfte,
Nur noch die frischen Brötchen fehlen.
Diverse Töne klingen durch die Lüfte,
Für Klassik-, Rock- und Country-Seelen.

In der Stadt am Sonntagmorgen,
Bevor die Sonne strahlend lacht, -
Mancher Traum, jetzt noch verborgen,
Wartet auf die nächste Nacht.

©by wildgooseman

9. November 2018

Eine kristalline Nacht



Kannst Du Dich noch erinnern, was in Deinem Leben geschah, als Du fast 5 Jahre alt warst? Sicher nicht in allen Einzelheiten, sicher nicht in Details. Ich kann mich seltsamerweise gut daran erinnern, vielleicht weil diese Erinnerung in meinem jungen Geist eine bleibende Erinnerung hervorrief.


        Es war 1938. An der Hand meiner Großmutter ging ich am Morgen - (ich weiß nicht mehr wie es spät war, sicher sehr früh) - des 10. November durch die Straßen meiner Heimatstadt Stolp. Meine Oma holte mich von meiner Mutter ab, die tagsüber berufstätig war; Großmutter hatte sich bereit erklärt, mich in dieser Zeit unter ihre Fittiche zu nehmen. Es war ein feuchtkühler Tag, so ein richtiges Novemberwetter beherrschte die Straßen unserer Stadt. An diesem grauen Morgen waren nur wenige Menschen unterwegs, es war unwirklich ruhig auf den Straßen.
        Oma schaute sich auffallend oft um, die schmale Falte zwischen ihren Augenbrauen zeigte mir, dass ich sie in diesem Moment nicht mit meinen neugierigen Fragen belästigen durfte.
Am Marktplatz dann doch ein große Menge Menschen, vor dem jüdischen Kaufhaus. Alle Schaufenster waren zerschlagen, ein riesiger Berg von Scherben lag auf Straße und Gehsteig. Dazu überall Schilder aller Art mit Aufschriften wie »Deutsche, kauft nicht bei Juden!«
        Meine Neugier ließ ich nicht unterdrücken. Ich fragte Oma natürlich nach dem »Warum«, eine Antwort erhielt ich nicht. Bis auf ein kurzes »Komm schnell weiter« kam von ihr kein Kommentar. Dann in der nächsten Straße, es war die Hospitalstraße, erneut solch ein Bild. Zerschlagene Fensterscheiben, eine demolierte Haustür neben diversen Tuchballen und halbfertigen Mänteln und Kleidern aus einer Schneiderei Unmengen von Haushaltsgegenständen auf der Straße. Oma zog mich auf die andere Straßenseite um in aller Eile diesem Tohuwabohu zu entkommen.
        Irgendwann kamen wir dann atemlos bei Omas Haus an. Bevor ich nun noch die Fragen stellen konnte, die mir auf der Zunge lagen, nahm sie meinen Kopf in beide Hände und erklärte mir dann eindringlich, dass ich diese Bilder schnell vergessen sollte!
Ich habe sie aber nicht vergessen. Sie sind eingebrannt in meine Seele, auch wenn ich damals nicht wusste, was da vorging!

        Am nächsten Tag stand in der »Ostpommerschen Zeitung« ein Artikel, dass »der Volkszorn des Deutschen Volkes sich Bahn gebrochen hätte«! (Natürlich konnte ich das noch nicht selbst lesen, aber die Ohren eines kleinen Jungen waren ausreichend groß, um die Kommentare der Erwachsenen zu verstehen!)
Die Synagoge in Stolp sollte ebenfalls ein Raub der Flammen werden. Irgendwie hatte es jedoch nicht ganz geklappt, Das Gebäude wurde später gesprengt. Das jüdische Leben fand noch für kurze Zeit im Gemeindesaal der jüdischen Gemeinde im hinteren Anbau der Synagoge statt.
Synagoge in Stolp/Pommern

        Natürlich weiß ich heute, dass der Antisemitismus in Deutschland nur einen Aufhänger gebraucht hatte, um solch ein Pogrom zu starten. Die Tötung des damaligen Legationssekretärs vom Rath in Paris durch den 17jährigen Herschel Grynszpan, kam dem Nazi-Regime genau entgegen.
Ob das Opfer überhaupt hätte sterben müssen, erscheint heute sehr zweifelhaft. Denn Adolf Hitler ließ nach der Tat zwei Ärzte nach Paris fliegen, die die Behandlung übernahmen und nicht nur die französischen Ärzte von der Behandlung ausschlossen, sondern auch die eigens aus Düsseldorf angereiste Familie vom Raths an jeder Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn hinderten. Die Tat und der Tod des Opfers passten sehr gut in die Strategie von Goebbels, der gerade nach einer Möglichkeit sann, gegen die Juden in Deutschland losschlagen zu können. Und zwar nicht „nur“, wie bisher, mit Gesetzen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Quelle:Focus,7.11.18
        
Was ich dabei dann einige Jahre später nicht verstanden habe ist die Tatsache, dass der sogenannte »Volkszorn« in allen Städten des damaligen »Reiches« gleichzeitig losschlug! Jeder normal denkende Mensch hätte doch diese unglaubwürdige Fälschung erkennen können! Es sei denn, man hätte alle Bedenken bewusst negiert!
Dies, liebe Freunde, ist leider eine Tatsache, die heute nicht mehr verschwiegen werden darf! So nämlich fängt der Antisemitismus bei den Menschen an - mit dem »Wegsehen« ist der erste Schritt getan.
        Das aber, und niemand wird mir das Gegenteil beweisen können, das beginnt in diesen Tagen wieder. Noch ist es eine Minderheit.
Schaut nicht weg! Mischt Euch ein, wenn Minderheiten angegriffen werden, helft allen, die verfolgt werden.
Wir brauchen keine neuen Pogromnächte, niemals mehr ...



©2018 by wildgooseman

7. November 2018

Goodbye means forever?

Dieses Goodbye dauert sicher keine Ewigkeit, die Endlosigkeit eines solchen Abschieds ist nicht messbar. Die niederdrückenden Glockentöne sind längst verklungen, kein Vogel singt ein Liedchen. Die Vögel wissen nichts von Abschiedsmelodien, sie leben nur. Ganz einfach. Sie feiern Tag für Tag die Reinkarnation ihres Lebens ohne zu wissen, warum.
Hier und da am Rande des Weges noch wenige Blumen auf den letzten Ruhestätten. Ein wenig verwaschene Farbe dringt durch sie in das trostlose Regengrau des morgendlichen Novembertages. Die Birken am Wegesrand erweisen mit den letzten gelben Blättchen dem kommenden Winter Reverenz. Mag ja sein, er lässt sich erweichen, später zu kommen als geplant?
Unter trostlosen Regenschirmen eilt eine Anzahl schwarz gekleideter Gestalten den Weg entlang. Es scheint, dass man diesen Ort so schnell als möglich verlassen möchte. Hier und da blitzt noch ein verschämtes Taschentuch auf, halblaute Gespräche, von der nebligen Luft fast verschluckt, ein dezentes Hüsteln. Der letzte Mann schließt die gusseiserne Pforte dieses stillen Ortes hinter sich. Zurück bleibt das Erdenkind, das man zur letzten Ruhe trug. Die Vergänglichkeit nimmt Gestalt an, Asche wird zu Erde, wenn auch unsichtbar.
Alles nimmt seinen Gang wieder auf. Das Leben geht weiter. Welch ein allgemeines, radikales Wort. Das Leben geht weiter! Natürlich geht es weiter, die Zeit bleibt ja nicht stehen. Aber für die engsten Betroffenen scheint die Sonne still zu stehen. Bei ihnen ist eine Lücke entstanden, ein Zwischenraum, der einstmals gefüllt war mit Liebe und Vertrauen, mit Aufmerksamkeit und Freuden. Natürlich auch mit Verdruss und Ärger, die auch zum Leben gehören! Nun ist diese Kette durchbrochen, ein Glied daraus ist entfernt. Dieser Mangel wird sich noch lange bemerkbar machen.Friedhf_024
Wir stellen Fragen dazu, ständig stellen wir Fragen. Nach dem Sinn. Warum stellen wir diese Fragen? Es ist doch alles klar, niemand müsste fragen, die Antworten liegen seit der Geburt auf dem Tisch. Und dennoch, seit Äonen von Jahren werden immer die gleichen  Fragen gestellt und auch immer die gleichen Antworten gegeben. Wozu also? Um das Leid besser zu ertragen?
Im Laufe des Lebens haben wir alle gelernt, dass unsere Schritte mit zunehmendem Alter bedächtiger werden, leiser und leiser. Wir sind unschlüssig in den Gedanken an unser eigenes Dasein. Ist das Feuer der Jugend erloschen? Nein, beileibe nicht, doch es hat sich zu Glut verändert. Träumten wir früher von der Zukunft, so ist es heute die ferne Vergangenheit, die uns so manches Mal übermannt.
Durch diese Reminiszenz entsteht die Unsicherheit in unserer Gegenwart. Wir können sie nicht einfach weglegen wie ein Buch, in dem wir gelesen haben. Stets fügen sich immer wieder Gedanken und Worte in unser Gedächtnis ein, die wir längst verschwunden geglaubt hatten.
Es ist genau wie mit alten Liedern, die auftauchen und unser Gedächtnis ständig mit ihrer  Klangfolge wieder und wieder erobern und manchmal stundenlang belagern.
Wir sangen doch früher immer gern. Wir singen auch heute noch. Aber unser Gesang, mit dem wir das Leben umrahmen, wird immer leiser, weicher, melodiöser. Aus dem Lied, das einst unsere Freude am Dasein transportierte, treibt nun die Melancholie neue Triebe, die das Herz berühren. Diese Melodie des Lebens, immer wieder neu interpretiert, versucht aus dem Schatten der Vergangenheit Knospen hervorzubringen, Sprösslinge, die niemals zu Blüten werden, weil ihnen die Zeit fehlt.
Wie sinnlos erscheint doch der Lebensbaum an der Pforte zum Friedhof. Wozu steht er dort? Mit Liebe wurde er einst gepflanzt, zum Zeichen der Erinnerung an Menschen, die auf ihrem letzten Weg vorbeikamen. Sinnlosigkeit hat also ihren Sinn? Hier, in dieser "Allee des Vorübergehen" auf jeden Fall. Sie gehört dazu, zum Leben, zum Abschied nehmen.
Hinter den stillen Kulissen des vergangenen Lebens aber beginnt die nächste Strophe des Liedes, das täglich neu gesungen wird. Der Himmel wird nicht immer so grau bleiben, wie er heute den Menschen erscheint, die am Ort der Ruhe nun entfliehen. Am strahlend blauen Himmel werden dann wieder weiße Federwolken übermütig durch die Lüfte jagen. Bunte Falter gaukeln über geschmückten Gräbern von Blume zu Blume, freuen sich des Daseins, weil sie ihre Endlichkeit nicht ahnen können.
Goodbye heißt auf Wiedersehen, und niemand der gegangen ist, wird vergessen. Wichtig aber ist, dass nun keiner bei dem Gedächtnis stehen bleibt! Wie hieß doch die Allerweltsformel? Das Leben geht weiter!
Es ist tatsächlich so. Und alle, die hinter dem dunklen Vorhang entschwunden sind, haben uns doch etwas voraus: Sie sind bereits dort, wohin wir alle noch gehen. Aber wir holen sie ein! Ganz gewiss.
Goodbye means forever? Wer weiß das schon. Es sind nun mal Momente der nicht einsehbaren Ewigkeit, die jeden bedrücken. Wir Menschen wollen immer wissen, was hinter dem Vorhang ist! Deshalb diese ganzen esoterischen Versuche, ihn ein wenig zu heben. Unnötig weil unsinnig. Wer das erfasst hat, ist schon ein gutes Stück weiter auf seinem Weg der inneren Freiheit!

Goodbye heißt Auf Wiedersehen, irgendwann und irgendwo ...

©2018 by Wildgooseman

1. November 2018

WILDGÄNSE (Tanka)




Wildgänse rufen
im bleigrauen Morgenlicht,
aber ihr Locken
bleibt doch wieder vergebens,
denn ich kann ja nicht fliegen.


©2018 by Wildgooseman

28. Oktober 2018

Ist das nicht wunderbar?

Ich schaue durchs Fenster in unseren Garten. Ist das alles nicht wunderbar? Das Gras, die Büsche, die Blumen, die Bäume, in allen vier Jahreszeiten sind sie nur für uns gemacht. Jedenfalls glauben wir es.
Schau einmal im Frühling, im Sommer hin, wie die Vögel beschäftigt sind, die Hummeln, die Ameisen. Sieh genau hin, wie die Sonne all das mit ihrer Wärme überschüttet. Alles bewegt sich, alles wächst, blüht, verändert sich. Alles lebt!
     Und doch: Leben auf unserer Erde, ist das einfach so natürlich? Kann das vielleicht nicht auch unnatürlich sein, dieses "Natur pur"?
Denken wir an die eisigen Polargebiete, an feuerspeiende Vulkane. An die glühenden Wüsten unter der Brise des heißen Windes.
Ist das Natur oder oder vielleicht unnatürlich, wie beispielsweise der zerstörerische Tsunami im Ozean? Haben wir dann die alles vernichtende Erdbeben im Blick, ist auch das Natur pur? 
Ja, all das ist halt das Leben auf unserem Planeten!
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Aber das Leben auf unserer Erde versucht, all diesen tödlichen Gefahren zu widerstehen. Das Leben kämpft ständig, es will mehr! Und es sucht nach allem, was es dafür braucht. Es sucht meist all das, was es nicht selbst hat. Das Leben raubt sich all das, was nötig ist, um eben zu "überleben"! 
       Dieses Leben ist eine ständige Revolution. Mit allen möglichen Mitteln und auf allen möglichen Wegen. Dafür tauscht das Leben alles, was zu seinem Zweck passt, und was sein eigenes Defizit ergänzen kann, um erfolgreich für seinen eigenen Schutz gegen die Natur zu kämpfen. Denn das ist enorm wichtig. Jeder bestätigt, verteidigt und fördert doch sein eigenes Selbst. Sieh doch mal hin, wie der Löwenzahn seine Blätter weit unten spreizt und das Gras abstößt. Und wie die Rosen ihre Dornen schärfen, wie die mutige Amsel im Frühjahr die gierige Elster von seinen Jungen wegjagt.
     Licht und Dunkelheit. Zwischen diesen Polen befinden sich die Dinge in Wechselwirkungen. Wenn wir uns dieses Schauspiel des Seins einmal ansehen, entdecken wir den Widerstand des Lebens gegen die allmächtig scheinende Natur! Das passiert einfach, tausendmal und zu jeder Zeit, einfach unschlagbar.      Niemand muss irgendeinen Knopf drücken oder nach Lourdes pilgern, um Wunder zu erleben. Diese "Wunder" geschehen einfach. Milliardenfach und in ganz unnachahmlicher Weise. So gewöhnlich, dass wir Menschenkinder es kaum noch mitkriegen. Wir denken ja auch kaum darüber nach. Nehmen wir doch mal die Zellteilung.
        Der gesamte menschliche Zellzyklus dauert etwa 19,5 Stunden. Das ist die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Zellteilungen. Ist das nun viel? Wie viel ist denn "viel"? 
Wie klein ist klein? 
Wie komplex ist komplex?
Ist der Bodensee klein oder groß?
Es kommt doch immer auf den Standpunkt an!

Ich schaue auf unseren Garten. 
Unser Garten. Unser? Ist es "unser" Garten? Geben wir ihm das Leben? Können wir alles wachsen und blühen lassen? Sind es unsere Bakterien, unsere Mikroben, unsere Bienen oder Wespen, unsere Hummeln oder Mücken? Unsere Schwalben?
Der Zaunkönig sieht keinen Zaun um unsere Gärten, für ihn ist alles frei, freie Natur! Wie der fliegende Fallschirm des Löwenzahns. Er fliegt, wohin er will, wer wollte ihm das vorschreiben?
Ach ja, noch eine letzte Frage: Ist es nun unsere Erde, unsere Sonne? Unser Sonnenlicht, unser Chlorophyll?

Ja!
Dieses Wunder gehört uns, uns allen! Und wir sollen es bewahren. Ist das nicht wunderbar?
©byWildgooseman

26. Oktober 2018

Wunder?

»Wunder gibt es immer wieder …« sang einst Katja Ebstein in einem ihrer Erfolgssongs. Tatsächlich, Wunder gibt es zu jeder Zeit und an jedem Ort, aber meist doch anders, als wir es eigentlich erwarten.Wir wundern uns über eine Welt, in der Attentate geschehen, in der so viele Anschläge verübt werden, Raketen abgefeuert und Kriege geführt werden. Fast täglich hören und lesen wir von Gräueltaten überall auf der Welt. Ist das nun eine Errungenschaft unserer modernen Zeit? Ich denke nicht. Solche Geschehnisse gab es auch schon früher, auch wenn dies oft bestritten wird. Tötungen, Misshandlungen,Vergewaltigungen, Entführungen, all das sind keine Erfindungen der Neuzeit.
Neu ist dabei nur, dass alles Unmenschliche in der Welt durch die modernen Medien heute schneller und weiter kolportiert wird. Wer wusste vor 150 Jahren, was jenseits der Grenzen geschah? Irgendwann einmal kam vielleicht durch Gerüchte eine Tatsache auf, die so unglaublich klang, dass niemand sie richtig glauben konnte. Kriege? Man hörte davon, wenn schon lange wieder Ruhe eingekehrt war. Betroffen war man nur, wenn etwas im eigenen Land geschah.human_156
Wenn wir nun all das auf unser eigenes Leben reduzieren: ist es nicht schade, wie viel Energie wir manchmal verschwenden, weil wir ein Missverständnis oder ein Problem nicht direkt aus dem Weg räumen oder nicht darüber sprechen wollen?
Wie schnell geschieht es doch, dass sich etwas aufstaut. Es beschäftigt einen sehr und irgendwann bricht der »Staudamm«. Ist es nicht schade, dass unsere kostbare Zeit mit so viel unnützen Dingen verschwendet wird? Können wir nicht versuchen, friedlich miteinander umzugehen? Können wir das Leben nicht wirklich genießen?
Vergib den anderen,
nicht weil sie Vergebung verdienen,
sondern weil DU Frieden verdienst.
Dieses Zitat las ich kürzlich in einem Beitrag, ich glaube, es steckt sehr viel Wahrheit dahinter.Damit aber komme ich zum anderen Teil des am Beginn   genannten Liedes: »Wunder gibt es immer wieder …
Ein kleines Mädchen hat sich verlaufen, steht am Straßenrand mit verweinten Augen. Die alte Dame kommt vom Einkauf, sieht das Kind, spricht mit ihm, nimmt es an die Hand und nach kurzer Zeit hat die Mama daheim ihre Kleine wieder.
Ein Schüler wird auf dem Schulhof von Mitschülern gemobbt. Leider kein Einzelfall. Ein älterer Schüler, einige Klassen höher, sieht das, geht dazwischen und schafft es, dass der Junge in Ruhe gelassen wird. Der bedankt sich bei dem Großen, dieser winkt ab und meint nur einfach: »Ruf mich ruhig, wenn du mich brauchst!«
Ein Bus im Linienverkehr fährt pünktlich ab. Die junge Frau, bepackt mit mehreren Taschen, schafft es nicht mehr, den Bus zu erreichen. Nachdem er bereits losgefahren ist, sieht sie der Fahrer noch im Rückspiegel, stoppt und lässt die Frau noch einsteigen. Als die sich dann bedankt, meint er nur beiläufig: »Jeder kommt mal zu spät, ist doch gut, wenn man wartet, oder?«
Siehst du, das meine ich, das  sind für mich auch Wunder. Die täglichen Wunder, die man leicht, oft zu leicht übersieht. Diese Kleinigkeiten machen unser Leben lebenswert. Ohne sie wäre alles nur noch trist, öde und kommerziell!
Möglicherweise hast du solche Wunder auch schon selbst erlebt? Trag du auch dazu bei, dass diese Wunder nicht aussterben, gib sie weiter an andere Menschen!
Dann kannst du auch später mit Freude im  Herzen sagen: »Wunder gibt es immer wieder!«
©by Wildgooseman

16. Oktober 2018

Sonnenlichtspiele



Die Sonne badet genüsslich im Wasser des kleinen Sees. Tausend irisierende Tröpfchen erscheinen wie farbige Bildchen in einem Kaleidoskop von bunten Spiegeln. Die feine Rahmung ergibt sich aus dem bewachsenen Uferrand, Simsen und Binsen strecken ihre grünen Stängel aus dem Wasser heraus, Insekten aller Arten bevölkern deren schmale Blättchen, die sich sanft im Winde bewegen.
       Der Versuch, das Bild der Sonnenscheibe mit der Hand ergreifen zu können ist eine wahnwitzige Vorstellung. Wer könnte den hellen Sonnenglanz auf dem Wasser ergreifen, denn indem er sie zu erfassen sucht, verschwindet sie in der Unendlichkeit der Tiefe, bricht sich in Kaskaden des Lichts, ohne ihre Gestalt wieder anzunehmen.

     Das Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt, der Blick beruhigt sich erst wieder, als die Sonne wiederum auf dem Wasser spiegelnd, das alte Bildnis wiederherstellt. Sonnenlicht auf dem klaren Wasser, unangreifbar und dennoch stets vorhanden. Welch eine Verbundenheit der Elemente in der Natur.
Ein Wasserläufer zieht seine Bahn auf der Oberfläche, ohne dabei das Bild der Sonne zu zerstören. Mit seinem minimalen Gewicht schafft dieses Geschöpf etwas, das niemand kopieren kann, weil es die Oberflächenspannung des Wassers für seine Fortbewegung ausnutzt.
     Das Bild der Sonne spiegelt sich noch so lange auf der Wasseroberfläche, wie die Sonne selbst ihre Reise fortsetzt.Wenn sie den Horizont erreicht, nimmt sie dabei ihr Spiegelbild mit sich, so wie sie auch das Licht in Dunkelheit verwandeln wird.
     Der Wind frischt ein wenig auf, das Spiegelbild verzerrt sich nun in vielen Kräuselungen zu einem wirren Durcheinander von Linien und Punkten, verteilt sich über den ganzen Wasserspiegel. Viele Spiegelbilder konkurrieren nun auf der Fläche des kleinen Sees, vereinigen sich zu einem großen Etwas um kurz darauf wieder als eine Einheit die Wasserfläche zu beleben.
     Der See ist lebendig in seiner Schönheit, er zeigt in der Verbindung mit dem Sonnenglanz die Vereinigung der Elemente in höchster Vollendung. Beides miteinander verbinden zu können bleibt ein nicht erfüllbarer Wunschtraum des Menschen. Warum auch? Gerade die Rätsel der Natur bringen uns doch dem Schöpfer nah. Man darf manches nur erahnen, denn wer alles weiß, hat nichts mehr, von dem er träumen kann.
     Sonne, Wasser, Schattenspiele, die Natur schenkt uns unentgeltlich, ohne etwas dafür zu verlangen, Schönheit und Vollkommenheit in reichem Ausmaß. Wir müssen uns nur in der Hektik unseres Lebens ein wenig Zeit nehmen, um dieses zu erkennen. Ein Blick in unsere Gärten oder öffentliche Parks offenbart uns doch all das, wovon der Mensch träumt. Haben wir nicht schon oft dem Gaukeln der Schmetterlinge an einem herrlichen Sommertag nachgeschaut, haben einen Hummelflug bewundert, wie diese reichlich schweren Insekten mit relativ kurzen Flügeln trotzdem lange Strecken zurücklegen können? 
Diese kleinen Wunder der Natur bringen uns doch dem näher, dem wir einst selbst entstanden sind.
Kennst du die sanften Wellenbewegungen eines Kornfeldes, das sich bei leichtem Wind wie eine Meeresdünung verhält und einen leichten Schleier über sich breitet, der durch Bestäubung hervorgerufen wird? Wenn du das einmal sahst, kommst du aus dem Staunen nicht mehr heraus.

     Die Sonne, das Wasser, die Luft - das sind die Lebensspender unserer Welt! Mag man darüber streiten, was zuerst da war: Das Ei oder die Henne - was ändert das am Leben? Mag der Eine auf die Religion schwören, während der Andere die Naturwissenschaften bemüht - was ändert es daran, dass unsere Welt schön ist, dass sie tausend Wunder aufweist, die wir schon nicht mehr wahrnehmen!
Vergessen wir letztlich eines nicht dabei: Diese unsere schöne, natürliche, einmalige Welt ist dabei, zugrunde zu gehen.
     Und daran ist nicht die Sonne schuld und nicht das Wasser und nicht die Luft, sondern ganz allein der Mensch! Im 1.Buch Mose heisst es: Machet Euch die Erde untertan. Das ist Verantwortung in höchster Potenz. Ob wir nun Atheisten sind oder einer Religion angehören, ob wir Schwarz sind oder Weiss!
Eines ist totsicher: Eine zweite Erde haben wir nicht in Reserve ...

©by Wildgooseman

25. September 2018

Wolken um uns


Was sind schon Wolken? Gebilde aus Stickstoff und Sauerstoff, würde jetzt ein Physiker antworten. Wasser oder Eistropfen, die sich verdichten, um schließlich als lebenswichtiges Element in Form von Nebel, Regen oder Schnee die Erde zu benetzen.
        Ein Poet sieht das natürlich aus anderem Blickwinkel. Wolken sind für ihn der Vorhang, der vieles verbirgt, das zunächst unsichtbar bleibt oder vielleicht auch bleiben soll. Hinter einem Wolkenvorhang erkennt man erst einmal nichts; später schiebt sich dann geruhsam das Bild in den Vordergrund, das eigentlich die Basis der Fantasie ist: Der blaue Himmel. Oft besungen und mit unzähligen Gedichten bejubelt, bleibt der Himmel das unerreichbare Ziel aller Menschen.

        Der Himmel, unser blauer Himmel ist gewiss etwas Beständiges, ja sogar Unerschütterliches. Wolken jedoch ziehen in ihrer Unbeständigkeit weiter und weiter, heute hier, morgen schon in unendlicher Ferne. Werden und Vergehen bilden diese Einheit, die das menschliche Dasein seit Jahrtausenden beherrscht und überhaupt erst möglich macht.
         So wie diese weißen bis dunkelgrauen Wolkenbilder ist auch das Leben der Menschen durch viele Zufälle und willkürlichen Umständen wandelbar. Nichts bleibt konstant, alles ist ständig Veränderungen unterworfen. Wie eintönig und stumpfsinnig wäre doch ein Himmel ohne Wolken, wie geisttötend ein Leben, das stets berechenbar bleibt.
        Ich liebe die Wolken, die bizarren Gebilde, die sich ständig und unaufhörlich verändern. Aber ich mag auch das Blau des unendlichen Himmels, das zu jeder Tageszeit eine andere Farbnuance zeigt.
        Irgendwann stand ich einmal mitten drin in dieser so schneeweißen Watte der Wolken. Auf dem Gipfel eines Berges sah ich hinab auf diese Gebilde, die ich von unten so bewunderte. Ich stand mitten in diesen Wolken und hätte nun glücklich sein müssen. Doch meine Enttäuschung war riesengroß! Nichts anderes sah ich dort als genau die diesige Nebelwand, die ich unten im Tal so verabscheute! Das Gipfelkreuz, das mir im Tal so als erstrebenswertes Ziel erschienen war, sah nun aus der Nähe ziemlich gewöhnlich und arg ramponiert aus. Keine Spur vom Streben in höhere Regionen. 
        Unser Leben scheint bisweilen solch ein Himmel mit eigenen Wolken zu sein! Ein eigener Himmel, aus der Ferne gesehen ist er wunderschön. Die Nähe erst zeigt die Wirklichkeit, den Alltag, das Leben im täglichen Kreislauf. Es ist dann wie ein Traum: Erwacht man daraus, ist man mitunter desillusioniert. Erst wenn diese menschlichen Ereigniswolken weitergeflogen sind, hält auch die Realität wieder Einzug in das eigene Leben.
        Leben und Wolken, Dasein und Himmel, es sind scheinbar völlig andersartige Elemente.
Und dennoch haben sie mehr gemeinsam, als man sich vorstellen kann. Beständigkeit verliert ohne ihren Gegenpol den Sinn, woran könnte man sie messen? Genauso ist es mit der Unbeständigkeit, sie gehört ohne Einschränkung in die Sphären der Wolkenschichten mit ihren turbulenten Auswirkungen.
        Es würde mir niemals einfallen, einen Menschen danach zu beurteilen, welch aufwühlendes Leben er bisher durchstehen musste, ob nun gewollt oder auch unfreiwillig. Turbulenzen in einer Biografie sind die Wolken am Horizont des Lebens. Wer wollte von sich selbst behaupten, sein Leben wäre stets in geraden Bahnen verlaufen? 
Ob nun ein heißer Samum in der Wüste oder ein kräftiger Nordweststurm an der Küste - die Ströme der Luftschichten über uns und ebenso die des Lebens sind selten eindeutig voraussehbar, wenn einmal wirklich eine Ahnung dessen sichtbar ist, dann wird das Resultat immer ein anderes sein, als wir es erwartet haben.

Wolken am Himmel, bizarre Bilder, die in sekundenschnelle wieder verschwinden. Wenn wir Menschen uns mit ihnen vergleichen würden, bliebe nichts übrig von allem, worüber wir uns ärgern oder was wir verachten. Aber auch von all unserer Liebe verblieb dann nur ein Wolkenfetzen.

Man darf die Wolken lieben, sollte jedoch mit den Beinen auf der Erde bleiben …

©by wildgooseman

5. August 2018

Braun ist keine Farbe.






Ist es nicht schön, dieses Blau des Meeres, das sich mit den Farbtönen des azurblauen Himmels paart? Ich liebe diese morgendliche Stimmung, wenn die Möwen die einzigen Gäste sind, die über dem weißen Sandstrand ihre Kreise ziehen. Die dunkelgrünen Föhren über den Dünen bilden einen harten Kontrast zu den filigranen Federwölkchen, die hoch droben dahingleiten. Es ist ein romantischer Anblick, an dem ich mich täglich neu erfreue.
              Jetzt, um sechs Uhr morgens, bin ich noch voll aufnahmefähig für all die schönen Dinge, die mir dieser Urlaubstag aufzeigen möchte. Später dann, wenn die Sonne auf ihrer Bahn fast senkrecht über dem Strand steht, lenkt ihre übermäßige Wärme mein Denken in ziemlich utopische Gefilde von angenehmer Kühle und erfrischenden Winden.
              Mit aufgekrempelten Hosenbeinen, die Sandalen in der Hand und einen zerfledderten Strohhut auf dem Kopf, wandere ich vom Molenkopf des Hafens immer weiter den Strand entlang; ohne bestimmtes Ziel versuche ich der blassblauen Küstenlinie entlang nach Osten zu folgen. Ich mag diese Ziellosigkeit, weil sie einen Kontrast zum Berufsalltag bildet, der eine völlige Gegensätzlichkeit beinhaltet.
All das habe abgehakt. Ich bin der Meinung, wer fünfundvierzig Jahre im Beruf tagtäglich in einem strengen Prozess eingebunden war, darf sich nach der Pensionierung wirklich frei fühlen.
              Die Hafenmole liegt schon weit hinter mir, der wunderschöne weiße Sandstrand ist inzwischen grobem Kiesstrand gewichen. Hier läuft es sich barfuß nicht mehr so gut. Aber wozu habe ich meine Sandalen, schließlich bin ich keine Seeschwalbe, die hier ständig auf- und ablaufen kann, ohne sich die Zehen zu stoßen. Ein Blick zurück - oha, bin doch schon länger unterwegs, als ich eigentlich vorhatte. Ich beschließe, meinen Rückweg nun oben am Rand der Dünen unter den hohen Föhren fortzusetzen.
              Gar nicht so einfach, die Dünen zu erklimmen! Da es ziemlich steil hinaufgeht, brauche ich für drei Schritte aufwärts immer einen, den ich wieder zurückgleite. Aber irgendwann ist dann die Oberkante der Düne erreicht. Welch ein herrlicher Ausblick bietet sich hier! Der breite Kiesstrand umsäumt die tiefblaue Ostsee, deren grenzenlos erscheinende Weite im Sonnenglast des Horizonts versinkt. Man ahnt dort wohl ein Ende, kann es aber mit eigenen Sinnen nicht erreichen.
              Fast eine Viertelstunde widme ich mich diesen Eindrücken, bevor ich mich wieder in Richtung Hafen aufmache. Ein schmaler, aber guter Pfad im Schatten der Föhren erleichtert mir den Weg zurück.
Ich summe ein Liedchen vor mich hin, eine alte Melodie, die ich als Kind schon oft hörte. Wie lange ist das her? Siebzig, fünfundsiebzig Jahre?
»… dazwischen trocknen im Sonnenglanz, die Netze der Fischer am Strande …«          Nun, von Fischernetzen ist hier nichts zu sehen, Fischfang ist wohl nicht mehr der Haupterwerbszweig, denke ich bei mir. Heute ist die Tourismus-Industrie wohl an dessen Stelle getreten. Der Sandstrand auf den zwei Kilometern nahe des Hafens ist in der Hauptsaison gewiss voll mit Menschen. Es gibt dann sicher keinen Quadratmeter des Strandes mehr, der ohne Gäste wäre. Ist wohl überall gleich, denke ich, ob auf Teneriffa, den Balearen oder eben hier an der pommerschen Ostseeküste.
              Ich wandere langsam auf dem schmalen Pfad weiter, mein Blick haftet dabei auf der Ostsee, deren Horizont fern im Blau des Himmels verschwimmt. Meine Gedanken sind dabei rückwärts gerichtet in die eigene Vergangenheit. Wie oft bin ich damals hier mit Eltern und Großeltern entlanggegangen! Ich mochte diesen Weg überhaupt nicht, er war mir zu ›langweilig‹! Viel lieber lief ich unten an der Wasserlinie entlang, dort fand ich immer interessante Dinge, die mich begeisterten. Muscheln, Seetang, Korken von Fischernetzen und oftmals auch kleine Stücke vom Bernstein, die das Meer angespült hatte.
              Leider hatten solche Ausflüge für einen wie mich, den achtjährigen Jungen, Seltenheitswert. Zumal der Weg bis zum Strand ohne Fahrgelegenheit immerhin vier Stunden gedauert hätte. Das aber wurde mir natürlich verboten! Dieses Verbot war natürlich voll in Ordnung. Aber - für einen Jungen mit einer enormen Abenteuerlust im Kopf, ebenso natürlich unverständlich.
              Ich fahre aus meinen Gedanken hoch! Dort vorn - was oder - wer war das? Im Nähergehen sehe ich einen alten Mann auf einem Hocker sitzen, vor sich eine Staffelei. Ich gehe leise näher und grüße:
»Dzień dobry, proszę pana!«Er dreht sich zu mir um, sieht mich mit einem langen Blick an. Sagt zunächst kein Wort, legt dann aber den Pinsel, den er in der Hand hält, an der Staffelei ab und meint schließlich:
»Sie können Deutsch mit mir reden. Es ist meine Muttersprache!«
»Woher wissen Sie, dass ich ...« Er unterbricht mich: »Dreiviertel aller Touristen sind hier Deutsche. Und Sie, Sie sehen so deutsch aus!« Er lächelt dabei, weist mit der Hand auf einen Baumstumpf neben sich, »habe leider keinen besseren Platz für Sie!«
              Ich setze mich neben ihn. Er scheint etwa in meinem Alter zu sein, sein zerfurchtes Gesicht aber lässt ihn älter erscheinen. Er trägt helle Bermudas und ein kariertes Hemd, dazu einen alten Hut mit breitem Rand.
So ähnlich hatte ich mir früher immer den großen Maler "Vincent van Gogh" vorgestellt.
»Na«, sagt er dann, »haben Sie mich nun eintaxiert? Ist Ihnen der Herr Heymann koscher genug?« Er lacht auf.
»Entschuldigen Sie, das Wort kennen Sie in Deutschland wohl nicht mehr, nicht?
          Mir ist zunächst etwas unbehaglich zumute, doch das vergeht dann schnell. »Sie irren sich«, sage ich, »ich habe nichts gegen jüdische oder jiddische Ausdrücke. Und ich kenne viele davon. Meine Großmutter hatte mir die in meiner Kinderzeit beigebracht. Obwohl die damals verboten waren und streng bestraft wurden!«
          Er mustert mich plötzlich aufmerksam von der Seite. Ich scheine in seinen wachen hellen Augen bestanden zu haben.
»W ürden Sie mir sagen, welcher Jahrgang Sie sind?« Er fragt es mit einem leisen Unterton.
Ich lache kurz auf. »Guilty or not guilty?« Ich schüttle meinen Kopf, »Nein, Herr Heymann, Sie irren sich. Ich war bei Kriegsende gerade Elf!«Er nickt. »Genau wie ich!« sagt er dann. Dann wird seine Stimme, die bisher nur halblaut gesprochen hatte, lauter: »Nein, nein, Sie missverstehen mich. So war es nicht gemeint. Wie käme ich dazu, Sie anklagen zu wollen. Wir waren Kinder. Ich wurde ›weggeführt‹ und Sie wurden ›verführt‹. So hatte jeder sein Schicksal!«
              Wir schweigen lange Zeit. Er nimmt seinen Pinsel und setzt wieder ein paar Striche und Farbtupfer auf seine Leinwand, die ein fast fertiges Seestück darstellt.
»Ein wunderschönes Bild«, sage ich ein wenig beklommen, »es zeigt die Natur in all ihrer Schönheit.« Er sieht mich an, sein Blick scheint in die Ferne zu wandern und gleichzeitig bei mir zu sein.
          »Ich kann die Natur nur so darstellen, wie ich sie sehe. Ich sehe sie so. Ich sah sie schon immer so. Fällt Ihnen etwas auf an diesem Bild?«Ich stutze. Was sollte das sein? Ich bin kein Kunstkenner. Dann dreht er die Staffelei ein wenig zu mir herum, ich kann nun sein Werk besser betrachten. Es dauert eine ganze Weile, bis ich dahinter komme, was er meint!
Alle natürlichen Farbtöne haben ihren Platz auf diesem Gemälde erhalten, es ist wirklich ein Genuss, dieses Bild anzuschauen. Dann jedoch sehe ich, was er mir zeigen will: Nicht der geringste Ton einer ›braunen‹ Farbe ist dort vorhanden. Es scheint, als wenn diese Farbe auf seiner Palette überhaupt nicht existiert!
          Verwirrt schaue ich ihn an. Er lächelt, auf eine geheimnisvolle Art, die mich voll in ihren Bann zieht. Er legt den Pinsel wieder weg, nimmt seinen Hut ab und wischt sich mit einem Tuch über das schüttere weiße Haar. »Sie haben es entdeckt, nicht wahr? Es sind nicht viele Menschen, die das sehen! Warum? Weil Braun keine Farbe ist!«
          »Wissen Sie«, sagt er dann, indem er den Kopf wieder bedeckt, »ich weiss nicht warum, aber ich mag Sie! Vielleicht, weil wir gleichen Alters sind?
Oder weil wir beide Erfahrungen hatten, die zwar diametral gegenüberliegen, die uns aber doch verbinden!«
Ich lächle und nicke zustimmend, hebe aber dann zweifelnd einen Finger: »Lieber Herr Heymann, da müssen Sie aber scharf aufpassen, dass Sie Rot und Grün nicht mischen!«
Heymann lacht, er lacht lauthals, und ich kann nicht anders, ich lache mit! Wir wischen uns die Lachtränen vom Gesicht. Welch ein wundervolles Erlebnis, ein Jude und ein Goj sitzen am Ostseestrand und lachen über einen Witz, der im Grund kein Witz ist, sondern eine kleine Episode des wirklichen Lebens.
          Dann erzählt er mir aus seinem Leben, einem Leben, das so völlig anders verlief als mein eigenes. Ich glaubte immer, meine Kindheitserlebnisse waren schwer, die Flucht und Vertreibung vom pommerschen Ostseestrand; nun musste ich mit Erschrecken feststellen, dass dies Murmeln waren im Vergleich zur Größe eines Medizinballes.
          Er erzählt mir vom Vernichtungslager Bełżec in der Nähe von Lublin, in das er aus seiner Heimatstadt Danzig verschleppt wurde.
Viel höre ich nicht von ihm, muss ich auch nicht, dieses Elend ist einfach nicht beschreibbar. Wir schweigen lange, dann erzähle ich ihm, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die diese millionenfachen Morde in den Konzentrationslagern des Hitler-Regimes einfach leugnen.
          Er nickt. Dann sagt er leise: »Glauben Sie, dass es hier in Polen anders ist? Hier wird nur von den Opfern gesprochen, die Polen waren! Von der Vernichtung der jüdischen Aschkenasim erfährt man höchstens nur am Rande. Es ist eine verkehrte Welt. Erst hatte ich vor, nach Israel auszuwandern. Aber was soll ich da noch? Das hätte früher geschehen müssen, aber ich habe gedacht, es würde hier alles besser werden.«
Er lachte verbittert auf. »Also bleibt alles, wie es war. Ich mische mich nicht in die Politik ein - und die lassen mich in Ruhe«.
          Als ich den Mund aufmache, um etwas zu erwidern, meint er: »Ja, ich weiß, wer nichts tut, ist auch schuldig! So sind wir schließlich alle eine Generation der schuldigen Schuldlosen! Lassen wir es dabei.«
              Wir verabschieden uns schließlich mit einer Umarmung. Er bittet um die Angabe meiner Anschrift, er will mir das Seebild zusenden, wenn es fertig ist. Ich gebe ihm meine Karte. Ich bekomme also dieses Bild von ihm, ein Bild, das keinerlei Brauntöne aufweist.
***

Es ist jetzt drei Jahre her. Das Bild ist leider nicht angekommen. Vielleicht, weil Braun überall wieder Mode wird?

©by wildgooseman

10. Mai 2018

Schwalben, die Mauersegler waren.



Manchmal geschieht es, dass wir durch einen Zufall auf etwas aufmerksam werden, das wir vorher nie richtig beachteten. Davon möchte ich kurz einmal etwas erzählen.
       Ich wohnte früher in einem kleinen Städtchen an der Elbe, genauer gesagt in Lauenburg. Eines Tages machte ich mich auf, um auf dem Speicher meines Hauses mal wieder so richtig ›Klar-Schiff‹ zu machen. Jeder weiss wie es ist, wenn man das Jahr über all das ablagert, was sich so ansammelt, irgendwann aber muss es ja auch mal entsorgt werden.
       Ich hatte am Tag zuvor schon ein Giebelfenster geöffnet - es später aber vergessen zu schließen. Da erschrak ich unwillkürlich durch einen Laut, der vom Fenster kam. In der Scheibengardine des Fensters zappelte etwas, von dem ich am Anfang nicht wusste, was es sein könnte. Es war eine Schwalbe, die sich dort wohl bei ihrer Insektenjagd verfangen hatte und nun nicht mehr loskam.
       Ich betrachtete das Tierchen nun etwas genauer. Nein, das war doch keine Schwalbe? Sie hatte zwar Ähnlichkeit mit diesen Vögelchen, doch bei genauerer Betrachtung konnte ich feststellen, das es exakt keine Schwalbe war! Nun wusste ich auch, dass es hier in der Umgebung gar keine Schwalben gab, weder Rauchschwalben noch Mehlschwalben, auch Uferschwalben wurden hier noch nicht gesichtet. In den Dörfern abseits des Elbstroms waren noch sehr viele Schwalben anzutreffen, eine wahre Augenfreude. Aber bei uns - nein, da gab es nur Mauersegler.
Junger Mauersegler



       Was heißt jetzt ›nur‹, es war einfach wunderschön, wenn diese pfeilschnellen Luftbewohner in elegantem Flug durch die Lüfte segelten. Und nun hatte ich ein Exemplar von ihnen leibhaftig vor mir. Ich löste die winzigen Krallen von der Gardine und nahm das kleine Wesen in die Hand. Die schwarzen Äuglein sahen mich an, als wenn sie um Hilfe bitten wollten. Ich weiß, es ist dumm - aber ich sprach beruhigend auf dieses kleine Tierchen ein, öffnete dann das Fenster weit und warf es in die Luft. Das Vögelchen entfaltete sofort seine Schwingen und stieg in den blauen Himmel empor.

***


Mauersegler, die zu keiner Schwalbenart gehören, sind seltsame Vögel, die ab Mitte Mai - nach einer Reise von rund 7000 km - bei uns für etwa 100 Tage leben und dann Mitte August schon wieder den Rückflug nach Afrika antreten. Bei uns in Lauenburg konnte man die Uhr danach stellen: Ab 15.Juli sammelten sich viele Hunderte von ihnen oben am Schlossberg!
 Ihr ganzes Leben verbringen die Mauersegler Tag und Nacht in der Luft. Essen, Schlafen, ja selbst die Paarung wird im Fliegen vollbracht.
Ihre Fluggeschwindigkeit kann bis zu 120 km/h betragen. Am Abend steigen sie 3000 -5000 m in die Lüfte zu einer Art Halbschlaf.
Natürlich können sie nicht in der Luft brüten, aber sie suchen ein Nest in alten Gebäuden (Mauerlücken, Dachüberstände). Sie kommen nie an den Boden, wenn sie sich vom Brutnest entfernen wollen, lassen sie sich einfach fallen und breiten dann ihre Schwingen aus. Die Jungen werden mit Bällchen gefüttert, die bis zu 500 Insekten enthalten. Zusammen mit ihrer eigenen Nahrung fangen sie 20.000 Insekten pro Tag. Die Jungen bleiben viel länger im Nest als andere Jungvögel, bis zu 40 Tage. Für sie ist es auch kein Problem, einige Tage ohne Nahrung zu bleiben. Sie üben mit ihren Flügeln im Nest, denn wenn sie etwa Mitte Juli ihr Nest verlassen, müssen sie ohne Unterbrechung fliegen können.
Ich wusste es damals noch nicht, als ich diesen Mauersegler bei uns in der Gardine fand: aber ich tat das einzig Richtige, indem ich ihn einfach hoch aus dem Fenster warf! So konnte er seine Jahre des ununterbrochenen Fliegens beginnen.
Mauersegler im eleganten Flug
Selbst einfache Dinge, die wir ohne großes Nachdenken tun, können in unserer Welt ein Wunder sein. Eines ihrer großen Wunder aber ist das Leben dieser kleinen Mauersegler!